Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 54: kṛmipratiṣedho Behandlung der Wurmkrankheit (Kṛmi)

Das Kapitel über kṛmiroga, die Wurmkrankheit, entwickelt eine ausführliche Parasitologie: Zwanzig Wurmarten werden benannt und nach ihrem Ursprung in drei Gruppen gegliedert – sieben aus Kot entstandene (darunter Ajavā und Gaṇḍūpada), sechs aus verdorbenem Kapha entstandene (etwa Darbhapuṣpa und Pipīlikā) sowie mehrere aus Blut entstandene, haare-, wimpern- und zahnfressende Würmer, die mit kuṣṭha (Hautkrankheiten) in Verbindung gebracht werden. Ursächlich gelten unverdaute, unzuträgliche oder unverträgliche Speisen wie Urdbohnen, Mehlspeisen und Milchprodukte. Die Behandlung folgt dem klassischen Reinigungsschema aus Ölung, Erbrechen, Abführen und Klistier, ergänzt um zahlreiche wurmtötende Mittel wie Viḍaṅga, Eisenpräparate und die Surasā-Gruppe, teils als Latwerge, teils als Nasenmittel (nasya) oder Augensalbe (añjana) bei Befall von Kopf und Sinnesorganen. Für haare- und zahnfressende Würmer wird eigens auf die Behandlungsverfahren bei Haarausfall bzw. Mundkrankheiten verwiesen.

DIE ZWANZIG WURMARTEN (KṣMI) NACH HERKUNFT (Vers 7–19)
GruppeNamenKennzeichen
Kotbürtige Würmer (7)Ajavā, Vijavā, Kipyā, Cipyā, Gaṇḍūpada, Cūru, Dvimukhaweiß und fein, stechende Schmerzen, wandern zum After; verursachen Koliken, schwache Verdauungsglut, Blässe, Verstopfung, Appetitlosigkeit, Durchfall
Kapha-bürtige Würmer (6)Darbhapuṣpa, Mahāpuṣpa, Pralūna, Cipiṭa, Pipīlikā, Dāruṇabehaart, bräunlich gefleckt, wie aufgekeimte Getreidesprossen; marksaugend, augenleckend, befallen Gaumen und Ohren; verursachen Kopfschmerz, Herzleiden, Brechreiz, Schnupfen
Blutbürtige WürmerHaare-, Wimpern-, Nägel- und Zähnefressende sowie die Kikkiśa-Würmerblutig-rot, schwarz, glänzend-ölig, breit; mit kuṣṭha und parīsarpa verbunden; verursachen Krankheiten mit Sitz im Blut
Die ersten dreizehn genannten Arten gelten als sichtbar, die haare- und zähnefressenden als unsichtbar.

athātaḥ kṛmirogapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Behandlung der Wurmkrankheit (*kṛmiroga*) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

ajīrṇādhyaśanāsātmyaviruddhamalināśanaiḥ avyāyāmadivāsvapnagurvatisnigdhaśītalaiḥ

Durch unverdaute, zu früh nach der letzten Mahlzeit eingenommene, unzuträgliche, unverträgliche und verunreinigte Speise, durch Bewegungsmangel, Schlaf am Tage sowie durch schwere, übermäßig ölige und kalte Kost —

māṣapiṣṭānnavidalabisaśālūkaserukaiḥ parṇaśākasurāśuktadadhikṣīraguḍekṣubhiḥ

— durch Urdbohnen, Mehlspeisen, Hülsenfrüchte, Lotuswurzeln, Lotusknollen und Seruka-Wurzeln, durch Blattgemüse, Reisbier, saure Gärgetränke, Dickmilch, Milch, Rohrzucker und Zuckerrohr,

palalānūpapiśitapiṇyākapṛthukādibhiḥ svādvamladra vapānaiśca śleṣmā pittaṃ ca kupyati

durch Sesambrei, Fleisch von Sumpftieren, Ölkuchen, geröstete Reisflocken und Ähnliches sowie durch süße und saure Getränke werden *kapha* (Schleimhumor) und *pitta* (Gallenhumor) verdorben.

kṛmīn bahuvidhākārān karoti vividhāśrayān āmapakvāśaye teṣāṃ kaphaviḍjanmanāṃ punaḥ dhamanyāṃ raktajānāṃ ca prasavaḥ prāyaśaḥ smṛtaḥ

