Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 49: chardipratiṣedho Behandlung des Erbrechens (Chardi)

Das Kapitel über chardi, das Erbrechen, führt fünf Formen ein – die drei doṣa-bedingten sowie eine durch Ekel und eine durch Schwangerschaftsgelüste (dauhṛda) entstandene, ergänzt um āma- und wurmbedingtes Erbrechen. Der Entstehungsmechanismus wird über die aufsteigenden Lebenswinde udāna und vyāna erklärt, die bei unverträglicher Nahrungskombination die Doṣas gewaltsam nach oben treiben. Diagnostisch wird nach Farbe, Geschmack und Begleitsymptomen des Erbrochenen unterschieden, therapeutisch zunächst Fasten als für alle Formen heilsam benannt, gefolgt von gezieltem Erbrechen oder Abführen je nach Doṣa-Übermaß. Eine Fülle einfacher Hausmittel schließt sich an – Pippalī mit Kapittha-Saft, Traubensaft mit Reiswaschwasser, Sandelholz in Āmalakī-Saft –, ergänzt um wohlriechende Speisen und Wildfleischbrühen. Der Arzt wird ausdrücklich gewarnt, anhaltendes Erbrechen mit Blut- oder Eiterbeimengung bei geschwächten Patienten nicht zu behandeln.

FORMEN DES ERBRECHENS (CHARDI) (Vers 9–13)
FormKennzeichen
vātajaschaumiges, geringes Erbrochenes, stechender Schmerz, Schmerzen in Flanke und Rücken, Erschöpfung, geräuschvoll, zusammenziehender Geschmack
pittajasaures, gelbliches, blutiges oder grünliches Erbrochenes, bitterer Geschmack, Brennen, Sog-Empfindung, Fieber, Mundtrockenheit, Ohnmacht
kaphajasüßliches, weißliches, kühles, dickflüssiges, schleimiges Erbrochenes, gesträubte Körperhaare, Appetitlosigkeit, Schwere, Mattigkeit
sānnipātikaalle drei Zeichengruppen zugleich
ekelbedingtausgelöst durch den Anblick von Unreinem u. ä.
dauhṛdajadurch Schwangerschaftsgelüste entstanden
āmajaaus unverdauter Nahrung entstanden
kṛmijadurch Unverträglichkeit erregt, wurmbedingt; starke Stichschmerzen und Übelkeit, ähnlich der kṛmihṛdroga

athātaśchardipratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Behandlung des Erbrechens (*chardi*) erläutern.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

atidra vairatisnigdhairahṛdyairlavaṇairati akāle cātimātraiśca tathā'sātmyaiśca bhojanaiḥ

Durch allzu rasch verzehrte, übermäßig ölige, dem Herzen unzuträgliche, übermäßig salzige, zur Unzeit oder im Übermaß genossene sowie durch unzuträgliche (*asātmya*) Speisen,

śramāt kṣayāttathodvegādajīrṇāt kṛmidoṣataḥ nāryāścāpannasattvāyāstathā'tidrutamaśnataḥ

durch Erschöpfung, durch Auszehrung, durch Angst, durch Verdauungsstörung (*ajīrṇa*), durch Würmer (*kṛmi*), bei einer schwangeren Frau sowie durch allzu hastiges Essen,

atyantāmaparītasya chardervai saṃbhavo dhruvam bībhatsairhetubhiścānyairdrutamutkleśito balāt

und durch Ekelerregendes sowie weitere Ursachen wird der Doṣa rasch und mit Wucht erregt, und mit Sicherheit entsteht daraus *chardi*.

chādayannānanaṃ vegairardayannaṅgabhañjanaiḥ nirucyate chardiriti doṣo vaktrādviniścaran

Der *doṣa* (der krankmachende Körpersaft), der mit seinen Anfällen das Gesicht überzieht und mit gliederzerbrechender Wirkung quält, wird, wenn er zum Mund heraustritt, als „*chardi*“ bezeichnet.

doṣānudīrayan vṛddhānudāno vyānasaṅgataḥ ūrdhvamāgacchati bhṛśaṃ viruddhāhārasevanāt

