athātaśchedyarogapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die *chedyaroga* (die durch Schneiden zu behandelnden Augenkrankheiten) und ihre Behandlung erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das fünfzehnte Kapitel beschreibt ausführlich die durch Schneiden (chedya) zu behandelnden Augenkrankheiten, allen voran die Entfernung des arma, einer fleischigen Wucherung. Genau geschildert wird die Operationstechnik: Reizung des Auges bis zum Tränenfluss, Bähung, Fassen der Wucherung mit Häkchen, Pinzette oder Nadel und Faden, vorsichtiges Herunterziehen und Abschaben mit dem runden Operationsmesser, wobei ein Viertel des Gewebes stehenbleiben soll, um Blutung oder Fistelbildung an der Karunkel zu vermeiden. Ähnliche Verfahren werden für verhärtete Adern im Adernetz (sirājāla), für Pusteln (piḍakā) sowie für arśas (hämorrhoidenartige Lidwucherungen) und die Geschwulst abuda beschrieben, teils mit anschließender Kauterisation. Nach dem Eingriff folgen jeweils Betupfungen mit Steinsalz, Vitriol und Pfeffer sowie eine bis zu einmonatige Schonzeit. Das Kapitel gehört zu den chirurgisch detailliertesten Abschnitten der Suśruta-Saṃhitā und zeigt die hohe technische Ausdifferenzierung der altindischen Augenchirurgie.
athātaśchedyarogapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die *chedyaroga* (die durch Schneiden zu behandelnden Augenkrankheiten) und ihre Behandlung erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So, wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.
snigdhaṃ bhuktavato hyannamupaviṣṭasya yatnataḥ saṃroṣayettu nayanaṃ bhiṣak cūrṇaistu lāvaṇaiḥ
Bei dem, der geölte Speise gegessen hat und sorgfältig sitzt, soll der Arzt das Auge mit salzigen Pulvern reizen, bis es tränt.
tataḥ saṃroṣitaṃ tūrṇaṃ susvinnaṃ parighaṭṭitam arma yatra valījātaṃ tatraitallagayedbhiṣak
Dann soll der Arzt an dem so gereizten, rasch gut dampfgebähten und geriebenen Auge dort, wo das *arma* (eine fleischige Wucherung im Auge) mit Falten entstanden ist, sein Instrument ansetzen.
apāṅgaṃ prekṣamāṇasya baḍiśena samāhitaḥ mucuṇḍyā'dāya medhāvī sūcīsūtreṇa vā punaḥ
Während der Patient auf den *apāṅga* (den äußeren Augenwinkel) blickt, soll der aufmerksame und kluge Arzt es mit dem *baḍiśa* (Häkchen) fassen, oder mit der *mucuṇḍī* (Pinzette), oder auch wieder mit Nadel und Faden.
na cotthāpayatā kṣipraṃ kāryamabhyunnataṃ tu tat śastrābādhabhayāccāsya vartmanī grāhayeddṛḍham
Er soll es dabei nicht rasch emporreißen, sondern gleichmäßig hochgehoben halten; aus Furcht vor einer Verletzung durch das Messer soll er die beiden *vartman* (Lider) fest fixieren lassen.
tataḥ praśithilībhūtaṃ tribhireva vilambitam ullikhanmaṇḍalāgreṇa tīkṣṇena pariśodhayet
Dann, wenn es dadurch gelockert und durch die drei Hilfsmittel heruntergezogen ist, soll er es mit der scharfen Spitze des *maṇḍalāgra* (runden Operationsmessers) abschabend reinigen.
vimuktaṃ sarvataścāpi kṛṣṇācchuklācca maṇḍalāt nītvā kanīnakopāntaṃ chindyānnātikanīnakam
Nachdem es ringsum vollständig von der schwarzen wie von der weißen Zone des Auges gelöst ist, soll er es bis an den Rand der *kanīnaka* (Karunkel, des Tränenwärzchens) heranführen und abschneiden, ohne die Karunkel selbst zu verletzen.
caturbhāgasthite māṃse nākṣi vyāpattimṛcchati kanīnakavadhādasraṃ nāḍī vā'pyupajāyate
Bleibt ein Viertel des Wucherungsfleisches stehen, so nimmt das Auge keinen Schaden; durch Zerstörung der Karunkel aber entsteht Blutung oder eine *nāḍī* (Fistel).
hīnacchedāt punarvṛddhiṃ śīghramevādhigacchati arma yajjālavadvyāpi tadapyunmārjya lambitam
Bei zu geringem Schnitt gewinnt die Wucherung rasch von neuem an Wachstum; ein *arma*, das sich netzartig ausgebreitet hat, soll man ebenso, nachdem man es herabhängend gemacht hat, entfernen.
