Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 37: grahotpattyadhyāyo Die Entstehung der Kindergreifgeister (Graha)

Das 37. Kapitel unterbricht das feste Rezeptschema der vorangehenden neun Graha-Kapitel und liefert stattdessen deren mythologische Begründung. Erzählt wird, wie die neun Kindergrahas – männlich wie weiblich, glanzvoll und göttlich gestaltet – von den Kṛttikās, Umā, Agni und Śiva zum Schutz des im Schilfdickicht (śaravaṇa) verborgenen Skanda aus deren eigener Kraft (tejas) geschaffen wurden; einzeln werden die Herkunft Naigameṣas (von Pārvatī, widderköpfig) und des Skandāpasmāra (von Agni, auch Viśākha genannt) benannt. Den Kern bildet eine Rahmenerzählung: Nachdem Skanda zum Feldherrn des Götterheeres ernannt worden war, baten die Grahas ihn um einen Lebensunterhalt; Śiva gewährte ihnen daraufhin das Recht, Kinder in solchen Häusern zu ergreifen, in denen Götter, Ahnen, Brahmanen und Gäste vernachlässigt werden. Das Kapitel schließt mit der Warnung, dass ein Skandagraha-Befall meist Verkrüppelung oder Tod bedeute und gestaltwandelnde Grahas grundsätzlich als unheilbar gelten.

athāto grahotpattimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel von der Entstehung der graha (Kinderdämonen) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari (der Gott der Heilkunde) verkündet hat.

nava skandādayaḥ proktā bālānāṃ ya ime grahāḥ śrīmanto divyavapuṣo nārīpuruṣavigrahāḥ

Neun sind die mit Skanda beginnenden graha (Dämonen) der Kinder genannt worden, glanzvoll, von göttlicher Gestalt, in weiblicher wie männlicher Form.

ete guhasya rakṣārthaṃ kṛttikomāgniśūlibhiḥ sṛṣṭāḥ śaravaṇasthasya rakṣitasyātmatejasā

Diese wurden zum Schutz des Guha (Skanda), der im Schilfdickicht (śaravaṇa) weilte und behütet wurde, von den Kṛttikās, Umā, Agni und Śiva (dem Speerträger) aus ihrer eigenen Kraft (tejas) geschaffen.

strīvigrahā grahā ye tu nānārūpā mayeritāḥ gaṅgomākṛttikānāṃ te bhāgā rājasatāmasāḥ

Die Grahas, die weibliche Gestalt haben und die von mir in mancherlei Formen genannt wurden, sind Anteile (bhāga) der Gaṅgā, der Umā und der Kṛttikās, geprägt von Leidenschaft (rajas) und Dumpfheit (tamas).

naigameṣastu pārvatyā sṛṣṭo meṣānano grahaḥ kumāradhārī devasya guhasyātmasamaḥ sakhā

Naigameṣa aber, der widderköpfige (meṣānana) Graha, wurde von Pārvatī geschaffen; er trägt die Gestalt eines Knaben (kumāra) und ist dem Gott Guha ein Freund, ihm selbst gleich.

skandāpasmārasaṃjño yaḥ so'gninā'gnisamadyutiḥ sa ca skandasakhā nāma viśākha iti cocyate

Er, der skandāpasmāra genannt wird, wurde von Agni geschaffen und ist von feuergleichem Glanz; er wird auch „Skandas Freund“, Viśākha, genannt.

skandaḥ sṛṣṭo bhagavatā devena tripurāriṇā bibharti cāparāṃ saṃjñāṃ kumāra iti sa grahaḥ

Skanda selbst wurde vom erhabenen Gott, dem Feind der drei Burgen (Tripurāri, d. h. Śiva), geschaffen; dieser Graha trägt auch den weiteren Namen Kumāra.

bālalīlādharo yo'ya devo rudrā gnisaṃbhavaḥ mithyācāreṣu bhagavān svayaṃ naiṣa pravartate

Dieser Gott, der sich am kindlichen Spiel erfreut, aus Rudra und Agni entstanden – der Erhabene selbst handelt nicht aus bösem Verhalten (mithyācāra).

kumāraḥ skandasāmānyādatra kecidapaṇḍitāḥ gṛhṇātītyalpavijñānā bruvate dehacintakāḥ

Manche Unwissende, die nur den Körper bedenken und über wenig Erkenntnis verfügen, behaupten hier fälschlich, Kumāra ergreife die Kinder, weil er Skanda gleiche.

tato bhagavati skande surasenāpatau kṛte upatasthurgrahāḥ sarve dīptaśaktidharaṃ guham

Danach, als der erhabene Skanda zum Feldherrn des Götterheeres (surasenāpati) gemacht worden war, traten alle Grahas mit gefalteten Händen vor Guha, den Träger der leuchtenden Lanze (śakti).

