Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 66: doṣabhedavikalpo Die Unterscheidungen der Doṣas

Das sechsundsechzigste und letzte Kapitel des Uttaratantra – und damit der gesamten Suśruta-Saṃhitā – ist als Lehrdialog zwischen Suśruta und seinem Lehrer Divodāsa gestaltet und behandelt, spiegelbildlich zum Rasa-Kapitel, die zweiundsechzig Unterscheidungen und Kombinationen der drei doṣas Vāta, Pitta und Kapha: einzeln, paarweise, dreifach sowie in Zuständen von Verminderung (kṣaya) und Erhöhung. Kurze Angaben zu sechzehn kalās (Körperbestandteilen), elf prāṇas (Lebenskräften), 1120 Krankheiten und 573 Heilsubstanzen fassen zentrale Zahlenlehren der Saṃhitā noch einmal zusammen. Ein knapper Grundsatz bringt die gesamte Therapielehre auf den Punkt: Der Arzt ist der Handelnde, die rasas sind das Mittel, die doṣas die Ursache, Gesundheit (ārogya) das einzige Ziel. Das Kapitel schließt mit einem Kolophon, das das Uttaratantra als sechsundsechzig Kapitel umfassendes, vollständiges Werk bezeichnet, sowie mit dem Versprechen, dass dem, der es studiert, nichts vom Sinn des Gelesenen entgehen werde.

athāto doṣabhedavikalpamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Unterscheidungen und Abwandlungen der *doṣas* (der drei Körpersäfte Vāta, Pitta und Kapha) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

aṣṭāṅgavedavidvāṃsaṃ divodāsaṃ mahaujasam chinnaśāstrārthasaṃdehaṃ sūkṣmāgādhāgamodadhim

Divodāsa, den Kenner des *aṣṭāṅgaveda* (des achtgliedrigen Wissenswerks der Heilkunde), den Hochgewaltigen, der alle Zweifel am Sinn der Lehre zerstreut hatte, den Feinsinnigen, gleich einem unergründlichen Ozean der überlieferten Lehre,

viśvāmitrasutaḥ śrīmān suśrutaḥ paripṛcchati dviṣaṣṭirdoṣabhedā ye purastātparikīrtitāḥ

befragte der glückhafte Suśruta, der Sohn des Viśvāmitra: 'Die zweiundsechzig Unterscheidungen der *doṣas*, die zuvor verkündet wurden —

kati tatraikaśo jñeyā dviśo vā'pyathavā triśaḥ tasya tadvacanaṃ śrutvā saṃśayacchinmahātapāḥ

wie viele davon sind einzeln, wie viele zu zweit und wie viele zu dritt zu erkennen?' Nachdem er, der große Asket und Zerstreuer der Zweifel, diese Worte gehört hatte,

prītātmā nṛpaśārdūlaḥ suśrutāyāha tattvataḥ trayo doṣā dhātavaśca purīṣaṃ mūtrameva ca

sprach er, der Königstiger, mit frohem Herzen wahrheitsgemäß zu Suśruta: 'Die drei *doṣas*, die *dhātus* (Körpergewebe) sowie *purīṣa* (Stuhl) und *mūtra* (Harn) —

dehaṃ sandhārayantyete hyavyāpannā rasairhitaiḥ puruṣaḥ ṣoḍaśakalaḥ prāṇāścaikādaśaiva ye

diese erhalten, solange sie durch zuträgliche *rasas* (Nährsäfte) unversehrt bleiben, den Körper aufrecht. Der Mensch besteht aus sechzehn *kalās* (Bestandteilen), und die *prāṇas* (Lebenskräfte) sind gerade elf an der Zahl.

rogāṇāṃ tu sahasraṃ yacchataṃ viṃśatireva ca śataṃ ca pañca dra vyāṇāṃ trisaptatyadhikottaram

Der Krankheiten aber gibt es eintausendeinhundertzwanzig, und der *dravyas* (Heilsubstanzen) fünfhundertdreiundsiebzig.

