athātastantrayuktimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die *tantrayuktis* (die methodischen Verfahrensweisen des Lehrwerks) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra
Das fünfundsechzigste Kapitel, das letzte der tantrabhūṣaṇa-Gruppe, ist rein methodologischer Natur: Es zählt und erläutert die zweiunddreißig tantrayuktis, die kompositorischen und hermeneutischen Kunstgriffe, mit denen das Lehrwerk selbst aufgebaut und ausgelegt werden soll – von adhikaraṇa (Themengegenstand) und yoga (syntaktische Verknüpfung) über padārtha (Wortbedeutung), pūrvapakṣa (Einwand) und nirṇaya (Entscheidung) bis zu ūhya (das durch Nachdenken zu Erschließende). Jede Kategorie wird knapp definiert und mit einem Beispiel aus dem Corpus der Saṃhitā selbst illustriert, etwa zur Grahas-, Doṣa- oder Wund-Lehre (vraṇa). Das Kapitel legt damit gleichsam die Werkzeugkiste offen, mit der die vorangegangenen Kapitel verfasst wurden, und versteht sich selbst als Schlüssel zum vollen Verständnis des Textes: Wer die tantrayuktis beherrscht, so der Schluss, dem leuchten sie wie eine Lampe für den Verstand, und er gilt als der beste unter den Ärzten.
| Nr. | Name | Kurzdefinition |
|---|---|---|
| 1 | Adhikaraṇa | Themengegenstand, worauf sich eine Aussage bezieht |
| 2 | Yoga | syntaktische Verknüpfung von Satzteilen |
| 3 | Padārtha | Wortbedeutung |
| 4 | Hetvartha | Begründungszusammenhang |
| 5 | Uddeśa | knappe, zusammenfassende Nennung |
| 6 | Nirdeśa | ausführliche Darlegung |
| 7 | Upadeśa | Anweisung („so soll man handeln“) |
| 8 | Apadeśa | Angabe eines Grundes |
| 9 | Pradeśa | Beleg des gegenwärtigen Falls durch einen bereits behandelten |
| 10 | Atideśa | Beleg durch Übertragung auf einen künftigen Fall |
| 11 | Apavarga | Einschränkung von einer allgemeinen Regel |
| 12 | Vākyaśeṣa | stillschweigend mitzudenkende Ergänzung eines Satzes |
| 13 | Arthāpatti | aus dem Sinn sich ergebende Implikation |
| 14 | Viparyaya | Umkehrung des Gesagten |
| 15 | Prasaṅga | kapitelübergreifende Wiederaufnahme eines Themas |
| 16 | Ekānta | uneingeschränkt geltende Aussage |
| 17 | Anekānta | nicht einheitlich geltende Aussage |
| 18 | Pūrvapakṣa | vorausgehender Einwand |
| 19 | Nirṇaya | abschließende Entscheidung |
| 20 | Anumata | stillschweigende Billigung einer fremden Ansicht |
| 21 | Vidhāna | der Kapitelfolge entsprechende Anordnung |
| 22 | Anāgatāvekṣaṇa | Vorverweis auf noch zu Behandelndes |
| 23 | Atikrāntāvekṣaṇa | Rückverweis auf bereits Behandeltes |
| 24 | Saṁśaya | Zweifel |
| 25 | Vyākhyāna | eingehende Erläuterung |
| 26 | Svasaṁjñā | dem Lehrwerk eigene Fachbezeichnung |
| 27 | Nirvacana | etymologische Worterklärung |
| 28 | Nidarśana | erläuterndes Beispiel |
| 29 | Niyoga | verbindliche Vorschrift |
| 30 | Vikalpa | Wahlmöglichkeit zwischen Alternativen |
| 31 | Samuccaya | aufzählende Zusammenfassung |
| 32 | Ūhya | das durch Nachdenken zu Erschließende |
athātastantrayuktimadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die *tantrayuktis* (die methodischen Verfahrensweisen des Lehrwerks) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari:
