Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Uttaratantra

Adhyāya 57: rocakapratiṣedho Behandlung des Appetitverlusts (Arocaka)

Das Kapitel über arocaka, den Appetitverlust, führt den Zustand auf ein durch Doṣas oder seelische Erregung verursachtes Unbehagen in den Nahrungswegen zurück, das der Text als bhaktopaghāta bezeichnet, und unterscheidet fünf Formen – die drei doṣa-bedingten sowie eine durch Kummer, Furcht oder den Anblick von Unreinem entstehende (cintāja). Behandelt wird zunächst mit gezieltem, doṣa-spezifischem Erbrechen – Vacā-Wasser bei Vāta, Zuckerrohrsaft bei Pitta, Nimba-Wasser bei Kapha –, gefolgt von appetitanregenden Latwergen aus Drākṣā, Mustā und bitteren Kräutern sowie Klistieren und Niesmitteln. Bemerkenswert ist der abschließende Hinweis auf die psychische Dimension des Leidens: Bei geschwächtem inneren Feuer durch Kummer oder Furcht empfiehlt der Text, den Kranken durch alte Erzählungen aufzumuntern und ihm angenehme, vertraute Kost zu reichen – ein seltener Verweis auf seelische Zuwendung als Therapie.

DIE FÜNF FORMEN DES APPETITVERLUSTS (AROCAKA) (Vers 4–6)
FormKennzeichen
vātajaHerzstechen, fader Geschmack im Mund
pittajaBrennen und starkes Sausen im Herzen, Bitterkeit im Mund, Ohnmacht, Durst
kaphajaJuckreiz, Schweregefühl, Schleimabsonderung, Mattigkeit, Schläfrigkeit, süßlicher Geschmack
sarvajaZeichen von vāta, pitta und kapha zugleich im Herzen
cintājadurch Leidenschaft, Trauer, Furcht oder den Anblick von Unreinem entstanden

athāto'rocakapratiṣedhamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die Behandlung des Appetitverlusts (*arocaka*) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat:

doṣaiḥ pṛthak saha ca cittaviparyayācca bhaktāyaneṣu hṛdi cāvatate pragāḍham nānne rucirbhavati taṃ bhiṣajo vikāraṃ bhaktopaghātamiha pañcavidhaṃ vadanti

Wenn durch die *Doṣas* (Körpersäfte), einzeln oder gemeinsam wirkend, sowie durch eine Störung des Gemüts sich in den Nahrungswegen und im Herzen ein starkes Unbehagen festsetzt, so dass keine Freude an der Speise mehr entsteht, nennen die Ärzte dieses Leiden *bhaktopaghāta* (Beeinträchtigung der Nahrungsaufnahme); es ist von fünf Arten.

hṛcchūlapīḍanayutaṃ virasānanatvaṃ vātātmake bhavati liṅgamarocake tu hṛddāhacoṣabahutā mukhatiktatā ca mūrcchā satṛḍ bhavati pittakṛte tathaiva

Bei der durch *Vāta* (Wind-Doṣa) bedingten Form des *arocaka* treten als Zeichen Herzstechen und ein fader Geschmack im Mund auf; bei der durch *Pitta* (Feuer-Doṣa) verursachten Form dagegen zeigen sich Brennen und starkes Sausen im Herzen, Bitterkeit im Mund, Ohnmacht und Durst.

kaṇḍūgurutvakaphasaṃsravasādatandrāḥ śleṣmātmake madhuramāsyamarocake tu sarvātmake pavanapittakaphā bahūni rūpāṇyathāsya hṛdaye samudīrayanti

Bei der durch *Kapha* (Schleim-Doṣa) bedingten Form treten Juckreiz, Schweregefühl, Schleimabsonderung, Mattigkeit und Schläfrigkeit auf, sowie ein süßlicher Geschmack im Mund. Bei der Form, die durch alle drei zugleich hervorgerufen wird, erzeugen *Vāta*, *Pitta* und *Kapha* im Herzen zahlreiche Krankheitszeichen.

saṃrāgaśokabhayaviplutacetasastu cintākṛto bhavati so'śucidarśanācca vāte vacāmbuvamanaṃ kṛtavān pibecca snehaiḥ surābhirathavoṣṇajalena cūrṇam

