athātaḥ sarvagatarogavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die Erkennung der überall im Auge auftretenden Krankheiten (*sarvagataroga*) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das sechste Kapitel behandelt die Krankheiten, die das gesamte Auge (sarvagata) betreffen, allen voran die vier Formen von abhiṣyanda (Augenausfluss) und adhimantha (akute Augenentzündung) sowie zwei Formen der Augeneiterung (pāka), mit und ohne Schwellung. Ausführlich werden die doṣa-spezifischen Leitsymptome geschildert – etwa Trockenheit und Sträuben der Wimpern bei vāta, Brennen und Gelbfärbung bei pitta, Schwere und zäher Ausfluss bei kapha, kupferfarbener Tränenfluss bei Blutbeteiligung – sowie die Gefahr, dass ein vernachlässigter abhiṣyanda binnen weniger Nächte zu adhimantha und damit zum vollständigen Sehverlust fortschreitet. Ergänzt werden weitere, das ganze Auge betreffende Krankheiten wie hatādhimantha (der „erloschene“, unheilbare adhimantha), vātaparyaya (die wandernde Windstörung), amlādhyuṣitā (die Säureüberladung des Auges) sowie sirotpāta und sirāharṣa, Gefäßveränderungen, die bei Vernachlässigung ineinander übergehen können. Das Kapitel macht deutlich, dass abhiṣyanda als Ausgangspunkt fast aller schwereren Augenleiden gilt und daher früh behandelt werden muss.
| Doṣa | Abhiṣyanda-Symptome | Adhimantha-Symptome | Verlauf bis Sehverlust |
|---|---|---|---|
| vāta | Stechen, Steifheit, Haarsträuben, Rauheit, Kopfhitze, Trockenheit, spärlicher Tränenfluss | Herausreiß-Gefühl, Zerreißen, Zusammenziehen, Zittern, Kopfschmerz | 6 Nächte |
| pitta | Brennen, Reifungsgefühl, Kältevorliebe, Rauchgefühl, Anschwellen mit Tränenfluss, Gelbfärbung | rote Äderchen, Ausfluss, brennend wie verbrannt, Ohnmacht, Kopfbrennen | sofort bei falscher Behandlung |
| kapha | Wärmevorliebe, Schwere, Schwellung, Jucken, Belag, Weißfärbung, zäher Ausfluss | schwellungsartig, Ausfluss, Jucken, Schleimigkeit, verstopfte Nase | 7 Nächte |
| rakta | kupferfarbener Tränenfluss, Rötung, gerötete Äderchen | Auge wie bandhujīva-Blüte, blutiger Ausfluss mit Stechen | 5 Nächte |
athātaḥ sarvagatarogavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die Erkennung der überall im Auge auftretenden Krankheiten (*sarvagataroga*) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:
syandāstu catvāra ihopadiṣṭāstāvanta eveha tathā'dhimanthāḥ śophānvito'śophayutaśca pākāvityevamete daśa saṃpradiṣṭāḥ
Vier Arten von *abhiṣyanda* (Augenausfluss) werden hier gelehrt, ebenso viele *adhimantha* (akute Augenentzündung), dazu zwei Arten von *pāka* (Augeneiterung) – eine mit Schwellung, eine ohne Schwellung. So werden insgesamt zehn Erkrankungen genannt.
hatādhimantho'nilaparyayaśca śuṣkākṣipāko'nyata eva vātaḥ dṛṣṭistathā'mlādhyuṣitā sirāṇāmutpātaharṣāvapi sarvabhāgāḥ
Der *hatādhimantha* (der erloschene *adhimantha*), der *anilaparyaya* (die Windabweichung), der *śuṣkākṣipāka* (die trockene Augeneiterung), der *anyatovāta* (der von anderswoher kommende Wind), die *amlādhyuṣitā*-Erkrankung des Auges (die Säureüberladung) sowie *sirotpāta* und *sirāharṣa* (Gefäßvorfall und Gefäßschwellung) betreffen alle Bereiche des Auges.
prāyeṇa sarve nayanāmayāstu bhavantyabhiṣyandanimittamūlāḥ tasmādabhiṣyandamudīryamāṇamupācaredāśu hitāya dhīmān
Fast alle Augenkrankheiten haben ihre Wurzel im aufkommenden *abhiṣyanda*; daher soll der kluge Arzt den sich ankündigenden *abhiṣyanda* sogleich zum Wohl des Kranken behandeln.
nistodanaṃ stambhanaromaharṣasaṅgharṣapāruṣyaśirobhitāpāḥ viśuṣkabhāvaḥ śiśirāśrutā ca vātābhipanne nayane bhavanti
Stechen, Steifheit, Sträuben der Haare, Reibungsgefühl, Rauheit, Kopfhitze, ein Trockenheitsgefühl und spärlicher Tränenfluss treten auf, wenn das Auge von *vāta* (dem Wind) befallen ist.