dvātriṃśattantrayuktayo bhavanti śāstre tadyathā--adhikaraṇaṃ 1 yogaḥ 2 padārthaḥ 3 hetvarthaḥ 4 uddeśaḥ 5 nirdeśaḥ 6 upadeśaḥ 7 apadeśaḥ 8 pradeśaḥ 9 atideśaḥ 10 apavarjaḥ 11 vā-kyaśeṣaḥ 12 arthāpattiḥ 13 viparyayaḥ 14 prasaṅgaḥ 15 ekāntaḥ 16 ane-kāntaḥ 17 pūrvapakṣaḥ 18 nirṇayaḥ 19 anumataṃ 20 vidhānam 21 anāga-tāvekṣaṇam 22 atikrāntāvekṣaṇaṃ 23 saṃśayaḥ 24 vyākhyānaṃ 25 sva-saṃjñā 26 nirvacanaṃ 27 nidarśanaṃ 28 niyogaḥ 29 vikalpaḥ 30 samuccayaḥ 31 ūhyam 32 iti
Zweiunddreißig *tantrayuktis* gibt es in der Wissenschaft, nämlich: *adhikaraṇa* (der Themengegenstand, worauf sich eine Aussage bezieht) als erste, *yoga* (die syntaktische Verknüpfung von Satzteilen) als zweite, *padārtha* (die Wortbedeutung) als dritte, *hetvartha* (der Begründungszusammenhang) als vierte, *uddeśa* (die knappe Nennung) als fünfte, *nirdeśa* (die ausführliche Darlegung) als sechste, *upadeśa* (die Anweisung) als siebte, *apadeśa* (die Angabe eines Grundes) als achte, *pradeśa* (der Beleg durch einen bereits behandelten Fall) als neunte, *atideśa* (der Beleg durch Übertragung auf einen künftigen Fall) als zehnte, *apavarga* (die Einschränkung von einer allgemeinen Regel) als elfte, *vākyaśeṣa* (die stillschweigend mitzudenkende Ergänzung eines Satzes) als zwölfte, *arthāpatti* (die aus dem Sinn sich ergebende Implikation) als dreizehnte, *viparyaya* (die Umkehrung des Gesagten) als vierzehnte, *prasaṅga* (die kapitelübergreifende Wiederaufnahme eines Themas) als fünfzehnte, *ekānta* (die uneingeschränkt geltende Aussage) als sechzehnte, *anekānta* (die nicht einheitlich geltende Aussage) als siebzehnte, *pūrvapakṣa* (der vorausgehende Einwand) als achtzehnte, *nirṇaya* (die abschließende Entscheidung) als neunzehnte, *anumata* (die stillschweigende Billigung einer fremden Ansicht) als zwanzigste, *vidhāna* (die der Kapitelfolge entsprechende Anordnung) als einundzwanzigste, *anāgatāvekṣaṇa* (der Vorverweis auf noch zu Behandelndes) als zweiundzwanzigste, *atikrāntāvekṣaṇa* (der Rückverweis auf bereits Behandeltes) als dreiundzwanzigste, *saṃśaya* (der Zweifel) als vierundzwanzigste, *vyākhyāna* (die eingehende Erläuterung) als fünfundzwanzigste, *svasaṃjñā* (eine dem Lehrwerk eigene Fachbezeichnung) als sechsundzwanzigste, *nirvacana* (die etymologische Worterklärung) als siebenundzwanzigste, *nidarśana* (das erläuternde Beispiel) als achtundzwanzigste, *niyoga* (die verbindliche Vorschrift) als neunundzwanzigste, *vikalpa* (die Wahlmöglichkeit zwischen Alternativen) als dreißigste, *samuccaya* (die aufzählende Zusammenfassung) als einunddreißigste und *ūhya* (das durch Nachdenken zu Erschließende) als zweiunddreißigste.
atrāsāṃ tantrayuktīnāṃ kiṃ prayojanam ucyate--vākyayojanamarthayojanaṃ ca
Welchen Nutzen diese *tantrayuktis* haben, wird nun dargelegt: die Verknüpfung der Sätze und die Verknüpfung der Bedeutungen.
bhavanti cātra ślokāḥ asadvādiprayuktānāṃ vākyānāṃ pratiṣedhanam svavākyasiddhirapi ca kriyate tantrayuktitaḥ
Dazu gibt es folgende Verse: Durch die *tantrayuktis* werden die von falschen Lehrmeinungen vorgebrachten Aussagen widerlegt, und zugleich wird die eigene Lehre begründet.
