Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 43: hṛdro gapratiṣedho Behandlung der Herzkrankheit (Hṛdroga)

Das Kapitel über hṛdroga, die Herzkrankheit, folgt im Uttaratantra unmittelbar auf die Gulma-Lehre und behandelt Herzbeschwerden als Folge verdorbenen rasa, des ersten Körpergewebes, das durch falsche Ernährung – etwa Unterdrückung natürlicher Bedürfnisse, unzuträgliche Speisenkombinationen oder Essen vor abgeschlossener Verdauung – die Doṣas zum Herzen treibt. Vier Formen werden unterschieden, entsprechend Vāta, Pitta und Kapha sowie eine vierte, durch Würmer (kṛmi) verursachte, deren Symptome an gestochene, brennende, schwere oder wurmbedingte Empfindungen im Herzbereich anknüpfen. Die Behandlung folgt dem klassischen Schema aus Ölung, gezieltem Erbrechen mit doṣa-spezifischen Absuden – etwa der Zehnwurzel-Mischung (daśamūla) bei Vāta oder Vacā und Nimba bei Kapha –, diätetischer Kost mit altem Śāli-Reis und Wildfleisch sowie Klistieren. Bei der Wurmform wird eigens ein abführendes Verfahren mit Viḍaṅga beschrieben, das die im Herzen sitzenden Würmer austreibt.

Die vier Formen der Herzkrankheit (hṛdroga) (Vers 6–9)
FormKennzeichen
vāta-hṛdrogadas Herz fühlt sich zusammengezogen, gestochen, gerieben, zerrissen, gesprengt oder gespalten an
pitta-hṛdrogaDurst, Brennen, heftiges Sengen, Ohnmacht, Schweiß, Trockenheit des Mundes
kapha-hṛdrogaSchweregefühl, Schleimabsonderung, Appetitlosigkeit, Steifheit, süßlicher Mundgeschmack
kṛmija-hṛdrogadurch Würmer verursacht: Übelkeit, Auswurf, stechender Schmerz, Kolik, Verdunkelung der Sinne, Graufärbung der Augen

athāto hṛdro gapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir die Behandlung der Herzkrankheit (*hṛdroga*) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

vegāghātoṣṇarūkṣānnairatimātropasevitaiḥ viruddhādhyaśanājīrṇairasātmyaiścāpi bhojanaiḥ

Durch das Unterdrücken natürlicher Bedürfnisse (*vegāghāta*), durch übermäßigen Genuss heißer und trockener Speisen, durch einander widersprechende Speisen, durch Essen vor abgeschlossener Verdauung des vorherigen Mahls (*adhyaśana*), durch Verdauungsstörungen mit unverdauter Nahrung (*ajīrṇa*) und durch Speisen, die dem Körper nicht zuträglich sind (*asātmya*),

dūṣayitvā rasaṃ doṣā viguṇā hṛdayaṃ gatāḥ kurvanti hṛdaye bādhāṃ hṛdro gaṃ taṃ pracakṣate

— dadurch werden die *doṣa* (Körpersäfte) aus dem Gleichgewicht gebracht, verderben den *rasa* (Speisesaft, das erste Körpergewebe) und gelangen zum Herzen, wo sie Beschwerden hervorrufen; dies nennt man eben *hṛdroga*.

caturvidhaḥ sa doṣaiḥ syāt kṛmibhiśca pṛthak pṛthak lakṣaṇaṃ tasya vakṣyāmi cikitsitamanantaram

Sie ist viererlei Art, entsprechend den einzelnen *doṣa*, und zusätzlich durch Würmer (*kṛmi*) verursacht; ich werde nun ihre Merkmale und im Anschluss die Behandlung beschreiben.

āyamyate mārutaje hṛdayaṃ tudyate tathā nirmathyate dīryate ca sphoṭyate pāṭyate'pi ca

Bei der durch *vāta* (den Wind-*doṣa*) verursachten Form fühlt sich das Herz an, als würde es zusammengezogen, gestochen, gerieben, zerrissen, gesprengt oder gespalten.

tṛṣṇoṣādāhacoṣāḥ syuḥ paittike hṛdayaklamaḥ dhūmāyanaṃ ca mūrcchā ca svedaḥ śoṣo mukhasya ca

Bei der durch *pitta* (den Feuer-*doṣa*) verursachten Form treten Durst, Brennen, heißes Sengen und Saugen auf, dazu Erschöpfung des Herzens, ein Gefühl von Rauch im Inneren, Ohnmacht, Schweiß und Trockenheit des Mundes.

gauravaṃ kaphasaṃsrāvo'ruciḥ stambho'gnimārdavam mādhuryamapi cā''syasya balāsāvatate hṛdi

Bei der durch *kapha* (den Schleim-*doṣa*) verursachten Form, wenn *balāsa* (zäher Schleimstoff) das Herz überzieht, kommt es zu Schweregefühl, Schleimabsonderung, Appetitlosigkeit, Steifheit, Erlöschen des Verdauungsfeuers (*agni*) und einem süßlichen Geschmack im Mund.

utkleśaḥ ṣṭhīvanaṃ todaḥ śūlo hṛllāsakastamaḥ aruciḥ śyāvanetratvaṃ śoṣaśca kṛmije bhavet

Bei der durch Würmer verursachten Form treten Übelkeit, Auswurf, stechender Schmerz, Kolik, ein Wallen im Herzbereich, Verdunkelung der Sinne, Appetitlosigkeit, Graufärbung der Augen und Auszehrung auf.