Durch den Genuss unverträglicher Nahrungskombinationen (*viruddhāhāra*) treibt *udāna* (der aufsteigende Lebenswind), verbunden mit *vyāna* (dem durchdringenden Lebenswind), die vermehrten Doṣas heftig empor.

praseko hṛdayotkleśo bhaktasyānabhinandanam pūrvarūpaṃ mataṃ chardyā yathāsvaṃ ca vibhāvayet

Vermehrter Speichelfluss, Übelkeit im Herzbereich und Abneigung gegen Speise gelten als Vorzeichen des Erbrechens; man erkenne im Einzelnen die jeweils spezifischen Merkmale.

pracchardayet phenilamalpamalpaṃ śūlārdito'bhyarditapārśvapṛṣṭhaḥ śrāntaḥ saghoṣaṃ bahuśaḥ kaṣāyaṃ jīrṇe'dhikaṃ sā'nilajā vamistu

Wer schaumiges Erbrochenes in kleinen Mengen ausstößt, von stechendem Schmerz gepeinigt ist, Schmerzen in Flanke und Rücken hat, erschöpft ist, häufig unter Geräuschbildung erbricht, dessen Erbrochenes zusammenziehend schmeckt und sich nach der Verdauung verstärkt – dies ist das durch *vāta* (Wind) entstandene Erbrechen.

yo'mlaṃ bhṛśaṃ vā kaṭutiktavaktraḥ pītaṃ saraktaṃ haritaṃ vamedvā sadāhacoṣajvaravaktraśoṣo mūrcchānvitaḥ pittanimittajā sā

Wer sehr Saures erbricht oder mit scharf-bitterem Mundgeschmack Gelbliches, Blutiges oder Grünliches ausstößt, begleitet von Brennen, Sog-Empfindung, Fieber, Mundtrockenheit und Ohnmacht – dies ist das durch *pitta* (Galle) verursachte Erbrechen.

yo hṛṣṭaromā madhuraṃ prabhūtaṃ śuklaṃ himaṃ sāndra kaphānuviddham abhaktaruggauravasādayukto vamedvamī sā kaphakopajā syāt

Wer mit gesträubten Körperhaaren reichlich Süßliches, Weißliches, Kühles, Dickflüssiges und mit *kapha* (Schleim) Vermengtes erbricht, verbunden mit Appetitlosigkeit, Schweregefühl und Mattigkeit – dieses Erbrechen entsteht durch die Erregung von *kapha*.

sarvāṇi rūpāṇi bhavanti yasyāṃ sā sarvadoṣaprabhavā matā tu bībhatsajā dauhṛdajā''majā ca sātmyaprakopāt kṛmijā ca yā hi sā pañcamī tāṃ ca vibhāvayettu doṣocchrayeṇaiva yathoktamādau

Jenes Erbrechen, bei dem alle diese Zeichen zugleich auftreten, gilt als von allen drei Doṣas verursacht; ferner gibt es das durch Ekel entstandene, das durch Schwangerschaftsgelüste (*dauhṛda*) entstandene, das aus unverdauter Nahrung (*āma*) entstandene und das durch Unverträglichkeit erregte, wurmbedingte (*kṛmija*) als fünfte Art – auch diese erkenne man durch das Überwiegen der Doṣas, wie eingangs beschrieben.

śūlahṛllāsabahulā kṛmijā ca viśeṣataḥ kṛmihṛdro gatulyena lakṣaṇena ca lakṣitā

Das wurmbedingte Erbrechen ist besonders von starken Stichschmerzen und Übelkeit begleitet und zeigt Merkmale, die denen der Herzwurm-Erkrankung (*kṛmihṛdroga*) gleichen.

kṣīṇasyopadra vairyuktāṃ sāsṛkpūyāṃ sacandri kām chardiṃ prasaktāṃ kuśalo nārabheta cikitsitum

Ein kundiger Arzt beginne nicht mit der Behandlung eines anhaltenden Erbrechens, das bei einem geschwächten Menschen mit Begleiterscheinungen auftritt und Blut, Eiter oder mondsichelförmige Trübungen enthält.