[Dadurch] entstehen *kṛmi* (Würmer) vielfältiger Gestalt mit verschiedenen Sitzen; von diesen entstehen die aus Schleim und Kot geborenen im *āmāśaya* (dem Magen, dem Sitz der unverdauten Nahrung) und im *pakvāśaya* (dem Dickdarm, dem Sitz der verdauten Nahrung), während die aus Blut entstandenen meist ihren Ursprung in der *dhamanī* (Arterie/Kanal) haben, wie überliefert wird.

viṃśate kṛmijātīnāṃ trividhaḥ saṃbhavaḥ smṛtaḥ purīṣakapharaktāni tāsāṃ vakṣyāmi vistaram

Zwanzig Wurmarten werden gezählt, deren Entstehung dreifach ist: aus Kot, aus Schleim und aus Blut; ich werde sie nun ausführlich einzeln beschreiben.

ajavā vijavāḥ kipyāścipyā gaṇḍūpadāstathā cūravo dvimukhāścaiva jñeyāḥ sapta purīṣajāḥ

Ajavā, Vijavā, Kipyā, Cipyā, Gaṇḍūpada, Cūru und Dvimukha — dies sind die sieben aus Kot entstandenen Würmer.

śvetāḥ sūkṣmāstudantyete gudaṃ pratisaranti ca teṣāmevāpare pucchaiḥ pṛthavaśca bhavanti hi

Sie sind weiß und fein, verursachen stechende Schmerzen und wandern zum After; manche von ihnen sind zudem am Schwanzende breiter.

śūlāgnimāndyapāṇḍutvaviṣṭambhabalasaṃkṣayāḥ prasekārucihṛdro gaviḍbhedāstu purīṣajaiḥ

Koliken, schwache Verdauungsglut, Blässe, Verstopfung, Kräfteverfall, übermäßiger Speichelfluss, Appetitlosigkeit, Herzbeschwerden und Durchfall werden durch die aus Kot entstandenen Würmer hervorgerufen.

raktā gaṇḍūpadā dīrghā gudakaṇḍūnipātinaḥ śūlāṭopaśakṛdbhedapaktināśakarāśca te

Die Gaṇḍūpada-Würmer sind rot und lang; sie verursachen Jucken am After sowie Koliken, Blähungen, Durchfall und die Zerstörung der Verdauung.

darbhapuṣpā mahāpuṣpāḥ pralūnāścipiṭāstathā pipīlikā dāruṇāśca kaphakopasamudbhavāḥ

Darbhapuṣpa, Mahāpuṣpa, Pralūna, Cipiṭa, Pipīlikā und Dāruṇa — diese entstehen aus verdorbenem *kapha*.

romaśā romamūrdhānaḥ sapucchāḥ śyāvamaṇḍalāḥ rūḍhadhānyāṅkurākārāḥ śuklāste tanavastathā

Sie sind behaart, mit behaartem Kopf, mit Schwanz versehen, von bräunlichen Flecken, geformt wie aufgekeimte Getreidesprossen, weiß und schmal.

majjādā netraleḍhārastāluśrotrabhujastathā śirohṛdro gavamathupratiśyāyakarāśca te

Diese sind marksaugend, augenleckend sowie den Gaumen und die Ohren befallend; sie verursachen Kopfschmerz, Herzleiden, Brechreiz und Schnupfen.

keśaromanakhādāśca dantādāḥ kikkiśāstathā kuṣṭhajāḥ saparīsarpā jñeyāḥ śoṇitasaṃbhavāḥ

Haare-, Wimpern- und Nägel-fressende sowie Zähne-fressende und die Kikkiśa-Würmer, ebenso die mit *kuṣṭha* (Hautkrankheiten) und *parīsarpa* (einer kriechenden Hautaffektion) verbundenen, sind als aus Blut entstanden zu erkennen.

te saraktāśca kṛṣṇāśca snigdhāśca pṛthavastathā raktādhiṣṭhānajān prāyo vikārān janayanti te

Sie sind blutig-rot, schwarz, glänzend-ölig und breit; meist verursachen sie Krankheiten, die im Blut ihren Sitz haben.

māṣapiṣṭānnavidalaparṇaśākaiḥ purīṣajāḥ māṃsamāṣaguḍakṣīradadhitailaiḥ kaphodbhavāḥ

Die kotbürtigen [Würmer] entstehen durch Urdbohnen, Mehlspeisen, Hülsenfrüchte und Blattgemüse; die schleimbürtigen durch Fleisch, Urdbohnen, Rohrzucker, Milch, Dickmilch und Öl.