chindyādvakreṇa śastreṇa vartmaśuklāntamāśritam pratisāraṇamakṣṇostu tataḥ kāryamanantaram
Mit einem gekrümmten Messer soll er die Wucherung, die bis an den Rand des Lides und der weißen Zone reicht, abschneiden; danach soll unmittelbar eine *pratisāraṇa* (Betupfung mit ätzenden Mitteln) der Augen erfolgen.
yāvanālasya cūrṇena trikaṭorlavaṇasya ca svedayitvā tataḥ paścādbadhnīyāt kuśalo bhiṣak
Nachdem er mit dem Pulver von *yāvanāla* (Sorghumhalmen), von *trikaṭu* (den drei Scharfstoffen) und von Salz gedämpft hat, soll der erfahrene Arzt danach das Auge verbinden.
doṣartubalakālajñaḥ snehaṃ dattvā yathāhitam vraṇavat saṃvidhānaṃ tu tasya kuryādataḥ param
Kundig von *doṣa* (Körpersaft), Jahreszeit, Kraft und Zeit soll er, nachdem er ein passendes *sneha* (Ölmittel) verabreicht hat, danach die Behandlung wie bei einer *vraṇa* (Wunde) durchführen.
tryahānmuktvā karasvedaṃ dattvā śodhanamācaret karañjabījāmalakamadhukaiḥ sādhitaṃ payaḥ
Nachdem drei Tage vergangen sind, soll er eine Handdämpfung anwenden und eine reinigende Milch verabreichen, die mit *karañja*-Samen, *āmalaka* und Süßholz zubereitet ist.
hitamāścyotanaṃ śūle dvirahnaḥ kṣaudra saṃyutam madhukotpalakiñjalkadūrvākalkaiśca mūrdhani
Bei Schmerz ist zweimal täglich ein *āścyotana* (Augenträufelmittel) zuträglich, mit *kṣaudra* (Honig) versetzt; auf den Kopf trage man eine Paste aus Süßholz, blauem Lotus, Blütenfäden und *dūrvā*-Gras auf.
pralepaḥ saghṛtaḥ śītaḥ kṣīrapiṣṭaḥ praśasyate lekhyāñjanairapaharedarmaśeṣaṃ bhavedyadi
Ein kühlender *pralepa* (Umschlag), mit Ghee versehen und mit Milch angerührt, wird empfohlen; bleibt ein Rest des *arma* zurück, so entferne man ihn mit schabenden *añjana* (Augenmitteln).
arma cālpaṃ dadhinibhaṃ nīlaṃ raktamathāpi vā dhūsaraṃ tanu yaccāpi śukravattadupācaret
Ein *arma*, das klein, quarkähnlich, blau oder auch rot, oder graubraun und dünn ist, behandle man wie das weißliche, *śukra* genannte.
carmābhaṃ bahalaṃ yattu snāyumāṃsaghanāvṛtam chedyameva tadarma syāt kṛṣṇamaṇḍalagaṃ ca yat
Ein *arma* aber, das hautähnlich, dick und dicht von Sehne und Fleisch überzogen ist, sowie eines, das auf die schwarze Zone übergreift, muss unbedingt operativ entfernt werden.
viśuddhavarṇamakliṣṭaṃ kriyāsvakṣi gataklamam chinne'maṇi bhavet samyagyathāsvamanupadra vam
Bei richtig ausgeführter Behandlung wird das Auge von reiner Farbe, unversehrt und frei von Ermattung; ist die Wucherungskugel ordnungsgemäß herausgeschnitten, so bleibt es dementsprechend regelrecht und ohne Komplikationen.
sirājāle sirā yāstu kaṭhināstāśca buddhimān ullikhenmaṇḍalāgreṇa baḍiśenāvalambitāḥ
Die Adern, die im *sirājāla* (Adernetz) verhärtet sind, soll der kluge Arzt, nachdem er sie mit dem Häkchen heruntergezogen hat, mit der Spitze des runden Messers abschaben.
sirāsu piḍakā jātā yā na sidhyanti bheṣajaiḥ armavanmaṇḍalāgreṇa tāsāṃ chedanamiṣyate
Bei *piḍakā* (Pusteln), die an den Adern entstanden sind und durch Arzneien nicht heilen, wird ihre Entfernung mit der Spitze des runden Messers empfohlen, so wie beim *arma*.
