Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 38: yonivyāpatpratiṣedho Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane (Yoni)

Das 38. Kapitel behandelt die yonivyāpad, die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, und eröffnet damit einen gynäkologischen Abschnitt des Uttaratantra. Nach einer knappen Ätiologie – ungünstiges Sexualverhalten, verdorbenes Menstrualblut (ārtava), ein Fehler des Keims (bīja) oder Schicksal – zählt der Text systematisch zwanzig Yoni-Störungen auf, jeweils vier für die drei Doṣas Vāta, Pitta und Kapha, vier tridoṣische und weitere Sonderfälle wie udāvartā, vandhyā (Unfruchtbarkeit), karṇinī (ein Auswuchs in der Yoni) oder die übermäßig weite (mahatī) beziehungsweise enge (sūcīvaktrā) Yoni; fünf gelten als unheilbar. Die Behandlung folgt dem jeweiligen Doṣa und reicht von Ölung, Dampfbähungen (kumbhīsveda) und medizinischen Tampons (veśavāra) bis zu uttarabasti-Einläufen und Räucherungen. Das Kapitel schließt mit einem Verweis auf bereits behandelte Themen – Samen- und Menstrualstörungen, Brusterkrankungen, Impotenz, fehllagenden Keim – und leitet zur Behandlung der Wöchnerin über.

Die zwanzig Yoni-Erkrankungen (yonivyāpad) (Vers 6–20)
NameDoṣaKennzeichen
UdāvartāvātaMenstrualblut geht schaumig und nur unter Beschwerden ab
VandhyāvātaMenstruation erloschen; Unfruchtbarkeit
Viplutāvātaständige Schmerzen
Pariplutāvātaheftige Schmerzen beim ehelichen Verkehr
Vātalāvātarau, starr, stechende und bohrende Schmerzen
Rudhirakṣarāpittabeständiger Blutfluss unter Brennen
Vāminīpittastößt mit Wind Samen aus, vermischt mit Menstrualblut
Sraṃsinīpittasondert bei Erregung Flüssigkeit ab, erschwert die Geburt
Putraghnīpittatötet durch anhaltenden Blutfluss den eingenisteten Keim
Pittalāpittastarkes Brennen, Eiterung, Fieber
Atyānandākaphafindet beim Beischlaf keine Befriedigung, kommt vor dem Mann zum Ende
Karṇinīkaphakleiner Auswuchs (karṇikā) in der Yoni, aus kapha und Blut
Śleṣmalākaphaschleimig, juckend, übermäßig kalt
Ṣaṇḍākaphaunentwickelte Brüste, keine Menstruation, raue Yoni
Phalinīkaphaentsteht bei junger Frau mit übermäßiger Körperfülle
(zwei unbenannte kapha-Formen)kaphaeine ohne Beteiligung am Beischlaf, endet vor dem Mann; eine wird trotz häufigen Verkehrs nicht schwanger
Mahatītridoṣajaübermäßig weite, offene Yoni
Sūcīvaktrātridoṣajaübermäßig enge Yoni
Sarvajātridoṣajazeigt die Zeichen aller drei doṣas zugleich
Fünf der aus allen drei doṣas entstandenen Formen gelten laut Text als unheilbar (Vers 20).

athāto yonivyāpatpratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir die Behandlung der *yonivyāpad* (Erkrankungen der Yoni, das heißt der weiblichen Geschlechtsorgane) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach einst der erhabene Dhanvantari:

pravṛddhaliṅgaṃ puruṣaṃ yā'tyarthamupasevate rūkṣadurbalabālā yā tasyā vāyuḥ prakupyati

Eine Frau, die *rūkṣā* (ausgetrocknet, mager), schwach oder noch ein junges Mädchen ist und sich übermäßig mit einem Mann von stark vergrößertem Glied vereinigt – bei ihr gerät der *vāta* (der Wind-*doṣa*, einer der drei Körpersäfte) in Erregung.

