athāto mūtrakṛcchrapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Behandlung der schmerzhaften Harnverhaltung (*mūtrakṛcchra*) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das Kapitel über mūtrakṛcchra, die schmerzhafte Harnverhaltung, schließt das urologische Kapitelbündel des Uttaratantra ab und benennt acht Formen: die drei doṣa-bedingten, eine durch Sannipāta, eine durch Verletzung (abhighāta), eine durch gestauten Kot, eine durch Blasenstein (aśmarī) und eine durch Śarkarā (Griesgrieß), definiert als vom Pitta „gekochte“ und vom Vāta „zersprengte“ Kapha-Partikel. Die Behandlung greift auf das im vorangehenden Kapitel zu Aśmarī Dargelegte zurück und ergänzt es um doṣa-spezifische Öl- und Ghṛta-Zubereitungen mit Śvadaṃṣṭrā, Aśmabhedā und der Vidārigandhādi-Gruppe sowie Uttarabasti-Klistiere. Für die durch Verletzung entstandene Form wird eigens auf die Wundbehandlung (sadyovraṇa) verwiesen, für die durch Kotstauung auf windvertreibende Maßnahmen wie Schwitzung und Sitzbad. Das kurze Kapitel wirkt als knappe Zusammenfassung und Fortführung der ausführlicheren Aśmarī- und Mūtrāghāta-Lehre.
| Form | Kennzeichen |
|---|---|
| vātaja | Harn nur wenig, tröpfchenweise, unter starkem Pressen von Hoden, Harnröhre und Blase |
| pittaja | kurkumafarbener, heißer oder blutiger Harn; Hoden, Harnröhre und Blase wie von Feuer verbrannt |
| kaphaja | öliger, weißer, nicht heißer Harn; Schweregefühl, gesträubte Körperhaare |
| sānnipātika | Brennen, Kälteempfinden und Schmerz; Harn von wechselnder Farbe, große Qual |
| durch Verletzung (abhighāta) | entsteht durch Verletzung der harnleitenden srotas durch einen Fremdkörper |
| durch Kotstauung | vāta gerät durch gestauten Kot in Unordnung, erzeugt schmerzhaftes Aufblähen und Harnverhaltung |
| aśmarī | durch Blasenstein verursachte Harnverhaltung |
| śarkarā | durch pitta „gekochte“ und durch vāta „zersprengte“ Kapha-Teilchen (Griesgrus); Herzdruck, Zittern, Stechen, brennendes Verdauungsfeuer, Ohnmacht |
athāto mūtrakṛcchrapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Behandlung der schmerzhaften Harnverhaltung (*mūtrakṛcchra*) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat:
vātena pittena kaphena sarvaistathā'bhighātaiḥ śakṛdaśmarībhyām tathā'paraḥ śarkarayā sukaṣṭo mūtropaghātaḥ kathito'ṣṭamastu
Durch *Vāta* (Wind-Doṣa), durch *Pitta* (Feuer-Doṣa), durch *Kapha* (Schleim-Doṣa), ebenso durch alle drei zugleich, durch Verletzung (*abhighāta*), durch gestauten Kot und durch Blasenstein (*aśmarī*), sowie ein weiterer, sehr quälender, durch *Śarkarā* (Griesgrus) bedingter — so werden acht Arten der Harnstörung (*mūtropaghāta*) genannt.
alpamalpaṃ samutpīḍya muṣkamehanabastibhiḥ phaladbhiriva kṛcchreṇa vātāghātena mehati
Bei der durch *Vāta* verursachten Störung uriniert der Kranke, indem er nur wenig, tröpfchenweise, unter starkem Pressen von Hoden (*muṣka*), Harnröhre (*mehana*) und Blase (*basti*) herauspresst, mit Mühe, als würde dabei etwas wie eine Frucht herausgedrückt.
hāridra muṣṇaṃ raktaṃ vā muṣkamehanabastibhiḥ agninā dahyamānābhaiḥ pittāghātena mehati
Bei der durch *Pitta* verursachten Störung uriniert er kurkumafarbenen, heißen oder blutigen Harn, wobei Hoden, Harnröhre und Blase sich anfühlen, als würden sie von Feuer verbrannt.
snigdhaṃ śuklamanuṣṇaṃ ca muṣkamehanabastibhiḥ saṃhṛṣṭaromā gurubhiḥ śleṣmāghātena mehati
Bei der durch *Kapha* verursachten Störung uriniert er öligen, weißen, nicht heißen Harn, wobei Hoden, Harnröhre und Blase sich schwer anfühlen und die Körperhaare sich sträuben.