rogayoścaiyatoḥ kāryamarmoktaṃ pratisāraṇam vidhiścāpi yathādoṣaṃ lekhanadra vyasaṃbhṛtaḥ
Für beide dieser Krankheiten gilt die beim *arma* genannte *pratisāraṇa*; auch das Vorgehen dabei richtet sich, mit schabenden Substanzen versehen, nach dem jeweiligen *doṣa*.
sandhau saṃsvedya śastreṇa parvaṇīkāṃ vicakṣaṇaḥ uttare ca tribhāge ca baḍiśenāvalambitām
Nachdem der kundige Arzt am inneren Augenwinkel gedämpft hat, soll er mit dem Messer die *parvaṇikā* (Gewebefalte am Augenwinkel), an ihrem oberen Drittel mit dem Häkchen heruntergezogen, behandeln.
chindyāttato'dhamagre syādaśrunāḍī hyato'nyathā pratisāraṇamatrāpi saindhavakṣaudra miṣyate
Er soll sie danach an ihrem unteren Ende abschneiden; andernfalls entsteht eine *aśrunāḍī* (Tränenfistel). Auch hierbei wird eine Betupfung mit *saindhava* (Steinsalz) und Honig empfohlen.
lekhanīyāni cūrṇāni vyādhiśeṣasya bheṣajam śaṅkhaṃ samudra phenaṃ ca maṇḍūkīṃ ca samudra jām
Als Heilmittel für einen verbleibenden Krankheitsrest dienen schabende Pulver: Muschelschale, Meeresschaum, *maṇḍūkī* und *samudrajā* (beides Pflanzen- bzw. Meeressubstanzen),
sphaṭikaṃ kuruvindaṃ ca pravālāśmantakaṃ tathā vaidūryaṃ pulakaṃ muktāmayastāmrarajāṃsi ca
Alaunkristall, Korund, Koralle und *aśmantaka*-Stein, ebenso Beryll, *pulaka*-Stein, Perlensubstanz und Kupferstaub —
samabhāgāni saṃpiṣya sārdhaṃ srotoñjanena tu cūrṇāñjanaṃ kārayitvā bhājane meṣaśṛṅgaje
diese soll man zu gleichen Teilen zusammen mit *srotoñjana* (Antimonerz) zerreiben, daraus ein Pulveraugenmittel herstellen und es in ein Gefäß aus Widderhorn füllen.
saṃsthāpyobhayataḥ kālamañjayet satataṃ budhaḥ armāṇi piḍakāṃ hanyāt sirājālāni tena vai
Nachdem man es dort aufbewahrt hat, soll der kluge Arzt es beständig, morgens und abends, als Augensalbe anwenden; damit vernichtet er *arma*, Pusteln und Adernetze.
arśastathā yacca nāmnā śuṣkārśo'budameva ca abhyantaraṃ vartmaśayā vidhānaṃ teṣu vakṣyate
Auch bei *arśas* (einer hämorrhoidenartigen Wucherung am Lid), bei dem, was mit Namen *śuṣkārśas* (trockenes *arśas*) heißt, sowie bei *abuda* (Geschwulst) im Innern, das im Lid sitzt, wird nun die Behandlung gelehrt.
vartmopasvedya nirbhujya sūcyotkṣipya prayatnataḥ maṇḍalāgreṇa tīkṣṇena mūle bhindyādbhiṣagvaraḥ
Nachdem er das Lid gedämpft und umgestülpt hat, soll der beste Arzt die Wucherung sorgfältig mit einer Nadel hochheben und sie an der Basis mit der scharfen Spitze des runden Messers durchtrennen.
tataḥ saindhavakāsīsakṛṣṇābhiḥ pratisārayet sthite ca rudhire vartma dahet samyak śalākayā
Dann soll er mit Steinsalz, *kāsīsa* (Eisenvitriol) und *kṛṣṇā* (Langpfeffer) betupfen; steht die Blutung, soll er das Lid ordnungsgemäß mit einer *śalākā* (Sonde) kauterisieren.
kṣāreṇāvalikheccāpi vyādhiśeṣo bhavedyadi tīkṣṇairubhayatobhāgaistato doṣamadhikṣipet
Bleibt ein Krankheitsrest, so soll er ihn auch mit *kṣāra* (Ätzmittel) abschaben; danach soll er mit beidseitig scharfen Mitteln den *doṣa* ausstoßen.
vitarecca yathādoṣamabhiṣyandakriyāvidhim śastrakarmaṇyuparate māsaṃ ca syāt suyantritaḥ
Und je nach *doṣa* soll er das Behandlungsverfahren für *abhiṣyanda* (Augenkatarrh) anwenden; nach Beendigung der Messeroperation soll der Patient einen Monat lang wohlbehütet sein.