Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 10: rājadharmopadeśaḥ (madhyamabhāgaḥ) Dhṛtarāṣṭras Rājadharma-Lehre (Fortsetzung)

dhṛtarāṣṭra uvāca vyavahārāś ca te tāta nityam āptair adhiṣṭhitāḥ yojyās tuṣṭair hitai rājan nityaṃ cārair anuṣṭhitāḥ

Und die Rechtsgeschäfte, o Kind, sollen stets von vertrauenswürdigen Männern geleitet werden; sie sollen, o König, stets zufriedenen und wohlgesonnenen Männern übertragen werden, begleitet von Spähern.

Wort für Wort
nityam āptair adhiṣṭhitāḥ
stets von vertrauenswürdigen Männern geleitet (Instr. Pl. + Passiv-Ptz.)
cārair anuṣṭhitāḥ
von Spähern begleitet (Instr. + Ptz.)

parimāṇaṃ viditvā ca daṇḍaṃ daṇḍyeṣu bhārata praṇayeyur yathānyāyaṃ puruṣās te yudhiṣṭhira

Und nachdem sie das rechte Maß erkannt haben, o Nachkomme Bharatas, sollen jene Männer die Strafe an den Straffälligen dem Recht gemäß vollziehen, o Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
parimāṇaṃ viditvā
nachdem sie das Maß erkannt haben (Abs.)
daṇḍaṃ daṇḍyeṣu
die Strafe an den Straffälligen (Akk. + Lok.)

ādānarucayaś caiva paradārābhimarśakāḥ ugradaṇḍapradhānāś ca mithyā vyāhāriṇas tathā

Die zum Diebstahl Neigenden und die Antaster fremder Frauen, die für harte Strafe Vorgesehenen und ebenso die Falschredner,

Wort für Wort
ādānarucayaḥ
die zum Diebstahl Neigenden (Nom. Pl.)
paradārābhimarśakāḥ
die Antaster fremder Frauen (Nom. Pl.)
mithyā vyāhāriṇaḥ
die Falschredner (Nom. Pl.)

ākroṣṭāraś ca lubdhāś ca hantāraḥ sāhasapriyāḥ sabhāvihārabhettāro varṇānāṃ ca pradūṣakāḥ hiraṇyadaṇḍyā vadhyāś ca kartavyā deśakālataḥ

die Schmäher und die Gierigen, die Mörder, die an Gewalttat Gefallen finden, die Störer von Versammlungen und Erholungsstätten, und die Verderber der Stände – diese sollen, je nach Ort und Zeit, mit Geldstrafe oder mit dem Tod bestraft werden.

Wort für Wort
ākroṣṭāraḥ
die Schmäher (Nom. Pl.)
sabhāvihārabhettāraḥ
die Störer von Versammlungen und Erholungsstätten (Nom. Pl.)
hiraṇyadaṇḍyā vadhyāś ca
mit Geldstrafe oder mit dem Tod (Adj. Nom. Pl.)

Die Liste der Vergehenskategorien folgt der klassischen altindischen Strafrechtssystematik (arthaśāstrischer Prägung); die Übersetzung gibt die Aufzählung möglichst wörtlich wieder.

prātar eva hi paśyethā ye kuryur vyayakarma te alaṃkāram atho bhojyam ata ūrdhvaṃ samācareḥ

Schon früh am Morgen sollst du jene sehen, die die Ausgabengeschäfte besorgen; danach sollst du dich dem Schmuck und der Mahlzeit widmen.

Wort für Wort
prātar eva
schon früh am Morgen (Adv.)
vyayakarma
die Ausgabengeschäfte (Akk.)

paśyethāś ca tato yodhān sadā tvaṃ pariharṣayan dūtānāṃ ca carāṇāṃ ca pradoṣas te sadā bhavet

Und danach sollst du stets die Krieger sehen und sie erfreuen; und für die Boten und Späher soll stets die frühe Abendzeit dir vorbehalten sein.

Wort für Wort
pariharṣayan
sie erfreuend (Ptz. Präs.)
pradoṣas te
die frühe Abendzeit dir (Nom.)

sadā cāpararātraṃ te bhavet kāryārthanirṇaye madhyarātre vihāras te madhyāhne ca sadā bhavet

Und stets soll dir die späte Nachtzeit für die Entscheidung wichtiger Angelegenheiten gehören; die Mitternacht sei dir zur Ruhe, und ebenso stets der Mittag.

Wort für Wort
kāryārthanirṇaye
für die Entscheidung wichtiger Angelegenheiten (Lok.)
madhyarātre vihāras
die Mitternacht zur Ruhe (Lok. + Nom.)

sarve tv ātyayikāḥ kālāḥ kāryāṇāṃ bharatarṣabha tathaivālaṃkṛtaḥ kāle tiṣṭhethā bhūridakṣiṇaḥ cakravat karmaṇāṃ tāta paryāyo hy eṣa nityaśaḥ

Doch für dringende Angelegenheiten ist jede Zeit geeignet, o Stier der Bharatas; und ebenso sollst du zur rechten Zeit geschmückt dastehen, reich an Gaben. Denn dieser Kreislauf der Pflichten, o Kind, ist ein stets wiederkehrender, wie das Rad.

