athāto'pasmārapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Abwehr der *apasmāra* (Fallsucht, Epilepsie) darlegen.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das einundsechzigste Kapitel wendet sich apasmāra, der Fallsucht, zu, deren Name auf den Verlust (apa) der Erinnerung (smṛti) während des Anfalls zurückgeführt wird. Nach einer Aufzählung disponierender Ursachen – Sinnesmissbrauch, Unterdrückung natürlicher Dränge, unreine Kost, seelische Erschütterung – und der typischen Krampfsymptomatik unterscheidet der Text vier Formen nach vāta, pitta, kapha und deren gemeinsamem Zusammenwirken (sannipāta), erkennbar unter anderem an charakteristischen Visionen schwarzer, gelber oder weißer Gestalten. Eine eingeschobene Debatte erörtert, ob die Krankheit durch doṣa oder durch dämonisches Eindringen (āgama) verursacht sei, und löst den Gegensatz durch das Bild latent im Körper reifender Samen auf. Therapeutisch verweist das Kapitel auf die Behandlung von unmāda und der Grahas und ergänzt eigene Ghee-Rezepturen wie das vielseitige Siddhārthaka- und das Pañcagavya-Ghṛta sowie die Herstellung eines medizinischen Bhārgī-Gerstentranks (surā) samt anschließendem Aderlass.
| Form | Kennzeichen | Vision |
|---|---|---|
| vātaja | Zittern, Zähneknirschen, Keuchen, Schaumerbrechen | ein entstelltes, schwarzes Wesen |
| pittaja | Durst, Hitze, Schweiß, Ohnmacht, Gliederzittern | ein entstelltes, gelbes Wesen |
| kaphaja | Kälte, Übelkeit, übermäßiger Schlaf, Sturz, Schleimerbrechen | ein entstelltes, weißes Wesen |
| sānnipātika | Zusammentreffen aller Krankheitszeichen der drei Doṣas | – |
athāto'pasmārapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Abwehr der *apasmāra* (Fallsucht, Epilepsie) darlegen.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:
smṛtirbhūtārthavijñānamapaśca parivarjane apasmāra iti proktastato'yaṃ vyādhirantakṛt
Erinnerung (*smṛti*) ist das Wissen um das tatsächlich Geschehene; 'apa' bedeutet Verlust. Weil bei dieser Krankheit das Erinnerungsvermögen verlorengeht, wird sie 'Apasmāra' genannt; diese Krankheit kann tödlich enden.
mithyātiyogendri yārthakarmaṇāmabhisevanāt viruddhamalināhāravihārakupitairmalaiḥ
Durch falschen oder übermäßigen Gebrauch der Sinnesorgane (*indriya*) und ihrer Objekte, durch unverträgliche, unreine Ernährung und Lebensweise erregte *doṣa* (Körpersäfte),
veganigrahaśīlānāmahitāśucibhojinām rajastamobhibhūtānāṃ gacchatāṃ ca rajasvalām
bei denen, die die natürlichen Dränge unterdrücken, die Unzuträgliches und Unreines essen, die von *rajas* (Leidenschaft) und *tamas* (Trägheit) überwältigt sind, sowie bei denen, die mit menstruierenden Frauen verkehren,
tathā kāmabhayodvegakrodhaśokādibhirbhṛśam cetasyabhihate puṃsāmapasmāro'bhijāyate
ebenso wenn durch Begierde, Furcht, Erregung, Zorn, Kummer und Ähnliches der Geist heftig erschüttert ist, entsteht bei den Menschen *apasmāra*.
hṛtkampaḥ śūnyatā svedo dhyānaṃ mūrcchā pramūḍhatā nidrā nāśaśca tasmiṃstu bhaviṣyati bhavantyatha
Herzklopfen, ein Gefühl der Leere, Schweißausbruch, Versunkenheit, Ohnmacht, Verwirrung sowie Schlaflosigkeit werden bei dieser Krankheit auftreten.
saṃjñāvaheṣu srotaḥsu doṣavyāpteṣu mānavaḥ rajastamaḥparīteṣu mūḍho bhrāntena cetasā
Wenn die bewusstseinsleitenden Kanäle (*srotas*) von den *doṣa* durchdrungen und von *rajas* und *tamas* erfüllt sind, wird der Mensch, verwirrten Geistes,
vikṣipan hastapādaṃ ca vijihmabhrūrvilocanaḥ dantān khādan vaman phenaṃ vivṛtākṣaḥ patet kṣitau
Hände und Füße umherschleudern, die Brauen verzerren, mit rollenden Augen die Zähne zusammenbeißen, Schaum erbrechen und mit weit geöffneten Augen zu Boden stürzen.
