Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 37: Gāndhārīvilāpa, Vyāsasya Kuntīdarśana Gāndhārīs Klage; Vyāsa erblickt Kuntī; Vorspiel zu Kuntīs Geständnis

vaiśaṃpāyana uvāca tac chrutvā vividhaṃ tasya rājarṣeḥ paridevitam punar navīkṛtaḥ śoko gāndhāryā janamejaya

Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem sie diese vielfältige Klage jenes königlichen Sehers gehört hatte, wurde der Kummer der Gāndhārī aufs Neue erweckt, o Janamejaya,

Wort für Wort
tac chrutvā vividham
nachdem sie dies vielfältige gehört hatte (Abs. + Akk.)
tasya rājarṣeḥ paridevitam
die Klage jenes königlichen Sehers (Gen. + Akk.)
punar navīkṛtaḥ śokaḥ
der Kummer wurde erneuert (Ptz. + Nom.)
gāndhāryā janamejaya
der Gāndhārī, o Janamejaya (Gen. + Vok.)

kuntyā drupadaputryāś ca subhadrāyās tathaiva ca tāsāṃ ca varanārīṇāṃ vadhūnāṃ kauravasya ha

und der Kummer der Kuntī und der Tochter des Drupada, und ebenso der Subhadrā, und jener vortrefflichen Frauen, der Schwiegertöchter des Kaurava.

Wort für Wort
kuntyā drupadaputryāś ca
der Kuntī und der Tochter des Drupada (Gen.)
subhadrāyās tathaiva ca
und ebenso der Subhadrā (Gen.)
tāsāṃ ca varanārīṇām
und jener vortrefflichen Frauen (Gen. Pl.)
vadhūnāṃ kauravasya ha
der Schwiegertöchter des Kaurava (Gen. Pl.)

putraśokasamāviṣṭā gāndhārī tv idam abravīt śvaśuraṃ baddhanayanā devī prāñjalir utthitā

Von Kummer um ihre Söhne erfüllt, sprach Gāndhārī nun dies zu ihrem Schwiegervater, die Fürstin mit verbundenen Augen, erhoben, mit gefalteten Händen.

Wort für Wort
putraśokasamāviṣṭā
von Kummer um ihre Söhne erfüllt (Adj. f.)
gāndhārī tv idam abravīt
Gāndhārī aber sprach dies (Nom. + Akk. + Impf.)
śvaśuraṃ baddhanayanā devī
zum Schwiegervater, die Fürstin mit verbundenen Augen (Akk. + Adj. + Nom.)
prāñjalir utthitā
erhoben, mit gefalteten Händen (Adj. + Ptz.)

ṣoḍaśemāni varṣāṇi gatāni munipuṃgava asya rājño hatān putrāñ śocato na śamo vibho

„Sechzehn Jahre sind nun vergangen, o Stier unter den Weisen; für diesen König, der um seine erschlagenen Söhne trauert, gibt es keine Ruhe, o Gebieter.

Wort für Wort
ṣoḍaśemāni varṣāṇi gatāni
sechzehn Jahre sind vergangen (Nom. Pl. + Ptz.)
munipuṃgava
o Stier unter den Weisen (Vok.)
asya rājño hatān putrāñ śocataḥ
für diesen König, der die erschlagenen Söhne betrauert (Gen. + Akk. + Ptz.)
na śamo vibho
gibt es keine Ruhe, o Gebieter (Nom. + Vok.)

putraśokasamāviṣṭo niḥśvasan hy eṣa bhūmipaḥ na śete vasatīḥ sarvā dhṛtarāṣṭro mahāmune

Von Kummer um seine Söhne erfüllt, seufzend, findet dieser Herr der Erde, Dhṛtarāṣṭra, keinen Schlaf in all den Nächten, o großer Weiser.

