athāte nayanābhighātapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Behandlung des *nayanābhighāta* (der Augenverletzung durch ein Trauma) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das neunzehnte Kapitel behandelt zunächst die Verletzung des Auges durch ein Trauma (nayanābhighāta): mit Nasenmitteln, Einreibungen, Besprengungen und dem sättigenden Augenbad soll rasch gegen Schmerz und Entzündung vorgegangen werden, wobei die Prognose von der Zahl der betroffenen Augenhäute (paṭala) abhängt – bis hin zur manuellen Reposition eines herausgetretenen Auges durch Atemtechniken. Ein zweiter Abschnitt widmet sich kukūṇaka, einer durch verdorbene Muttermilch sowie die doṣas verursachten Augenlidentzündung bei Säuglingen, bei der neben Aderlass und operativem Ausschaben auch die Mutter mitbehandelt und mit Vacā versorgt wird; zahlreiche Augensalben aus Kampfer, Muschelasche, Süßholz und Mangoblättern werden für das Kind empfohlen. Das Kapitel – und damit der augenheilkundliche Teil des Uttaratantra – schließt mit reflektierenden Versen über die unergründliche Tiefe der Heilkunst, die sich selbst in tausend Versen nicht erschöpfend darstellen lasse.
athāte nayanābhighātapratiṣedhaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Behandlung des *nayanābhighāta* (der Augenverletzung durch ein Trauma) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari es einst dargelegt hat.
abhyāhate tu nayane bahudhā narāṇāṃ saṃrambharāgatumulāsu rujāsu dhīmān nasyāsyalepapariṣecanatarpaṇādyamuktaṃ punaḥ kṣatajapittajaśūlapathyam
Ist bei Menschen das Auge durch ein Trauma verletzt und treten dabei vielfältige, von heftiger Entzündung und Rötung begleitete Schmerzen auf, so wende der kluge Arzt *nasya* (Nasentherapie), Einreibungen, Besprengungen, *tarpaṇa* (das sättigende Augenbad) und Ähnliches an, sowie das für blutbedingte und *pitta*-bedingte stechende Schmerzen bereits genannte, geeignete Vorgehen.
dṛṣṭiprasādajananaṃ vidhimāśu kuryāt snigdhairhimaiśca madhuraiśca tathā prayogaiḥ svedāgnidhūmabhayaśokarujābhighātairabhyāhatāmapi tathaiva bhiṣak cikitset
Er soll rasch eine Behandlung durchführen, die die Sehkraft klärt, mit öligen, kühlenden und süßen Anwendungen; und ebenso soll der Arzt ein Auge behandeln, das durch Hitze, Feuer, Rauch, Angst, Kummer, Schmerz oder Verletzung geschädigt wurde.
sadyohate nayana eṣa vidhistadūrdhvaṃ syanderito bhavati doṣamavekṣya kāryaḥ abhyāhataṃ nayanamīṣadathāsyabāṣpasaṃkheditaṃ bhavati tannirujaṃ kṣaṇena
Dies ist das Vorgehen bei einem frisch verletzten Auge; tritt danach ein *syanda* (krankhafter Ausfluss) auf, ist die Behandlung unter Berücksichtigung des betroffenen *doṣa* (Körperprinzips) durchzuführen. Ist das verletzte Auge nur leicht geschädigt und von Tränen benetzt, so wird es binnen kurzem schmerzfrei.
sādhyaṃ kṣataṃ paṭalamekamubhe tu kṛcchretrīṇi kṣatāni paṭalāni vivarjayettu syāt piccitaṃ ca nayanaṃ hyati cāvasannaṃ srastaṃ cyutaṃ ca hatadṛk ca bhavettu yāpyam
Eine Verletzung, bei der nur ein *paṭala* (eine Augenhaut) betroffen ist, ist heilbar; sind beide betroffen, ist es schwierig; bei drei verletzten *paṭala* soll man von Behandlung absehen. Ist das Auge dagegen verklebt, stark eingesunken, herabhängend, verlagert oder in seiner Sehkraft zerstört, so gilt der Fall nur als palliativ zu erhalten.
