Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 62: unmādapratiṣedho Behandlung des Wahnsinns (Unmāda)

Das zweiundsechzigste Kapitel behandelt unmāda, die Geistesstörung, definiert als „Berauschung“ des Geistes durch außer Kontrolle geratene doṣas. Fünf Formen – nach vāta, pitta, kapha, deren Kombination und seelischem Leid (durch Schreck, Verlust oder unerfüllte Liebe) – sowie eine sechste, durch Gift verursachte, werden mit ihren jeweiligen Symptomen beschrieben; ein frühes, mildes Stadium trägt den Namen Madā. Die Behandlung reicht von Ölung, Schwitzen und reinigenden Verfahren über Nasentropfen, Räucherungen mit verfaultem Fleisch und Aderlass bis zu einer bemerkenswerten Schocktherapie: Der Kranke wird erschreckt, mit Peitschen bedroht, gefesselt, mit Feuer oder Wasser geängstigt oder zeitweise in einem Brunnen untergebracht, um die geistige Verwirrung zu durchbrechen. Ergänzend werden Kräuterstäbchen für Nasal- und Augenanwendungen genannt und, wie bei apasmāra, auf die Rezepturen der Grahas verwiesen. Bei der kummerbedingten Form soll der Arzt gezielt den „Stachel des Kummers“ beseitigen.

DIE FORMEN DER GEISTESSTÖRUNG (UNM&256;DA) (Vers 6–13)
FormKennzeichen
vātajaraue Haut und Stimme, Atemnot, Frösteln, Abmagerung, zuckende Gelenke; klatscht, wandert umher, singt, tanzt, schreit
pittajaübermäßiger Durst, Schweiß, Brennen, starkes Essen, Schlaflosigkeit; sucht Schatten und Kälte, fürchtet Feuer, sieht Sterne bei Tag
kaphajaErbrechen, geschwächtes Verdauungsfeuer, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, Husten; sucht Frauengesellschaft in Abgeschiedenheit, sehr schlafsüchtig, wortkarg
sānnipātikavāta, pitta und kapha gemeinsam erregt, mit den jeweils eigenen Krankheitszeichen
durch seelisches Leidausgelöst durch Schreck, Verlust von Reichtum/Verwandten oder unerfüllte Liebe; wirres Reden, Lachen und Weinen ohne Bewusstsein
durch Giftwirres Reden, gerötete Augen, gebrochene Kraft, fahles Gesicht – kann tödlich enden

athāta unmādapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Abwehr des *unmāda* (Geistesstörung, Wahnsinn) darlegen.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

madayantyuddhatā doṣā yasmādunmārgamāśritāḥ mānaso'yamato vyādhirunmāda iti kīrtitaḥ

Weil die erregten, aus der Bahn geratenen *doṣa* (Körpersäfte) den Geist berauschen, wird diese geistige Krankheit als '*unmāda*' bezeichnet.

ekaikaśaḥ samastaiśca doṣairatyarthamūrcchitaiḥ mānasena ca duḥkhena sa pañcavidha ucyate

Durch die überaus erregten *doṣa*, sei es einzeln oder zusammen, sowie durch seelisches Leid entsteht sie; man unterscheidet fünf Arten davon.

viṣādbhavati ṣaṣṭhaśca yathāsvaṃ tatra bheṣajam sa cāpravṛddhastaruṇo madasaṃjñāṃ bibharti ca

Eine sechste Art entsteht durch Gift; für jede gilt die ihr entsprechende Heilbehandlung. Solange die Krankheit noch nicht ausgereift, sondern jung ist, trägt sie die Bezeichnung 'Madā' (Rausch).

mohodvegau svanaḥ śrotre gātrāṇāmapakarṣaṇam atyutsāho'ruciścānne svapne kaluṣabhojanam

Verwirrung und Erregung, Ohrensausen, Erschlaffung der Glieder, übermäßiger Tatendrang, Appetitlosigkeit sowie im Traum trübes Essen –

vāyunonmathanaṃ cāpi bhramaścakragatasya vā yasya syādacireṇaiva unmādaṃ so'dhigacchati

Aufwühlung durch *vāta* (Wind) und Schwindel wie beim Drehen eines Rades: wen dies befällt, der wird binnen kurzer Zeit von *unmāda* ergriffen werden.

rūkṣacchaviḥ paruṣavāgdhamanītato vā śītāturaḥ kṛśatanuḥ sphuritāṅgasandhiḥ āsphoṭayatyaṭati gāyati nṛtyaśīlo vikrośati bhramati cāpyanilaprakopāt