sa duṣṭo yonimāsādya yonirogāya kalpate trayāṇāmapi doṣāṇāṃ yathāsvaṃ lakṣaṇena tu

Dieser verdorbene *vāta* setzt sich in der Yoni fest und führt zu einer Yoni-Erkrankung; ebenso verhält es sich mit allen drei *doṣas* – jeweils entsprechend den ihm eigenen Merkmalen.

viṃśatirvyāpado yonernirdiṣṭā rogasaṃgrahe mithyācāreṇa yāḥ strīṇāṃ praduṣṭenārtavena ca

Zwanzig Störungen der Yoni werden in der Krankheitssammlung genannt, die bei Frauen durch falsches Verhalten und durch verdorbenes *ārtava* (Menstrualblut) entstehen,

jāyante bījadoṣācca daivācca śṛṇu tāḥ pṛthak udāvartā tathā vandhyā viplutā ca pariplutā

sowie durch einen Fehler des *bīja* (der Keim- bzw. Samensubstanz) und durch Schicksal (*daiva*). Höre sie nun einzeln: *udāvartā*, *vandhyā*, *viplutā* und *pariplutā*,

vātalā ceti vātotthāḥ pittotthā rudhirakṣarā vāminī sraṃsinī cāpi putraghnī pittalā ca yā

dazu *vātalā* – dies sind die durch *vāta* entstandenen. Von *pitta* (dem Feuer-*doṣa*) rühren her: *rudhirakṣarā*, *vāminī*, *sraṃsinī*, ferner *putraghnī* und *pittalā*.

atyānandā ca yā yoniḥ karṇinī caraṇādvayam śleṣmalā ca kaphājjñeyā ṣaṇḍākhyā phalinī tathā

*Atyānandā*, *karṇinī* und das Paar der durch gestörtes Verhalten beim Beischlaf entstehenden Leiden gehören zu den durch *kapha* (den Schleim-*doṣa*) verursachten, ebenso *śleṣmalā*; dazu kommen die als *ṣaṇḍā* bezeichnete und *phalinī*.

mahatī sūcivaktrā ca sarvajeti tridoṣajā saphenilamudāvartā rajaḥ kṛcchreṇa muñcati

*Mahatī*, *sūcivaktrā* und die *sarvajā* genannte entstehen aus allen drei *doṣas* zugleich (*tridoṣaja*). Bei *udāvartā* geht das Menstrualblut schaumig und nur unter Beschwerden ab.

vandhyāṃ naṣṭārtavāṃ vidyādviplutāṃ nityavedanām pariplutāyāṃ bhavati grāmyadharme rujā bhṛśam

Man erkennt *vandhyā* daran, dass das *ārtava* erloschen ist; *viplutā* an ständigen Schmerzen; bei *pariplutā* treten beim *grāmyadharma* (dem ehelichen Verkehr) heftige Schmerzen auf.

vātalā karkaśā stabdhā śūlanistodapīḍitā catasṛṣvapi cādyāsu bhavantyanilavedanāḥ

*Vātalā* ist rau, starr und von stechenden, bohrenden Schmerzen geplagt; auch bei den vier zuvor genannten Leiden treten windbedingte Schmerzen auf.

sadāhaṃ prakṣaratyasraṃ yasyāṃ sā lohitakṣarā savātamudgiredbījaṃ vāminī rajasā yutam

Diejenige, aus der beständig unter Brennen Blut fließt, ist *rudhirakṣarā*; *vāminī* stößt zusammen mit Wind Samen aus, vermischt mit Menstrualblut.

prasraṃsinī syandate tu kṣobhitā duḥprasūśca yā sthitaṃ sthitaṃ hanti garbhaṃ putraghnī raktasaṃsravāt

*Sraṃsinī* sondert bei Erregung Flüssigkeit ab und erschwert die Geburt; *putraghnī* tötet durch anhaltenden Blutfluss immer wieder den bereits eingenisteten Keim.

