Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 11: maṇḍalaṣāḍguṇyanirūpaṇam Dhṛtarāṣṭras Lehre vom Herrschaftskreis und den sechs Maßnahmen

dhṛtarāṣṭra uvāca maṇḍalāni ca budhyethāḥ pareṣām ātmanas tathā udāsīnaguṇānāṃ ca madhyamānāṃ tathaiva ca

Dhṛtarāṣṭra sprach: Und die Herrschaftskreise (Maṇḍalas) sollst du verstehen, die der Gegner wie auch die eigenen, und ebenso die Eigenschaften des Neutralen und ebenso des Mittleren.

Wort für Wort
maṇḍalāni
die Herrschaftskreise (Akk. Pl.)
udāsīnaguṇānām madhyamānām
die Eigenschaften des Neutralen, des Mittleren (Gen. Pl.)

Die Begriffe „Neutraler“ (udāsīna) und „Mittlerer“ (madhyama) entstammen der klassischen Maṇḍala-Lehre der altindischen Staatskunst, die Königreiche nach ihrer Stellung zueinander in Kreisen ordnet.

caturṇāṃ śatrujātānāṃ sarveṣām ātatāyinām mitraṃ cāmitramitraṃ ca boddhavyaṃ te 'rikarśana

Der vier Arten von Feinden, aller Gewalttäter, des Freundes und des Freundes-des-Feindes sollst du kundig sein, o Feindebezwinger.

Wort für Wort
caturṇāṃ śatrujātānām
der vier Arten von Feinden (Gen. Pl.)
mitraṃ cāmitramitraṃ ca
des Freundes und des Freundes-des-Feindes (Akk.)

Die „vier Arten von Feinden“ beziehen sich vermutlich auf die klassischen Feindkategorien der Maṇḍala-Lehre (Feind, Feindesfreund, Freundesfeind usw.) [?].

tathāmātyā janapadā durgāṇi viṣamāṇi ca balāni ca kuruśreṣṭha bhavanty eṣāṃ yathecchakam

Ebenso die Minister, die Landschaften, die Festungen und die unwegsamen Gebiete, und die Heere, o Bester der Kurus – diese stehen ihnen nach Belieben zur Verfügung.

Wort für Wort
amātyā janapadā durgāṇi
Minister, Landschaften, Festungen (Nom. Pl.)
yathecchakam
nach Belieben (Adv.)

te ca dvādaśa kaunteya rājñāṃ vai vividhātmakāḥ mantripradhānāś ca guṇāḥ ṣaṣṭir dvādaśa ca prabho

Und jene zwölf Könige, o Sohn der Kuntī, sind von mannigfaltiger Wesensart; und die vorzüglichen Eigenschaften der Minister sind es, sechzig und zwölf, o Herr.

Wort für Wort
dvādaśa rājñām
zwölf Könige (Gen. Pl.)
ṣaṣṭir dvādaśa ca
sechzig und zwölf (Zahlwort)

Die „zwölf Könige“ und die „zweiundsiebzig Eigenschaften“ (60+12, vgl. V006) sind feste Zahlenformeln der Maṇḍala-Theorie.

etan maṇḍalam ity āhur ācāryā nītikovidāḥ atra ṣāḍguṇyam āyattaṃ yudhiṣṭhira nibodha tat

Dies nennen die in der Staatskunst erfahrenen Lehrer das Maṇḍala; darin gründet die Lehre von den sechs Maßnahmen, das sollst du erkennen, o Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
maṇḍalam
das Maṇḍala, der Herrschaftskreis (Akk.)
ṣāḍguṇyam āyattam
die Lehre der sechs Maßnahmen gründet (Nom.)

Ṣāḍguṇya: die sechs außenpolitischen Maßnahmen (Bündnis, Krieg, Verharren, Feldzug, Zuflucht, Doppelspiel) der klassischen Staatskunst.

vṛddhikṣayau ca vijñeyau sthānaṃ ca kurunandana dvisaptatyā mahābāho tataḥ ṣāḍguṇyacāriṇaḥ

Zunahme und Abnahme sollen erkannt werden, und ebenso der Stillstand, o Freude der Kurus; dies gilt es anhand der zweiundsiebzig Faktoren, o Starkarmiger, für den, der die sechs Maßnahmen anwendet.