vyaktā noktāstu ye hyarthā līnā ye cāpyanirmalāḥ leśoktā ye ca kecitsyusteṣāṃ cāpi prasādhanam
Auch jene Sachverhalte, die zwar klar sind, aber nicht ausgesprochen wurden, die verborgen und unklar geblieben sind oder nur andeutungsweise erwähnt wurden, werden durch sie vollständig zur Geltung gebracht.
yathā'mbujavanasyārkaḥ pradīpo veśmano yathā prabodhasya prakāśārthaṃ tathā tantrasya yuktayaḥ
Wie die Sonne einen Lotusteich erhellt und die Lampe ein Haus, so dienen die *yuktis* (Verfahrensweisen) dem Lehrwerk zur Erhellung des Verständnisses.
tatra yamarthamadhikṛtyocyate tadadhikaraṇaṃ yathā-rasaṃ doṣaṃ vā
Der Gegenstand, in Bezug auf den etwas ausgesagt wird, ist das *adhikaraṇa* — etwa der *rasa* (Geschmack bzw. eine Grundsubstanz) oder der *doṣa* (Körpersaft).
yena vākyaṃ yujyate sa yogaḥ yathā-tailaṃ pibeccāmṛtavallinimbahiṃsrābhayāvṛkṣakapippalībhiḥ siddhaṃ balābhyāṃ ca sadevadāru hitāya nityaṃ galagaṇḍaroge ityatra tailaṃ siddhaṃ pibediti prathamaṃ vaktavye tṛtīyapāde siddhamiti prayuktaṃ evaṃ dūrasthānāmapi padānāmekīkaraṇaṃ yogaḥ
Das, wodurch ein Satz syntaktisch zusammengefügt wird, ist der *yoga*. So müsste es etwa im Vers 'Man trinke Öl, das mit *āmṛtavallī*, *nimba*, *hiṃsrā*, *abhayā*, *vṛkṣaka*, *pippalī*, *balā* und *devadāru* gekocht wurde, beständig zum Wohl bei *galagaṇḍa* (Kropfleiden)' eigentlich zuerst heißen: 'Man trinke das gekochte Öl' — doch das Wort 'gekocht' steht erst im dritten Versfuß. So ist auch die Zusammenfügung von Wörtern, die weit auseinanderstehen, der *yoga*.
yo'rtho'bhihitaḥ sūtre pade vā sa padārthaḥ padasya padayoḥ padānāṃ vā'rthaḥ padā-rthaḥ aparimitāśca padārthāḥ yathā--snehasvedāñjaneṣu nirdiṣṭeṣu dvayostrayāṇāṃ vā'rthānāmupapattirdṛśyate tatra yo'rthaḥ pūrvāparayogasiddho bhavati sa grahītavyaḥ yathā--vedotpattimadhyāyaṃ vyākhyāsyāma ityukte sandihyate buddhiḥ--katama-sya vedasyotpattiṃ vakṣyatīti yataḥ ṛgvedādayastu vedāḥ vida vicāraṇe vi-dlṛ lābhe ityetayośca dhātvoranekārthayoḥ prayogāt tatra pūrvāparayogamupalabhya pratipattirbhavati āyurvedotpattimayaṃ vivakṣuriti eṣa padārthaḥ
Der Sinn, der in einem Lehrsatz oder in einem einzelnen Wort ausgedrückt ist, ist der *padārtha* — die Bedeutung eines Wortes, zweier Wörter oder mehrerer Wörter; unzählig sind die *padārthas*. Zum Beispiel: Wenn *sneha* (Ölbehandlung), *sveda* (Schwitzbehandlung) und *añjana* (Augensalbe) genannt werden, zeigen sich zwei oder drei mögliche Bedeutungen; zu wählen ist jene, die durch den Zusammenhang von Vorangehendem und Folgendem gesichert ist. Wenn etwa gesagt wird: 'Wir wollen das Kapitel über die Entstehung des *veda* (heiligen Wissenswerks) erklären', entsteht Zweifel, von welchem *veda* die Rede ist — denn *ṛgveda* und die übrigen Werke heißen *veda*, und auch die Wurzel 'vid' wird in zwei Bedeutungen gebraucht, 'erkennen' und 'erlangen'. Doch aus dem Zusammenhang von Vorangehendem und Folgendem ergibt sich die Erkenntnis, dass die Entstehung des *āyurveda* gemeint ist. Das ist der *padārtha*.