ūcuḥ prāñjalayaścainaṃ vṛttiṃ naḥ saṃvidhatsva vai teṣāmarthe tataḥ skandaḥ śivaṃ devamacodayat

Sie sprachen zu ihm: „Verschaffe uns doch einen Lebensunterhalt (vṛtti)!“ Daraufhin bat Skanda in ihrem Anliegen den Gott Śiva.

tato grahāṃstānuvāca bhagavān bhaganetrahṛt tiryagyoniṃ mānuṣaṃ ca daivaṃ ca tritayaṃ jagat

Darauf sprach der erhabene Bhaganetrahṛt (Beiname Śivas, „der Bhagas Auge zerstörte“) zu jenen Grahas: „Die Welt besteht aus drei Bereichen – dem Tierreich, dem Menschenreich und dem Götterreich –

parasparopakāreṇa vartate dhāryate'pi ca devā manuṣyān prīṇanti tairyagyonīṃstathaiva ca

und sie besteht und erhält sich durch gegenseitige Unterstützung. Die Götter erfreuen die Menschen und ebenso die Tiere,

vartamānairyathākālaṃ śītavarṣoṣṇamārutaiḥ ijyāñjalinamaskārajapahomavratādibhiḥ

indem sie zur rechten Zeit Kälte, Regen, Hitze und Wind hervorbringen; die Menschen wiederum erfreuen die Herrscher des dreifachen Himmels durch Opfer (ijyā), Handreichung (añjali), Verehrung (namaskāra), Rezitation (japa), Feueropfer (homa), Gelübde (vrata) und Ähnliches,

narāḥ samyak prayuktaiśca prīṇanti tridiveśvarān bhāgadheyaṃ vibhaktaṃ ca śeṣaṃ kiñcinna vidyate

wenn diese recht ausgeübt werden. Der Anteil (bhāgadheya) eines jeden ist so zugeteilt, dass nichts übrig bleibt.

tadyuṣmākaṃ śubhā vṛttirbāleṣveva bhaviṣyati kuleṣu yeṣu nejyante devāḥ pitara eva ca

Darum wird euer redlicher Lebensunterhalt (vṛtti) eben bei den Kindern liegen – und zwar in jenen Familien, in denen weder Götter noch Ahnen (pitṛ) verehrt werden,

brāhmaṇāḥ sādhavaścaiva guravo'tithayastathā nivṛttācāraśauceṣu paramākopajīviṣu

noch Brahmanen, Rechtschaffene, Lehrer (guru) und Gäste, in denen guter Wandel und Reinheit (śauca) aufgegeben wurden und die von äußerstem Jähzorn lebenden,

utsannabalibhikṣeṣu bhinnakāṃsyopabhojiṣu gṛheṣu teṣu ye bālāstān gṛhṇīdhvamaśaṅkitāḥ

und in denen Opfergaben (bali) und Almosen (bhikṣā) vernachlässigt sind und die aus zerbrochenem Bronzegeschirr essen – in solchen Häusern sollt ihr die Kinder ohne Bedenken ergreifen.

tatra vo vipulā vṛttiḥ pūjā caiva bhaviṣyati evaṃ grahāḥ samutpannā bālān gṛhṇanti cāpyataḥ

Dort wird euch reichlicher Lebensunterhalt und auch Verehrung (pūjā) zuteilwerden.“ So sind die Grahas entstanden, und deshalb ergreifen sie die Kinder.

grahopasṛṣṭā bālāstu duścikitsyatamā matāḥ vaikalyaṃ maraṇaṃ cāpi dhruvaṃ skandagrahe matam

Von einem Graha befallene Kinder gelten als überaus schwer zu behandeln; beim skandagraha gelten Verkrüppelung (vaikalya) und Tod als sicher.

skandagraho'tyugratamaḥ sarveṣveva yataḥ smṛtaḥ anyo vā sarvarūpastu na sādhyo graha ucyate

Denn der skandagraha gilt als der bei weitem furchtbarste unter allen; auch heißt es, dass jeder Graha, der jede Gestalt annehmen kann, als unheilbar gilt.

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