Wort für Wort
vṛddhikṣayau
Zunahme und Abnahme (Akk. Dual)
dvisaptatyā
anhand der zweiundsiebzig (Instr.)

yadā svapakṣo balavān parapakṣas tathābalaḥ vigṛhya śatrūn kaunteya yāyāt kṣitipatis tadā yadā svapakṣo 'balavāṃs tadā saṃdhiṃ samāśrayet

Wenn die eigene Partei stark ist und die gegnerische Partei ebenso schwach, dann soll der Herrscher der Erde, nachdem er die Feinde bekämpft hat, gegen sie ausziehen, o Sohn der Kuntī. Wenn aber die eigene Partei schwach ist, dann soll er Zuflucht beim Bündnis suchen.

Wort für Wort
svapakṣo balavān
die eigene Partei stark (Nom.)
saṃdhiṃ samāśrayet
Zuflucht beim Bündnis suchen (Opt.)

dravyāṇāṃ saṃcayaś caiva kartavyaḥ syān mahāṃs tathā yadā samartho yānāya nacireṇaiva bhārata

Und die Ansammlung von Reichtümern soll groß gemacht werden; und wenn er zum Feldzug fähig ist, dann soll er ohne Verzögerung handeln, o Nachkomme Bharatas.

Wort für Wort
dravyāṇāṃ saṃcayaḥ
die Ansammlung von Reichtümern (Nom.)
nacireṇaiva
ohne Verzögerung (Adv.)

tadā sarvaṃ vidheyaṃ syāt sthānaṃ ca na vibhājayet bhūmir alpaphalā deyā viparītasya bhārata

Dann soll alles geregelt werden, und den Stillstand soll er nicht wählen; ein Land von geringem Ertrag soll dem gegeben werden, der sich in umgekehrter Lage befindet, o Nachkomme Bharatas.

Wort für Wort
sthānaṃ na vibhājayet
den Stillstand soll er nicht wählen (Opt.)
bhūmir alpaphalā
ein Land von geringem Ertrag (Nom.)

Mit dem „in umgekehrter Lage Befindlichen“ ist vermutlich der geschwächte oder unterlegene Bündnispartner gemeint [?].

hiraṇyaṃ kupyabhūyiṣṭhaṃ mitraṃ kṣīṇam akośavat viparītān na gṛhṇīyāt svayaṃ saṃdhiviśāradaḥ

Gold, das reich an minderwertigen Metallen ist, einen geschwächten Freund ohne Schatzkammer, und Dinge von umgekehrter Art soll er selbst nicht annehmen, der im Bündniswesen Erfahrene.

Wort für Wort
kupyabhūyiṣṭham
reich an minderwertigen Metallen (Akk.)
saṃdhiviśāradaḥ
der im Bündniswesen Erfahrene (Nom.)

saṃdhyarthaṃ rājaputraṃ ca lipsethā bharatarṣabha viparītas tu te 'deyaḥ putra kasyāṃ cid āpadi tasya pramokṣe yatnaṃ ca kuryāḥ sopāyamantravit

Und um des Bündnisses willen sollst du nach einem Königssohn als Geisel trachten, o Stier der Bharatas; doch im umgekehrten Fall sollst du deinen eigenen Sohn nicht hergeben, mein Kind; und für dessen Befreiung, falls er in irgendeine Notlage gerät, sollst du dich bemühen, kundig der Mittel und Beratungen.

Wort für Wort
saṃdhyartham rājaputram
um des Bündnisses willen einen Königssohn (Akk.)
sopāyamantravit
kundig der Mittel und Beratungen (Nom.)

prakṛtīnāṃ ca kaunteya rājā dīnāṃ vibhāvayet krameṇa yugapad dvaṃdvaṃ vyasanānāṃ balābalam

Und der König soll, o Sohn der Kuntī, die Notlage der Untertanenschichten erkennen, der Reihe nach oder auch gleichzeitig, sowie die Stärke und Schwäche der paarweise auftretenden Widrigkeiten.

Wort für Wort
prakṛtīnāṃ dīnām
die Notlage der Untertanenschichten (Gen./Akk.)
vyasanānāṃ balābalam
die Stärke und Schwäche der Widrigkeiten (Gen. + Nom.)

pīḍanaṃ stambhanaṃ caiva kośabhaṅgas tathaiva ca kāryaṃ yatnena śatrūṇāṃ svarāṣṭraṃ rakṣatā svayam

Bedrängung und Lähmung, und ebenso die Zerschlagung der Schatzkammer der Feinde soll mit Eifer betrieben werden von dem, der selbst sein eigenes Reich beschützt.