vyāsataḥ kīrtitaṃ taddhi bhinnā doṣāstrayo guṇāḥ dviṣaṣṭidhā bhavantyete bhūyiṣṭamiti niścayaḥ

Dies wurde ausführlich dargelegt. Die drei *doṣas*, nach ihren *guṇas* (Eigenschaften) unterschieden, treten in zweiundsechzig Abwandlungen auf — dies ist die feststehende Höchstzahl.

traya eva pṛthak doṣā dviśo nava samādhikaiḥ trayodaśādhikaikadvisamamadhyolbaṇaistriśaḥ

Drei sind die *doṣas* je für sich allein gestört; zu zweit ergeben sich neun, wenn man die verschieden gesteigerten Anteile hinzunimmt; dreizehn kommen als dreifache hinzu, gebildet aus einfach, zweifach, gleichmäßig, mittel und stark erhöhten Anteilen.

pañcāśadevaṃ tu saha bhavanti kṣayamāgataiḥ kṣīṇamadhyādhikakṣīṇakṣīṇavṛddhaistathā'paraiḥ

So kommen, zusammen mit den in *kṣaya* (Verminderung) geratenen — vermindert-mittel-erhöht, vermindert-vermindert, vermindert-vermehrt und den übrigen —, insgesamt fünfzig zusammen.

dvādaśaivaṃ samākhyātāstrayo doṣā dviṣaṣṭidhā miśrā dhātumalairdoṣā yāntyasaṃkhyeyatāṃ punaḥ

So werden zwölf weitere aufgezählt; auf diese Weise werden die drei *doṣas* zweiundsechzigfach benannt. Vermischt mit den *dhātus* und *malas* (Ausscheidungsstoffen) aber werden die *doṣas* wiederum unzählbar.

tasmāt prasaṅgaṃ saṃyamya doṣabhedavikalpanaiḥ rogaṃ viditvopacaredra sabhedairyathairitaiḥ

Deshalb soll man, die Weitschweifigkeit zügelnd, mittels dieser Unterscheidungen und Abwandlungen der *doṣas* die Krankheit erkennen und sie sodann nach den genannten Unterschieden der Heilmittel behandeln.

bhiṣak kartā'tha karaṇaṃ rasā doṣāstu kāraṇam kāryamārogyamevaikamanārogyamato'nyathā

Der *bhiṣak* (Arzt) ist der Handelnde, die *rasas* sind das Mittel, die *doṣas* aber die Ursache; das einzige zu bewirkende Ziel ist die *ārogya* (Gesundheit) — alles andere ist Krankheit.

adhyāyānāṃ tu ṣaṭṣaṣṭyā grathitārthapadakramam evametadaśeṣeṇa tantramuttaramṛddhimat

So wurde dieses *uttaratantra* (der abschließende Lehrteil des Werkes), reich an Gehalt, mit sechsundsechzig Kapiteln, in denen Sinn und Wortfolge kunstvoll verknüpft sind, vollständig dargelegt.

spaṣṭagūḍhārthavijñānamagāḍhamandacetasām yathāvidhi yathāpraśnaṃ bhavatāṃ parikīrtitam

Das Verständnis des Klaren wie des Verborgenen wurde euch, auch für die, deren Geist nicht tief und nicht scharf ist, vorschriftsmäßig und euren Fragen entsprechend verkündet.

sahottaraṃ tvetadadhītya sarvaṃ brāhmaṃ vidhānena yathoditena na hīyate'rthānmanaso'bhyupetādetadvaco brāhmatīva satyam

Wer dieses ganze Werk samt dem *uttaratantra* gemäß der dargelegten Vorschrift studiert, dem entgeht kein Sinn, den sein Geist sich anzueignen sucht; dieses Wort ist wahr wie das *brāhma* (die von Brahmā stammende heilige Uroffenbarung) selbst.

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