yadanyaduktamanyārthasādhakaṃ bhavati sa hetvārthaḥ yathā--mṛtpiṇḍo'dbhiḥ praklidyate tathā māṣadugdhaprabhṛtibhirvraṇaḥ praklidyata iti
Wenn etwas anderes gesagt wird, um damit einen weiteren Sachverhalt zu begründen, ist das der *hetvartha*: Wie ein Klumpen Lehm durch Wasser aufgeweicht wird, so wird auch die *vraṇa* (Wunde) durch *māṣa*, Milch und Ähnliches aufgeweicht.
samāsavacanamuddeśaḥ yathā-śalyamiti
Die knappe, zusammenfassende Nennung ist der *uddeśa*, zum Beispiel das bloße Wort 'śalya' (Fremdkörper).
vistaravacanaṃ nirdeśaḥ yathā-śārīramāgantukaṃ ceti
Die ausführliche Darlegung ist der *nirdeśa*, zum Beispiel: 'körpereigen und von außen eingedrungen'.
evamityupadeśaḥ yathā--tathā na jāgṛyādrā trau divāsvapnaṃ ca varjayet iti
'So (soll man handeln)' — das ist der *upadeśa*, zum Beispiel: 'So wache man nachts nicht übermäßig und meide auch den Schlaf am Tage.'
anena kāraṇenetyapadeśaḥ yathā'padiśyate--madhuraḥ śleṣmāṇamabhivardhayatīti
'Aus diesem Grunde' — das ist der *apadeśa*, wie es heißt: 'Das Süße vermehrt den *śleṣman* (Schleim, den Kapha-Doṣa).'
prakṛtasyātikrāntena sādhanaṃ pradeśaḥ yathā--devadattasyānena śalyamuddhṛtaṃ tathā yajñadattasyāpyayamuddhariṣyatīti
Die Begründung des gegenwärtigen Falles durch einen bereits vergangenen ist der *pradeśa*, zum Beispiel: 'Damit wurde bei Devadatta der Fremdkörper entfernt; ebenso wird er ihn auch bei Yajñadatta entfernen.'
prakṛtasyānāgatasya sādhanamatideśaḥ yathā--yato'sya vāyurūrdhvamuttiṣṭhate tenodāvartī syāditi
Die Begründung eines gegenwärtigen Falles durch Übertragung auf einen künftigen ist der *atideśa*, zum Beispiel: 'Da bei ihm der *vāyu* (Wind, der Vāta-Doṣa) nach oben aufsteigt, wird er an *udāvarta* (Rückstau der Winde) leiden.'
abhivyāpyāpakarṣaṇamapavargaḥ yathā--asvedyā viṣopasṛṣṭāḥ anyatra kīṭaviṣāditi
Das Herausnehmen aus einer allgemein geltenden Regel ist der *apavarga*, zum Beispiel: 'Vom Gift Befallene sollen nicht dem *sveda* unterzogen werden — außer bei Insektengift.'
yena padenānuktena vākyaṃ samāpyeta sa vākyaśeṣaḥ yathā--śiraḥpāṇipādapārśvapṛṣṭhodarorasāmityukte puruṣagrahaṇaṃ vinā'pi gamyate puruṣasyeti
Das Wort, das den Satz vervollständigt, obwohl es nicht ausgesprochen wird, ist der *vākyaśeṣa*, zum Beispiel: Wenn gesagt wird 'von Kopf, Händen, Füßen, Flanken, Rücken, Bauch und Brust', versteht man auch ohne das Wort 'Mensch', dass die Teile des Menschen gemeint sind.