Wort für Wort
putraśokasamāviṣṭaḥ
von Kummer um die Söhne erfüllt (Adj.)
niḥśvasan hy eṣa bhūmipaḥ
seufzend, dieser Herr der Erde (Ptz. + Nom.)
na śete vasatīḥ sarvāḥ
findet keinen Schlaf in all den Nächten (Präs. + Akk. Pl.)
dhṛtarāṣṭro mahāmune
Dhṛtarāṣṭra, o großer Weiser (Nom. + Vok.)

lokān anyān samartho 'si sraṣṭuṃ sarvāṃs tapobalāt kim u lokāntaragatān rājño darśayituṃ sutān

Du vermagst durch die Kraft deiner Askese alle anderen Welten zu erschaffen – wie viel mehr also, dem König seine in eine andere Welt gegangenen Söhne zu zeigen?

Wort für Wort
lokān anyān samartho 'si
du bist fähig, andere Welten (Akk. + Adj. + Präs.)
sraṣṭuṃ sarvāṃs tapobalāt
alle zu erschaffen, durch die Kraft der Askese (Inf. + Abl.)
kim u lokāntaragatān
wie viel mehr die in eine andere Welt gegangenen (Partikel + Akk.)
rājño darśayituṃ sutān
dem König die Söhne zu zeigen (Gen. + Inf. + Akk.)

iyaṃ ca draupadī kṛṣṇā hatajñātisutā bhṛśam śocaty atīva sādhvī te snuṣāṇāṃ dayitā snuṣā

Und diese Draupadī, die Dunkle, deren Verwandte und Söhne erschlagen wurden, trauert überaus heftig, die Tugendhafte, deine liebste unter den Schwiegertöchtern.

Wort für Wort
iyaṃ ca draupadī kṛṣṇā
und diese Draupadī, die Dunkle (Nom.)
hatajñātisutā bhṛśam
deren Verwandte und Söhne erschlagen wurden, heftig (Adj. + Adv.)
śocaty atīva sādhvī
trauert überaus, die Tugendhafte (Präs. + Adv. + Nom.)
te snuṣāṇāṃ dayitā snuṣā
deine liebste unter den Schwiegertöchtern (Gen. + Gen. Pl. + Nom.)

tathā kṛṣṇasya bhaginī subhadrā bhadrabhāṣiṇī saubhadravadhasaṃtaptā bhṛśaṃ śocati bhāminī

Ebenso trauert Kṛṣṇas Schwester Subhadrā, die von holder Rede, versengt durch die Tötung des Saubhadra, überaus heftig, die Schöne.

Wort für Wort
tathā kṛṣṇasya bhaginī
ebenso Kṛṣṇas Schwester (Adv. + Gen. + Nom.)
subhadrā bhadrabhāṣiṇī
Subhadrā, die von holder Rede (Nom.)
saubhadravadhasaṃtaptā
versengt durch die Tötung des Saubhadra [ihres Sohnes] (Adj.)
bhṛśaṃ śocati bhāminī
trauert heftig, die Schöne (Adv. + Präs. + Nom.)

iyaṃ ca bhūriśravaso bhāryā paramaduḥkhitā bhartṛvyasanaśokārtā na śete vasatīḥ prabho

Und diese Gattin des Bhūriśravas, überaus betrübt, vom Kummer über das Unglück ihres Gatten gequält, findet keinen Schlaf in den Nächten, o Gebieter,

Wort für Wort
iyaṃ ca bhūriśravaso bhāryā
und diese Gattin des Bhūriśravas (Nom. + Gen. + Nom.)
paramaduḥkhitā
überaus betrübt (Adj.)
bhartṛvyasanaśokārtā
vom Kummer über das Unglück ihres Gatten gequält (Adj.)
na śete vasatīḥ prabho
findet keinen Schlaf in den Nächten, o Gebieter (Präs. + Akk. + Vok.)

