Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 12: rājadharmopadeśāvasānam Dhṛtarāṣṭras Rājadharma-Lehre (Schluss)

dhṛtarāṣṭra uvāca saṃdhivigraham apy atra paśyethā rājasattama dviyoniṃ trividhopāyaṃ bahukalpaṃ yudhiṣṭhira

Auch Bündnis und Krieg sollst du hierbei erkennen, o Bester der Könige – von zweifachem Ursprung, mit dreifachem Mittel, mit vielfacher Gestalt, o Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
saṃdhivigraham
Bündnis und Krieg (Akk.)
dviyoniṃ trividhopāyam
von zweifachem Ursprung, mit dreifachem Mittel (Akk.)

rājendra paryupāsīthāś chittvā dvaividhyam ātmanaḥ tuṣṭapuṣṭabalaḥ śatrur ātmavān iti ca smaret

O Herrscher der Könige, du sollst abwarten, nachdem du deine eigene Unentschlossenheit überwunden hast; und du sollst bedenken: Der Feind ist zufrieden, an Kraft wohlgenährt und selbstbeherrscht.

Wort für Wort
chittvā dvaividhyam ātmanaḥ
nachdem du deine eigene Unentschlossenheit überwunden hast (Abs.)
tuṣṭapuṣṭabalaḥ
zufrieden, an Kraft wohlgenährt (Nom.)

paryupāsanakāle tu viparītaṃ vidhīyate āmardakāle rājendra vyapasarpas tato varaḥ

Doch zur Zeit des Abwartens gilt das Gegenteilige; zur Zeit der Vernichtung aber, o Herrscher der Könige, ist der Rückzug das Bessere.

Wort für Wort
paryupāsanakāle
zur Zeit des Abwartens (Lok.)
āmardakāle vyapasarpaḥ
zur Zeit der Vernichtung der Rückzug (Lok. + Nom.)

Eine knapp formulierte staatskünstlerische Maxime, deren genaue praktische Anwendung im Text nicht weiter erläutert wird [?].

vyasanaṃ bhedanaṃ caiva śatrūṇāṃ kārayet tataḥ karśanaṃ bhīṣaṇaṃ caiva yuddhe cāpi bahukṣayam

Unglück und Entzweiung soll er dann den Feinden bereiten, ebenso Schwächung und Einschüchterung, und im Kampf auch große Verluste.

Wort für Wort
vyasanaṃ bhedanam
Unglück und Entzweiung (Akk.)
karśanaṃ bhīṣaṇam
Schwächung und Einschüchterung (Akk.)

prayāsyamāno nṛpatis trividhaṃ paricintayet ātmanaś caiva śatroś ca śaktiṃ śāstraviśāradaḥ

Der König, der zum Feldzug aufbrechen will, soll das Dreifache bedenken – die eigene Kraft und die des Feindes –, kundig der Lehrschriften.

Wort für Wort
prayāsyamānaḥ nṛpatiḥ
der zum Feldzug aufbrechen wollende König (Nom.)
śāstraviśāradaḥ
kundig der Lehrschriften (Nom.)

utsāhaprabhuśaktibhyāṃ mantraśaktyā ca bhārata upapanno naro yāyād viparītam ato 'nyathā

Ausgestattet mit der Kraft des Eifers, der Kraft der Herrschaft und der Kraft des Rates, o Nachkomme Bharatas, soll ein Mann ausziehen; wer dies nicht hat, dem ist das Gegenteil geraten.

Wort für Wort
utsāhaprabhuśaktibhyāṃ mantraśaktyā
mit der Kraft des Eifers, der Herrschaft und des Rates (Instr.)
upapannaḥ
ausgestattet (Nom.)

Die drei genannten „Kräfte" (utsāha-, prabhu-, mantra-śakti) sind die klassischen drei Machtquellen eines Herrschers in der Staatskunst.

ādadīta balaṃ rājā maulaṃ mitrabalaṃ tathā aṭavībalaṃ bhṛtaṃ caiva tathā śreṇībalaṃ ca yat

Der König soll die Streitkräfte heranziehen: die Stammtruppen, ebenso die Bundesgenossentruppen, die Waldstämme-Truppen, die Söldnertruppen, und ebenso die Zunfttruppen.

Wort für Wort
maulaṃ mitrabalam
Stammtruppen, Bundesgenossentruppen (Akk.)
aṭavībalaṃ bhṛtaṃ śreṇībalam
Waldstämme-, Söldner- und Zunfttruppen (Akk.)

tatra mitrabalaṃ rājan maulena na viśiṣyate śreṇībalaṃ bhṛtaṃ caiva tulya eveti me matiḥ

Dabei, o König, steht die Bundesgenossentruppe der Stammtruppe nicht nach; die Zunfttruppe und die Söldnertruppe sind, wie ich meine, einander gleich.