Wort für Wort
ātyayikāḥ kālāḥ
dringende Angelegenheiten / jede Zeit dafür geeignet (Nom. Pl.)
cakravat
wie das Rad (Adv.)

kośasya saṃcaye yatnaṃ kurvīthā nyāyataḥ sadā dvividhasya mahārāja viparītaṃ vivarjayeḥ

Um die Mehrung der Schatzkammer sollst du dich stets auf rechtmäßige Weise bemühen, o Großkönig; das Gegenteilige der beiden Arten des Erwerbs sollst du meiden.

Wort für Wort
kośasya saṃcaye
um die Mehrung der Schatzkammer (Lok.)
dvividhasya viparītam
das Gegenteilige der beiden Arten (Gen. + Akk.)

Mit den „beiden Arten“ ist vermutlich die Unterscheidung zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Erwerb gemeint [?].

cārair viditvā śatrūṃś ca ye te rājyāntarāyiṇaḥ tān āptaiḥ puruṣair dūrād ghātayethāḥ parasparam

Und nachdem du durch Späher jene Feinde erkannt hast, die dir Hindernisse für das Königreich sind, sollst du sie durch vertrauenswürdige Männer aus der Ferne gegeneinander ausspielen und vernichten lassen.

Wort für Wort
rājyāntarāyiṇaḥ
Hindernisse für das Königreich (Nom. Pl.)
dūrād ghātayethāḥ parasparam
aus der Ferne gegeneinander vernichten lassen (Kaus.)

karmadṛṣṭyātha bhṛtyāṃs tvaṃ varayethāḥ kurūdvaha kārayethāś ca karmāṇi yuktāyuktair adhiṣṭhitaiḥ

Nach der bewährten Leistung sollst du deine Diener auswählen, o Erster der Kurus, und die Aufgaben sollst du durch geeignete, sorgfältig eingesetzte Männer ausführen lassen.

Wort für Wort
karmadṛṣṭyā
nach der bewährten Leistung (Instr.)
yuktāyuktair adhiṣṭhitaiḥ
durch geeignete, sorgfältig eingesetzte Männer (Instr. Pl.)

senāpraṇetā ca bhavet tava tāta dṛḍhavrataḥ śūraḥ kleśasahaś caiva priyaś ca tava mānavaḥ

Und der Heerführer soll dir, o Kind, ein Mann von festem Gelübde sein, tapfer und mühsalfest, und dir persönlich lieb und vertraut.

Wort für Wort
dṛḍhavrataḥ
von festem Gelübde (Nom.)
kleśasahaḥ
mühsalfest (Nom.)

sarve jānapadāś caiva tava karmāṇi pāṇḍava paurogavāś ca sabhyāś ca kuryur ye vyavahāriṇaḥ

Und alle Landbezirks-Vorsteher sollen deine Aufgaben ausführen, o Sohn des Pāṇḍu, und ebenso die Stadthäupter und die Ratsmitglieder, die mit den Rechtsgeschäften befasst sind.

Wort für Wort
jānapadāḥ
Landbezirks-Vorsteher (Nom. Pl.)
paurogavāḥ sabhyāḥ
Stadthäupter und Ratsmitglieder (Nom. Pl.)

svarandhraṃ pararandhraṃ ca sveṣu caiva pareṣu ca upalakṣayitavyaṃ te nityam eva yudhiṣṭhira

Die eigene Schwachstelle und die Schwachstelle des Feindes, in den eigenen Leuten wie in den fremden, sollst du stets beobachten, o Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
svarandhraṃ pararandhram
die eigene und die feindliche Schwachstelle (Akk.)
upalakṣayitavyam
zu beobachten (Ger.)

deśāntarasthāś ca narā vikrāntāḥ sarvakarmasu mātrābhir anurūpābhir anugrāhyā hitās tvayā

Und die Männer, die in fernen Landen weilen und sich in allen Aufgaben als tüchtig erweisen, sollst du mit angemessenen Gaben begünstigen und ihnen wohlgesonnen sein.

Wort für Wort
deśāntarasthāḥ
die in fernen Landen weilenden (Nom. Pl.)
mātrābhir anurūpābhiḥ
mit angemessenen Gaben (Instr. Pl.)

guṇārthināṃ guṇaḥ kāryo viduṣāṃ te janādhipa avicālyāś ca te te syur yathā merur mahāgiriḥ

Und den nach Vorzügen Strebenden sollst du Vorzüge erweisen, den Weisen, o Herrscher der Menschen; und jene sollen dir unerschütterlich sein, so wie der große Berg Meru.

Wort für Wort
guṇārthinām guṇaḥ kāryaḥ
den nach Vorzügen Strebenden sollst du Vorzüge erweisen (Dat. + Nom.)
yathā merur mahāgiriḥ
wie der große Berg Meru (Vergleich)

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