Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 25: śirorogavijñānīyo Diagnose der Kopfkrankheiten

Das fünfundzwanzigste Kapitel stellt die elf Kopfkrankheiten (śiroroga) vor. Neben den durch die drei doṣas einzeln oder gemeinsam (sannipāta), durch Blut, durch Erschöpfung (kṣaya) und durch Würmer (kṛmi) verursachten Grundformen des Kopfschmerzes werden vier komplexe, benannte Krankheitsbilder beschrieben: sūryāvarta (der „Sonnenwende-Kopfschmerz“, der mit dem Sonnenstand zu- und abnimmt), anantavāta (ein alle drei doṣas betreffendes Leiden mit Nacken-, Augen- und Schläfenschmerz), ardhāvabhedaka (der halbseitige Kopfschmerz) sowie śaṅkhaka, eine als lebensbedrohlich und „selbst von tausend Ärzten kaum abzuwendend“ beschriebene Schläfenerkrankung. Jede Form wird an charakteristischen Auslösern, am Tagesverlauf der Beschwerden sowie an der Reaktion auf Wärme oder Kälte erkannt. Das Kapitel liefert damit die differenzierte Symptomatik, auf der die im folgenden Kapitel entfaltete Behandlung aufbaut, und schließt zugleich, mit śaṅkhaka, die Reihe der Kopf- und Sinnesorgan-Krankheiten mit ihrer schwersten Form ab.

Die elf Kopfkrankheiten (śiroroga) (Vers 3–18)
NameUrsacheKennzeichen
vātavātaohne erkennbaren Anlass, nachts stark, bessert durch Einbinden und Wärme
pittapittaKopf, Augen, Nase brennen wie von glühenden Kohlen, bessert durch nächtliche Kälte
kaphakaphaschleimüberzogen, schwer, starr, kalt; Augenpartie und Gesicht geschwollen
sannipātaalle drei doṣaalle genannten Zeichen zugleich
blutbedingtBlutwie pitta-bedingt, zusätzlich Berührungsempfindlichkeit
kṣayaErschöpfung von Fett, Schleim und Verletzungssubstanzäußerst heftiger, quälender Schmerz
wurmbedingt (kṛmi)Würmer im Kopfverstärkt sich durch Schwitzen, Erbrechen, Rauch, Nasenmittel, Aderlass; zernagendes Gefühl, blutig-wässriger Nasenausfluss
Sūryāvartaalle drei doṣanimmt mit dem Sonnenstand zu und ab, betrifft Augen und Augenbrauen
Anantavātaalle drei doṣaNacken-, Augen-, Brauen- und Schläfenschmerz, Wangenzittern, Kieferklemme
Ardhāvabhedakazwei der drei doṣahalbseitiger Berstungs- und Stechschmerz, Schwindel
Śaṅkhakavāta, gefolgt von kapha, pitta und Blutheftigster Schläfenschmerz; lebensbedrohlich, kaum zu behandeln

athātaḥ śirorogavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Diagnostik der Kopfkrankheiten (*śiroroga*) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

śiro rujati martyānāṃ vātapittakaphaistribhiḥ sannipātena raktena kṣayeṇa krimibhistathā

Der Kopf der Menschen schmerzt durch die drei *doṣas* (Körpersäfte) — *vāta*, *pitta* und *kapha* —, durch deren gemeinsames Wirken (*sannipāta*), durch das Blut, durch Erschöpfung (*kṣaya*) sowie durch Würmer (*kṛmi*).

sūryāvartānantavātārdhāvabhedakaśaṅkhakaiḥ ekādaśaprakārasya lakṣaṇaṃ saṃpravakṣyate

— dazu kommen *sūryāvarta* ('Sonnenwende-Kopfschmerz'), *anantavāta*, *ardhāvabhedaka* (halbseitiger Kopfschmerz) und *śaṅkhaka* (Schläfenkopfschmerz); die Merkmale dieser insgesamt elf Kopfkrankheiten werden nun dargelegt.

yasyānimittaṃ śiraso rujaśca bhavanti tīvrā niśi cātimātram bandhopatāpaiśca bhavedviśeṣaḥ śirobhitāpaḥ sa samīraṇena

Wessen Kopf ohne erkennbaren Anlass heftig schmerzt, und zwar nachts besonders stark, und bei dem sich der Schmerz durch Einbinden und Erwärmen des Kopfes bessert — dessen Kopfschmerz stammt von *vāta*.

yasyoṣṇamaṅgāracitaṃ yathaiva dahyeta dhūpyeta śirokṣināsam śītena rātrau ca bhavedviśeṣaḥ śirobhitāpaḥ sa tu pittakopāt

Wessen Kopf, Augen und Nase brennen und rauchen, als lägen glühende Kohlen darauf, und bei dem sich der Zustand nachts durch Kälte bessert — dessen Kopfschmerz rührt von der Erregung des *pitta* her.

śirogalaṃ yasya kaphopadigdhaṃ guru pratiṣṭabdhamatho himaṃ ca śūnākṣikūṭaṃ vadanaṃ ca yasya śirobhitāpaḥ sa kaphaprakopāt

Wessen Kopf und Hals wie mit Schleim überzogen, schwer, starr und kalt erscheinen, und dessen Augenpartie und Gesicht geschwollen sind — dessen Kopfschmerz rührt von der Erregung des *kapha* her.