Wort für Wort
na viśiṣyate
steht nicht nach (Passiv)
tulya eveti me matiḥ
sind, wie ich meine, gleich (wörtl. „dies ist meine Meinung")

tathā cārabalaṃ caiva parasparasamaṃ nṛpa vijñeyaṃ balakāleṣu rājñā kāla upasthite

Und ebenso soll die Spähertruppe, o König, als den anderen gleichwertig erkannt werden, wenn für den König in Zeiten des Truppeneinsatzes die rechte Zeit gekommen ist.

Wort für Wort
cārabalam
die Spähertruppe (Nom.)
kāla upasthite
wenn die Zeit gekommen ist (Lok. Abs.)

āpadaś cāpi boddhavyā bahurūpā narādhipa bhavanti rājñāṃ kauravya yās tāḥ pṛthag ataḥ śṛṇu

Auch die Gefahren, die vielgestaltig sind und den Königen widerfahren, o Herrscher der Menschen, sollen erkannt werden; höre nun von ihnen einzeln, o Kaurava.

Wort für Wort
āpadaḥ bahurūpāḥ
die vielgestaltigen Gefahren (Nom. Pl.)
pṛthag ataḥ śṛṇu
höre nun von ihnen einzeln (Imp.)

vikalpā bahavo rājann āpadāṃ pāṇḍunandana sāmādibhir upanyasya śamayet tān nṛpaḥ sadā

Viele sind die Arten der Gefahren, o König, Sohn des Pāṇḍu; durch die Mittel, beginnend mit der Versöhnung, angewandt, soll der König sie stets besänftigen.

Wort für Wort
vikalpā bahavaḥ āpadām
viele Arten der Gefahren (Nom.)
sāmādibhir upanyasya
durch die Mittel, beginnend mit der Versöhnung, angewandt (Abs.)

yātrāṃ yāyād balair yukto rājā ṣaḍbhiḥ paraṃtapa saṃyukto deśakālābhyāṃ balair ātmaguṇais tathā

Den Feldzug soll der König antreten, ausgerüstet mit den sechs Truppenarten, o Feindebezwinger, verbunden mit der rechten Zeit und dem rechten Ort, mit Streitkräften und eigenen Vorzügen.

Wort für Wort
yātrāṃ yāyāt
den Feldzug soll er antreten (Opt.)
balair yukto ṣaḍbhiḥ
ausgerüstet mit den sechs Truppenarten (Instr.)

tuṣṭapuṣṭabalo yāyād rājā vṛddhyudaye rataḥ āhūtaś cāpy atho yāyād anṛtāv api pārthivaḥ

Der König, dessen Kraft zufrieden und wohlgenährt ist, dem Aufstieg zugetan, soll ausziehen; und auch wenn er herausgefordert wird, soll der Herrscher der Erde ausziehen, selbst zur unpassenden Jahreszeit.

Wort für Wort
tuṣṭapuṣṭabalaḥ
dessen Kraft zufrieden und wohlgenährt ist (Nom.)
anṛtāv api
selbst zur unpassenden Jahreszeit (Lok.)

sthūṇāśmānaṃ vājirathapradhānāṃ; dhvajadrumaiḥ saṃvṛtakūlarodhasam padātināgair bahukardamāṃ nadīṃ; sapatnanāśe nṛpatiḥ prayāyāt

Wie einen Fluss – mit Pfeilern und Steinen aus Rossen und Wagen als Hauptbestandteil, mit Bannern wie Bäumen, die die Ufer verhüllen, mit Fußvolk und Elefanten reich an Schlamm – soll der König zur Vernichtung des Feindes ausziehen.

Wort für Wort
sthūṇāśmānaṃ vājirathapradhānām
mit Pfeilern und Steinen aus Rossen und Wagen (Bildvergleich, Akk.)
sapatnanāśe prayāyāt
zur Vernichtung des Feindes soll er ausziehen (Lok. + Opt.)

Das eigene Heer wird bildhaft als reißender Strom beschrieben: Rosse und Wagen als Pfeiler und Steine, Banner als Uferbäume, Fußvolk und Elefanten als Schlamm.

athopapattyā śakaṭaṃ padmaṃ vajraṃ ca bhārata uśanā veda yac chāstraṃ tatraitad vihitaṃ vibho

Und ferner, den Umständen entsprechend, die Wagenburg-Formation, die Lotus-Formation und die Donnerkeil-Formation, o Nachkomme Bharatas – dies ist in jener Lehrschrift vorgeschrieben, die Uśanas verfasst hat, o Herr.

Wort für Wort
śakaṭaṃ padmaṃ vajram
Wagenburg-, Lotus- und Donnerkeil-Formation (Akk.)
uśanā veda yac chāstram
die Lehrschrift, die Uśanas verfasst hat (Rel.)