yasyās tu śvaśuro dhīmān bāhlīkaḥ sa kurūdvahaḥ nihataḥ somadattaś ca pitrā saha mahāraṇe

sie, deren Schwiegervater, der weise Bāhlīka, jener vortreffliche Kuru, erschlagen wurde, und auch Somadatta, zusammen mit seinem Vater, in der großen Schlacht,

Wort für Wort
yasyās tu śvaśuro dhīmān
sie, deren Schwiegervater, der Weise (Gen. + Nom.)
bāhlīkaḥ sa kurūdvahaḥ
Bāhlīka, jener vortreffliche Kuru (Nom.)
nihataḥ somadattaś ca
wurde erschlagen, und Somadatta (Ptz. + Nom.)
pitrā saha mahāraṇe
zusammen mit seinem Vater, in der großen Schlacht (Instr. + Lok.)

śrīmac cāsya mahābuddheḥ saṃgrāmeṣv apalāyinaḥ putrasya te putraśataṃ nihataṃ yad raṇājire

und dessen prächtige hundert Söhne, des von großer Weisheit, der in den Schlachten niemals floh, wurden auf dem Schlachtfeld erschlagen –

Wort für Wort
śrīmac cāsya mahābuddheḥ
und dessen prächtige, des von großer Weisheit (Adj. + Gen.)
saṃgrāmeṣv apalāyinaḥ
der in den Schlachten niemals floh (Lok. + Gen. Adj.)
putrasya te putraśatam
seine hundert Söhne (Gen. + Nom.)
nihataṃ yad raṇājire
wurden auf dem Schlachtfeld erschlagen (Ptz. + Lok.)

Der Bezug des Pronomens 'te' ist im Original unklar; sinngemäß auf Bhūriśravas (dessen hundert Söhne im Krieg von Sātyaki erschlagen wurden) bezogen, nicht wörtlich auf den Angesprochenen Vyāsa.[?]

tasya bhāryāśatam idaṃ putraśokasamāhatam punaḥ punar vardhayānaṃ śokaṃ rājño mamaiva ca tenārambheṇa mahatā mām upāste mahāmune

Diese hundert Gattinnen jenes Bhūriśravas, vom Kummer um ihre Söhne getroffen, die immer wieder den Kummer des Königs und auch meinen eigenen mehren, warten mit jenem großen Unterfangen der Trauer auf mich, o großer Weiser.

Wort für Wort
tasya bhāryāśatam idam
diese hundert Gattinnen jenes (Gen. + Nom.)
putraśokasamāhatam
vom Kummer um ihre Söhne getroffen (Adj.)
punaḥ punar vardhayānaṃ śokam
die immer wieder den Kummer mehren (Adv. + Ptz. + Akk.)
tenārambheṇa mahatā mām upāste
mit jenem großen Unterfangen warten sie auf mich (Instr. + Präs.)

ye ca śūrā mahātmānaḥ śvaśurā me mahārathāḥ somadattaprabhṛtayaḥ kā nu teṣāṃ gatiḥ prabho

Und welches Los, o Gebieter, ist wohl jenen heldenhaften, hochherzigen großen Streitwagenkämpfern beschieden, meinen Schwiegervätern, angeführt von Somadatta?

Wort für Wort
ye ca śūrā mahātmānaḥ
und die heldenhaften, hochherzigen (Nom. Pl.)
śvaśurā me mahārathāḥ
meine Schwiegerväter, die großen Streitwagenkämpfer (Nom. Pl.)
somadattaprabhṛtayaḥ
angeführt von Somadatta (Adj.)
kā nu teṣāṃ gatiḥ prabho
welches Los ist wohl ihnen beschieden, o Gebieter (Interr. + Gen. + Nom. + Vok.)

tava prasādād bhagavan viśoko 'yaṃ mahīpatiḥ kuryāt kālam ahaṃ caiva kuntī ceyaṃ vadhūs tava

Durch deine Gnade, o Erhabener, möge dieser Herrscher der Erde seine Zeit ohne Kummer verbringen, und auch ich, und diese Kuntī, deine Schwiegertochter.“