śirobhitāpe tritayapravṛtte sarvāṇi liṅgāni samudbhavanti raktātmakaḥ pittasamānaliṅgaḥ sparśāsahatvaṃ śiraso bhavecca

Sind alle drei *doṣas* gemeinsam am Kopfschmerz beteiligt, so treten alle genannten Zeichen zugleich auf. Beim blutbedingten Kopfschmerz zeigen sich Zeichen, die denen des *pitta*-bedingten gleichen, wobei zudem der Kopf jede Berührung nicht mehr erträgt.

vasābalāsakṣatasaṃbhavānāṃ śirogatānāmiha saṃkṣayeṇa kṣayapravṛttaḥ śiraso'bhitāpaḥ kaṣṭo bhavedugrarujo'timātram

Durch die Erschöpfung von Fett, Schleim und den durch Verletzung entstandenen Substanzen im Kopf entsteht der erschöpfungsbedingte Kopfschmerz; er ist quälend und von äußerst heftigem Schmerz gekennzeichnet.

saṃsvedanacchardanadhūmanasyairasṛgvimokṣaiśca vivṛddhimeti nistudyate yasya śiro'timātraṃ saṃbhakṣyamāṇaṃ sphuṭatīva cāntaḥ

Wessen Kopfschmerz sich durch Schwitzen, Erbrechen, Rauchinhalation, Nasenmittel und Aderlass noch verstärkt, wessen Kopf heftig stechend schmerzt, als würde er von innen zernagt, und als ob er zu bersten drohe —

ghrāṇācca gacchetsalilaṃ saraktaṃ śirobhitāpaḥ kṛmibhiḥ sa ghoraḥ sūryodayaṃ yā prati mandamandamakṣibhruvaṃ ruk samupaiti gāḍham

— und wessen Nase blutig-wässrige Flüssigkeit absondert: dies ist der schreckliche, wurmbedingte Kopfschmerz. Der Schmerz, der bis zum Sonnenaufgang allmählich zunehmend Augen und Augenbrauen ergreift und dort heftig wird,

vivardhate cāṃśumatā sahaiva sūryāpavṛttau vinivartate ca śītena śāntiṃ labhate kadāciduṣṇena jantuḥ sukhamāpnuyācca

— zusammen mit dem Sonnenstand zunimmt und mit dem Untergehen der Sonne wieder abklingt, sich manchmal durch Kälte beruhigt, manchmal der Kranke durch Wärme Erleichterung findet —

taṃ bhāskarāvartamudāharanti sarvātmakaṃ kaṣṭatamaṃ vikāram doṣāstu duṣṭāstraya eva manyāṃ saṃpīḍya ghāṭāsu rujāṃ sutīvrām

— diesen nennt man *sūryāvarta*, eine von allen drei *doṣas* verursachte, äußerst schwer erträgliche Erkrankung. Die drei verdorbenen *doṣas* erzeugen, indem sie Nacken und Nackenmuskulatur zusammenpressen, dort einen sehr heftigen Schmerz —

kurvanti sākṣibhruvi śaṅkhadeśe sthitiṃ karotyāśu viśeṣatastu gaṇḍasya pārśve tu karoti kampaṃ hanugrahaṃ locanajāṃśca rogān

— sie erzeugen ihn auch an Augen und Augenbrauen; besonders rasch setzt er sich in der Schläfenregion fest, verursacht an der Seite der Wange Zittern, Kieferklemme sowie Augenkrankheiten.

anantavātaṃ tamudāharanti doṣatrayotthaṃ śiraso vikāram yasyottamāṅgārdhamatīva jantoḥ saṃbhedatodabhramaśūlajuṣṭam

Diese von allen drei *doṣas* verursachte Kopferkrankung nennt man *anantavāta*, bei der die eine Hälfte des Kopfes des Kranken von heftigem Berstungsschmerz, Stechen, Schwindel und stechendem Schmerz betroffen ist.

pakṣāddaśāhādathavā'pyakasmāttasyārdhabhedaṃ tritayādvayavasyet śaṅkhāśrito vāyurudīrṇavegaḥ kṛtānuyātraḥ kaphapittaraktaiḥ

Etwa nach vierzehn Tagen, nach zehn Tagen oder auch plötzlich erkenne man, dass sich dieser halbseitige Kopfschmerz aus zweien der drei *doṣas* entwickelt: *vāta*, in den Schläfen sitzend, mit heftig gesteigerter Wirkkraft, gefolgt von *kapha*, *pitta* und Blut,

rujaḥ sutīvrāḥ pratanoti mūrdhni viśeṣataścāpi hi śaṅkhayostu sukaṣṭamenaṃ khalu śaṅkhakākhyaṃ maharṣayo vedavidaḥ purāṇāḥ

— breitet im Kopf sehr heftige Schmerzen aus, besonders in den beiden Schläfen. Diesen äußerst quälenden Zustand nennen die alten, vedenkundigen großen Weisen *śaṅkhaka*.

vyādhiṃ vadantyudgatamṛtyukalpaṃ bhiṣaksahasrairapi durnivāram

— eine Krankheit, die dem herannahenden Tod gleichkommt und selbst von tausend Ärzten kaum abzuwenden ist.

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