Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 4: bhīmasyāmarṣavacanam Bhīmas Zornesrede und Dhṛtarāṣṭras Weltüberdruss

vaiśaṃpāyana uvāca yudhiṣṭhirasya nṛpater duryodhanapitus tathā nāntaraṃ dadṛśū rājan puruṣāḥ praṇayaṃ prati

Vaiśaṃpāyana sprach: Zwischen dem König Yudhiṣṭhira und dem Vater Duryodhanas sahen die Leute, o König, keinen Unterschied hinsichtlich der gegenseitigen Zuneigung.

Wort für Wort
nāntaraṃ dadṛśuḥ
sie sahen keinen Unterschied (Perf.)
praṇayaṃ prati
hinsichtlich der Zuneigung (Präp. + Akk.)

Der Vater Duryodhanas: Dhṛtarāṣṭra.

yadā tu kauravo rājā putraṃ sasmāra bāliśam tadā bhīmaṃ hṛdā rājann apadhyāti sa pārthivaḥ

Doch wann immer der König der Kauravas sich an seinen törichten Sohn erinnerte, dann dachte jener Herrscher im Herzen übel von Bhīma, o König.

Wort für Wort
putraṃ bāliśam
den törichten Sohn, Duryodhana (Akk.)
hṛdā apadhyāti
er denkt im Herzen übel (Instr. + Präs.)

tathaiva bhīmaseno 'pi dhṛtarāṣṭraṃ janādhipam nāmarṣayata rājendra sadaivātuṣṭavad dhṛdā

Ebenso ertrug auch Bhīmasena den Herrscher der Menschen Dhṛtarāṣṭra nicht, o Fürst der Könige; stets war er im Herzen unzufrieden mit ihm.

Wort für Wort
nāmarṣayata
er ertrug nicht (Impf.)
sadaivātuṣṭavat hṛdā
stets war er im Herzen unzufrieden (Adv. + Impf. + Instr.)

aprakāśāny apriyāṇi cakārāsya vṛkodaraḥ ājñāṃ pratyaharac cāpi kṛtakaiḥ puruṣaiḥ sadā

Verborgene Unliebsamkeiten tat ihm der Wolfsbäuchige an, und auch dessen Anordnungen unterlief er stets heimlich durch bestochene Männer.

Wort für Wort
aprakāśāny apriyāṇi
verborgene Unliebsamkeiten (Akk. Pl.)
kṛtakaiḥ puruṣaiḥ
durch bestochene/gedungene Männer (Instr. Pl.)

Der Wolfsbäuchige (vṛkodara): Beiname Bhīmas.

atha bhīmaḥ suhṛnmadhye bāhuśabdaṃ tathākarot saṃśrave dhṛtarāṣṭrasya gāndhāryāś cāpy amarṣaṇaḥ

Da machte Bhīma, voller Unmut, inmitten seiner Freunde ein solches Armgeräusch, dass es Dhṛtarāṣṭra und auch Gāndhārī hören konnten.

Wort für Wort
bāhuśabdaṃ cakāra
er machte ein Armgeräusch (Akk. + Aor.)
saṃśrave
in Hörweite (Lok.)

Das Armgeräusch (bāhuśabda, lautes Aufschlagen/Klatschen der Oberarme) ist eine gängige Kraft- und Kampfbereitschaftsgeste im Epos.

smṛtvā duryodhanaṃ śatruṃ karṇaduḥśāsanāv api provācātha susaṃrabdho bhīmaḥ sa paruṣaṃ vacaḥ

Sich an den Feind Duryodhana erinnernd, und auch an Karṇa und Duḥśāsana, sprach jener überaus erregte Bhīma da ein hartes Wort:

Wort für Wort
susaṃrabdhaḥ
überaus erregt (Adj.)
paruṣaṃ vacaḥ
ein hartes Wort (Akk.)

andhasya nṛpateḥ putrā mayā parighabāhunā nītā lokam amuṃ sarve nānāśastrāttajīvitāḥ

„Die Söhne des blinden Königs wurden von mir, dessen Arme Keulen gleichen, alle in jene andere Welt geschickt, ihres Lebens durch mancherlei Waffen beraubt.

Wort für Wort
parighabāhunā
von dem, dessen Arme Keulen gleichen (Instr., Bhīma selbst)
nānāśastrāttajīvitāḥ
ihres Lebens durch mancherlei Waffen beraubt (Adj. Pl.)