āmāśayotkleśabhavā hi sarvāstasmāddhitaṃ laṅghanameva tāsu

Da alle Formen des Erbrechens aus einer Übelkeit im Magen (*āmāśaya*) entstehen, ist bei ihnen allen Fasten (*laṅghana*) heilsam.

vamīṣu bahudoṣāsu chardanaṃ hitamucyate virecanaṃ vā kurvīta yathādoṣocchrayaṃ bhiṣak

Bei Erbrechenskranken mit reichlich angesammelten Doṣas gilt therapeutisches Erbrechen (*chardana*) als heilsam; der Arzt soll aber, je nachdem welcher Doṣa überwiegt, auch ein Abführmittel (*virecana*) verordnen.

saṃsargaścānupūrveṇa yathāsvaṃ bheṣajāyutaḥ laghūni pariśuṣkāṇi sātmyānyannāni cācaret

Der Übergang zur festen Kost erfolge stufenweise, je nach Bedarf mit passenden Heilmitteln versehen; man reiche leichte, gut getrocknete und zuträgliche Speisen.

yathāsvaṃ ca kaṣāyāṇi jvaraghnāni prayojayet hanyāt kṣīraghṛtaṃ pītaṃ chardiṃ pavanasaṃbhavām

Je nach Bedarf wende man auch fiebersenkende Sude an; getrunkene Milch mit Ghee vertreibt das durch *vāta* entstandene Erbrechen.

sasaindhavaṃ pibet sarpirvātacchardinivāraṇam mudgāmalakayūṣo vā sasarpiṣkaḥ sasaindhavaḥ yavāgūṃ madhumiśrāṃ vā pañcamūlīkṛtāṃ pibet

Man trinke Ghee mit Steinsalz (*saindhava*) zur Behebung des durch *vāta* bedingten Erbrechens, oder eine mit Ghee und *saindhava* versetzte Suppe aus Mungbohnen und Āmalakī, oder man trinke mit den fünf Wurzeln (*pañcamūla*) bereiteten, honiggemischten Getreideschleim.

pibedvā vyaktasindhūtthaṃ phalāmlaṃ vaiṣkiraṃ rasam sukhoṣṇalavaṇaṃ cātra hitaṃ snehavirecanam

Oder man trinke eine deutlich mit *saindhava* gewürzte, mit Fruchtsäure versetzte Brühe von Wildgeflügel; heilsam ist hierbei auch ein angenehm warmes, gesalzenes ölig-abführendes Mittel (*snehavirecana*).

pittopaśamanīyāni pākyāni śiśirāṇi ca kaṣāyāṇyupayuktāni ghnanti pittakṛtāṃ vamīm

*pitta*-besänftigende, leicht verdauliche und kühlende Sude vertreiben, richtig angewendet, das durch *pitta* verursachte Erbrechen.

śodhanaṃ madhuraiścātra drā kṣārasasamāyutaiḥ balavatyāṃ praśaṃsanti sarpistailvakameva ca

Bei kräftigen Patienten empfiehlt man hier eine Reinigungstherapie (*śodhana*) mit süßen, mit Rosinensaft versetzten Mitteln, sowie Ghee und *tailvaka*-Ghee.

āragvadhādiniryūhaṃ daśāṅgayogameva vā pāyayetātha sakṣaudraṃ kaphajāyāṃ cikitsakaḥ

Bei dem durch *kapha* verursachten Erbrechen lasse der Arzt einen Absud aus Āragvadha und ähnlichen Mitteln oder die Zehnbestandteil-Mischung (*daśāṅgayoga*), mit Honig versetzt, trinken.

kṛtaṃ guḍūcyā vidhivat kaṣāyaṃ himasaṃjñitam tisṛṣvapi bhavet pathyaṃ mākṣikeṇa samanvitam

Ein vorschriftsmäßig aus Guḍūcī bereiteter, „gekühlt“ genannter *kaṣāya*, mit Honig versetzt, ist bei allen drei Formen zuträglich.

bībhatsajāṃ hṛdyatamairdauhṛdīṃ kāṅkṣitaiḥ phalaiḥ laṅghanairvamanaiścāmāṃ sātmyaiḥ sātmyaprakopajām