yadakīrtitamarthādāpadyate sā'rthāpattiḥ yathā-odanaṃ bhokṣye ityukte'rthādāpannaṃ bhavati nāyaṃ pipāsuryavāgūmiti
Das, was nicht ausgesprochen wird, sich aber aus dem Sinn ergibt, ist die *arthāpatti*, zum Beispiel: Wenn gesagt wird 'Ich werde Reisbrei essen', versteht sich von selbst, dass dieser nicht durstig ist und keinen *yavāgū* (Getreideschleim) verlangt.
yadyatrābhihitaṃ tasya prātilomyaṃ viparyayaḥ yathā--kṛśālpaprāṇabhīravo duścikitsyā ityukte viparītaṃ gṛhyate dṛḍhādayaḥ sucikitsyā iti
Das Gegenteil dessen, was an einer Stelle gesagt wurde, ist der *viparyaya*, zum Beispiel: Wenn gesagt wird 'Abgemagerte, Kraftlose und Furchtsame sind schwer zu heilen', versteht man umgekehrt, dass Kräftige und Ähnliche leicht zu heilen sind.
prakaraṇāntareṇa samāpanaṃ prasaṅgaḥ yadvā prakaraṇāntarito yo'rtho'sakṛduktaḥ samā-pyate sa prasaṅgaḥ yathā--pañcamahābhūtaśarīrisamavāyaḥ puruṣastasmin kriyā so'dhiṣṭhānamiti vedotpattāvabhidhāya bhūtacintāyāṃ punaruktaṃ-yato'bhihitaṃ pa-ñcamahābhūtaśarīrisamavāyaḥ puruṣa iti sa khalveṣa karmapuruṣaścikitsādhikṛta iti
Die Vervollständigung durch ein anderes Kapitel — oder ein Sachverhalt, der, durch ein anderes Kapitel unterbrochen, mehrfach genannt wird, bis er vollständig ist — das ist der *prasaṅga*. Zum Beispiel: Im Kapitel über die Entstehung des *veda* wurde gesagt: 'Der Mensch ist die Verbindung von Körper und den fünf *mahābhūtas* (Grundelementen); auf ihn bezieht sich das Handeln, er ist deren Träger.' In der Betrachtung der *bhūtas* wird dies wiederaufgenommen: 'Weil gesagt wurde, der Mensch sei die Verbindung von Körper und den fünf *mahābhūtas*, ist eben dieser handelnde Mensch der Gegenstand der Heilkunde.'
yadavadhāraṇenocyate sa ekāntaḥ yathā--trivṛdvirecayati madanaphalaṃ vāmayati
Das, was mit unbedingter Bestimmtheit gesagt wird, ist der *ekānta*, zum Beispiel: '*Trivṛt* führt ab, *madanaphala* erregt Erbrechen.'
kvacittathā kvacidanyatheti yaḥ so'nekāntaḥ yathā--kecidācāryā bruvate dra vyaṃ pradhānaṃ kecidra saṃ kecidvīryaṃ kecidvipākamiti
Das, was bald so, bald anders gilt, ist der *anekānta*, zum Beispiel: Manche Lehrmeister sagen, das *dravya* (die Substanz) sei das Wesentliche, andere der *rasa*, andere die *vīrya* (Wirkkraft), wieder andere der *vipāka* (die nachgeschmackliche Verdauungswirkung).
ākṣepapūrvakaḥ praśnaḥ pūrvapakṣaḥ yathā--kathaṃ vātanimittāścatvāraḥ pramehā asādhyā bhavantīti
Eine Frage, der ein Einwand vorausgeht, ist der *pūrvapakṣa*, zum Beispiel: 'Wie können die vier durch *vāta* verursachten *pramehas* (Harnleiden) unheilbar sein?'
tasyottaraṃ nirṇayaḥ yathā--śarīraṃ prapīḍya paścādadho gatvā vasāmedomajjānuviddhaṃ mūtraṃ visṛjati vātaḥ evamasādhyā vātajā iti
Die Antwort darauf ist der *nirṇaya*, zum Beispiel: 'Der *vāta* bedrängt den Körper, sinkt dann nach unten und lässt den Harn, vermischt mit *vasā*, *meda* und *majjā* (Fettgewebe und Knochenmark), abgehen; so sind die durch *vāta* verursachten Leiden unheilbar.'