atyarthaṃ pittalā yonirdāhapākajvarānvitā catasṛṣvapi cādyāsu pittaliṅgocchrayo bhavet

Die Yoni der *pittalā* ist von starkem Brennen, Eiterung und Fieber begleitet; auch bei den vier zuvor genannten Leiden steigern sich die Zeichen von *pitta*.

atyānandā na santoṣaṃ grāmyadharmeṇa gacchati karṇinyāṃ karṇikā yonau śleṣmāsṛgbhyāṃ prajāyate

*Atyānandā* findet beim *grāmyadharma* keine Befriedigung; bei *karṇinī* bildet sich in der Yoni ein kleiner Auswuchs (*karṇikā*), entstanden aus *kapha* und Blut.

maithune'caraṇā pūrvaṃ puruṣādatiricyate bahuśaścāticaraṇādanyā bījaṃ na vindati

Die eine beteiligt sich nicht am Beischlaf und kommt vor dem Mann zum Ende; eine andere gelangt durch allzu häufiges, übermäßiges Verhalten nicht zur Empfängnis.

śleṣmalā picchilā yoniḥ kaṇḍūyuktā'tiśītalā catasṛṣvapi cādyāsu śleṣmaliṅgocchritirbhavet

Die Yoni der *śleṣmalā* ist schleimig, juckend und übermäßig kalt; auch bei den vier zuvor genannten Leiden steigern sich die Zeichen von *kapha*.

anārtavastanā ṣaṇḍī kharasparśā ca maithune atikāyagṛhītāyāstaruṇyāḥ phalinī bhavet

*Ṣaṇḍī* hat unentwickelte Brüste und keine Menstruation und ist beim Beischlaf rau anzufassen; *phalinī* entsteht bei einer jungen Frau, die von übermäßiger Körperfülle befallen ist.

vivṛtā'timahāyoniḥ sūcīvaktrā'tisaṃvṛtā sarvaliṅgasamutthānā sarvadoṣaprakopajā

*Mahatī* ist die übermäßig weite, offene Yoni; *sūcīvaktrā* die übermäßig enge; die *sarvajā* zeigt die Zeichen aller *doṣas* zugleich, da sie aus deren gemeinsamer Erregung entsteht.

catasṛṣvapi cādyāsu sarvaliṅgocchritirbhavet pañcāsādhyā bhavantīmā yonayaḥ sarvadoṣajāḥ

Auch bei diesen vieren steigern sich die Zeichen aller *doṣas*; fünf dieser aus allen *doṣas* entstandenen Yoni-Leiden sind unheilbar (*asādhya*).

pratidoṣaṃ tu sādhyāsu snehādikrama iṣyate dadyāduttarabastīṃśca viśeṣeṇa yathoditān

Bei den heilbaren Leiden hingegen wird eine dem jeweiligen *doṣa* entsprechende Behandlung empfohlen, beginnend mit der Ölung (*sneha*); man verabreiche insbesondere die genannten *uttarabasti* (medizinische Einläufe in die Gebärmutter), wie vorgeschrieben.

karkaśāṃ śītalāṃ stabdhāmalpasparśāṃ ca maithune kumbhīsvedairupacaret sānūpaudakasaṃyutaiḥ

Die Yoni, die rau, kalt, starr und beim Geschlechtsverkehr wenig empfindungsfähig ist, behandle man mit *kumbhīsveda* (Dampfbähungen aus einem Tontopf) unter Verwendung von Sumpf- und Wasserpflanzen.

madhurauṣadhasaṃyuktān veśavārāṃśca yoniṣu nikṣipeddhārayeccāpi picutailamatandri taḥ

Unermüdlich lege man mit süßen Heilmitteln versetzte *veśavāra* (Tampons) in die Yoni ein und halte sie dort, ebenso ölgetränkte Wickel (*picutaila*).

