Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 3: bhīmasya guptaroṣaḥ Gegenseitige Zuneigung - und Bhīmas verborgener Groll

vaiśaṃpāyana uvāca sa rājā sumahātejā vṛddhaḥ kurukulodvahaḥ nāpaśyata tadā kiṃ cid apriyaṃ pāṇḍunandane

Vaiśaṃpāyana sprach: Jener König von überaus großem Glanz, der alte Erste des Kuru-Geschlechts, sah damals nichts Unliebsames am Sohn Pāṇḍus.

Wort für Wort
kurukulodvahaḥ
der Erste des Kuru-Geschlechts (Nom.)
pāṇḍunandane
am Sohn Pāṇḍus, Yudhiṣṭhira (Lok.)

vartamāneṣu sadvṛttiṃ pāṇḍaveṣu mahātmasu prītimān abhavad rājā dhṛtarāṣṭro 'mbikāsutaḥ

Da die hochgesinnten Pāṇḍavas sich rechtschaffen verhielten, wurde der König Dhṛtarāṣṭra, der Sohn der Ambikā, voller Zuneigung.

Wort für Wort
sadvṛttim vartamāneṣu
während sie sich rechtschaffen verhielten (Lok. abs.)
prītimān abhavat
er wurde voller Zuneigung (Perf.)

saubaleyī ca gāndhārī putraśokam apāsya tam sadaiva prītimaty āsīt tanayeṣu nijeṣv iva

Und Gāndhārī, die Tochter Subalas, ihren Kummer um die Söhne beiseite legend, war ihnen stets voller Zuneigung wie gegenüber ihren eigenen Kindern.

Wort für Wort
saubaleyī
die Tochter Subalas, Gāndhārī (Nom.)
putraśokam apāsya
ihren Kummer um die Söhne beiseite legend (Absol.)

priyāṇy eva tu kauravyo nāpriyāṇi kurūdvaha vaicitravīrye nṛpatau samācarati nityadā

Nur Liebes, niemals Unliebes tat der Kaurava stets gegenüber dem König, dem Sohn Vicitravīryas, o Bester der Kurus.

Wort für Wort
priyāṇy eva ... nāpriyāṇi
nur Liebes ... niemals Unliebes (Akk. Pl.)
vaicitravīrye nṛpatau
gegenüber dem König, dem Sohn Vicitravīryas (Lok.)

Der Sohn Vicitravīryas: Dhṛtarāṣṭra (formal, durch Niyoga von Vyāsa gezeugt).

yad yad brūte ca kiṃ cit sa dhṛtarāṣṭro narādhipaḥ guru vā laghu vā kāryaṃ gāndhārī ca yaśasvinī

Was immer der Herrscher der Menschen Dhṛtarāṣṭra sagte, und was auch immer die ruhmreiche Gāndhārī an schwerer oder leichter Aufgabe verlangte,

Wort für Wort
guru vā laghu vā kāryam
schwere oder leichte Aufgabe (Akk.)
yaśasvinī
die ruhmreiche (Nom., Gāndhārī)

tat sa rājā mahārāja pāṇḍavānāṃ dhuraṃdharaḥ pūjayitvā vacas tat tad akārṣīt paravīrahā

das führte jener König, der Träger der Last der Pāṇḍavas, der Feindesvernichter, o Großkönig, mit Ehrerbietung für dieses und jenes Wort, aus.

Wort für Wort
dhuraṃdharaḥ
der Träger der Last (Nom., Yudhiṣṭhira)
pūjayitvā vacaḥ
das Wort ehrend (Absol. + Akk.)

tena tasyābhavat prīto vṛttena sa narādhipaḥ anvatapyac ca saṃsmṛtya putraṃ mandam acetasam

Durch dieses Verhalten wurde jener Herrscher der Menschen ihm zugetan, und er bereute, wenn er sich an seinen törichten, unbesonnenen Sohn erinnerte.

Wort für Wort
tena vṛttena
durch dieses Verhalten (Instr.)
anvatapyat
er bereute (Impf.)

Der törichte, unbesonnene Sohn: Duryodhana.

sadā ca prātar utthāya kṛtajapyaḥ śucir nṛpaḥ āśāste pāṇḍuputrāṇāṃ samareṣv aparājayam

Und stets, wenn der König morgens aufstand, nach vollzogenem Gebetsmurmeln, rein, wünschte er den Söhnen Pāṇḍus Unbesiegtheit in den Schlachten.

Wort für Wort
kṛtajapyaḥ
nach vollzogenem Gebetsmurmeln (Adj.)
āśāste ... aparājayam
er wünschte ... Unbesiegtheit (Präs. + Akk.)

brāhmaṇān vācayitvā ca hutvā caiva hutāśanam āyuṣyaṃ pāṇḍuputrāṇām āśāste sa narādhipaḥ

Und nachdem er Brahmanen Segenssprüche hatte rezitieren lassen und das Feuer geopfert hatte, wünschte jener Herrscher der Menschen den Söhnen Pāṇḍus langes Leben.

