Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 9: rājadharmopadeśārambhaḥ Dhṛtarāṣṭras Rājadharma-Lehre (Anfang)

vaiśaṃpāyana uvāca tato rājñābhyanujñāto dhṛtarāṣṭraḥ pratāpavān yayau svabhavanaṃ rājā gāndhāryānugatas tadā

Vaiśaṃpāyana sprach: Da, vom König ermächtigt, ging der mächtige König Dhṛtarāṣṭra, von Gāndhārī begleitet, damals zu seinem eigenen Haus.

Wort für Wort
rājñābhyanujñātaḥ
vom König ermächtigt (Ptz.)
gāndhāryānugataḥ
von Gāndhārī begleitet (Adj.)

mandaprāṇagatir dhīmān kṛcchrād iva samuddharan padātiḥ sa mahīpālo jīrṇo gajapatir yathā

Mit schwachem Atem und langsamem Gang, weise, sich gleichsam mühsam erhebend, zu Fuß, jener Herrscher der Erde, wie ein altersschwacher Elefantenfürst.

Wort für Wort
mandaprāṇagatiḥ
mit schwachem Atem und langsamem Gang (Adj.)
jīrṇo gajapatir yathā
wie ein altersschwacher Elefantenfürst (Vergleich)

tam anvagacchad viduro vidvān sūtaś ca saṃjayaḥ sa cāpi parameṣvāsaḥ kṛpaḥ śāradvatas tathā

Ihm folgten der weise Vidura, und der Wagenlenker Saṃjaya, und auch jener beste Bogenschütze Kṛpa, der Sohn des Śaradvat.

Wort für Wort
tam anvagacchat
ihm folgte (Impf.)
parameṣvāsaḥ
der beste Bogenschütze (Nom., Kṛpa)

sa praviśya gṛhaṃ rājā kṛtapūrvāhṇikakriyaḥ tarpayitvā dvijaśreṣṭhān āhāram akarot tadā

Nachdem er das Haus betreten hatte, der König, die Vormittagsriten vollzogen und die besten der Zweifachgeborenen zufriedengestellt hatte, nahm er da Nahrung zu sich.

Wort für Wort
kṛtapūrvāhṇikakriyaḥ
der die Vormittagsriten vollzogen hatte (Adj.)
āhāram akarot
er nahm Nahrung zu sich (Akk. + Impf.)

gāndhārī caiva dharmajñā kuntyā saha manasvinī vadhūbhir upacāreṇa pūjitābhuṅkta bhārata

Und auch Gāndhārī, die Dharma-Kundige, die Hochgesinnte, zusammen mit Kuntī, von den Schwiegertöchtern mit Aufmerksamkeit geehrt, aß, o Bhārata.

Wort für Wort
dharmajñā manasvinī
die Dharma-Kundige, Hochgesinnte (Nom., Gāndhārī)
upacāreṇa pūjitā
mit Aufmerksamkeit geehrt (Instr. + Ptz.)

kṛtāhāraṃ kṛtāhārāḥ sarve te vidurādayaḥ pāṇḍavāś ca kuruśreṣṭham upātiṣṭhanta taṃ nṛpam

Nachdem sie selbst gespeist hatten, warteten alle jene – Vidura und die anderen, und die Pāṇḍavas – dem König, dem Besten der Kurus, der gespeist hatte, auf.

Wort für Wort
kṛtāhārāḥ
die gespeist hatten (Adj. Pl.)
upātiṣṭhanta
sie warteten auf (Impf.)

tato 'bravīn mahārāja kuntīputram upahvare niṣaṇṇaṃ pāṇinā pṛṣṭhe saṃspṛśann ambikāsutaḥ

Da sprach, o Großkönig, der Sohn der Ambikā zum Sohn der Kuntī, der in seiner Nähe saß, indem er ihn mit der Hand am Rücken berührte:

Wort für Wort
upahvare niṣaṇṇam
der in seiner Nähe saß (Lok. + Ptz.)
pṛṣṭhe saṃspṛśan
am Rücken berührend (Lok. + Ptz.)

Beginn von Dhṛtarāṣṭras ausführlicher Rājadharma-Lehre (Königspflichtenlehre) an Yudhiṣṭhira, die sich über mehrere folgende Kapitel als ununterbrochener Monolog fortsetzt (analog zur Bhagavadgītā-Konvention: lange Monologe ohne weitere Marker-Ereignisse).

apramādas tvayā kāryaḥ sarvathā kurunandana aṣṭāṅge rājaśārdūla rājye dharmapuraskṛte

„Unachtsamkeit sollst du auf jede Weise vermeiden, o Freude der Kurus, o Königstiger, beim achtgliedrigen, dem Dharma vorangestellten Königreich.