dhāvanāni ca pathyāni kurvītāpūraṇāni ca oṣacoṣānvitāsūktaṃ kuryācchītaṃ vidhiṃ bhiṣak

Auch nützliche Waschungen (*dhāvana*) und Auspolsterungen (*āpūraṇa*) soll man vornehmen; bei Zuständen, die von Brennen begleitet sind, wende der Arzt die vorgeschriebene kühlende Behandlung an.

durgandhāṃ picchilāṃ cāpi cūrṇaiḥ pañcakaṣāyajaiḥ pūrayedrā javṛkṣādikaṣāyaiścāpi dhāvanam

Die übelriechende und schleimige Yoni fülle man mit Pulvern (*cūrṇa*) aus den fünf adstringierenden Mitteln (*pañcakaṣāya*) und wasche sie auch mit einem Absud aus *rājavṛkṣa* und ähnlichen Pflanzen.

yonyāṃ tu pūyasrāviṇyāṃ śodhanadra vyasaṃbhṛtaiḥ sagomūtraiḥ salavaṇaiḥ śodhanaṃ hitamiṣyate

Bei einer Yoni, die Eiter absondert, ist eine Reinigung (*śodhana*) mit reinigenden Substanzen, versetzt mit Kuhurin (*gomūtra*) und Salz, als heilsam zu empfehlen.

bṛhatīphalakalkasya dviharidrā yutasya ca kaṇḍūmatīmalpasparśāṃ pūrayeddhūpayettathā

Die juckende und wenig empfindungsfähige Yoni fülle man mit einer Paste (*kalka*) aus der Frucht der *bṛhatī*, verbunden mit den beiden Kurkumasorten, und beräuchere sie ebenso.

vartiṃ pradadyāt karṇinyāṃ śodhanadra vyasaṃbhṛtām prasraṃsinīṃ ghṛtābhyaktāṃ kṣīrasvinnāṃ praveśayet

Bei *karṇinī* lege man einen mit reinigenden Substanzen versetzten Medikamentenstab (*varti*) ein; bei *sraṃsinī* führe man die Gebärmutter, mit *ghṛta* (geklärter Butter) eingerieben und mit Milch bedampft, wieder ein.

pidhāya veśavāreṇa tato bandhaṃ samācaret pratidoṣaṃ vidadhyācca surāriṣṭāsavān bhiṣak

Nachdem man sie mit einem *veśavāra* bedeckt hat, lege man anschließend einen Verband an; und der Arzt verordne, dem jeweiligen *doṣa* entsprechend, *surā*, *ariṣṭa* und *āsava* (verschiedene fermentierte Arzneizubereitungen).

prātaḥ prātarniṣeveta rasonāduddhṛtaṃ rasam kṣīramāṃsarasaprāyamāhāraṃ vidadhīta ca

Jeden Morgen nehme man den ausgepressten Saft von *rasona* (Knoblauch) zu sich, und man verordne eine Kost, die überwiegend aus Milch und Fleischbrühe besteht.

śukrārtavādayo doṣāḥ stanarogāśca kīrtitāḥ klaibyasthānāni mūḍhasya garbhasya vidhireva ca

Die Störungen von Samen und Menstrualblut sowie die Brusterkrankungen sind bereits dargelegt worden, ebenso die Ursachen der Impotenz (*klaibya*) und die Behandlung des fehlliegenden Keimes (*mūḍhagarbha*).

garbhiṇīpratirogeṣu cikitsā cāpyudāhṛtā sarvathā tāṃ prayuñjīta yonivyāpatsu buddhimān apaprajātārogāṃśca cikitseduttarādbhiṣak

Auch die Behandlung der Krankheiten einer Schwangeren wurde bereits dargelegt; diese soll der kluge Arzt in jeder Hinsicht auch bei den *yonivyāpad* anwenden. Und im Anschluss daran behandle der Arzt die Krankheiten der Wöchnerin (*apaprajātā*, einer Frau kurz nach der Entbindung).

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