Wort für Wort
brāhmaṇān vācayitvā
nachdem er Brahmanen hatte rezitieren lassen (Absol.)
āyuṣyam āśāste
er wünschte langes Leben (Akk. + Präs.)

na tāṃ prītiṃ parām āpa putrebhyaḥ sa mahīpatiḥ yāṃ prītiṃ pāṇḍuputrebhyaḥ samavāpa tadā nṛpaḥ

Nicht jene höchste Zuneigung gewann jener Herrscher der Erde für seine eigenen Söhne, welche Zuneigung der König damals für die Söhne Pāṇḍus gewann.

Wort für Wort
prītiṃ parām
höchste Zuneigung (Akk.)
samavāpa
er gewann (Aor./Perf.)

brāhmaṇānāṃ ca vṛddhānāṃ kṣatriyāṇāṃ ca bhārata tathā viṭśūdrasaṃghānām abhavat supriyas tadā

Und den alten Brahmanen und den Kṣatriyas, o Bhārata, und ebenso den Scharen der Vaiśyas und Śūdras war er damals sehr lieb.

Wort für Wort
viṭśūdrasaṃghānām
den Scharen der Vaiśyas und Śūdras (Gen. Pl.)
supriyaḥ
sehr lieb (Adj.)

yac ca kiṃ cit purā pāpaṃ dhṛtarāṣṭrasutaiḥ kṛtam akṛtvā hṛdi tad rājā taṃ nṛpaṃ so 'nvavartata

Und was auch immer an Bösem einst von den Söhnen Dhṛtarāṣṭras getan worden war, ohne dies im Herzen nachzutragen, fügte sich jener König jenem König.

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭrasutaiḥ kṛtam
von den Söhnen Dhṛtarāṣṭras getan (Instr. + Ptz.)
akṛtvā hṛdi
ohne es im Herzen zu behalten (Absol.)

yaś ca kaś cin naraḥ kiṃ cid apriyaṃ cāmbikāsute kurute dveṣyatām eti sa kaunteyasya dhīmataḥ

Und welcher Mann auch immer dem Sohn der Ambikā etwas Unliebsames antat, der wurde dem weisen Sohn der Kuntī verhasst.

Wort für Wort
apriyaṃ kurute
er tut Unliebsames an (Präs.)
dveṣyatām eti
er wird verhasst (Präs.)

na rājño dhṛtarāṣṭrasya na ca duryodhanasya vai uvāca duṣkṛtaṃ kiṃ cid yudhiṣṭhirabhayān naraḥ

Weder über den König Dhṛtarāṣṭra noch über Duryodhana sprach irgendein Mann aus Furcht vor Yudhiṣṭhira etwas Übles.

Wort für Wort
duṣkṛtaṃ kiṃ cid
irgendetwas Übles (Akk.)
yudhiṣṭhirabhayāt
aus Furcht vor Yudhiṣṭhira (Abl.)

dhṛtyā tuṣṭo narendrasya gāndhārī viduras tathā śaucena cājātaśatror na tu bhīmasya śatruhan

Mit der Standhaftigkeit des Königs waren Gāndhārī und ebenso Vidura zufrieden, und mit der Lauterkeit des Feindlosen – nicht aber mit der Bhīmas, o Feindesvernichter.

Wort für Wort
dhṛtyā tuṣṭaḥ
mit der Standhaftigkeit zufrieden (Instr. + Adj.)
ajātaśatroḥ
des Feindlosen, Yudhiṣṭhiras (Gen.)

Der ‚Feindlose‘ (ajātaśatru): Beiname Yudhiṣṭhiras. Erneuter Hinweis auf Bhīmas fortbestehenden, nur äußerlich verborgenen Groll (vgl. Kap.1 V025).

anvavartata bhīmo 'pi niṣṭanan dharmajaṃ nṛpam dhṛtarāṣṭraṃ ca saṃprekṣya sadā bhavati durmanāḥ

Auch Bhīma fügte sich, wenn auch seufzend, dem aus dem Dharma geborenen König; doch sooft er Dhṛtarāṣṭra erblickte, wurde er stets schwermütig.

Wort für Wort
niṣṭanan
seufzend (Ptz.)
saṃprekṣya durmanāḥ bhavati
sobald er ihn erblickt, wird er schwermütig (Absol. + Präs.)

rājānam anuvartantaṃ dharmaputraṃ mahāmatim anvavartata kauravyo hṛdayena parāṅmukhaḥ

Dem Dharma-Sohn, dem hochgesinnten König, der Dhṛtarāṣṭra Rücksicht erwies, fügte sich der Kaurava, im Herzen jedoch abgewandt.

Wort für Wort
anuvartantam
der Rücksicht erwies (Ptz. Akk.)
hṛdayena parāṅmukhaḥ
im Herzen abgewandt (Instr. + Adj.)

Kapitelschluss: Bhīmas äußerer Gehorsam bei innerer Ablehnung bleibt als Spannungsmoment stehen, das im weiteren Verlauf des Buches wieder aufgegriffen wird.

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