alpakālāntaram cāpi punaḥ saṃjñāṃ labheta saḥ so'pasmāra iti proktaḥ sa ca dṛṣṭaścaturvidhaḥ
Nach kurzer Zeit erlangt er das Bewusstsein wieder; dies wird als *apasmāra* bezeichnet, und man unterscheidet vier Arten davon.
vātapittakaphairnṝṇāṃ caturthaḥ sannipātataḥ vepamāno daśan dantān śvasan phenaṃ vamannapi
Verursacht durch *vāta* (Wind), *pitta* (Feuer- bzw. Gallenprinzip) und *kapha* (Schleimprinzip) bei den Menschen, die vierte Art durch das gleichzeitige Zusammenwirken aller drei (*sannipāta*). Zitternd, mit den Zähnen knirschend, keuchend und Schaum erbrechend,
yo brūyādvikṛtaṃ sattvaṃ kṛṣṇaṃ māmanudhāvati tato me cittanāśaḥ syāt so'pasmāro'nilātmakaḥ
wer ausruft: 'Ein entstelltes, schwarzes Wesen verfolgt mich, deshalb schwindet mir das Bewusstsein!' – das ist die von *vāta* hervorgerufene *apasmāra*.
tṛṭtāpasvedamūrcchārto dhunvannaṅgāni vihvalaḥ yo brūyādvikṛtaṃ sattvaṃ pītaṃ māmanudhāvati
Von Durst, Hitze, Schweiß und Ohnmacht gequält, die Glieder schüttelnd und verwirrt, wer ausruft: 'Ein entstelltes, gelbes Wesen verfolgt mich!' –
tato me cittanāśaḥ syāt sa pittabhava ucyate śītahṛllāsanidrā rtaḥ patan bhūmau vaman kapham
'deshalb schwindet mir das Bewusstsein!' – das wird als von *pitta* entstanden bezeichnet. Wer hingegen von Kälte, Übelkeit und übermäßigem Schlaf gequält zu Boden stürzt und Schleim erbricht,
yo brūyādvikṛtaṃ sattvaṃ śuklaṃ māmanudhāvati tato me cittanāśaḥ syāt so'pasmāraḥ kaphātmakaḥ
wer ausruft: 'Ein entstelltes, weißes Wesen verfolgt mich, deshalb schwindet mir das Bewusstsein!' – das ist die von *kapha* hervorgerufene *apasmāra*.
hṛdi todastṛḍutkledastriṣvapyeteṣu saṃkhyayā pralāpaḥ kūjanaṃ kleśaḥ pratyekaṃ tu bhavediha
Stechen im Herzen, Durst und übermäßige Feuchtigkeit treten bei allen drei Arten der Reihe nach auf; wirres Reden, Wimmern und Qual finden sich hier bei jeder einzelnen Art.
sarvaliṅgasamavāyaḥ sarvadoṣaprakopaje animittāgamādvyādhergamanādakṛte'pi ca
Das Zusammentreffen aller Krankheitszeichen kennzeichnet die durch Erregung aller drei *doṣa* entstandene vierte Art. Weil diese Krankheit ohne erkennbaren Anlass kommt und ebenso ohne erkennbaren Anlass wieder vergeht,
āgamāccāpyapasmāraṃ vadantyanye na doṣajam kramopayogāddoṣāṇāṃ kṣaṇikatvāttathaiva ca
behaupten manche andere, *apasmāra* entstehe durch dämonisches Eindringen (*āgama*) und nicht durch die *doṣa* – wegen des regelhaften Auftretens der Anfälle und wegen der nur augenblicklichen Wirkung der *doṣa*,
āgamādvaiśvarūpyācca sa tu nirvarṇyate budhaiḥ deve varṣatyapi yathā bhūmau bījāni kānicit
sowie wegen der Vielgestaltigkeit der Erscheinungsform – so wird diese Ansicht von den Gelehrten dargelegt. Doch wie manche Samen, wenn der Regengott regnet, in der Erde
śaradi pratirohanti tathā vyādhisamudbhavaḥ sthāyinaḥ kecidalpena kālenābhipravardhitāḥ
erst im Herbst aufkeimen, so entsteht auch diese Krankheit: manche Ursachen verharren im Körper und wachsen erst binnen kurzer Zeit stark heran,
darśyanti vikārāṃstu viśvarūpānnisargataḥ apasmāro mahāvyādhistasmāddoṣaja eva tu
und zeigen dann von Natur aus mannigfaltige Erscheinungsformen. *Apasmāra* ist somit eine schwere Krankheit, die eben doch aus den *doṣa* entsteht.