Die durch Kummer entstehende Form (*cintāja*) zeigt sich bei einem Gemüt, das von Leidenschaft, Trauer und Furcht überwältigt ist, sowie durch den Anblick von Unreinem. Bei der *vāta*-bedingten Form soll der Arzt zunächst mit *Vacā*-Wasser (Kalmus) ein Brechmittel verabreichen und dann dem Kranken ein Pulver mit öligen Mitteln (*sneha*), mit *Surā* (Reisbier) oder mit warmem Wasser zu trinken geben.

kṛṣṇāviḍaṅgayavabhasmahareṇubhārgīrāsnailahiṅgulavaṇottamanāgarāṇām pitte guḍāmbumadhurairvamanaṃ praśastaṃ snehaḥ sasaindhavasitāmadhusarpiriṣṭaḥ

Aus *Kṛṣṇā* (Pippalī, Langer Pfeffer), *Viḍaṅga*, Gerstenasche, *Hareṇu*, *Bhārgī*, *Rāsnā*, *Elā* (Kardamom), *Hiṅgu* (Asant), Steinsalz und bestem *Nāgara* (Trockenem Ingwer) besteht das Pulver für die Vāta-Form. Bei der *pitta*-bedingten Form wird ein Brechmittel mit Zuckerrohrsaft-Wasser und süßen Stoffen empfohlen; am besten ist ein öliges Mittel (*sneha*) mit Steinsalz, Kandiszucker, Honig und Ghee.

nimbāmbuvāmitavataḥ kaphaje'nupānaṃ rājadrumāmbu madhunā tu sadīpyakaṃ syāt cūrṇaṃ yaduktamathavā'nilaje tadeva sarvaiśca sarvakṛtamevamupakrameta

Bei der *kapha*-bedingten Form soll man mit *Nimba*-Wasser zum Erbrechen bringen; als Getränk danach diene *Rājadruma*-Wasser mit Honig und Ajowan (*dīpyaka*). Auch das für die *vāta*-Form genannte Pulver kann hier gegeben werden. Bei der durch alle drei *Doṣas* gemeinsam verursachten Form (*sarvaja*) verfahre man ebenso, mit allen genannten Mitteln zugleich.

drā kṣāpaṭolaviḍavetrakarīranimbamūrvābhayākṣabadarāmalakendra vṛkṣaiḥ bījaiḥ karañjanṛpavṛkṣabhavaiśca piṣṭairlehaṃ pacet surabhimūtrayutaṃ yathāvat

Aus *Drākṣā* (Rosinen), *Paṭola*, *Viḍa*-Salz, *Vetra*, *Karīra*, *Nimba*, *Mūrvā*, *Abhayā*, *Akṣa*, *Badara* (Jujube) und *Āmalaka*, sowie den Samen des *Indravṛkṣa* (*Kuṭaja*), fein zerrieben, dazu den Samen von *Karañja* und *Nṛpavṛkṣa*, bereite man, wie es sich gehört, unter Zusatz von Kuhurin einen Latwerge-Sud (*leha*).

mustāṃ vacāṃ trikaṭukaṃ rajanīdvayaṃ ca bhārgīṃ ca kuṣṭhamatha nirdahanīṃ ca piṣṭvā mūtre'vije dviradamūtrayute pacedvā pāṭhāṃ tugāmativiṣāṃ rajanīṃ ca mukhyām

Oder man zerreibe *Mustā*, *Vacā*, *Trikaṭu* (die drei Scharfstoffe), beide *Rajanī*-Arten, *Bhārgī*, *Kuṣṭha* und *Nirdahanī* und koche dies in Schafsurin, dem Elefantenurin beigemischt ist; oder man nehme *Pāṭhā*, *Tugā* (Bambusmanna), *Ativiṣā* und die vorzügliche *Rajanī*.

maṇḍūkimarkamamṛtāṃ ca salāṅgalākhyāṃ mūtre pacettu mahiṣasya vidhānavidvā etānna santi caturo lihatastu lehān gulmāruciśvasanakaṇṭhahṛdāmayāśca