bhramaklamau sādaśoṣau jñeyāsteṣāmupadra vāḥ kṛmije kṛmijātīnāṃ ślaiṣmikāṇāṃ ca ye matāḥ

Als Begleitsymptome (*upadrava*) dieser Formen sind Schwindel, Erschöpfung, Mattigkeit und Auszehrung zu erkennen; bei der Wurm-Form gelten zudem jene Symptome, die für die schleimigen Wurmarten bekannt sind.

vātopasṛṣṭe hṛdaye vāmayet snigdhamāturam dvipañcamūlakvāthena sasnehalavaṇena tu

Ist das Herz von *vāta* befallen, so lasse man den geölten Kranken erbrechen, mit einem Absud (*kvātha*) aus der Zehnwurzel-Mischung (*daśamūla*), versetzt mit Öl und Salz.

pippalyelāvacāhiṅguyavabhasmāni saindhavam sauvarcalamatho śuṇṭhīmajamodāṃ ca cūrṇitam

— dazu gepulvertes Pippalī, Elā, Vacā, Hiṅgu, Gerstenasche, Steinsalz (*saindhava*), *sauvarcala*-Salz sowie Śuṇṭhī und Ajamodā,

phaladhānyāmlakaulatthadadhimadyāsavādibhiḥ pāyayeta viśuddhaṃ ca snehenānyatamena vā

— gebe man dies dem gereinigten Kranken zu trinken, zusammen mit Bilva-Frucht, Dhānyāmla (Getreidesäure), Kulattha-Suppe, Joghurt, Wein, *āsava* (fermentiertem Arzneitrank) und Ähnlichem, oder auch mit irgendeinem Öl (*sneha*).

bhojayejjīrṇaśālyannaṃ jāṅgalaiḥ saghṛtai rasaiḥ vātaghnasiddhaṃ tailaṃ ca dadyādbastiṃ pramāṇataḥ

Man speise ihn mit altem Śāli-Reis und Fleischsäften von Wildtieren, mit *ghṛta* (geklärter Butter) versetzt, und verabreiche ein mit *vāta*-lindernden Mitteln bereitetes Öl als Klistier (*basti*) in angemessener Menge.

śrīparṇīmadhukakṣaudra sitotpalajalairvamet pittopasṛṣṭe hṛdaye seveta madhuraiḥ śṛtam

Ist das Herz von *pitta* befallen, so lasse man mit einem Sud aus Śrīparṇī, Madhuka, Honig, Zucker und Utpala-Wasser erbrechen; man nehme mit süßen Mitteln gekochte Speisen ein.

ghṛtaṃ kaṣāyāṃścoddiṣṭān pittajvaravināśanān tṛptasya ca rasairmukhyairmadhuraiḥ saghṛtairbhiṣak

Der Arzt verabreiche *ghṛta* und jene Absude (*kaṣāya*), die als *pitta*-Fieber vernichtend bekannt sind, sowie, sobald der Kranke gesättigt ist, die besten süßen Säfte mit *ghṛta*.

sakṣaudraṃ vitaredbastau tailaṃ madhukasādhitam vacānimbakaṣāyābhyāṃ vāntaṃ hṛdi kaphātmake

Für das Klistier gebe man mit Honig versetztes, aus Madhuka bereitetes Öl; ist das Herz von *kapha* durchdrungen, so lasse man mit einem Absud aus Vacā und Nimba erbrechen.

cūrṇaṃ tu pāyayetoktaṃ vātaje bhojayecca tam phalādimatha mustādiṃ triphalāṃ vā pibennaraḥ

Man gebe das genannte Pulver (*cūrṇa*) zu trinken und speise ihn wie bei der *vāta*-Form; der Kranke trinke Phalādi, Mustādi oder Triphalā.

śyāmātrivṛtkalkayutaṃ ghṛtaṃ vā'pi virecanam balātailairvidadhyācca bastiṃ bastiviśāradaḥ

Oder man gebe *ghṛta*, versetzt mit einer Paste (*kalka*) aus Śyāmā und Trivṛt, als Abführmittel (*virecana*); der in der Klistierkunde erfahrene Arzt bereite ein Klistier mit Balā-Öl.

kṛmihṛdrogiṇaṃ snigdhaṃ bhojayet piśitaudanam dadhnā ca palalopetaṃ tryahaṃ paścādvirecayet

Den an der wurmbedingten Herzkrankheit Leidenden speise man, nachdem er geölt wurde, mit Fleisch-Reis, versetzt mit Joghurt und Sesampaste; danach, nach drei Tagen, führe man ihn ab.

sugandhibhiḥ salavaṇairyogaiḥ sājājiśarkaraiḥ viḍaṅgagāḍhaṃ dhānyāmlaṃ pāyayetāpyanantaram

Anschließend gebe man ihm wohlriechende, gesalzene Zubereitungen mit Kreuzkümmel und Zucker zu trinken sowie ein mit Viḍaṅga stark angereichertes Dhānyāmla.

hṛdayasthāḥ patantyevamadhastāt krimayo nṛṇām yavānnaṃ vitareccāsya saviḍaṅgamataḥ param

So fallen die im Herzen sitzenden Würmer der Menschen nach unten ab; danach reiche man ihm Gerstenspeise mit Viḍaṅga.

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