dāhaśītarujāviṣṭo nānāvarṇaṃ muhurmuhuḥ tāmyamānastu kṛcchreṇa sannipātena mehati
Bei der durch *Sannipāta* (Zusammenwirken aller drei Doṣas) verursachten Störung uriniert er, von Brennen, Kälteempfinden und Schmerz befallen, wiederholt Harn von wechselnder Farbe, unter großer Qual und nur mit Mühe.
mūtravāhiṣu śalyena kṣateṣvabhihateṣu ca srotaḥsu mūtrāghātastu jāyate bhṛśavedanaḥ
Sind die harnleitenden Kanäle (*mūtravāhinī srotas*) durch einen Fremdkörper (*śalya*) verletzt oder geschädigt worden, so entsteht eine sehr schmerzhafte Harnverhaltung (*mūtrāghāta*).
vātabastestu tulyāni tasya liṅgāni lakṣayet śakṛtastu pratīdhātādvāyurviguṇatāṃ gataḥ
Ihre Zeichen erkenne man als denen des *Vātabasti* gleich. Durch Stauung des Kots (*śakṛt*) gerät der *Vāta* in Unordnung
ādhmānaṃ ca saśūlaṃ ca mūtrasaṅgaṃ karoti hi aśmarīhetukaḥ pūrvaṃ mūtrāghāta udāhṛtaḥ
und erzeugt ein schmerzhaftes Aufblähen sowie eine Harnverhaltung; die durch Blasenstein verursachte Harnverhaltung wurde bereits früher dargelegt.
aśmarī śarkarā caiva tulye saṃbhavalakṣaṇaiḥ śarkarāyā viśeṣaṃ tu śṛṇu kīrtayato mama
*Aśmarī* (Blasenstein) und *Śarkarā* (Griesgrus) sind in ihrer Entstehung und ihren Merkmalen einander gleich; höre nun, wie ich die Besonderheit der *Śarkarā* darlege.
pacyamānasya pittena bhidyamānasya vāyunā śleṣmaṇo'vayavā bhinnāḥ śarkarā iti saṃjñitāḥ
Wird der Schleim (*śleṣman*) durch *Pitta* gekocht und durch *Vāta* zersprengt, so nennt man dessen zersprengte Teilchen *Śarkarā*.
hṛtpīḍā vepathuḥ śūlaṃ kukṣau vahniḥ sudurbalaḥ tābhirbhavati mūrcchā ca mūtrāghātaśca dāruṇaḥ
Herzdruck, Zittern, Stechen, ein im Unterleib brennendes, sehr schwaches Verdauungsfeuer (*vahni*), Ohnmacht sowie eine schlimme Harnverhaltung entstehen durch diese Körner.
mūtraveganirastāsu tāsu śāmyati vedanā yāvadanyā punarnaiti guḍikā srotaso mukham
Werden diese Körner durch den Harndrang ausgestoßen, so lässt der Schmerz nach — bis ein weiteres Körnchen (*guḍikā*) erneut an die Mündung des Kanals gelangt.
śarkarāsaṃbhavasyaitanmūtrāghātasya lakṣaṇam cikitsitamathaiteṣāmaṣṭānāmapi vakṣyate
Dies sind die Merkmale der durch *Śarkarā* entstandenen Harnverhaltung. Nun soll die Behandlung all dieser acht Arten dargelegt werden.
aśmarīṃ ca samāśritya yaduktaṃ prasamīkṣya tat yathādoṣaṃ prayuñjīta snehādimapi ca kramam
Was in Bezug auf *Aśmarī* gesagt wurde, das erwäge man wohl und wende es, dem jeweiligen *Doṣa* entsprechend, an, ebenso das Verfahren, das mit der Ölung (*sneha*) beginnt.