vistīrṇadṛṣṭitanurāgamasatpradarśi sādhyaṃ yathāsthitamanāviladarśanaṃ ca prāṇoparodhavamanakṣutakaṇṭharodhairunnamyamāśu nayanaṃ yadatipraviṣṭam
Heilbar ist ein Fall, bei dem die Pupille erweitert und die Färbung schwach ist, ohne trügerische Erscheinungen, so dass das Sehen unverändert und ungetrübt bleibt. Ist das Auge jedoch weit in die Höhle zurückgesunken, muss es rasch durch Atemanhalten, Erbrechen, Niesen oder Zudrücken der Kehle wieder hervorgeholt werden.
netre vilambini vidhirvihitaḥ purastāducchiṅghanaṃ śirasi vāryavasecanaṃ ca ṣaṭsaptatirnayanajā ya ime pradiṣṭā rogā bhavantyamahatāṃ mahatāṃ ca tebhyaḥ
Bei einem herausgetretenen Auge ist das zuvor beschriebene Verfahren anzuwenden: kräftiges Einatmenlassen von Reizstoffen und das Übergießen des Kopfes mit Wasser. Von den sechsundsiebzig Augenkrankheiten, die andernorts gelehrt wurden, unterscheidet sich diese – sowohl von den geringeren als auch von den schwerwiegenderen.
stanyaprakopakaphamārutapittaraktairbālākṣivartmabhava eva kukūṇako'nya mṛdgāti netramatikaṇḍumathākṣikūṭaṃ nāsālalāṭamapi tena śiśuḥ sa nityam
Durch verdorbene Muttermilch sowie durch *kapha*, *vāta*, *pitta* und Blut entsteht am Lid des Kindesauges der *kukūṇaka* (eine Augenlidentzündung bei Säuglingen); er befällt das Auge mit starkem Juckreiz und ergreift auch die Augenwinkel, die Nase und die Stirn – so leidet der Säugling ständig darunter.
sūryaprabhāṃ na sahate sravati prabaddhaṃ tasyāharedrudhiramāśu vinirlikhecca kṣaudrā yutaiśca kaṭubhiḥ pratisārayettu mātuḥ śiśorabhihitaṃ ca vidhiṃ vidadhyāt
Er erträgt kein Sonnenlicht, und das Auge trieft ständig; man lasse rasch das gestockte Blut ab, schabe die Wucherung sorgfältig aus und bestreiche sie mit Honig zusammen mit scharfen Mitteln. Auch bei der Mutter des Säuglings soll die genannte Behandlung durchgeführt werden.
taṃ vāmayettu madhusaindhavasaṃprayuktaiḥ pītaṃ payaḥ khalu phalaiḥ kharamañjarīṇām
Man lasse ihn erbrechen mit Milch, die mit Honig und Steinsalz versetzt und getrunken wurde, sowie mit den Früchten der Kharamañjarī.
syātpippalīlavaṇamākṣikasaṃyutairvā nainaṃ vamantamapi vāmayituṃ yateta dattvā vacāmaśanadugdhabhuje prayojyamūrdhvaṃ tataḥ phalayutaṃ vamanaṃ vidhijñaiḥ
Oder auch mit Pippalī, Salz und Honig versetzt. Erbricht das Kind bereits von selbst, so bemühe man sich nicht, es zusätzlich zum Erbrechen zu bringen. Man gebe der stillenden, Milch trinkenden Mutter Vacā; danach wende der Kundige das *vamana* (Erbrechungsmittel) mit den genannten Früchten an.