Rauhe Haut, raue Stimme, Atemnot, Frösteln, ein abgemagerter Körper mit zuckenden Gelenken; er klatscht mit den Armen, wandert umher, singt, tanzt gern, schreit laut und irrt umher – so bei der durch *vāta*-Erregung verursachten Form.

tṛṭsvedadāhabahulo bahubhugvinidra śchāyāhimānilajalāntavihārasevī tīkṣṇo himāmbunicaye'pi sa vahniśaṅkī pittāddivā nabhasi paśyati tārakāśca

Übermäßiger Durst, Schweiß und Brennen, starkes Essen und Schlaflosigkeit; er hält sich gerne im Schatten, in Kälte, im Wind und bei Wasser auf, ist heftig gereizt, fürchtet selbst inmitten von Schnee und Wasser das Feuer und meint bei Tag am Himmel Sterne zu sehen – so bei der durch *pitta* (Feuerprinzip) verursachten Form.

chardyagnisādasadanārucikāsayukto yoṣidviviktaratiralpamatipracāraḥ nidrā paro'lpakathano'lpabhuguṣṇasevī rātrau bhṛśaṃ bhavati cāpi kaphaprakopāt

Erbrechen, geschwächtes Verdauungsfeuer, Mattigkeit, Appetitlosigkeit und Husten kennzeichnen ihn; er sucht die Gesellschaft von Frauen in der Abgeschiedenheit, ist wenig aktiv, sehr schlafsüchtig, redet wenig, isst wenig, hält sich gern in der Wärme auf und wird des Nachts besonders stark – so bei der durch *kapha* (Schleimprinzip) verursachten Form.

sarvātmake pavanapittakaphā yathāsvaṃ saṃharṣitā iva ca liṅgamudīrayanti

Bei der Form, die alle *doṣa* zugleich betrifft, treten *vāta*, *pitta* und *kapha*, gleichsam gemeinsam erregt, mit den ihnen jeweils eigenen Krankheitszeichen hervor.

caurairnarendra puruṣairaribhistathā'nyairvitrāsitasya dhanabāndhavasaṃkṣayādvā gāḍhaṃ kṣate manasi ca priyayā riraṃsorjāyeta cotkaṭataro manaso vikāraḥ

Bei jemandem, der durch Diebe, Häscher des Königs, Feinde oder andere in Schrecken versetzt wurde, oder durch den Verlust von Reichtum und Verwandten, oder wenn das Gemüt durch eine geliebte Frau, nach der er sich sehnt, tief verletzt ist, entsteht eine besonders heftige Störung des Geistes.

citraṃ sa jalpati manonugataṃ visaṃjño gāyatyatho hasati roditi mūḍhasaṃjñaḥ raktekṣaṇo hatabalendri yabhāḥ sudīnaḥ śyāvānano viṣakṛte'tha bhavet parāsuḥ

Wirres, seinen Gedanken folgendes Zeug redet er, ohne Bewusstsein singt er, lacht und weint, verwirrten Sinnes; mit geröteten Augen, gebrochener Kraft und Sinnestätigkeit, sehr elend, mit fahlem Gesicht – so bei der durch Gift verursachten Form, die auch tödlich enden kann.

snigdhaṃ svinnaṃ tu manujamunmādārtaṃ viśodhayet tīkṣṇairubhayatobhāgaiḥ śirasaśca virecanaiḥ

Nachdem man den von *unmāda* geplagten Menschen mit Öl behandelt und zum Schwitzen gebracht hat, reinige man ihn mit scharfen, von beiden Seiten wirkenden Mitteln sowie mit kopfreinigenden Abführmitteln.

vividhairavapīḍaiśca sarṣapasnehasaṃyutaiḥ yojayitvā tu taccūrṇaṃ ghrāṇe tasya prayojayet

Mit mancherlei Nasentropfen (*avapīḍa*), versetzt mit Senföl, behandle man ihn; und ein entsprechendes Pulver wende man an seiner Nase an.

satataṃ dhūpayeccainaṃ śvagomāṃsaiḥ supūtibhiḥ sarṣapānāṃ ca tailena nasyābhyaṅgau hitau sadā

Beständig beräuchere man ihn mit stark verfaultem Hunde- und Rinderfleisch; mit Senföl sind *nasya* (Nasalia) und *abhyaṅga* (Einreibung) stets heilsam.

darśayedadbhutānyasya vadennāśaṃ priyasya vā bhīmākārairnarairnāgairdāntairvyālaiśca nirviṣaiḥ