tasya kāryo vidhiḥ sarvo ya unmādeṣu vakṣyate purāṇasarpiṣaḥ pānamabhyaṅgaścaiva pūjitaḥ
Für sie gilt die gesamte Behandlung, die später bei den Geistesstörungen (*unmāda*) dargelegt werden wird. Die Einnahme von altem Ghee sowie Einreibungen damit gelten als bewährt,
upayogo grahoktānāṃ yogānāṃ tu viśeṣataḥ tataḥ sidhyanti te sarve yogairanyaiśca sādhayet śigrukaṭvaṅgakiṇvāhinimbatvagrasasādhitam
ebenso besonders die Anwendung der bei den Grahas genannten Heilrezepturen (*yoga*); dadurch werden alle diese Formen geheilt, und man behandle auch mit weiteren Rezepturen: Mit Śigru, Kaṭvaṅga, Hefe, der Rinde des Ahi-Nimba und deren Saft zubereitet,
caturguṇe gavāṃ mūtre tailamabhyañjane hitam godhānakulanāgānāṃ pṛṣatarkṣagavāmapi
in der vierfachen Menge Kuhurin, ist ein Öl heilsam zur Einreibung; ebenso mit der Galle von Waran, Mungo, Kobra, Fleckenhirsch, Bär und Rind,
pitteṣu siddhaṃ tailaṃ ca pānābhyaṅgeṣu pūjitam tīkṣṇairubhayatobhāgaiḥ śiraścāpi viśodhayet
mit deren Galle bereitetes Öl ist für Trank und Einreibung geschätzt. Mit scharfen Mitteln, die von beiden Seiten wirken (Brech- und Abführmittel), reinige man auch den Kopf,
pūjāṃ rudra sya kurvīta tadgaṇānāṃ ca nityaśaḥ vātikaṃ bastibhiścāpi paittikaṃ tu virecanaiḥ
und stets bringe man Rudra sowie dessen Scharen Verehrung dar. Die durch *vāta* bedingte Form behandle man mit Klistieren (*basti*), die durch *pitta* bedingte mit Abführmitteln (*virecana*),
kaphajaṃ vamanairdhīmānapasmāramupācaret kulatthayavakolāni śaṇabījaṃ palaṅkaṣām
die durch *kapha* entstandene behandle der kluge Arzt mit Brechmitteln (*vamana*). Kulattha-Bohnen, Gerste, Jujube, Hanfsamen, Palaṅkaṣā,
jaṭilāṃ pañcamūlyau dve pathyāṃ cotkvāthya yatnataḥ bastamūtrayutaṃ sarpiḥ pacettadvātike hitam
Jaṭilā, beide *pañcamūla*-Gruppen (je fünf Wurzeln), sowie Terminalie koche man sorgfältig ab; mit Ziegenurin versetzt bereite man daraus Ghee, das bei der *vāta*-Form heilsam ist.
kākolyādipratīvāpaṃ siddhaṃ ca prathame gaṇe payomadhusitāyuktaṃ ghṛtaṃ tat paittike hitam
Mit einem Zusatz aus der Kākolī-Gruppe zubereitet, mit Milch, Honig und Kandiszucker versetzt, ist dieses Ghee bei der *pitta*-Form heilsam.
kṛṣṇāvacāmustakādyairyuktamāragvadhādike pakvaṃ ca mūtravarge tu śleṣmāpasmāriṇe hitam
Mit Pippalī, Kalmus, Mustaka und Ähnlichem versetzt, in einem Absud der Āragvadha-Gruppe und in verschiedenen Urinsorten gekocht, ist es bei der durch *kapha* bedingten *apasmāra* heilsam.