viruddhājīrṇaśākādyaiḥ śoṇitotthā bhavanti hi jvaro vivarṇatā śūlaṃ hṛdro gaḥ sadanaṃ bhramaḥ

Die aus Blut entstandenen [Würmer] entstehen durch unverträgliche, unverdaute Speisen, Gemüse und Ähnliches; sie verursachen Fieber, Verfärbung [der Haut], Koliken, Herzleiden, Mattigkeit und Schwindel,

bhaktadveṣo'tisāraśca saṃjātakṛmilakṣaṇam dṛśyāstrayodaśādyāstu kṛmīṇāṃ parikīrtitāḥ

Abneigung gegen Nahrung und Durchfall — dies sind die Kennzeichen entstandener Würmer. Die ersten dreizehn der genannten gelten als sichtbar.

keśādādyāstvadṛśyāste dvāvādyau parivarjayet eṣāmanyatamaṃ jñātvā jighāṃsuḥ snigdhamāturam

Die mit den Haare-fressenden beginnenden hingegen sind unsichtbar; die ersten beiden von diesen soll man meiden. Hat man einen der übrigen erkannt und will man ihn vernichten, so ölt man den Kranken zunächst ein,

surasādivipakvena sarpiṣā vāntamāditaḥ virecayettīkṣṇatarairyogairāsthāpayecca tam

lässt ihn mit in Surasā u. a. gekochtem Ghee zunächst erbrechen, führt dann mit stärker wirkenden Mitteln ein *virecana* (ein Abführmittel) herbei und behandelt ihn mit einem *āsthāpana* (Reinigungsklistier).

yavakolakulatthānāṃ surasādergaṇasya ca viḍaṅgasnehayuktena kvāthena lavaṇena ca

Mit einem gesalzenen Sud aus Gerste, Brustbeeren und Kulattha-Bohnen sowie aus der Surasā-Gruppe, versetzt mit Viḍaṅga und Öl,

pratyāgate nirūhe tu naraṃ snātaṃ sukhāmbunā yuñjyāt kṛmighnairaśanaistataḥ śīghraṃ bhiṣagvaraḥ

— wenn das *nirūha* (Dekokt-Klistier) zurückgekehrt ist, badet man den Mann mit angenehm temperiertem Wasser; danach soll der erfahrene Arzt ihn rasch mit wurmtötenden Speisen behandeln.

snehenoktena cainaṃ tu yojayet snehabastinā tataḥ śirīṣakiṇihīrasaṃ kṣaudra yutaṃ pibet

Man behandle ihn ferner mit dem genannten Öl in Form eines *snehabasti* (Ölklistiers); danach trinke er den Saft der Śirīṣa- und Kiṇihīra-Rinde, vermischt mit Honig,

kevūkasvarasaṃ vā'pi pūrvavattīkṣṇabhojanaḥ palāśabījasvarasaṃ kalkaṃ vā taṇḍulāmbunā

oder den Frischsaft von Kevūka, wobei er wie zuvor scharfe Kost zu sich nimmt; oder den Frischsaft der Palāśa-Samen bzw. deren Paste mit Reiswaschwasser,

pāribhadra kapatrāṇāṃ kṣaudre ṇa svarasaṃ pibet pattūrasvarasaṃ vā'pi pibedvā surasādijam

oder er trinke mit Honig den Saft der Blätter des Pāribhadra-Baumes, oder den Frischsaft von Pattūra, oder ein aus der Surasā-Gruppe bereitetes Mittel.

lihyādaśvaśakṛccūrṇaṃ vaiḍaṅgaṃ vā samākṣikam patrairmūṣikaparṇyā vā supiṣṭaiḥ piṣṭamiśritaiḥ

Er lecke Pulver von getrocknetem Pferdemist oder Viḍaṅga-Pulver mit Honig, oder ein Präparat aus fein zerriebenen Blättern der Mūṣikaparṇī, vermengt mit Mehl,

khādet pūpalikāḥ pakvā dhānyāmlaṃ ca pibedanu surasādigaṇe pakvaṃ tailaṃ vā pānamiṣyate

er esse gebackene Pūpalikā-Kuchen und trinke danach saures Getreidewasser; auch mit der Surasā-Gruppe gekochtes Öl wird als Trank empfohlen.

viḍaṅgacūrṇayuktairvā piṣṭairbhakṣyāṃstu kārayet tatkaṣāyaprapītānāṃ tilānāṃ snehameva vā

Oder man bereite Gebäck aus Mehl, das mit Viḍaṅga-Pulver versetzt ist; oder man gebe das Öl von Sesamsamen, die zuvor in einem Sud davon eingeweicht wurden.

