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Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 63: tantrabhūṣaṇādhyāyeṣu rasabhedavikalpādhyāyo Die Unterscheidungen der Geschmacksarten (Rasa)

Das dreiundsechzigste Kapitel gehört zu den sogenannten tantrabhūṣaṇa-Kapiteln, den „Schmuckstücken des Lehrwerks“, die das Uttaratantra beschließen, und ist ganz der kombinatorischen Systematik der sechs Geschmacksarten (rasa) – süß, sauer, salzig, scharf, bitter, adstringierend – gewidmet. Ausgehend von der zuvor dargelegten fünfzehnfachen Ausbreitung der doṣas werden sämtliche Zweier- bis Sechser-Verbindungen der rasas durchdekliniert: fünfzehn Zweier-, zwanzig Dreier-, fünfzehn Vierer-, sechs Fünfer- und eine Sechser-Verbindung, dazu die sechs Einzelgeschmäcker – zusammen dreiundsechzig Kombinationen, die exakt der Zahl der zuvor unterschiedenen doṣa-Zustände entsprechen. Das Kapitel bietet damit kein neues inhaltliches Thema, sondern eine vollständige, listenartige Durchzählung aller möglichen Geschmackskombinationen, die der Arzt bei der Zuordnung von Substanzen zu gestörten doṣas anwenden soll – ein Beispiel für die stark systematisierende, enzyklopädische Ausrichtung des späten Uttaratantra.

DIE DREIUNDSECHZIG GESCHMACKSKOMBINATIONEN (RASA-SAṂYOGA) (Vers 6–18)
KombinationsstufeAnzahl
Einzelgeschmack (süß, sauer, salzig, scharf, bitter, adstringierend)6
Zweier-Verbindungen (dvika-saṁyoga)15
Dreier-Verbindungen (trika)20
Vierer-Verbindungen (catuṣka)15
Fünfer-Verbindungen (pañcaka)6
Sechser-Verbindung (ṣaṭka)1
Summe63
Das Kapitel zählt alle 63 Kombinationen einzeln mit Namen auf (z. B. madhurāmlaḥ, süß-sauer); hier ist nur die zusammenfassende Systematik wiedergegeben.

athāto rasabhedavikalpamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Unterscheidungen der Geschmacksarten (*rasa*, „Geschmack, Saft“) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

doṣāṇāṃ pañcadaśadhā prasaro'bhihitastu yaḥ triṣaṣṭyā rasabhedānāṃ tatprayojanamucyate

Die fünfzehnfache Ausbreitung der *doṣas* (Körpersäfte) wurde bereits dargelegt; nun wird deren Zusammenhang mit den dreiundsechzig Unterscheidungen der Geschmacksarten sowie deren Anwendung erklärt.

avidagdhā vidagdhāśca bhidyante te triṣaṣṭidhā rasanedatriṣaṣṭiṃ tu vīkṣya vīkṣyāvacārayet

Unverdaut oder [durch Magensäure] verdorben – *avidagdha* und *vidagdha* – teilen sich diese *doṣas* in dreiundsechzig Arten; diese Dreiundsechzig soll man Stück für Stück betrachten und danach beurteilen.

ekaikenānugamanaṃ bhāgaśo yadudīritam doṣāṇāṃ tatra matimān triṣaṣṭiṃ tu prayojayet

Was dort im Einzelnen als Zuordnung der Geschmacksarten zu den *doṣas* dargelegt wurde, das soll der Kundige bei den dreiundsechzig Kombinationen anwenden.

yathākramapravṛttānāṃ dvikeṣu madhuro rasaḥ pañcānukramate yogānamlaścatura eva tu

Bei den der Reihe nach gebildeten Zweier-Verbindungen tritt der süße Geschmack (*madhura*) mit fünf weiteren Verbindungen auf, der saure (*amla*) hingegen mit vieren.

trīṃścānugacchati raso lavaṇaḥ kaṭuko dvayam tiktaḥ kaṣāyamanveti te dvikā daśa pañca ca

Der salzige Geschmack (*lavaṇa*) geht mit drei weiteren einher, der scharfe (*kaṭuka*) mit zweien, der bittere (*tikta*) verbindet sich nur mit dem adstringierenden (*kaṣāya*) – so ergeben sich fünfzehn Zweier-Verbindungen.

tadyathā--madhurāmlaḥ 1 madhuralavaṇaḥ 2 madhurakaṭukaḥ 3 madhuratiktaḥ 4 madhurakaṣāyaḥ 5 ete pañcānukrāntā madhureṇa amlalavaṇaḥ 1 amlakaṭukaḥ 2 amlatiktaḥ 3 amlakaṣāyaḥ 4 ete catvāro'nukrāntā amlena lavaṇakaṭukaḥ 1 lavaṇatiktaḥ 2 lavaṇakaṣāyaḥ 3 ete trayo'nukrāntā lavaṇena kaṭutiktaḥ 1 kaṭukaṣāyaḥ 2 dvāvetāvanukrāntau kaṭukena tiktakaṣāyaḥ 1 eka evānukrāntastiktena evamete pañcadaśa dvikasaṃyogā vyākhyātāḥ