dāhaprapākau śiśirābhinandā dhūmāyanaṃ bāṣpasamucchrayaśca uṣṇāśrutā pītakanetratā ca pittābhipanne nayane bhavanti
Brennen, ein Reifungsgefühl, Vorliebe für Kälte, ein Gefühl von Rauch, Anschwellen mit Tränenfluss, heißer Tränenfluss und Gelbfärbung des Auges treten auf, wenn das Auge von *pitta* (der Galle) befallen ist.
uṣṇābhinandā gurutā'kṣiśophaḥ kaṇḍūpadehau sitatā'tiśaityam srāvo muhuḥ picchila eva cāpi kaphābhipanne nayane bhavanti
Vorliebe für Wärme, Schwere, Augenschwellung, Jucken und Belag, Weißfärbung, starke Kälteempfindlichkeit sowie ständiger, schleimig-zäher Ausfluss treten auf, wenn das Auge von *kapha* (dem Schleim) befallen ist.
tāmrāśrutā lohitanetratā ca rājyaḥ samantādatilohitāśca pittasya liṅgāni ca yāni tāni raktābhipanne nayane bhavanti
Kupferfarbener Tränenfluss, Rötung des Auges, ringsum gerötete Äderchen und starke Rötung – dies sind die Zeichen des *pitta*, die auftreten, wenn das Auge von *rakta* (dem Blut) befallen ist.
vṛddhairetairabhiṣyandairnarāṇāmakriyāvatām tāvantastvadhimanthāḥ syurnayane tīvravedanāḥ
Wenn diese vier *abhiṣyanda* bei Menschen, die sie vernachlässigen, sich verstärken, entstehen ebenso viele *adhimantha* mit heftigen Schmerzen im Auge.
utpāṭyata ivātyarthaṃ netraṃ nirmathyate tathā śiraso'dha ca taṃ vidyādadhimanthaṃ svalakṣaṇaiḥ
Als würde das Auge herausgerissen, so heftig, und ebenso wird es gleichsam durchwühlt, mit Schmerz unterhalb des Kopfes – daran soll man den *adhimantha* an seinen eigenen Kennzeichen erkennen.
netramutpāṭyata iva mathyate'raṇivacca yat saṅgharṣatodanirbhedamāṃsasaṃrabdhamāvilam
Das Gefühl, das Auge werde herausgerissen, gleichsam gequirlt wie mit einem Reibholz, verbunden mit Reibung, Stechen, Zerreißen, Anspannung des Fleisches und trübem Blick,
kuñcanāsphoṭanādhmānavepathuvyathanairyutam śiraso'dha ca yena syādadhimanthaḥ sa mārutāt
verbunden mit Zusammenziehen, Aufspringen, Aufblähen, Zittern und Schmerz, dazu Schmerz unterhalb des Kopfes – das ist der *adhimantha*, der von *vāta* verursacht ist.
raktarājicitaṃ srāvi vahninevāvadahyate yakṛtpiṇḍopamaṃ dāhi kṣāreṇāktamiva kṣatam
Von roten Äderchen durchzogen, mit Ausfluss, wie von Feuer verbrannt, einer Leber gleich, brennend, wie eine mit Lauge benetzte Wunde,
prapakvocchūnavartmāntaṃ sasvedaṃ pītadarśanam mūrcchāśirodāhayutaṃ pittenākṣyadhimanthitam
der Lidrand gekocht und geschwollen, mit Schweiß, gelblich anzusehen, verbunden mit Ohnmacht und Kopfbrennen – so ist der von *pitta* verursachte *adhimantha*.
śophavannātisaṃrabdhaṃ srāvakaṇḍūsamanvitam śailyagauravapaicchilyadūṣikāharṣaṇānvitam
Schwellungsartig, doch nicht allzu angespannt, begleitet von Ausfluss und Jucken, mit Schleimigkeit, Schwere, Zähigkeit, Augenbelag und Kribbeln,
rūpaṃ paśyati duḥkhena pāṃśupūrṇamivāvilam nāsādhmānaśiroduḥkhayutaṃ śleṣmādhimanthitam
der Kranke sieht die Gestalten der Dinge nur mit Mühe, wie von Staub erfüllt und trübe, mit verstopfter Nase, Aufblähen und Kopfschmerz – das ist der von *kapha* verursachte *adhimantha*.
bandhujīvapratīkāśaṃ tāmyati sparśanākṣamam raktāsrāvaṃ sanistodaṃ paśyatyagninibhā diśaḥ
Das Auge gleicht der *bandhujīva*-Blüte, der Kranke quält sich, ist berührungsunfähig, hat blutigen Ausfluss mit Stechen, sieht die Himmelsrichtungen wie feuerfarben,
raktamagnāriṣṭavacca kṛṣṇabhāgaśca lakṣyate yaddīptaṃ raktaparyantaṃ tadra ktenādhimanthitam
sieht Rot wie glühende Kohle, und ein schwarzer Bereich zeigt sich; was leuchtend ist und an den Rändern rot – das ist der von *rakta* verursachte *adhimantha*.
