Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 20: karṇagatarogavijñānīyo Diagnose der Ohrenkrankheiten

Das zwanzigste Kapitel eröffnet den Abschnitt über Ohrenkrankheiten (karṇagataroga) mit einer Aufzählung von achtundzwanzig Erkrankungen: karṇaśūla (Ohrenschmerz), praṇāda (Ohrensausen), bādhirya (Taubheit), kṣveḍa (Ohrenzischen), karṇasrāva (Ausfluss), karṇakaṇḍū (Juckreiz), karṇagūthaka (verhärteter Ohrenschmutz), karṇapratināha (Verstopfung), kṛmikarṇa (Wurmbefall), zwei Formen von vidradhi (Abszess), karṇapāka (Eiterung), pūtikarṇa (übelriechendes Ohr) sowie vier Formen von arśas, sieben von arbuda und vier von śopha (Geschwülste bzw. Schwellungen). Für die Kernkrankheiten werden Entstehung und Leitsymptome knapp beschrieben, meist als Störung des durch die Ohrkanäle (nāḍī, sirā) ziehenden Windes, oft in Verbindung mit kapha oder pitta – etwa das mehrstimmige Ohrensausen bei praṇāda oder das durch ausgetrockneten Schleim verursachte karṇagūthaka. Das Kapitel liefert damit die diagnostische Grundlage für die im folgenden Kapitel dargelegte Behandlung sämtlicher Ohrenleiden.

Die achtundzwanzig Ohrenkrankheiten (karṇagataroga) (Vers 3–16)
NameAnzahlUrsache/Kennzeichen
Karṇaśūla1heftiger Ohrenschmerz durch abweichenden Wind
Praṇāda1Ohrensausen, Wind in den schallleitenden Kanälen
Bādhirya1Taubheit durch Wind und kapha in den Gefäßen
Kṣveḍa1Ohrenzischen durch Anstrengung, trockene/herbe Kost
Karṇasrāva1Eiterausfluss nach Schlag, Untertauchen oder vidradhi
Karṇakaṇḍū1heftiges Jucken durch angesammeltes kapha
Karṇagūthaka1verhärteter Ohrenschmutz, durch pitta ausgetrockneter Schleim
Karṇapratināha1Verstopfung durch verflüssigten, bis zur Nase vordringenden Ohrenschmutz
Kṛmikarṇa1Würmer oder Fliegenbrut im Ohr, das sich schwärzlich verfärbt
Vidradhi2Abszess durch Verletzung/Schlag oder durch doṣa; rötliches Blut, Stechen, Brennen
Karṇapāka1Eiterung mit Fäulnis und Nässe durch erregtes pitta
Pūtikarṇaka1dickflüssiger, übelriechender Ausfluss
Arśas4Ohrwarzen (Merkmale wie im Kapitel nidāna beschrieben)
Karṇārbuda7Ohrgeschwulst
Śopha4Ohrschwellung

athātaḥ karṇagatarogavijñānīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Diagnose der *karṇagataroga* (der Ohrenkrankheiten) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

karṇaśūlaṃ praṇādaśca bādhiryaṃ kṣveḍa eva ca karṇasrāvaḥ karṇakaṇḍūḥ karṇavarcastathaiva ca

*Karṇaśūla* (Ohrenschmerz), *praṇāda* (Ohrensausen), *bādhirya* (Taubheit), *kṣveḍa* (Ohrenzischen), *karṇasrāva* (Ohrenausfluss), *karṇakaṇḍū* (Ohrenjucken) und ebenso *karṇavarcas* (Ohrenschmalzverstopfung) –

kṛmikarṇapratināhau vidra dhirdvividhastathā karṇapākaḥ pūtikarṇastathaivārśaścaturvidham

*kṛmikarṇa* (Ohrwurmbefall) und *pratināha* (Ohrverstopfung), der zweifache *vidradhi* (Abszess), ebenso *karṇapāka* (Ohreiterung), *pūtikarṇa* (übelriechendes Ohr) sowie die vierfache Form der *arśas* (Warzen),

karṇārbudaṃ saptavidhaṃ śophaścāpi caturvidhaḥ ete karṇagatā rogā aṣṭāviṃśatirīritāḥ

*karṇārbuda* (Ohrgeschwulst) in sieben Arten und *śopha* (Schwellung) ebenfalls in vier Arten – dies sind die achtundzwanzig Krankheiten, die den Ohren zugehören.

samīraṇaḥ śrotragato'nyathācaraḥ samantataḥ śūlamatīva karṇayoḥ karoti doṣaiśca yathāsvamāvṛtaḥ sa karṇaśūlaḥ kathito durācaraḥ

Wenn der Wind (*samīraṇa*) sich, von seinem gewöhnlichen Verhalten abweichend, in den Ohren regt, verursacht er von allen Seiten her heftigen Schmerz in beiden Ohren; von den jeweiligen *doṣas* eingehüllt, wird dieser schwer zu behandelnde Zustand *karṇaśūla* genannt.