Diese sind: *madhurāmlaḥ* (süß-sauer, 1), *madhuralavaṇaḥ* (süß-salzig, 2), *madhurakaṭukaḥ* (süß-scharf, 3), *madhuratiktaḥ* (süß-bitter, 4), *madhurakaṣāyaḥ* (süß-adstringierend, 5) – diese fünf folgen auf den süßen Geschmack; *amlalavaṇaḥ* (sauer-salzig, 1), *amlakaṭukaḥ* (sauer-scharf, 2), *amlatiktaḥ* (sauer-bitter, 3), *amlakaṣāyaḥ* (sauer-adstringierend, 4) – diese vier folgen auf den sauren Geschmack; *lavaṇakaṭukaḥ* (salzig-scharf, 1), *lavaṇatiktaḥ* (salzig-bitter, 2), *lavaṇakaṣāyaḥ* (salzig-adstringierend, 3) – diese drei folgen auf den salzigen Geschmack; *kaṭutiktaḥ* (scharf-bitter, 1), *kaṭukaṣāyaḥ* (scharf-adstringierend, 2) – diese zwei folgen auf den scharfen Geschmack; *tiktakaṣāyaḥ* (bitter-adstringierend, 1) – dieser eine folgt auf den bitteren Geschmack. So sind diese fünfzehn Zweier-Verbindungen (*dvika-saṃyoga*) erklärt.

trikān vakṣyāmaḥ ādau prayujyamānastu madhuro daśa gacchati ṣaḍamlo lavaṇastasmādardhamekaṃ tathā kaṭuḥ

Nun wollen wir die Dreier-Verbindungen (*trika*) darlegen: Der an erster Stelle stehende süße Geschmack bildet zehn Dreier-Verbindungen, der saure sechs, der salzige die Hälfte davon, also drei, und ebenso der scharfe eine.

tadyathā-madhurāmlalavaṇaḥ 1 madhurāmlakaṭukaḥ 2 madhurāmlatiktaḥ 3 madhu-rāmlakaṣāyaḥ 4 madhuralavaṇakaṭukaḥ 5 madhuralavaṇatiktaḥ 6 madhuralavaṇa-kaṣāyaḥ 7 madhurakaṭukatiktaḥ 8 madhurakaṭukaṣāyaḥ 9 madhuratiktakaṣāyaḥ 10 evameṣāṃ daśānāṃ trikasaṃyogānāmādau madhuraḥ prayujyate amlalavaṇakaṭukaḥ 1 amlalavaṇatiktaḥ 2 amlalavaṇakaṣāyaḥ 3 amlakaṭutiktaḥ 4 a-mlakaṭukaṣāyaḥ 5 amlatiktakaṣāyaḥ 6 evameṣāṃ ṣaṇṇāmādāvamlaḥ prayu-jyate lavaṇakaṭutiktaḥ 1 lavaṇakaṭukaṣāyaḥ 2 lavaṇatiktakaṣāyaḥ 3 evameṣāṃ trayāṇāmādau lavaṇaḥ prayujyate kaṭutiktakaṣāyaḥ 1 evamekasyādau kaṭukaḥ prayujyate evamete trikasaṃyogā viṃśatirvyākhyātāḥ

Diese sind: süß-sauer-salzig (1), süß-sauer-scharf (2), süß-sauer-bitter (3), süß-sauer-adstringierend (4), süß-salzig-scharf (5), süß-salzig-bitter (6), süß-salzig-adstringierend (7), süß-scharf-bitter (8), süß-scharf-adstringierend (9), süß-bitter-adstringierend (10) – bei diesen zehn steht der süße Geschmack an erster Stelle. Sauer-salzig-scharf (1), sauer-salzig-bitter (2), sauer-salzig-adstringierend (3), sauer-scharf-bitter (4), sauer-scharf-adstringierend (5), sauer-bitter-adstringierend (6) – bei diesen sechs steht der saure Geschmack an erster Stelle. Salzig-scharf-bitter (1), salzig-scharf-adstringierend (2), salzig-bitter-adstringierend (3) – bei diesen dreien steht der salzige Geschmack an erster Stelle. Scharf-bitter-adstringierend (1) – bei diesem einen steht der scharfe Geschmack an erster Stelle. So sind diese zwanzig Dreier-Verbindungen erklärt.

catuṣkān vakṣyāmaḥ catuṣkarasasaṃyogānmadhuro daśa gacchati caturo'mlo'nugacchecca lavaṇastvekameva tu

Nun wollen wir die Vierer-Verbindungen (*catuṣka*) darlegen: Von den Vierer-Geschmacksverbindungen bildet der süße Geschmack zehn, der saure folgt mit vieren, der salzige jedoch nur mit einer.