suradrumavacākuṣṭhasiddhārthavyoṣahiṅgubhiḥ mañjiṣṭhārajanīyugmasamaṅgātriphalāmbudaiḥ
Mit Suradruma, Kalmus, Kuṣṭha, weißem Senf, den drei Scharfstoffen, Asafoetida, Färberröte, beiden Kurkumaarten, Samaṅgā, den drei Myrobalanen (*triphalā*) und Cyperus-Wurzel,
karañjabījaśairīṣagirikarṇīhutāśanaiḥ siddhaṃ siddhārthakaṃ nāma sarpirmūtracaturguṇam
mit Karañja-Samen, Śirīṣa, Girikarṇī und Hutāśana zubereitet – dieses in vierfacher Menge Urin gekochte Ghee trägt den Namen 'Siddhārthaka'.
kṛmikuṣṭhagaraśvāsabalāsaviṣamajvarān sarvabhūtagrahonmādānapasmārāṃśca nāśayet
Es vernichtet Würmer, Hautkrankheiten, Gifteinwirkung, Atemnot, Schleimüberschuss, unregelmäßiges Fieber, jede Bhūta- und *graha*-Besessenheit, Geistesstörungen (*unmāda*) sowie die *apasmāra*.
daśamūlendra vṛkṣatvaṅmūrvābhārgīphalatrikaiḥ śampākaśreyasīsaptaparṇāpāmārgaphalgubhiḥ
Mit den zehn Wurzeln (*daśamūla*), der Rinde des Indra-Baums, Mūrvā, Bhārgī, den drei Früchten, Śampāka, Śreyasī, Saptaparṇa, Apāmārga und Feige,
śṛtaiḥ kalkaiśca bhūnimbapūtīkavyoṣacitrakaiḥ trivṛtpāṭhāniśāyugmasārivādvayapauṣkaraiḥ
abgekocht, sowie mit einer Kräuterpaste (*kalka*) aus Bhūnimba, Pūtīka, den drei Scharfstoffen, Citraka, Trivṛt, Pāṭhā, beiden Kurkumaarten, beiden Sārivā-Arten und Pauṣkara,
kaṭukāyāsadantyugrānīlinīkrimiśatrubhiḥ sarpirebhiśca gokṣīradadhimūtraśakṛdra saiḥ
Kaṭukā, Āyasa, Dantī, Ugra, Nīlinī und Krimiśatru versetzt, dazu mit Kuhmilch, Rahm, Urin, Kot und deren Säften vermischt,
sādhitaṃ pañcagavyākhyaṃ sarvāpasmārabhūtanut cāturthakakṣayaśvāsānunmādāṃśca niyacchati
zubereitet, trägt dieses Ghee den Namen 'Pañcagavya' (aus den fünf Rinderprodukten); es beseitigt jede Form von *apasmāra* und Bhūta-Besessenheit und bezwingt Viertagesfieber, Auszehrung, Atemnot und Geistesstörungen.
bhārgīśṛte pacet kṣīre śālitaṇḍulapāyasam tryahaṃ śuddhāya taṃ bhoktuṃ varāhāyopakalpayet
In einem Absud von Bhārgī koche man Milchreis aus Śāli-Reis in Milch; drei Tage lang richte man ihn dem gereinigten Kranken in angemessener Weise zum Verzehr her.
jñātvā ca madhurībhūtaṃ taṃ viśasyānnamuddharet trīn bhāgāṃstasya cūrṇasya kiṇvabhāgena saṃsṛjet
Sobald man erkennt, dass er süß geworden ist, nehme man die feste Speise heraus und zerkleinere sie; drei Teile von diesem Mehl vermische man mit einem Teil Hefe (*kiṇva*).
maṇḍodakārthe deyaśca bhārgīkvāthaḥ suśītalaḥ śuddhe kumbhe nidadhyācca saṃbhāraṃ taṃ surāṃ tataḥ
Als Aufgussflüssigkeit (*maṇḍodaka*) gebe man einen gut abgekühlten Bhārgī-Absud hinzu und lege die Mischung in ein gereinigtes Gefäß, um daraus jenen Heiltrunk (*surā*) herzustellen.
jātagandhāṃ jātarasāṃ pāyayedāturaṃ bhiṣak sirāṃ vidhyedatha prāptāṃ maṅgalyāni ca dhārayet
Sobald er Duft und Geschmack entwickelt hat, gebe der Arzt ihn dem Kranken zu trinken; danach eröffne er die geeignete Vene (*sirā*) und lasse den Kranken glückverheißende Gegenstände tragen.