yadā tu nāḍīṣu vimārgamāgataḥ sa eva śabdābhivahāsu tiṣṭhati śṛṇoti śabdān vividhāṃstadā naraḥ praṇādamenaṃ kathayanti cāmayam

Wenn eben dieser Wind auf einem abweichenden Weg in die schallleitenden Kanäle (*nāḍī*) gerät und dort verweilt, hört der Mensch mancherlei Töne – dann nennt man dieses Leiden *praṇāda*.

sa eva śabdānuvahā yadā sirāḥ kaphānuyāto vyanusṛtya tiṣṭhati tadā narasyāpratikārasevino bhavettu bādhiryamasaṃśayaṃ khalu

Wenn eben dieser Wind, von *kapha* (dem Schleimhumor) begleitet, die schallleitenden Gefäße (*sirā*) durchdringt und dort verharrt, entsteht bei einem Menschen, der keine Gegenmaßnahmen ergreift, ohne Zweifel *bādhirya*.

śramāt kṣayādrū kṣakaṣāyabhojanāt samīraṇaḥ śabdapathe pratiṣṭhitaḥ viraktaśīrṣasya ca śītasevinaḥ karoti hi kṣveḍamatīva karṇayoḥ

Durch Anstrengung, durch Erschöpfung, durch trockene und herbe Nahrung setzt sich der Wind im Schallweg fest; bei jemandem, dessen Kopf entleert wurde und der Kälte pflegt, verursacht er heftiges *kṣveḍa* in beiden Ohren.

śirobhighātādathavā nimajjato jale prapākādathavā'pi vidra dheḥ sravettu pūyaṃ śravaṇo'nilāvṛtaḥ sa karṇasaṃsrāva iti prakīrtitaḥ

Durch einen Schlag auf den Kopf, durch Untertauchen im Wasser oder durch das Reifen eines *vidradhi* fließt Eiter aus dem vom Wind erfüllten Ohr – dies wird *karṇasrāva* genannt.

kaphena kaṇḍūḥ pracitena karṇayorbhṛśaṃ bhavet srotasi karṇasaṃjñite viśoṣite śleṣmaṇi pittatejasā nṛṇāṃ bhavet srotasi karṇagūthakaḥ

Durch angesammeltes *kapha* entsteht heftiges Jucken in beiden Ohren, im sogenannten Ohrkanal; wird der Schleim dort durch die Hitze des *pitta* (des Gallenhumors) ausgetrocknet, entsteht im Ohrkanal des Menschen *karṇagūthaka* (verhärteter Ohrenschmutz).

sa karṇaviṭko dra vatāṃ yadā gato vilāyito ghrāṇamukhaṃ prapadyate tadā sa karṇapratināhasaṃjñito bhavedvikāraḥ śiraso'bhitāpanaḥ

Wenn dieser Ohrenschmutz sich verflüssigt und, aufgelöst, bis zur Nasenöffnung vordringt, entsteht das Leiden, das *karṇapratināha* genannt wird und den Kopf heftig erhitzt.

yadā tu mūrcchantyathavā'pi jantavaḥ sṛjantyapatyānyathavā'pi makṣikāḥ tadañjanatvācchravaṇo nirucyate bhiṣagbhirādyaiḥ kṛmikarṇako gadaḥ

Wenn Würmer im Ohr entstehen oder Fliegen dort ihre Brut absetzen, so dass das Ohr sich wie mit Salbe schwarz färbt, wird dieses Leiden von den alten Ärzten *kṛmikarṇaka* genannt.

kṣatābhighātaprabhavastu vidra dhirbhavettathā doṣakṛto'paraḥ punaḥ saraktapītāruṇamasramāsravet pratodadhūmāyanadāhacoṣavān

Ein *vidradhi* entsteht entweder durch eine Verletzung oder einen Schlag, oder ein anderer entsteht durch die *doṣas*; er lässt rötlich-gelbes bis rotes Blut austreten und geht einher mit stechenden Schmerzen, dem Gefühl von Rauch, Brennen und Saugen.

bhavet prapākaḥ khalu pittakopato vikothavikledakaraśca karṇayoḥ sthite kaphe srotasi pittatejasā vilāyyamāne bhṛśasaṃpratāpavān

Durch Erregung des *pitta* entsteht *karṇapāka*, das in beiden Ohren Fäulnis und Nässe hervorruft; löst sich das im Ohrkanal befindliche *kapha* durch die Hitze des *pitta* auf, kommt es zu heftigem Brennen.

avedano vā'pyathavā savedano ghanaṃ sravet pūti ca pūtikarṇakaḥ pradiṣṭaliṅgānyaraśāṃsi tattvatastathaiva śophārbudaliṅgamīritam mayā purastāt prasamīkṣya yojayedihaiva tāvat prayato bhiṣagvaraḥ

Ob mit oder ohne Schmerz – tritt dickflüssiger, übelriechender Ausfluss aus, ist dies *pūtikarṇaka*. Die Merkmale der *arśas*, wie auch die von *śopha* und *arbuda*, habe ich zuvor bereits wahrheitsgetreu dargelegt; diese soll der vorzügliche, umsichtige Arzt hier sorgfältig erwägen und anwenden.

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