Wort für Wort
pīḍanaṃ stambhanam
Bedrängung und Lähmung (Akk.)
kośabhaṅgaḥ
die Zerschlagung der Schatzkammer (Nom.)

na ca hiṃsyo 'bhyupagataḥ sāmanto vṛddhim icchatā kaunteya taṃ na hiṃseta yo mahīṃ vijigīṣate

Und ein Vasall, der sich unterworfen hat, soll nicht verletzt werden von dem, der Zunahme wünscht; nicht soll ihn verletzen, o Sohn der Kuntī, wer die Erde zu erobern trachtet.

Wort für Wort
abhyupagataḥ sāmantaḥ
der Vasall, der sich unterworfen hat (Nom.)
mahīṃ vijigīṣate
die Erde zu erobern trachtet (Desid.)

gaṇānāṃ bhedane yogaṃ gacchethāḥ saha mantribhiḥ sādhusaṃgrahaṇāc caiva pāpanigrahaṇāt tathā

Zur Entzweiung feindlicher Verbände sollst du mit deinen Ministern Mittel anwenden, sowohl durch Gewinnung der Guten als auch durch Unterdrückung der Bösen.

Wort für Wort
gaṇānāṃ bhedane
zur Entzweiung der Verbände (Lok.)
sādhusaṃgrahaṇāt pāpanigrahaṇāt
durch Gewinnung der Guten, durch Unterdrückung der Bösen (Abl.)

durbalāś cāpi satataṃ nāvaṣṭabhyā balīyasā tiṣṭhethā rājaśārdūla vaitasīṃ vṛttim āsthitaḥ

Und die Schwachen sollen von dem Stärkeren niemals bedrängt werden; du sollst, o Tiger unter den Königen, die Haltung des biegsamen Rohrs einnehmen.

Wort für Wort
durbalāḥ nāvaṣṭabhyā
die Schwachen sollen nicht bedrängt werden (Ger.)
vaitasīṃ vṛttim āsthitaḥ
die Haltung des Rohrs einnehmend (Akk. + Ptz.)

„Die Haltung des Rohrs“ (vaitasī vṛtti) bezeichnet die Fähigkeit, sich wie ein Schilfrohr im Wind zu beugen, ohne zu brechen – ein Bild für politische Anpassungsfähigkeit.

yady evam abhiyāyāc ca durbalaṃ balavān nṛpaḥ sāmādibhir upāyais taṃ krameṇa vinivartayet

Wenn so ein starker König gegen einen schwachen zieht, soll man jenen durch die Mittel, beginnend mit der Versöhnung, der Reihe nach zur Umkehr bewegen.

Wort für Wort
balavān nṛpaḥ
ein starker König (Nom.)
sāmādibhir upāyaiḥ
durch die Mittel, beginnend mit der Versöhnung (Instr. Pl.)

„Die Mittel, beginnend mit der Versöhnung“ (sāmādi) meint die vier klassischen Mittel der Politik: Versöhnung, Geschenk, Entzweiung, Gewalt.

aśaknuvaṃs tu yuddhāya niṣpatet saha mantribhiḥ kośena paurair daṇḍena ye cānye priyakāriṇaḥ

Wer aber zum Kampf nicht fähig ist, der soll mit seinen Ministern ausrücken, mit der Schatzkammer, mit den Bürgern, mit der Streitmacht, und mit allen anderen, die ihm wohlgesinnt sind.

Wort für Wort
aśaknuvan yuddhāya
wer zum Kampf nicht fähig ist (Ptz. + Dat.)
priyakāriṇaḥ
die ihm wohlgesinnt sind (Nom. Pl.)

asaṃbhave tu sarvasya yathāmukhyena niṣpatet krameṇānena mokṣaḥ syāc charīram api kevalam

Wenn aber nicht alles möglich ist, so soll er nach der Rangfolge des Wichtigsten ausrücken; durch dieses schrittweise Vorgehen kann die Rettung gelingen, und sei es nur des eigenen Leibes allein.

Wort für Wort
asaṃbhave sarvasya
wenn nicht alles möglich ist (Lok. Abs.)
śarīram api kevalam
und sei es nur des eigenen Leibes allein (Nom.)

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