Wer die Regeln kennt, koche *Maṇḍūkī*, *Arka*, *Amṛtā* (*Guḍūcī*) und die sogenannte *Lāṅgalā* in Büffelurin. Diese vier Latwergen (*leha*) heilen, wenn man sie leckt, *Gulma* (Abdominaltumoren), Appetitlosigkeit, Atemnot sowie Leiden von Kehle und Herz.

sātmyān svadeśaracitān vividhāṃśca bhakṣyān pānāni mūlaphalaṣāḍavarāgayogān adyādra sāṃśca vividhān vividhaiḥ prakārairbhuñjīta cāpi laghurūkṣamanaḥsukhāni

Der Kranke esse zuträgliche (*sātmya*), in seiner Heimat übliche und vielerlei andere Speisen sowie Getränke, dazu Zubereitungen aus Wurzeln, Früchten, *Ṣāḍava* (saure Würzsoße) und *Rāga* (Fruchtchutney); auch verschiedene Fleisch- und Fruchtsäfte (*rasa*) soll er zu sich nehmen, auf mannigfache Weise, wobei die Speisen leicht, trocken und dem Gemüt angenehm sein sollen.

āsthāpanaṃ vidhivadatra virecanaṃ ca kuryānmṛdūni śirasaśca virecanāni trīṇyūṣaṇāni rajanītriphalāyutāni cūrṇīkṛtāni yavaśūkavimiśritāni

Man wende hier vorschriftsmäßig *Āsthāpana* (nicht-öliges Klistier) und milde Abführmittel (*virecana*) an, ebenso kopfreinigende Mittel (*śirovirecana*). Ein Pulver aus den drei *Ūṣaṇa* (scharfen Gewürzen), *Rajanī* und *Triphalā*, fein gemahlen und mit Gerstengrannen vermischt, diene zum Niesen.

kṣaudrā yutāni vitarenmukhabodhanārthamanyāni tiktakaṭukāni ca bheṣajāni mustādirājataruvargadaśāṅgasiddhaiḥ kvāthairjayenmadhuyutairvividhaiśca lehaiḥ

Mit Honig vermischt gebe man dieses Pulver zur Belebung des Mundgeschmacks; ebenso andere bittere und scharfe Heilmittel. Man besiege die Krankheit durch Absude (*kvātha*), die aus *Mustā* und den übrigen Kräutern der *Rājataru*-Gruppe sowie aus der Zehnergruppe (*daśāṅga*) bereitet sind, mit Honig vermengt, und durch vielerlei Latwergen (*leha*).

mūtrāsavairguḍakṛtaiśca tathā tvariṣṭaiḥ kṣārāsavaiśca madhumādhavatulyagandhaiḥ syādeṣa eva kaphavātahate vidhiśca śāntiṃ gate hutabhuji praśamāya tasya

Man behandle mit Harn-Fermenten (*mūtrāsava*) und mit aus Melassezucker bereiteten Getränken, ebenso mit *Ariṣṭas* (Fermentweinen) und mit *Kṣārāsavas* (alkalischen Fermenten), deren Duft dem von Honig und *Mādhava*-Wein gleicht. Eben diese Behandlung gilt auch für die *kapha*- und *vāta*-bedingte Form. Ist jedoch das Verdauungsfeuer (*agni*) erloschen, so diene die Behandlung seiner Beruhigung.

icchābhighātabhayaśokahate'ntaragnau bhāvān bhavāya vitaret khalu śakyarūpān artheṣu cāpyapaciteṣu punarbhavāya paurāṇikaiḥ śrutiśatairanumānayettam

Ist das innere Feuer (*antaragni*) durch Verlangen, Verletzung, Furcht oder Kummer geschwächt, so gebe man solche Dinge, die zu seiner Wiederherstellung geeignet sind. Sind dem Kranken die Verhältnisse seines Lebens noch nicht wieder in Ordnung, so überzeuge man ihn durch hundertfach überlieferte alte Erzählungen, damit der Appetit wiederkehre.

dainyaṃ gate manasi bodhanamatra śastaṃ yadyat priyaṃ tadupasevyamarocake tu

Ist Kleinmut in das Gemüt eingekehrt, so ist hier Aufmunterung heilsam; was immer dem Kranken lieb und angenehm ist, das soll er bei Appetitlosigkeit (*arocaka*) pflegen.

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