Śakaṭa, padma und vajra sind klassische Namen von Heeresaufstellungen (vyūha); Uśanas (Śukra) gilt als legendärer Verfasser eines Staatslehrbuchs.

sādayitvā parabalaṃ kṛtvā ca balaharṣaṇam svabhūmau yojayed yuddhaṃ parabhūmau tathaiva ca

Nachdem er die feindliche Streitmacht erschöpft und die eigene Streitmacht ermutigt hat, soll er die Schlacht auf eigenem Boden führen, und ebenso auch auf feindlichem Boden.

Wort für Wort
sādayitvā parabalam
nachdem er die feindliche Streitmacht erschöpft hat (Abs.)
balaharṣaṇam kṛtvā
nachdem er die eigene Streitmacht ermutigt hat (Abs.)

labdhaṃ praśamayed rājā nikṣiped dhanino narān jñātvā svaviṣayaṃ taṃ ca sāmādibhir upakramet

Das Errungene soll der König befrieden; wohlhabende Männer soll er dort ansiedeln; und nachdem er jenes Gebiet als das eigene erkannt hat, soll er es durch die Mittel, beginnend mit der Versöhnung, in Angriff nehmen.

Wort für Wort
labdhaṃ praśamayet
das Errungene soll er befrieden (Opt.)
dhanino narān nikṣipet
wohlhabende Männer soll er ansiedeln (Opt.)

sarvathaiva mahārāja śarīraṃ dhārayed iha pretyeha caiva kartavyam ātmaniḥśreyasaṃ param

Auf jede Weise, o Großkönig, soll man hier den Leib erhalten; sowohl für das Jenseits als auch für das Diesseits ist das höchste Heil der eigenen Seele zu erwirken.

Wort für Wort
śarīraṃ dhārayet
man soll den Leib erhalten (Opt.)
ātmaniḥśreyasaṃ param
das höchste Heil der eigenen Seele (Akk.)

evaṃ kurvañ śubhā vāco loke 'smiñ śṛṇute nṛpaḥ pretya svargaṃ tathāpnoti prajā dharmeṇa pālayan

Wer so handelt, hört in dieser Welt gute Worte, o König; und nach dem Tod erlangt er ebenso den Himmel, wenn er die Untertanen nach dem Dharma beschützt.

Wort für Wort
evaṃ kurvan
wer so handelt (Ptz.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen nach dem Dharma beschützend (Ptz.)

evaṃ tvayā kuruśreṣṭha vartitavyaṃ prajāhitam ubhayor lokayos tāta prāptaye nityam eva ca

So sollst du, o Bester der Kurus, stets zum Wohl der Untertanen handeln, mein Kind, um beide Welten zu erlangen.

Wort für Wort
vartitavyaṃ prajāhitam
zum Wohl der Untertanen zu handeln (Ger.)
ubhayor lokayoḥ prāptaye
um beide Welten zu erlangen (Gen. Dual + Dat.)

bhīṣmeṇa pūrvam ukto 'si kṛṣṇena vidureṇa ca mayāpy avaśyaṃ vaktavyaṃ prītyā te nṛpasattama

Von Bhīṣma wurdest du dies zuvor schon gesagt, von Kṛṣṇa und von Vidura; auch ich musste es dir notwendigerweise aus Zuneigung sagen, o Bester der Könige.

Wort für Wort
bhīṣmeṇa pūrvam uktaḥ 'si
von Bhīṣma wurdest du zuvor schon gesagt (Passiv Perf.)
avaśyaṃ vaktavyam
notwendigerweise zu sagen (Ger.)

etat sarvaṃ yathānyāyaṃ kurvīthā bhūridakṣiṇa priyas tathā prajānāṃ tvaṃ svarge sukham avāpsyasi

Dies alles sollst du dem Recht gemäß vollbringen, o du, der reiche Opfergaben spendet; so wirst du den Untertanen lieb sein und im Himmel Glück erlangen.

Wort für Wort
yathānyāyaṃ kurvīthāḥ
dem Recht gemäß sollst du vollbringen (Opt.)
svarge sukham avāpsyasi
im Himmel wirst du Glück erlangen (Fut.)

aśvamedhasahasreṇa yo yajet pṛthivīpatiḥ pālayed vāpi dharmeṇa prajās tulyaṃ phalaṃ labhet

Wer als Herrscher der Erde mit tausend Aśvamedha-Opfern opfern würde, oder wer die Untertanen nach dem Dharma beschützt – beide erlangen gleichen Lohn.“

Wort für Wort
aśvamedhasahasreṇa
mit tausend Aśvamedha-Opfern (Instr.)
tulyaṃ phalaṃ labhet
beide erlangen gleichen Lohn (Opt.)

Hier endet Dhṛtarāṣṭras große Rājadharma-Lehrrede, die in Kap.9 V008 begann und sich ohne Unterbrechung über vier Kapitel (9-12) erstreckte; Kap.13 beginnt mit Yudhiṣṭhiras Antwort (bestätigt).

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