hanyāddṛṣṭiṃ saptarātrāt kaphottho'dhīmantho'sṛksaṃbhavaḥ pañcarātrāt ṣaḍrātrādvai mārutottho nihanyānmithyācārāt paittikaḥ sadya eva
Der von *kapha* entstandene *adhimantha* zerstört das Sehvermögen binnen sieben Nächten, der aus *rakta* entstandene binnen fünf Nächten, der von *vāta* entstandene binnen sechs Nächten, und der von *pitta* entstandene zerstört es bei falscher Behandlung sogleich.
kaṇḍūpadehāśruyutaḥ pakvodumbarasannibhaḥ dāhasaṃharṣatāmratvaśophanistodagauravaiḥ
Begleitet von Jucken, Belag und Tränenfluss, der reifen *udumbara*-Frucht gleichend, mit Brennen, Reibungsgefühl, Kupferfarbe, Schwellung, Stechen und Schwere,
juṣṭo muhuḥ sraveccāsramuṣṇaśītāmbu picchilam saṃrambhī pacyate yaśca netrapākaḥ saśophajaḥ
ständig heimgesucht, entlädt sich das Auge in Blut, es fließt schleimig warmes und kaltes Wasser, angespannt reift es – das ist der *netrapāka* (die Augeneiterung), der mit Schwellung entsteht.
śophahīnāni liṅgāni netrapāke tvaśophaje upekṣaṇādakṣi yadā'dhimantho vātātmakaḥ sādayati prasahya rujābhirugrābhirasādhya eṣa hatādhimanthaḥ khalu nāma rogaḥ
Ohne Schwellung sind die Kennzeichen bei der schwellungslosen Form des *netrapāka*. Wird der *adhimantha*, der von *vāta* geprägt ist, durch Vernachlässigung fortschreiten gelassen, quält er das Auge mit gewaltsamen, heftigen Schmerzen und ist unheilbar – dieser Zustand heißt eben *hatādhimantha*.
antaḥsirāṇāṃ śvasanaḥ sthito dṛṣṭiṃ pratikṣipan hatādhimanthaṃ janayettamasādhyaṃ vidurbudhāḥ
Der Wind, der in den inneren Äderchen wehend sitzt und das Sehvermögen zurückwirft, erzeugt den *hatādhimantha* – die Weisen kennen ihn als unheilbar.
pakṣmadvayākṣibhruvamāśritastu yatrānilaḥ saṃcarati praduṣṭaḥ paryāyaśaścāpi rujaḥ karoti taṃ vātaparyāyamudāharanti
Der Wind, der sich zwischen den beiden Lidern, im Auge und in der Braue niedergelassen hat, dort krankhaft umherzieht und in Abständen wiederkehrend Schmerzen verursacht, den nennt man *vātaparyaya* (den Wind-Wechsel).
yat kūṇitaṃ dāruṇarūkṣavartma vilokane cāviladarśanaṃ yat sudāruṇaṃ yat pratibodhane ca śuṣkākṣipākopahataṃ tadakṣi
Was ein zusammengekniffenes Lid mit rauem, trockenem Rand bedeutet, was beim Blicken trübe Sicht bedeutet, was beim Erwachen sehr heftig ist – all dies zeigt das vom *śuṣkākṣipāka* befallene Auge.
yasyāvaṭūkarṇaśirohanustho manyāgato vā'pyanilo'nyato vā kuryādrujo'ti bhruvi locane vā tamanyatovātamudāharanti
Bei wem der Wind, in der Schläfe, im Ohr, im Hinterhaupt oder im Nacken sitzend, oder auch von anderswoher kommend, Schmerzen in Braue oder Auge verursacht, den nennt man *anyatovāta*.
amlena bhuktena vidāhinā ca saṃchādyate sarvata eva netram śophānvitaṃ lohitakaiḥ sanīlairetādṛgamlādhyuṣitaṃ vadanti
Durch den Genuss saurer, brennender Speise wird das ganze Auge überzogen, mit Schwellung, rötlich und bläulich durchsetzt – ein solches Auge nennt man *amlādhyuṣita*.
avedanā vā'pi savedanā vā yasyākṣirājyo hi bhavanti tāmrāḥ muhurvirajyanti ca tāḥ samantād vyādhiḥ sirotpāta iti pradiṣṭaḥ
Ob mit oder ohne Schmerz – bei wem die Äderchen des Auges kupferfarben werden und sich ringsum immer wieder verfärben, diese Krankheit heißt *sirotpāta*.
mohāt sirotpāta upekṣitastu jāyeta rogastu sirāpraharṣaḥ tāmrācchamasraṃ sravati pragāḍhaṃ tathā na śankotyabhivīkṣituṃ ca
Wird der *sirotpāta* aus Unachtsamkeit vernachlässigt, entsteht die Krankheit *sirāharṣa*; dabei fließt reichlich Blut aus den kupferfarbenen Äderchen, und der Kranke wagt nicht, das Auge näher zu betrachten.