Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 7: punarjīvanam Wiederbelebung und erneute Bitte um Erlaubnis

dhṛtarāṣṭra uvāca spṛśa māṃ pāṇinā bhūyaḥ pariṣvaja ca pāṇḍava jīvāmīva hi saṃsparśāt tava rājīvalocana

„Dhṛtarāṣṭra sprach: Berühre mich noch einmal mit deiner Hand, und umarme mich, o Sohn Pāṇḍus; denn durch deine Berührung lebe ich gleichsam wieder auf, o Lotusäugiger.

Wort für Wort
pariṣvaja
umarme (Imp.)
rājīvalocana
Lotusäugiger (Vok., Yudhiṣṭhira)

mūrdhānaṃ ca tavāghrātum icchāmi manujādhipa pāṇibhyāṃ ca parispraṣṭuṃ prāṇā hi na jahur mama

Und ich wünsche, dein Haupt zu küssen, o Herrscher der Menschen, und dich mit beiden Händen zu berühren; denn mein Lebensatem hat mich nicht verlassen.

Wort für Wort
mūrdhānam āghrātum
das Haupt zu küssen (Inf.)
prāṇā na jahuḥ
der Lebensatem hat nicht verlassen (Nom. Pl. + Perf.)

mūrdhānam āghrātum (wörtl. „das Haupt riechen“): die epische Umschreibung des Kusses auf den Kopf als Segensgeste.

aṣṭamo hy adya kālo 'yam āhārasya kṛtasya me yenāhaṃ kuruśārdūla na śaknomi viceṣṭitum

Denn heute ist dies die achte Zeit seit meiner letzten Nahrungsaufnahme, weswegen ich, o Tiger der Kurus, mich nicht mehr bewegen kann.

Wort für Wort
āhārasya kṛtasya
der [letzten] vollzogenen Nahrungsaufnahme (Gen.)
viceṣṭitum na śaknomi
ich kann mich nicht bewegen (Inf. + Präs.)

vyāyāmaś cāyam atyarthaṃ kṛtas tvām abhiyācatā tato glānamanās tāta naṣṭasaṃjña ivābhavam

Und diese Anstrengung wurde von mir, der ich dich inständig bat, übermäßig unternommen; daher wurde ich, mein Sohn, ermattet an Sinn und wie ohne Bewusstsein.

Wort für Wort
abhiyācatā
von dem, der inständig bat (Instr. Ptz.)
naṣṭasaṃjñaḥ
ohne Bewusstsein (Adj.)

tavāmṛtasamasparśaṃ hastasparśam imaṃ vibho labdhvā saṃjīvito 'smīti manye kurukulodvaha

Nachdem ich diese deine, dem Nektar gleichende Berührung deiner Hand erlangt habe, o Mächtiger, denke ich, dass ich wiederbelebt bin, o Erster des Kuru-Geschlechts.“

Wort für Wort
amṛtasamasparśam
dem Nektar gleichende Berührung (Akk.)
saṃjīvito 'smi
ich bin wiederbelebt (Ptz. + Präs.)

vaiśaṃpāyana uvāca evam uktas tu kaunteyaḥ pitrā jyeṣṭhena bhārata pasparśa sarvagātreṣu sauhārdāt taṃ śanais tadā

Vaiśaṃpāyana sprach: So angesprochen von seinem älteren Vater, o Bhārata, berührte der Sohn der Kuntī ihn da aus Zuneigung sanft an allen Gliedern.

Wort für Wort
pitrā jyeṣṭhena
vom älteren Vater (Instr.)
sauhārdāt
aus Zuneigung (Abl.)

Der ältere Vater: Dhṛtarāṣṭra als älterer Onkel/Ersatzvater Yudhiṣṭhiras.

upalabhya tataḥ prāṇān dhṛtarāṣṭro mahīpatiḥ bāhubhyāṃ saṃpariṣvajya mūrdhny ājighrata pāṇḍavam

Nachdem er so seine Lebenskraft wiedererlangt hatte, umarmte Dhṛtarāṣṭra, der Herrscher der Erde, den Sohn Pāṇḍus mit beiden Armen und küsste ihn auf das Haupt.

Wort für Wort
upalabhya prāṇān
nachdem er die Lebenskraft wiedererlangt hatte (Absol.)
mūrdhny ājighrata
er küsste auf das Haupt (Lok. + Impf.)

vidurādayaś ca te sarve rurudur duḥkhitā bhṛśam atiduḥkhāc ca rājānaṃ nocuḥ kiṃ cana pāṇḍavāḥ

Und Vidura und die anderen weinten alle, heftig betrübt; und vor übergroßem Leid sagten die Pāṇḍavas dem König gar nichts.

Wort für Wort
rurudur duḥkhitāḥ
sie weinten, betrübt (Perf. + Adj.)
nocuḥ kiṃ cana
sie sagten gar nichts (Perf.)

gāndhārī tv eva dharmajñā manasodvahatī bhṛśam duḥkhāny avārayad rājan maivam ity eva cābravīt

Doch Gāndhārī, die Dharma-Kundige, ihr eigenes heftiges Leid im Sinn tragend, hielt das Leid zurück, o König, und sprach nur mahnend, es solle nicht so sein.

Wort für Wort
manasodvahatī
im Sinn tragend (Ptz.)
duḥkhāny avārayat
sie hielt das Leid zurück (Akk. + Impf.)