Wort für Wort
tava prasādād bhagavan
durch deine Gnade, o Erhabener (Abl. + Vok.)
viśoko 'yaṃ mahīpatiḥ
dieser kummerlose Herrscher der Erde (Adj. + Nom.)
kuryāt kālam ahaṃ caiva
möge seine Zeit verbringen, und ich auch (Opt. + Akk. + Nom.)
kuntī ceyaṃ vadhūs tava
und diese Kuntī, deine Schwiegertochter (Nom. + Nom.)

ity uktavatyāṃ gāndhāryāṃ kuntī vratakṛśānanā pracchannajātaṃ putraṃ taṃ sasmārādityasaṃbhavam

Als Gāndhārī so gesprochen hatte, erinnerte sich Kuntī, deren Antlitz von Gelübden abgezehrt war, an jenen heimlich geborenen Sohn, den von der Sonne Entsprossenen.

Wort für Wort
ity uktavatyāṃ gāndhāryām
als Gāndhārī so gesprochen hatte (Zitat + Lok. Abs.)
kuntī vratakṛśānanā
Kuntī, deren Antlitz von Gelübden abgezehrt war (Nom. + Adj.)
pracchannajātaṃ putraṃ tam
jenen heimlich geborenen Sohn (Akk.)
sasmārādityasaṃbhavam
erinnerte sich, den von der Sonne Entsprossenen (Perf. + Akk.)

tām ṛṣir varado vyāso dūraśravaṇadarśanaḥ apaśyad duḥkhitāṃ devīṃ mātaraṃ savyasācinaḥ

Jene betrübte Fürstin, die Mutter des Linkshändigen Bogenschützen, erblickte der Seher Vyāsa, der Gunstgeber, von weitreichendem Gehör und Blick.

Wort für Wort
tām ṛṣir varado vyāsaḥ
jene [Frau] der Seher Vyāsa, der Gunstgeber (Akk. + Nom.)
dūraśravaṇadarśanaḥ
von weitreichendem Gehör und Blick (Adj.)
apaśyad duḥkhitāṃ devīm
erblickte die betrübte Fürstin (Impf. + Akk.)
mātaraṃ savyasācinaḥ
die Mutter des Linkshändigen Bogenschützen [Arjuna] (Akk. + Gen.)

tām uvāca tato vyāso yat te kāryaṃ vivakṣitam tad brūhi tvaṃ mahāprājñe yat te manasi vartate

Da sprach Vyāsa zu ihr: „Was immer du zu sagen wünschst, sage es, du von großer Weisheit – was immer dir im Sinn liegt.“

Wort für Wort
tām uvāca tato vyāsaḥ
da sprach Vyāsa zu ihr (Akk. + Perf.)
yat te kāryaṃ vivakṣitam
was immer du zu sagen wünschst (Rel. + Nom. + Ptz.)
tad brūhi tvaṃ mahāprājñe
das sage du, o Hochweise (Imp. + Nom. + Vok.)
yat te manasi vartate
was immer dir im Sinn liegt (Rel. + Lok. + Präs.)

tataḥ kuntī śvaśurayoḥ praṇamya śirasā tadā uvāca vākyaṃ savrīḍaṃ vivṛṇvānā purātanam

Dann, nachdem sie sich vor ihren beiden Schwiegereltern mit dem Haupt verneigt hatte, sprach Kuntī ein Wort, verschämt, eine alte Sache enthüllend.

Wort für Wort
tataḥ kuntī śvaśurayoḥ
dann Kuntī, vor den beiden Schwiegereltern (Nom. + Gen. Dual)
praṇamya śirasā tadā
nachdem sie sich mit dem Haupt verneigt hatte (Abs. + Instr.)
uvāca vākyaṃ savrīḍam
sprach ein Wort, verschämt (Perf. + Akk. + Adj.)
vivṛṇvānā purātanam
eine alte Sache enthüllend (Ptz. + Akk.)

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