Das durch Ekel entstandene Erbrechen behandle man mit besonders herzstärkenden Mitteln, das durch *dauhṛda* entstandene mit den ersehnten Früchten, das aus *āma* entstandene mit *laṅghana* und Brechmitteln, und das durch Unverträglichkeit erregte mit zuträglichen Mitteln.

kṛmihṛdro gavaccāpi kṛmijāṃ sādhayedvamīm vitarecca yathādoṣaṃ śastaṃ vidhimanantaram

Ebenso wie bei *kṛmihṛdroga* behandle man das wurmbedingte Erbrechen und verordne danach die je nach Doṣa angezeigte, gepriesene Behandlungsweise.

dadhittharasasaṃsaktāṃ pippalīṃ mākṣikānvitām muhurmuhurnaro līḍhvā chardibhyaḥ pravimucyate

Wer wiederholt mit dem Saft der *kapittha*-Frucht vermengte, honiggesüßte Pippalī leckt, wird von jeglichem Erbrechen befreit.

samākṣikā madhurasā pītā vā taṇḍulāmbunā tarpaṇaṃ vā madhuyutaṃ tisṛṇāmapi bheṣajam

Auch mit Honig versetzter, süßer Traubensaft, getrunken mit Reiswaschwasser (*taṇḍulāmbu*), oder ein mit Honig versetztes Stärkungsgetränk (*tarpaṇa*) ist ein Heilmittel für alle drei Formen.

svayaṅguptāṃ sayaṣṭyāhvāṃ taṇḍulāmbumadhudra vām pibedyavāgūmathavā siddhāṃ patraiḥ karañjajaiḥ

Man trinke Svayaṅguptā zusammen mit Süßholz, verflüssigt mit *taṇḍulāmbu* und Honig, oder einen mit Karañja-Blättern gekochten Getreideschleim (*yavāgū*).

yuktāmlalavaṇāḥ piṣṭāḥ kustumburyo'thavā hitāḥ taṇḍulāmbuyutaṃ khādet kapitthaṃ tryūṣaṇena vā

Auch mit Saurem und Salz vermengter, zerstoßener Koriander ist zuträglich, oder man esse mit *taṇḍulāmbu* vermischte *kapittha*-Frucht, versetzt mit den drei Scharfstoffen (*triyūṣaṇa*).

sitācandanamadhvāktaṃ lihyādvā makṣikāśakṛt pibet payo'gnitaptaṃ ca nirvāpya gṛhagodhikām

Man lecke auch mit weißem Sandelholz und Honig vermengtes Bienenwachs (Propolis), oder trinke Milch, in der man eine im Feuer erhitzte Hauseidechse abgelöscht hat.

sarpiḥ kṣaudra yutān vā'pi lājaśaktūn pibettathā sarpiḥkṣaudra sitopetāṃ māgadhīṃ vā lihettathā

Ebenso trinke man mit Ghee und Honig versetztes Röstgerstenmehl (*lājaśaktu*), oder lecke Pippalī, versetzt mit Ghee, Honig und Zucker.

dhātrīrase candanaṃ vā ghṛṣṭaṃ mudgadalāmbunā kolāmalakamajjānaṃ lihyādvā trisugandhikam

Oder man löse Sandelholz in Āmalakī-Saft auf, vermengt mit Mungbohnen-Wasser, oder lecke das Mark der *kola*-Frucht und der Āmalakī mit den drei Wohlriechenden (*trisugandhika*).

sakṣaudrāṃ śālilājānāṃ yavāgūṃ vā pibennaraḥ ghreyāṇyupahareccāpi manoghrāṇasukhāni ca

Man trinke auch mit Honig versetzten Getreideschleim aus geröstetem Śāli-Reis, und biete Wohlgerüche dar, die Geist und Geruchssinn erfreuen.

jāṅgalāni ca māṃsāni śubhāni pānakāni ca bhojanāni vicitrāṇi kuryātsarvāsvatandri taḥ

Bei allen Formen des Erbrechens biete man unermüdlich Fleisch von Wildtieren des Trockenlands (*jāṅgala*), erlesene Getränke und mannigfaltige Speisen an.

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