tathā coktam-kṛtsnaṃ śarīraṃ niṣpīḍya medomajjāvasāyutaḥ adhaḥ prakupyate vāyustenāsādhyāstu vātajāḥ
So heißt es auch: Nachdem er den ganzen Körper zusammengepresst hat, wird der mit *meda*, *majjā* und *vasā* vermischte *vāyu* unten erregt; deshalb sind die aus *vāta* entstandenen Leiden unheilbar.
paramatamapratiṣiddhamanumatam yathā--anyo brūyāt--sapta rasā iti taccāpratiṣedhādanumanyate kathaṃciditi
Eine fremde Lehrmeinung, die nicht zurückgewiesen wird, ist das *anumata*, zum Beispiel: Wenn ein anderer sagt, es gebe sieben *rasas*, so wird dies, weil ihm nicht widersprochen wird, gewissermaßen gebilligt.
prakaraṇānupūrvyā'bhihitaṃ vidhānam yathā--sakthimarmāṇyekādaśa prakaraṇānupūrvyā'bhihitāni
Das, was in der Reihenfolge der Kapitel dargelegt wird, ist das *vidhāna*, zum Beispiel: 'Die elf *marmans* (Vitalpunkte) des Beins wurden der Kapitelfolge nach dargelegt.'
evaṃ vakṣyatītyanāgatāvekṣaṇam yathā--ślokasthāne brūyāt--cikitsiteṣu vakṣyāmīti
'So wird es später gesagt werden' — das ist die *anāgatāvekṣaṇa*, zum Beispiel wenn man im Ślokasthāna sagt: 'Ich werde es im Cikitsitasthāna darlegen.'
yatpūrvamuktaṃ tadatikrāntāvekṣaṇam yathā--cikitsiteṣu brūyāt--ślokasthāne yadīritamiti
Der Verweis auf das zuvor Gesagte ist die *atikrāntāvekṣaṇa*, zum Beispiel wenn man im Cikitsitasthāna sagt: 'wie es im Ślokasthāna dargelegt wurde.'
ubhayahetudarśanaṃ saṃśayaḥ yathā--talahṛdayābhighātaḥ prāṇaharaḥ pāṇipādacchedanamaprāṇaharamiti
Das Aufzeigen zweier gegensätzlicher Sachverhalte ist der *saṃśaya*, zum Beispiel: 'Ein Schlag auf die Mitte der Handfläche ist tödlich, das Abtrennen von Hand oder Fuß aber nicht.'
tantre'tiśayopavarṇanaṃ vyākhyānam yathā--iha pañcaviṃśatikaḥ puruṣo vyākhyāyate anyeṣvāyurvedatantreṣu bhūtādiprabhṛtyārabhya cintā
Die eingehendere Darstellung im Lehrwerk ist das *vyākhyāna*, zum Beispiel: Hier wird der Mensch als aus fünfundzwanzig Prinzipien bestehend erklärt, während in anderen āyurvedischen Lehrwerken die Betrachtung schon bei den *bhūtas* (Elementen) und dergleichen einsetzt.
anyaśāstrāsāmānyā svasaṃjñā yathā--mithunamiti madhusarpiṣorgrahaṇaṃ lokaprasiddhamudāharaṇaṃ vā
Eine Bezeichnung, die anderen Lehrwerken nicht gemeinsam ist, ist die *svasaṃjñā*, zum Beispiel das Wort 'mithuna' (Paar) für die Verbindung von Honig und Ghee, oder ein im Volk allgemein bekanntes Beispiel.
niścitaṃ vacanaṃ nirvacanam yathā--āyurvidyate'sminnanena vā āyurvindatītyāyurvedaḥ
Die feststehende, erklärende Aussage ist das *nirvacana*, zum Beispiel: 'Weil in ihm das *āyus* (Leben) erkannt wird oder weil man durch ihn das *āyus* erlangt, heißt er *āyurveda*.'