Der blinde König: Dhṛtarāṣṭra.

imau tau parighaprakhyau bhujau mama durāsadau yayor antaram āsādya dhārtarāṣṭrāḥ kṣayaṃ gatāḥ

Diese meine beiden Arme, Keulen gleichend, unangreifbar, in deren Reichweite geratend die Söhne Dhṛtarāṣṭras zugrunde gingen –

Wort für Wort
parighaprakhyau bhujau
die beiden keulengleichen Arme (Nom. Dual)
antaram āsādya
in deren Reichweite geratend (Absol.)

tāv imau candanenāktau vandanīyau ca me bhujau yābhyāṃ duryodhano nītaḥ kṣayaṃ sasutabāndhavaḥ

diese meine beiden, mit Sandelpaste gesalbten und verehrungswürdigen Arme, durch die Duryodhana samt seinen Söhnen und Verwandten zugrunde gerichtet wurde!“

Wort für Wort
candanenāktau
mit Sandelpaste gesalbt (Ptz. Dual)
sasutabāndhavaḥ
samt Söhnen und Verwandten (Adj.)

etāś cānyāś ca vividhāḥ śalyabhūtā janādhipaḥ vṛkodarasya tā vācaḥ śrutvā nirvedam āgamat

Diese und andere mannigfaltige, wie Pfeilspitzen wirkende Worte des Wolfsbäuchigen vernehmend, verfiel der Herrscher der Menschen in Verzweiflung.

Wort für Wort
śalyabhūtāḥ vācaḥ
wie Pfeilspitzen wirkende Worte (Nom. Pl.)
nirvedam āgamat
er verfiel in Verzweiflung/Weltüberdruss (Akk. + Aor.)

śalyabhūta (‚wie ein Pfeildorn wirkend‘): Bildwort für schmerzhaft treffende Worte.

sā ca buddhimatī devī kālaparyāyavedinī gāndhārī sarvadharmajñā tāny alīkāni śuśruve

Und jene kluge Fürstin, die den Wandel der Zeit kennt, Gāndhārī, die allen Dharma kennt, hörte jene bitteren Worte mit an.

Wort für Wort
kālaparyāyavedinī
die den Wandel der Zeit kennt (Adj., Gāndhārī)
alīkāni śuśruve
sie hörte die bitteren/unwahren Worte (Akk. + Perf.)

tataḥ pañcadaśe varṣe samatīte narādhipaḥ rājā nirvedam āpede bhīmavāgbāṇapīḍitaḥ

Da, als das fünfzehnte Jahr verstrichen war, verfiel der König, der Herrscher der Menschen, von Bhīmas Wort-Pfeilen gequält, in Weltüberdruss.

Wort für Wort
pañcadaśe varṣe samatīte
als das fünfzehnte Jahr verstrichen war (Lok. abs.)
bhīmavāgbāṇapīḍitaḥ
von Bhīmas Wort-Pfeilen gequält (Adj.)

nānvabudhyata tad rājā kuntīputro yudhiṣṭhiraḥ śvetāśvo vātha kuntī vā draupadī vā yaśasvinī

Weder bemerkte dies der König, der Sohn der Kuntī, Yudhiṣṭhira, noch der Weißpferdige, noch Kuntī, noch die ruhmreiche Draupadī.

Wort für Wort
nānvabudhyata
er/sie bemerkte nicht (Impf.)
śvetāśvaḥ
der Weißpferdige, Arjuna (Nom.)

Der Weißpferdige (śvetāśva): Beiname Arjunas.

mādrīputrau ca bhīmasya cittajñāv anvamodatām rājñas tu cittaṃ rakṣantau nocatuḥ kiṃ cid apriyam

Und die beiden Söhne der Mādrī, die Bhīmas Gesinnung kannten, billigten sie stillschweigend; doch, die Gesinnung des Königs schonend, sagten sie nichts Unliebsames.

Wort für Wort
cittajñau
die die Gesinnung kannten (Adj. Dual)
rājñas cittaṃ rakṣantau
die Gesinnung des Königs schonend (Ptz. Dual)

Die Söhne der Mādrī: Nakula und Sahadeva.

tataḥ samānayām āsa dhṛtarāṣṭraḥ suhṛjjanam bāṣpasaṃdigdham atyartham idam āha vaco bhṛśam

Da versammelte Dhṛtarāṣṭra seine Vertrauten und sprach, von Tränen fast erstickt, mit großem Nachdruck dieses eindringliche Wort:

Wort für Wort
suhṛjjanam samānayām āsa
er versammelte seine Vertrauten (Akk. + Perf.-Periphrase)
bāṣpasaṃdigdham
von Tränen fast erstickt (Adv.)

Kapitel endet offen: Dhṛtarāṣṭras Rede an seine Vertrauten beginnt erst im folgenden Kapitel.

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