Man zeige ihm Erstaunliches oder kündige ihm den Tod eines geliebten Menschen an; man erschrecke ihn mit furchterregend gestalteten Männern, mit Elefanten, mit gezähmten, aber giftlosen Schlangen,

bhīṣayet saṃyataṃ pāśaiḥ kaśābhirvā'tha tāḍayet yantrayitvā suguptaṃ vāṃ trāsayettaṃ tṛṇāgninā

man fessle und ängstige ihn, oder schlage ihn mit Peitschen; nachdem man ihn sicher gefesselt hat, erschrecke man ihn mit Strohfeuer,

jalena tarjayedvā'pi rajjughātairvibhāvayet balavāṃścāpi saṃrakṣet jale'ntaḥ parivāsayet pratudedārayā cainaṃ marmāghātaṃ vivarjayet veśmano'ntaḥ praviśyainaṃ rakṣaṃstadveśma dīpayet

oder bedrohe ihn mit Wasser, oder schrecke ihn mit Peitschenhieben aus Seilen auf; dabei bewahre man ihn, obgleich er kräftig ist, vor Schaden; man lasse ihn im Wasser verweilen und steche ihn mit einer Ahle, doch vermeide man dabei die lebenswichtigen Stellen (marman); nachdem man ihn in ein Haus geführt hat, zünde man, während man ihn bewacht, dieses Haus an.

sāpidhāne jaratkūpe satataṃ vā nivāsayet tryahāttryahādyavāgūśca tarpaṇān vā pradāpayet

Oder man lasse ihn beständig in einem alten, mit Deckel verschlossenen Brunnen verweilen; alle drei Tage gebe man ihm dünnen Reisschleim (*yavāgū*) oder stärkende Getränke (*tarpaṇa*).

kevalānambuyuktān vā kulmāṣān vā bahuśrutaḥ hṛdyaṃ yaddīpanīyaṃ ca tatpathyam tasya bhojayet

Der Kundige gebe ihm entweder bloßes, mit Wasser versetztes Bohnengericht zu essen, oder was herzstärkend, verdauungsanregend und ihm zuträglich ist.

--brāhmīmaindrīṃ viḍaṅgāni vyoṣaṃ hiṅgu surāṃ jaṭām viṣaghnīṃ laśunaṃ rāsnāṃ viśalyāṃ surasāṃ vacām

Brāhmī, Maindrī, Viḍaṅga, die drei Scharfstoffe, Asafoetida, Wein, Jaṭā, Viṣaghnī, Knoblauch, Rāsnā, Viśalyā, Surasā und Kalmus,

jyotiṣmatīṃ nāgaraṃ ca anantāmabhayāṃ tathā saurāṣṭrīṃ ca samāṃśāni gajamūtreṇa peṣayet

Jyotiṣmatī, getrockneten Ingwer, Anantā sowie Abhayā und Saurāṣṭrī zu gleichen Teilen zerreibe man mit Elefantenurin.

chāyāviśuṣkāstadvartīryojayedvidhikovidaḥ avapīḍe'ñjane'bhyaṅge nasye dhūme pralepane

Die daraus im Schatten getrockneten Stäbchen wende der in der Methode Erfahrene an: als Nasentropfen, Augensalbe, Einreibung, *nasya*, Räucherung und Salbenauflage (*pralepana*),

uropāṅgalalāṭeṣu sirāścāsya vimokṣayet apasmārakriyāṃ cāpi grahoddiṣṭāṃ ca kārayet

an Brust, Gliedern und Stirn; auch eröffne man ihm die Venen (*sirā*). Man führe zudem die Behandlung durch, wie sie bei *apasmāra* sowie bei den Grahas dargelegt ist.

śāntadoṣaṃ viśuddhaṃ ca snehabastibhirācaret unmādeṣu ca sarveṣu kuryāccittaprasādanam mṛdupūrvāṃ made'pyevaṃ kriyāṃ mṛdvīṃ prayojayet

Ist der *doṣa* besänftigt und der Kranke gereinigt, behandle man ihn mit öligen Klistieren (*sneha-basti*); bei allen Formen von *unmāda* bemühe man sich um Beruhigung des Geistes. Auch bei der Madā wende man ebenso eine zunächst milde, sanfte Behandlung an.

śokaśalyaṃ vyapanayedunmāde pañcame bhiṣak viṣaje mṛdupūrvāṃ ca viṣaghnīṃ kārayet kriyām

Bei der fünften Art von *unmāda*, der durch Kummer verursachten, entferne der Arzt den 'Stachel des Kummers' (*śokaśalya*); bei der durch Gift entstandenen wende er zunächst eine milde, dann eine giftvertreibende Behandlung an.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks