Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 5: dhṛtarāṣṭravanapraveśecchā Dhṛtarāṣṭras Bekenntnis und sein Wunsch nach dem Waldleben

dhṛtarāṣṭra uvāca viditaṃ bhavatām etad yathā vṛttaḥ kurukṣayaḥ mamāparādhāt tat sarvam iti jñeyaṃ tu kauravāḥ

„Dhṛtarāṣṭra sprach: Bekannt ist euch dies, wie sich der Untergang der Kurus zugetragen hat; dass all dies durch meine Schuld geschah, das sollt ihr wissen, o Kauravas.

Wort für Wort
kurukṣayaḥ
der Untergang der Kurus (Nom.)
mamāparādhāt
durch meine Schuld (Abl.)

Beginn von Dhṛtarāṣṭras großem Bekenntnis- und Abschiedsmonolog vor seinen Vertrauten.

yo 'haṃ duṣṭamatiṃ mūḍhaṃ jñātīnāṃ bhayavardhanam duryodhanaṃ kauravāṇām ādhipatye 'bhyaṣecayam

Ich, der ich den übelgesinnten, törichten, die Furcht der Verwandten mehrenden Duryodhana zur Herrschaft über die Kauravas weihte,

Wort für Wort
duṣṭamatiṃ mūḍham
übelgesinnt, töricht (Akk., Duryodhana)
ādhipatye 'bhyaṣecayam
ich weihte zur Herrschaft (Lok. + Impf.)

yac cāhaṃ vāsudevasya vākyaṃ nāśrauṣam arthavat vadhyatāṃ sādhv ayaṃ pāpaḥ sāmātya iti durmatiḥ

und der ich das bedeutsame Wort des Vāsudeva nicht hörte, dass dieser Böse mitsamt seinen Ministern zu Recht getötet werden solle – so übelgesinnt war ich.

Wort für Wort
vāsudevasya vākyam
das Wort des Vāsudeva, Kṛṣṇa (Akk.)
sāmātyaḥ vadhyatām
er solle samt Ministern getötet werden (Nom. + Opt. Pass.)

Kṛṣṇas frühere (im Udyogaparva berichtete) Warnung, Duryodhana rechtzeitig zu beseitigen, wird hier indirekt wiedergegeben, um keine dritte Zitatebene zu eröffnen.

putrasnehābhibhūtaś ca hitam ukto manīṣibhiḥ vidureṇātha bhīṣmeṇa droṇena ca kṛpeṇa ca

Von Vaterliebe zum Sohn überwältigt, obwohl mir von den Weisen Heilsames gesagt wurde – von Vidura, und von Bhīṣma, von Droṇa und von Kṛpa,

Wort für Wort
putrasnehābhibhūtaḥ
von Vaterliebe zum Sohn überwältigt (Adj.)
hitam uktaḥ
dem Heilsames gesagt wurde (Ptz.)

pade pade bhagavatā vyāsena ca mahātmanā saṃjayenātha gāndhāryā tad idaṃ tapyate 'dya mām

Schritt für Schritt auch vom erhabenen, hochgesinnten Vyāsa, von Saṃjaya und von Gāndhārī – das quält mich heute.

Wort für Wort
pade pade
Schritt für Schritt, bei jeder Gelegenheit (Adv.)
tapyate 'dya mām
das quält mich heute (Präs. Pass.)

yac cāhaṃ pāṇḍuputreṇa guṇavatsu mahātmasu na dattavāñ śriyaṃ dīptāṃ pitṛpaitāmahīm imām

Und dass ich dem Sohn Pāṇḍus, obwohl er unter den tugendhaften Hochgesinnten war, nicht die strahlende, von Vätern und Großvätern ererbte Herrschermacht übergab –

Wort für Wort
śriyaṃ dīptām
die strahlende Herrschermacht (Akk.)
pitṛpaitāmahīm
von Vätern und Großvätern ererbt (Adj.)

vināśaṃ paśyamāno hi sarvarājñāṃ gadāgrajaḥ etac chreyaḥ sa paramam amanyata janārdanaḥ

denn den Untergang aller Könige vorausschauend, hielt jener Ältere-Bruder-des-Gada, der Janārdana, dies für das höchste Heilsame.

Wort für Wort
gadāgrajaḥ
der ältere Bruder Gadas, Kṛṣṇa (Nom.)
chreyaḥ paramam amanyata
er hielt es für das höchste Heilsame (Akk. + Impf.)

Der Ältere-Bruder-des-Gada (gadāgraja) und Janārdana: Beinamen Kṛṣṇas.

so 'ham etāny alīkāni nivṛttāny ātmanaḥ sadā hṛdaye śalyabhūtāni dhārayāmi sahasraśaḥ

So trage ich diese meine eigenen, vergangenen bitteren Taten stets in meinem Herzen, wie Pfeilspitzen, zu Tausenden.

Wort für Wort
alīkāni nivṛttāni
vergangene bittere/falsche Taten (Akk. Pl.)
śalyabhūtāni
wie Pfeilspitzen wirkend (Adj. Pl.)

viśeṣatas tu dahyāmi varṣaṃ pañcadaśaṃ hi vai asya pāpasya śuddhyarthaṃ niyato 'smi sudurmatiḥ

Besonders aber brenne ich innerlich; fünfzehn Jahre lang bin ich, um dieser Sünde willen der Reinigung, in Selbstzucht, ich überaus Übelgesinnter.

Wort für Wort
dahyāmi
ich brenne (Präs. Pass.)
śuddhyartham niyataḥ
der Reinigung wegen in Selbstzucht (Adv. + Ptz.)

caturthe niyate kāle kadā cid api cāṣṭame tṛṣṇāvinayanaṃ bhuñje gāndhārī veda tan mama

Zu festgesetzter Zeit, am vierten Tag, manchmal auch erst am achten, nehme ich nur das zur Zügelung des Durstes Nötige zu mir; Gāndhārī weiß dies von mir.

Wort für Wort
caturthe niyate kāle
zur festgesetzten Zeit, am vierten Tag (Lok.)
tṛṣṇāvinayanaṃ bhuñje
ich nehme das zur Zügelung des Durstes Nötige zu mir (Akk. + Präs.)

karoty āhāram iti māṃ sarvaḥ parijanaḥ sadā yudhiṣṭhirabhayād vetti bhṛśaṃ tapyati pāṇḍavaḥ

Dass ich Nahrung zu mir nehme – so glaubt stets mein gesamtes Gefolge, aus Furcht vor Yudhiṣṭhira; heftig quält sich der Pāṇḍava deswegen.

Wort für Wort
āhāraṃ karoti
er nimmt Nahrung zu sich (Akk. + Präs.)
bhṛśaṃ tapyati
er quält sich heftig (Adv. + Präs.)

Das Gefolge verbirgt Dhṛtarāṣṭras wahres Fasten vor Yudhiṣṭhira, aus Furcht vor dessen Sorge/Missfallen - daher glaubt Yudhiṣṭhira, sein Onkel esse normal, quält sich aber dennoch vor Sorge.

bhūmau śaye japyaparo darbheṣv ajinasaṃvṛtaḥ niyamavyapadeśena gāndhārī ca yaśasvinī

Auf dem Boden liege ich, dem Gebetsmurmeln hingegeben, auf Darbha-Gras, in ein Fell gehüllt – unter dem Vorwand religiöser Observanz, und ebenso die ruhmreiche Gāndhārī.

Wort für Wort
darbheṣv ajinasaṃvṛtaḥ
auf Darbha-Gras, in ein Fell gehüllt (Lok. + Adj.)
niyamavyapadeśena
unter dem Vorwand religiöser Observanz (Instr.)

Darbha-Gras: heiliges Ritualgras, häufig als Lager für Asketen verwendet.

hataṃ putraśataṃ śūraṃ saṃgrāmeṣv apalāyinam nānutapyāmi tac cāhaṃ kṣatradharmaṃ hi taṃ viduḥ ity uktvā dharmarājānam abhyabhāṣata kauravaḥ

Meine hundert tapferen Söhne, die in den Schlachten nicht flohen und getötet wurden – das bereue ich nicht, denn das kennt man als den Kṣatriya-Dharma.“ So gesprochen habend, wandte sich der Kaurava an den Dharma-König:

Wort für Wort
apalāyinam
der nicht floh (Adj.)
kṣatradharmam
die Kriegerpflicht (Akk.)

Der Kṣatriya-Dharma: die Kriegerpflicht, im Kampf zu bestehen oder zu fallen, ohne zu fliehen. Mit dem narrativen Einschub „so gesprochen habend, wandte er sich an ...“ schließt der allgemeine Teil von Dhṛtarāṣṭras Rede und geht in die direkte Anrede an Yudhiṣṭhira über (ab V014).

bhadraṃ te yādavīmātar vākyaṃ cedaṃ nibodha me sukham asmy uṣitaḥ putra tvayā suparipālitaḥ

„Heil dir, Sohn der Yādavī-Mutter! Und vernimm dieses mein Wort: Glücklich habe ich gelebt, mein Sohn, von dir wohl behütet.

Wort für Wort
yādavīmātaḥ
Sohn der Yādavī-Mutter (Vok., Yudhiṣṭhira)
suparipālitaḥ
wohl behütet (Ptz.)

Sohn der Yādavī-Mutter: Yudhiṣṭhira, Sohn der Kuntī, die aus dem Yadu-Geschlecht stammte.

mahādānāni dattāni śrāddhāni ca punaḥ punaḥ prakṛṣṭaṃ me vayaḥ putra puṇyaṃ cīrṇaṃ yathābalam gāndhārī hataputreyaṃ dhairyeṇodīkṣate ca mām

Große Gaben wurden gegeben, und Totenopfer immer wieder; mein Alter ist weit fortgeschritten, mein Sohn, und Verdienstvolles habe ich nach Kräften vollbracht; und diese Gāndhārī, ihrer Söhne beraubt, erträgt mich dennoch mit Standhaftigkeit.

Wort für Wort
mahādānāni dattāni
große Gaben wurden gegeben (Nom. Pl. + Ptz.)
dhairyeṇodīkṣate
sie erträgt/erwartet mit Standhaftigkeit (Instr. + Präs.)

draupadyā hy apakartāras tava caiśvaryahāriṇaḥ samatītā nṛśaṃsās te dharmeṇa nihatā yudhi

Die Übeltäter gegen Draupadī, und die deine Herrschaft geraubt hatten, jene Grausamen sind dahingegangen, gerechterweise im Kampf erschlagen.

Wort für Wort
apakartāraḥ
die Übeltäter (Nom. Pl.)
dharmeṇa nihatāḥ
gerechterweise erschlagen (Instr. + Ptz. Pl.)

na teṣu pratikartavyaṃ paśyāmi kurunandana sarve śastrajitāṃl lokān gatās te 'bhimukhaṃ hatāḥ

An ihnen sehe ich nichts mehr zu vergelten, o Freude der Kurus; alle sind sie, im Angesicht des Feindes erschlagen, in die durch die Waffe erstrittenen Welten eingegangen.

Wort für Wort
pratikartavyam
zu Vergeltendes (Akk.)
śastrajitāṃl lokān
die durch die Waffe erstrittenen Welten (Akk. Pl.)

ātmanas tu hitaṃ mukhyaṃ pratikartavyam adya me gāndhāryāś caiva rājendra tad anujñātum arhasi

Doch das für mich selbst wesentliche Heilsame ist es, das ich heute zu tun habe, und auch für Gāndhārī, o Fürst der Könige; dies sollst du gestatten.

Wort für Wort
hitaṃ mukhyam
das wesentliche Heilsame (Nom.)
anujñātum arhasi
du sollst gestatten (periphr.)

tvaṃ hi dharmabhṛtāṃ śreṣṭhaḥ satataṃ dharmavatsalaḥ rājā guruḥ prāṇabhṛtāṃ tasmād etad bravīmy aham

Denn du bist der Beste der Dharma-Hüter, stets dem Dharma zugetan, ein König, der Lehrer aller Lebewesen; deshalb spreche ich dies aus.

Wort für Wort
dharmabhṛtāṃ śreṣṭhaḥ
der Beste der Dharma-Hüter (Nom.)
guruḥ prāṇabhṛtām
der Lehrer aller Lebewesen (Nom. + Gen. Pl.)

anujñātas tvayā vīra saṃśrayeyaṃ vanāny aham cīravalkalabhṛd rājan gāndhāryā sahito 'nayā tavāśiṣaḥ prayuñjāno bhaviṣyāmi vanecaraḥ

Von dir ermächtigt, o Held, möchte ich mich in die Wälder begeben; in Lumpen und Baumrinde gekleidet, o König, zusammen mit dieser Gāndhārī, deinen Segen erbittend, werde ich ein Waldwanderer sein.

Wort für Wort
cīravalkalabhṛt
Lumpen und Baumrinde tragend (Adj.)
vanecaraḥ
Waldwanderer (Nom.)

ucitaṃ naḥ kule tāta sarveṣāṃ bharatarṣabha putreṣv aiśvaryam ādhāya vayaso 'nte vanaṃ nṛpa

Es ist Brauch in unserem Geschlecht, mein Sohn, für alle, o Stier der Bharatas, am Ende ihres Lebens, nachdem sie die Herrschaft ihren Söhnen übertragen haben, in den Wald zu gehen, o König.

Wort für Wort
ucitaṃ kule
Brauch im Geschlecht (Nom. + Lok.)
putreṣv aiśvaryam ādhāya
nachdem sie die Herrschaft den Söhnen übertragen haben (Absol.)

tatrāhaṃ vāyubhakṣo vā nirāhāro 'pi vā vasan patnyā sahānayā vīra cariṣyāmi tapaḥ param

Dort werde ich, sei es von Luft lebend, sei es ganz ohne Nahrung weilend, zusammen mit dieser meiner Gattin, o Held, höchste Askese üben.

Wort für Wort
vāyubhakṣaḥ
von Luft lebend (Adj.)
tapaḥ param cariṣyāmi
ich werde höchste Askese üben (Akk. + Fut.)

tvaṃ cāpi phalabhāk tāta tapasaḥ pārthivo hy asi phalabhājo hi rājānaḥ kalyāṇasyetarasya vā

Und auch du, mein Sohn, wirst Anteil an der Frucht dieser Askese haben, denn du bist ein König; Könige haben ja Anteil am Guten wie am Gegenteiligen, was ihre Untertanen tun.“

Wort für Wort
phalabhāk
Anteil an der Frucht habend (Nom.)
kalyāṇasyetarasya vā
am Guten oder am Gegenteiligen (Gen.)

Alter Rechtsgedanke: der König trägt Mitverantwortung (und erhält Mitanteil) an den Taten - guten wie schlechten - seiner Untertanen.

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