dṛṣṭāntavyaktirnidarśanam yathā--agnirvāyunā sahitaḥ kakṣe vṛddhiṃ gacchati tathā vātapittakaphaduṣṭo vraṇa iti
Die Verdeutlichung durch ein Beispiel ist das *nidarśana*, zum Beispiel: 'Wie das Feuer, vom Wind angefacht, im trockenen Gras zunimmt, so wächst auch die durch *vāta*, *pitta* (den Gallen-Doṣa) und *kapha* (den Schleim-Doṣa) verdorbene *vraṇa*.'
idameva kartavyamiti niyogaḥ yathā--pathyameva bhoktavyamiti
'Eben dies muss getan werden' — das ist der *niyoga*, zum Beispiel: 'Man soll nur *pathya* (Zuträgliches) essen.'
idaṃ cedaṃ ceti samuccayaḥ yathā--māṃsavarge eṇahariṇādayo lāvatittiriśāraṅgāśca pradhānānīti
'Dies und dies' — das ist der *samuccaya*, zum Beispiel: 'In der Gruppe der Fleischsorten sind *eṇa*, *hariṇa* und andere sowie *lāva*, *tittiri* und *śāraṅga* die wichtigsten.'
idaṃ vedaṃ veti vikalpaḥ yathā--rasaudanaḥ saghṛtā yavāgūrvā
'Dies oder das' — das ist der *vikalpa*, zum Beispiel: '*rasaudana* (Fleischbrühreis) oder mit Ghee versetzter *yavāgū*.'
yadanirdiṣṭaṃ buddhyā'vagamyate tadūhyam yathā--abhihitamannapānavidhau caturvidhaṃ cānnamupadiśyate--bhakṣyaṃ bhojyaṃ lehyaṃ peyamiti evaṃ caturvidhe vaktavye dvividhamabhihitam idamatrohyam--annapāne viśiṣṭayordvayorgrahaṇe kṛte catu-rṇāmapi grahaṇaṃ bhavatīti caturvidhaścāhāraḥ praviralaḥ prāyeṇa dvividha eva ato dvitvaṃ prasiddhamiti kiñcānyat--annena bhakṣyamavaruddhaṃ ghanasādharmyāt peyena lehyaṃ dra vasādharmyāt
Das, was nicht ausdrücklich genannt, aber durch Nachdenken erschlossen wird, ist das *ūhya*. Zum Beispiel: In der Anweisung über Speise und Trank wird die Nahrung als vierfach gelehrt — *bhakṣya* (Kaubares), *bhojya* (zu Kauendes), *lehya* (Leckbares) und *peya* (Trinkbares); obwohl von vier Arten die Rede sein müsste, werden nur zwei genannt. Dies ist hier zu erschließen: Wenn die beiden Oberbegriffe *anna* (feste Nahrung) und *pāna* (Getränk) genannt werden, sind damit auch alle vier eingeschlossen; und da feste, vierfach unterschiedene Nahrung selten vorkommt, gilt meist ohnehin nur die zweifache Einteilung, weshalb diese Zweiheit gebräuchlich ist. Außerdem ist unter 'anna' das Kaubare mitgemeint, weil es fest ist wie dieses, und unter 'pāna' das Leckbare, weil es flüssig ist wie jenes.
bhavanti cātra-sāmānyadarśanenāsāṃ vyavasthā saṃpradarśitā viśeṣastu yathāyogamupadhāryo vipaścitā
Dazu heißt es weiter: Durch die allgemeine Betrachtung wurde ihre Ordnung dargelegt; die besonderen Fälle aber soll der Kundige jeweils dem Zusammenhang entsprechend selbst erschließen.
dvātriṃśadyuktayo hyetāstantrasāragaveṣaṇe mayā samyagvinihitāḥ śabdārthanyāyasaṃyutāḥ
Diese zweiunddreißig *yuktis* habe ich, um den Kernsinn des Lehrwerks zu erschließen, sorgfältig und im Einklang mit Wortlaut, Bedeutung und logischer Ordnung dargelegt.
yo hyetā vidhivadvetti dīpībhūtāstu buddhimān sa pūjārho bhiṣakśreṣṭha iti dhanvantarermatam
Wer sie vorschriftsmäßig kennt, dem leuchten sie wie eine Lampe für den Verstand; er ist der beste unter den Ärzten und der Verehrung würdig — so lautet die Lehrmeinung Dhanvantaris.