śvadaṃṣṭrāśmabhidau kumbhīṃ hapuṣāṃ kaṇṭakārikām balāṃ śatāvarīṃ rāsnāṃ varuṇaṃ girikarṇikām
*Śvadaṃṣṭrā*, *Aśmabhedā*, *Kumbhī*, *Hapuṣā*, *Kaṇṭakārikā*, *Balā*, *Śatāvarī*, *Rāsnā*, *Varuṇa* und *Girikarṇikā* —
tathā vidārigandhādiṃ saṃhṛtya traivṛtaṃ pacet tailaṃ ghṛtaṃ vā tat peyaṃ tena vā'pyanuvāsanam
— sowie die *Vidārigandhādi*-Gruppe sammle man und koche damit dreifach Öl oder Ghee; dies trinke man, oder man verwende es für ein *Anuvāsana* (öliges Nachklistier).
dadyāduttarabastiṃ ca vātakṛcchropaśāntaye śvadaṃṣṭrāsvarase tailaṃ saguḍakṣīranāgaram
Man verabreiche auch ein *Uttarabasti* (Harnröhren-Klistier) zur Linderung der *vāta*-bedingten *Mūtrakṛcchra*: Öl im Saft der *Śvadaṃṣṭrā*, versetzt mit Melassezucker, Milch und Ingwer (*nāgara*),
paktvā tat pūrvavadyojyaṃ tatrānilarujāpaham tṛṇotpalādikākolīnyagrodhādigaṇaiḥ kṛtam
gekocht wie zuvor, werde dort angewandt — es vertreibt den durch *Vāta* verursachten Schmerz. Ebenso wende man Öl an, bereitet mit den Gruppen *Tṛṇotpalādi*, *Kākolyādi* und *Nyagrodhādi*,
pītaṃ ghṛtaṃ pittakṛcchraṃ nāśayet kṣīrameva vā dadyāduttarabastiṃ ca pittakṛcchropaśāntaye
getrunken vertreibt dieses Ghee die *pitta*-bedingte *Mūtrakṛcchra*, ebenso entsprechend zubereitete Milch. Man verabreiche auch ein *Uttarabasti* zur Linderung der *pitta*-bedingten *Mūtrakṛcchra*.
ebhireva kṛtaḥ snehastrividheṣvapi bastiṣu hitaṃ virecanaṃ cekṣukṣīradrā kṣārasairyutam
Ein mit eben diesen Kräutern bereitetes öliges Mittel (*sneha*) ist auch bei allen drei Arten von *Bastis* (Klistieren) heilsam; ebenso ein Abführmittel (*virecana*), versetzt mit Zuckerrohrsaft, Milch und Rosinensaft.
surasoṣakamustādau varuṇādau ca yat kṛtam tailaṃ tathā yavāgvādi kaphāghāte praśasyate
Öl, das mit der *Surasoṣakamustā*-Gruppe und mit der *Varuṇādi*-Gruppe bereitet ist, sowie Reisschleim (*yavāgū*) und dergleichen, wird bei der durch *Kapha* verursachten Störung empfohlen.
yathādoṣocchrayaṃ kuryādetāneva ca sarvaje phalguvṛścīradarbhāśmasāracūrṇaṃ ca vāriṇā
Bei der durch alle drei *Doṣas* zugleich verursachten Form wende man eben diese Mittel an, entsprechend dem vorherrschenden *Doṣa*; ebenso ein Pulver aus *Phalgu*, *Vṛścīra*, *Darbha* und *Aśmasāra* (Eisenpulver), mit Wasser eingenommen,
surekṣurasadarbhāmbupītaṃ kṛcchrarujāpaham tathā'bhighātaje kuryāt sadyovraṇacikitsitam
getrunken mit *Surā*, Zuckerrohrsaft und *Darbha*-Wasser, vertreibt es den Schmerz der *Mūtrakṛcchra*. Bei der durch Verletzung (*abhighāta*) entstandenen Form wende man die Behandlung für frische Wunden (*sadyovraṇa*) an.
mūtrakṛcchre śakṛjjāte kāryā vātaharī kriyā svedāvagāhāvabhyaṅgabasticūrṇakriyāstathā
Bei der durch Kotstauung entstandenen *Mūtrakṛcchra* sind *vāta*-beseitigende Maßnahmen angezeigt: Schwitzbehandlung (*sveda*), Sitzbad (*avagāha*), Einölung (*abhyaṅga*), Klistier (*basti*) und die Anwendung von Pulvern (*cūrṇa*).
ye tvanye tu tathā kṛcchre tayoḥ proktaḥ kriyāvidhiḥ
Für die übrigen beiden Formen, die durch *Śarkarā* und die durch *Sannipāta* bedingte, gilt bei *Mūtrakṛcchra* dasselbe Behandlungsverfahren, wie es für jene beiden dargelegt wurde.