jambvāmradhātryaṇudalaiḥ paridhāvanārthaṃ kāryaṃ kaṣāyamavasecanameva cāpi āścyotane ca hitamatra ghṛtaṃ guḍūcīsiddhaṃ tathā'hurapi ca triphalāvipakvam
Aus den zarten Blättern von Jambu, Āmra und Dhātrī bereite man einen Absud zum Auswaschen des Auges sowie zum Übergießen; auch für *āścyotana* (das Beträufeln der Augen) gilt hier als heilsam mit Guḍūcī gekochtes Ghee, ebenso, wie gesagt wird, ein Absud aus *triphalā*.
nepālajāmaricaśaṅkharasāñjanāni sindhuprasūtaguḍamākṣikasaṃyutāni syādañjanaṃ madhurasāmadhukāmrakairvā kṛṣṇāyasaṃ ghṛtapayo madhu vā'pi dagdham
Nepāla-Kampfer, Pfeffer, Muschelasche und Rasāñjana, versetzt mit Steinsalz, Rohrzucker und Honig, seien als *añjana* (Kollyrium) geeignet, oder auch mit süßem Saft, Süßholz und Mangoblättern; ferner gebranntes schwarzes Eisen mit Ghee, Milch oder Honig.
vyoṣaṃ palāṇḍu madhukaṃ lavaṇottamaṃ ca lākṣāṃ ca gairikayutāṃ guṭikāñjanaṃ vā nimbacchadaṃ madhukadārvi satāmralodhramicchanti cātra bhiṣajo'ñjanamaṃśatulyam
*Trikaṭu* (die drei Scharfstoffe), Zwiebel, Süßholz, bestes Salz und Lākṣā, versetzt mit Gairika, als Pillen-*añjana*; oder Nimbablätter, Süßholz und Dārvī zusammen mit Kupferpulver und Lodhra – dies wünschen sich die Ärzte hierbei als *añjana*, zu gleichen Teilen gemischt.
srotojaśaṅkhadadhisaindhavamardhapakṣaṃ śukraṃ śiśornudati bhāvitamañjanena syande kaphādabhihitaṃ kramamācarecca bālasya rogakuśalo'kṣigadaṃ jighāṃsuḥ
Srotoja, Muschelasche, Joghurt und Steinsalz, zu einem *añjana* verarbeitet, vertreiben binnen eines halben Monats den weißlichen Belag im Auge des Säuglings. Bei einem durch *kapha* bedingten *syanda* befolge der in Kinderkrankheiten kundige Arzt, der die Augenkrankheit des Kindes beseitigen will, das dafür genannte Vorgehen.
samudra iva gambhīraṃ naiva śakyaṃ cikitsitam vaktuṃ niravaśeṣeṇa ślokānāmayutairapi
Die Heilkunde ist tief wie das Meer; sie lässt sich selbst mit zehntausend Versen nicht vollständig und erschöpfend darlegen.
sahasrairapi vā proktamarthamalpamatirnaraḥ tarkagranthārtharahito naiva gṛhṇātyapaṇḍitaḥ
Auch wenn der Sinn in tausend Versen dargelegt wird, erfasst ein Mensch von geringem Verstand, der der Logik und der Textkenntnis entbehrt und ungelehrt ist, ihn dennoch nicht.
tadidaṃ bahugūḍhārthaṃ cikitsābījamīritam kuśalenābhipannaṃ tadbahudhā'bhiprarohati
Dieser vielfach verborgene Sinn wurde hier als Same der Heilkunst dargelegt; von einem Kundigen aufgenommen, entfaltet er sich auf mannigfaltige Weise.
tasmānmatimatā nityaṃ nānāśāstrārthadarśinā sarvamūhyamagādhārthaṃ śāstramāgamabuddhinā
Deshalb soll ein Verständiger, der die Bedeutung vieler Lehrwerke durchschaut und mit dem Verständnis der Überlieferung ausgestattet ist, stets das ganze, unergründlich tiefe Lehrwerk durch Nachdenken erschließen.