śvāvidhaḥ śakṛtaścūrṇaṃ saptakṛtvaḥ subhāvitam viḍaṅgānāṃ kaṣāyeṇa traiphalena tathaiva ca

Pulver von *śvāvidha*-Kot (Stachelschwein-Kot), siebenmal gut getränkt mit einem Sud aus Viḍaṅga sowie ebenso mit Triphalā-Sud,

kṣaudre ṇa līḍhvā'nupibedra samāmalakodbhavam akṣābhayārasaṃ vā'pi vidhireṣo'yasāmapi

lecke man mit Honig und trinke danach Āmalaka-Saft hinterher; oder den Saft von Bibhītaka und Harītakī — dasselbe Verfahren gilt auch für Eisenpräparate.

pūtīkasvarasaṃ vā'pi pibedvā madhunā saha pibedvā pippalīmūlamajāmūtreṇa saṃyutam

Oder man trinke den Frischsaft von Pūtīka zusammen mit Honig; oder man trinke Pippalī-Wurzel, vermengt mit Ziegenurin,

saptarātraṃ pibedghṛṣṭaṃ trapu vā dadhimastunā purīṣajān kaphotthāṃśca hanyādevaṃ kṛmīn bhiṣak śirohṛdghrāṇakarṇākṣisaṃśritāṃśca pṛthagvidhān viśeṣeṇāñjanairnasyairavapīḍaiśca sādhayet

sieben Nächte lang trinke er zerriebenes Zinn mit saurer Molke. So vernichte der Arzt die aus Kot und aus Schleim entstandenen Würmer. Die verschiedenartigen Würmer, die Kopf, Herz, Nase, Ohren und Augen befallen haben, behandle er insbesondere mit *añjana* (Augensalben), *nasya* (Nasenträufelungen) und *avapīḍa* (Nasenpressungen).

śakṛdra saṃ turaṅgasya suśuṣkaṃ bhāvayedati niṣkvāthena viḍaṅgānāṃ cūrṇaṃ pradhamanaṃ tu tat

Gut getrockneten Pferdemist tränke man wiederholt mit einem starken Sud aus Viḍaṅga; das so gewonnene Pulver dient zum *pradhamana* (Einblasen in die Nase).

ayaścūrṇānyanenaiva vidhinā yojayedbhiṣak sakāṃsyanīlaṃ tailaṃ ca nasyaṃ syātsurasādike

Auf dieselbe Weise verwende der Arzt Eisenpulver; auch Öl, das mit Bronzegefäß und Indigo behandelt sowie mit der Surasā-Gruppe gekocht wurde, diene als Nasenmittel.

indra luptavidhiścāpi vidheyo romabhojiṣu dantādānāṃ samuddiṣṭaṃ vidhānaṃ mukharogikam

Bei den haarefressenden [Würmern] wende man das für *indralupta* (kreisrunden Haarausfall) vorgeschriebene Verfahren an; bei den zahnfressenden das für *mukharoga* (Mundkrankheiten) angegebene Verfahren.

raktajānāṃ pratīkāraṃ kuryāt kuṣṭhacikitsite surasādiṃ tu sarveṣu sarvathaivopayojayet

Die Behandlung der aus Blut entstandenen [Würmer] entspricht der bei *kuṣṭha*; die Surasā-Gruppe jedoch verwende man bei allen [Wurmarten] in jedem Falle.

pravyaktatiktakaṭukaṃ bhojanaṃ ca hitaṃ bhavet kulatthakṣārasaṃsṛṣṭaṃ kṣārapānaṃ ca pūjitam

Zuträglich ist ausgeprägt bittere und scharfe Kost; ebenso wird ein mit Kulattha-*kṣāra* (Ätzlauge) versetzter Laugentrank geschätzt.

kṣīrāṇi māṃsāni ghṛtāni caiva dadhīni śākāni ca parṇavanti samāsato'mlānmadhurān himāṃśca kṛmīn jighāṃsuḥ parivarjayettu

Wer die Würmer vernichten will, meide grundsätzlich Milch, Fleisch, Ghee, Dickmilch und blattreiches Gemüse sowie, kurz gesagt, saure, süße und kühlende Speisen.

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