madhurāmlalavaṇakaṭukaḥ 1 madhurāmlalavaṇatiktaḥ 2 madhurāmlalavaṇakaṣāyaḥ 3 madhurāmlakaṭukatiktaḥ 4 madhurāmlakaṭukaṣāyaḥ 5 madhurāmlatiktakaṣā-yaḥ 6 madhuralavaṇakaṭukatiktaḥ 7 madhuralavaṇakaṭukaṣāyaḥ 8 madhuralava-ṇatiktakaṣāyaḥ 9 madhurakaṭutiktakaṣāyaḥ 10 evameṣāṃ daśānāmādau madhuraḥ prayujyate amlalavaṇakaṭutiktaḥ 1 amlalavaṇakaṭukaṣāyaḥ 2 amlalava-ṇatiktakaṣāyaḥ 3 amlakaṭutiktakaṣāyaḥ 4 evameṣāṃ caturṇāmādāvamlaḥ lavaṇakaṭutiktakaṣāyaḥ 1 evamekasyādau lavaṇaḥ evamete catuṣkarasasaṃyogāḥ pañcadaśa kīrtitāḥ

Diese sind: süß-sauer-salzig-scharf (1), süß-sauer-salzig-bitter (2), süß-sauer-salzig-adstringierend (3), süß-sauer-scharf-bitter (4), süß-sauer-scharf-adstringierend (5), süß-sauer-bitter-adstringierend (6), süß-salzig-scharf-bitter (7), süß-salzig-scharf-adstringierend (8), süß-salzig-bitter-adstringierend (9), süß-scharf-bitter-adstringierend (10) – bei diesen zehn steht der süße Geschmack an erster Stelle. Sauer-salzig-scharf-bitter (1), sauer-salzig-scharf-adstringierend (2), sauer-salzig-bitter-adstringierend (3), sauer-scharf-bitter-adstringierend (4) – bei diesen vieren steht der saure Geschmack an erster Stelle. Salzig-scharf-bitter-adstringierend (1) – bei diesem einen steht der salzige Geschmack an erster Stelle. So sind diese fünfzehn Vierer-Verbindungen verkündet.

pañcakān vakṣyāmaḥ pañcakān pañca madhura ekamamlastu gacchati

Nun wollen wir die Fünfer-Verbindungen (*pañcaka*) darlegen: Von den Fünfer-Verbindungen bildet der süße Geschmack fünf, der saure jedoch nur eine.

madhurāmlalavaṇakaṭutiktaḥ 1 madhurāmlalavaṇakaṭukaṣāyaḥ 2 madhurāmlala-vaṇatiktakaṣāyaḥ 3 madhurāmlakaṭutiktakaṣāyaḥ 4 madhuralavaṇakaṭutiktakaṣāyaḥ 5 evameṣāṃ pañcānāmādau madhuraḥ prayujyate amlalavaṇakaṭutiktakaṣāyaḥ 1 evamekasyādāvamlaḥ evamete ṣaṭ pañcakasaṃyogā vyākhyātāḥ

Diese sind: süß-sauer-salzig-scharf-bitter (1), süß-sauer-salzig-scharf-adstringierend (2), süß-sauer-salzig-bitter-adstringierend (3), süß-sauer-scharf-bitter-adstringierend (4), süß-salzig-scharf-bitter-adstringierend (5) – bei diesen fünfen steht der süße Geschmack an erster Stelle. Sauer-salzig-scharf-bitter-adstringierend (1) – bei diesem einen steht der saure Geschmack an erster Stelle. So sind diese sechs Fünfer-Verbindungen erklärt.

ṣaṭkamekaṃ vakṣyāmaḥ ekastu ṣaṭkasaṃyogaḥ--madhurāmlalavaṇakaṭutiktakaṣāyaḥ eṣa eka eva ṣaṭsaṃyogaḥ

Nun wollen wir die eine Sechser-Verbindung (*ṣaṭka*) darlegen: Es gibt nur eine einzige Sechser-Verbindung – süß-sauer-salzig-scharf-bitter-adstringierend; dies ist die einzige Verbindung aller sechs Geschmacksarten.

ekaikaśca ṣaḍrasā bhavanti--madhuraḥ 1 amlaḥ 2 lavaṇaḥ 3 kaṭukaḥ

Und einzeln für sich gibt es sechs Geschmacksarten: süß (1), sauer (2), salzig (3), scharf (4),

tiktaḥ 5 kaṣāyaḥ 6 iti

bitter (5) und adstringierend (6) – so sind es sechs.

bhavanti cātra-eṣā triṣaṣṭirvyākhyātā rasānāṃ rasacintakaiḥ doṣabhedatriṣaṣṭyāṃ tu prayoktavyā vicakṣaṇaiḥ

Und dazu heißt es: Diese Dreiundsechzig der Geschmacksarten wurden von den Kennern des *rasa* dargelegt; bei den dreiundsechzig Unterscheidungen der *doṣas* sollen sie von den Kundigen angewendet werden.

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