Kurze formelhafte Ermahnung Gāndhārīs (im Original nur zwei Worte: „nicht so!“) indirekt statt als eigenständiges Zitat wiedergegeben, gemäß Konvention für sehr kurze formelhafte Einwürfe.

itarās tu striyaḥ sarvāḥ kuntyā saha suduḥkhitāḥ netrair āgatavikledaiḥ parivārya sthitābhavan

Die anderen Frauen aber, alle zusammen mit Kuntī, überaus betrübt, standen, mit von Tränen feuchten Augen, umher.

Wort für Wort
suduḥkhitāḥ
überaus betrübt (Adj. Pl.)
netrair āgatavikledaiḥ
mit von Tränen feuchten Augen (Instr.)

athābravīt punar vākyaṃ dhṛtarāṣṭro yudhiṣṭhiram anujānīhi māṃ rājaṃs tāpasye bharatarṣabha

Da sprach Dhṛtarāṣṭra wiederum ein Wort zu Yudhiṣṭhira: „Erlaube mir, o König, die Askese, o Stier der Bharatas.

Wort für Wort
punar vākyam abravīt
er sprach wiederum ein Wort (Akk. + Impf.)
anujānīhi māṃ
erlaube mir (Imp. + Akk.)

glāyate me manas tāta bhūyo bhūyaḥ prajalpataḥ na mām ataḥ paraṃ putra parikleṣṭum ihārhasi

Mein Sinn ermattet, mein Sohn, während ich immer wieder rede; du sollst mich, mein Sohn, nicht länger hier quälen.“

Wort für Wort
bhūyo bhūyaḥ prajalpataḥ
während ich immer wieder rede (Gen. Ptz.)
parikleṣṭum arhasi
du sollst quälen (periphr.)

tasmiṃs tu kauravendre taṃ tathā bruvati pāṇḍavam sarveṣām avarodhānām ārtanādo mahān abhūt

Als jener Fürst der Kauravas so zum Sohn Pāṇḍus sprach, erhob sich unter all den Frauen des Frauengemachs ein großer Klageschrei.

Wort für Wort
kauravendre bruvati
als der Fürst der Kauravas sprach (Lok. abs.)
ārtanādo mahān
ein großer Klageschrei (Nom.)

dṛṣṭvā kṛśaṃ vivarṇaṃ ca rājānam atathocitam upavāsapariśrāntaṃ tvagasthiparivāritam

als sie den König sahen, abgemagert und blass, dem solches nicht gebührte, vom Fasten erschöpft, nur noch von Haut und Knochen umhüllt,

Wort für Wort
upavāsapariśrāntam
vom Fasten erschöpft (Adj.)
tvagasthiparivāritam
nur noch von Haut und Knochen umhüllt (Adj.)

dharmaputraḥ sa pitaraṃ pariṣvajya mahābhujaḥ śokajaṃ bāṣpam utsṛjya punar vacanam abravīt

Da umarmte der Dharma-Sohn, der Großarmige, seinen Vater und sprach, Tränen der Trauer vergießend, wiederum ein Wort:

Wort für Wort
pitaraṃ pariṣvajya
seinen Vater umarmend (Absol.)
śokajaṃ bāṣpam utsṛjya
Tränen der Trauer vergießend (Absol.)

na kāmaye naraśreṣṭha jīvitaṃ pṛthivīṃ tathā yathā tava priyaṃ rājaṃś cikīrṣāmi paraṃtapa

„Nicht begehre ich, o Bester der Menschen, das Leben, noch die Erde, so sehr wie ich, o König, dir Liebes zu erweisen wünsche, o Bezwinger der Feinde.

Wort für Wort
na kāmaye jīvitam
ich begehre nicht das Leben (Präs. + Akk.)
priyaṃ cikīrṣāmi
ich wünsche Liebes zu erweisen (Desiderativ)

yadi tv aham anugrāhyo bhavato dayito 'pi vā kriyatāṃ tāvad āhāras tato vetsyāmahe vayam

Doch wenn ich deiner Gunst würdig bin, oder dir lieb, so nimm doch zunächst Nahrung zu dir; danach werden wir das Weitere erwägen.“

Wort für Wort
anugrāhyaḥ dayitaḥ
der Gunst würdig, lieb (Adj.)
āhāraḥ kriyatām
Nahrung soll genommen werden (Nom. + Imp. Pass.)

tato 'bravīn mahātejā dharmaputraṃ sa pārthivaḥ anujñātas tvayā putra bhuñjīyām iti kāmaye

Da sprach jener glanzvolle Herrscher zum Dharma-Sohn: „Von dir ermächtigt, mein Sohn, möchte ich essen“ - so wünsche ich es.

Wort für Wort
anujñātaḥ tvayā
von dir ermächtigt (Ptz. + Instr.)
bhuñjīyām iti kāmaye
ich wünsche zu essen (Opt. + Präs.)

iti bruvati rājendre dhṛtarāṣṭre yudhiṣṭhiram ṛṣiḥ satyavatīputro vyāso 'bhyetya vaco 'bravīt

Während so der Fürst der Könige Dhṛtarāṣṭra zu Yudhiṣṭhira sprach, kam der Seher, der Sohn der Satyavatī, Vyāsa, herbei und sprach ein Wort:

Wort für Wort
satyavatīputraḥ
der Sohn der Satyavatī, Vyāsa (Nom.)
abhyetya vaco 'bravīt
er kam herbei und sprach ein Wort (Absol. + Impf.)

Kapitel endet offen: Vyāsas Rede beginnt erst im folgenden Kapitel.

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