Wort für Wort
apramādaḥ kāryaḥ
Unachtsamkeit ist zu vermeiden (Nom. + Gerundiv)
aṣṭāṅge rājye
beim achtgliedrigen Königreich (Lok.)

aṣṭāṅga rājya (‚achtgliedriges Königreich‘): die altindische Staatslehre kennt verschiedene Aufzählungen der Bestandteile/Machtmittel des Königtums (u.a. König, Minister, Land, Festung, Schatz, Heer, Bündnispartner); die genaue Achterliste variiert je nach Lehrtext.

tat tu śakyaṃ yathā tāta rakṣituṃ pāṇḍunandana rājyaṃ dharmaṃ ca kaunteya vidvān asi nibodha tat

Wie das aber, mein Sohn, zu bewahren möglich ist, o Freude Pāṇḍus, das Königreich und den Dharma, o Sohn der Kuntī – du bist gelehrt, vernimm dies.

Wort für Wort
rakṣituṃ śakyam
zu bewahren möglich (Inf. + Adj.)
vidvān asi
du bist gelehrt (Nom. + Präs.)

vidyāvṛddhān sadaiva tvam upāsīthā yudhiṣṭhira śṛṇuyās te ca yad brūyuḥ kuryāś caivāvicārayan

Den an Wissen Alten sollst du stets aufwarten, o Yudhiṣṭhira; und was sie sagen, sollst du hören, und es tun, ohne zu zögern.

Wort für Wort
vidyāvṛddhān upāsītha
du sollst den an Wissen Alten aufwarten (Akk. + Opt.)
avicārayan
ohne zu zögern (Ptz.)

prātar utthāya tān rājan pūjayitvā yathāvidhi kṛtyakāle samutpanne pṛcchethāḥ kāryam ātmanaḥ

Am Morgen aufstehend, sollst du sie, o König, vorschriftsmäßig ehren, und wenn die Zeit für Aufgaben gekommen ist, sollst du sie nach deinen eigenen Angelegenheiten fragen.

Wort für Wort
pūjayitvā yathāvidhi
vorschriftsmäßig ehrend (Absol.)
kṛtyakāle samutpanne
wenn die Zeit für Aufgaben gekommen ist (Lok. abs.)

te tu saṃmānitā rājaṃs tvayā rājyahitārthinā pravakṣyanti hitaṃ tāta sarvaṃ kauravanandana

Diese aber, von dir geehrt, o König, der du das Wohl des Königreichs suchst, werden dir alles Heilsame verkünden, mein Sohn, o Freude der Kauravas.

Wort für Wort
rājyahitārthinā
der das Wohl des Königreichs sucht (Instr.)
pravakṣyanti hitam
sie werden Heilsames verkünden (Fut. + Akk.)

indriyāṇi ca sarvāṇi vājivat paripālaya hitāya vai bhaviṣyanti rakṣitaṃ draviṇaṃ yathā

Und alle Sinne sollst du wie Pferde bewachen; sie werden dir zum Heil gereichen, so wie bewahrter Reichtum.

Wort für Wort
vājivat paripālaya
bewache wie Pferde (Adv. + Imp.)
rakṣitaṃ draviṇam
bewahrter Reichtum (Nom.)

amātyān upadhātītān pitṛpaitāmahāñ śucīn dāntān karmasu sarveṣu mukhyān mukhyeṣu yojayeḥ

Die Minister, die durch Charakterprüfungen bewährten, von Vätern und Großvätern ererbten, reinen, selbstbeherrschten – die vornehmsten sollst du in allen vornehmsten Aufgaben einsetzen.

Wort für Wort
upadhātītān
die durch Charakterprüfungen bewährten (Adj. Pl.)
mukhyān mukhyeṣu yojayeḥ
die Vornehmsten in den vornehmsten [Aufgaben] einsetzen (Akk. + Opt.)

upadhā: die altindische Praxis geheimer Loyalitätsprüfungen von Ministern durch gezielte Versuchungen (Bestechung, Verführung u.ä.), um ihre Charakterfestigkeit zu testen.

cārayethāś ca satataṃ cārair aviditaiḥ parān parīkṣitair bahuvidhaṃ svarāṣṭreṣu pareṣu ca

Und stets sollst du die anderen Reiche durch unbemerkte, mehrfach geprüfte Spione beobachten lassen, sowohl in deinem eigenen Reich als auch in fremden.

Wort für Wort
cārair aviditaiḥ
durch unbemerkte Spione (Instr. Pl.)
svarāṣṭreṣu pareṣu ca
im eigenen Reich und in fremden (Lok. Pl.)

puraṃ ca te suguptaṃ syād dṛḍhaprākāratoraṇam aṭṭāṭṭālakasaṃbādhaṃ ṣaṭpathaṃ sarvatodiśam

Und deine Stadt soll wohlbewacht sein, mit starken Wällen und Torbögen, dicht mit Wachtürmen und Zinnen, mit sechsfachen Wegen, nach allen Richtungen.

Wort für Wort
dṛḍhaprākāratoraṇam
mit starken Wällen und Torbögen (Adj.)
ṣaṭpatham
mit sechsfachen Wegen (Adj.)

tasya dvārāṇi kāryāṇi paryāptāni bṛhanti ca sarvataḥ suvibhaktāni yantrair ārakṣitāni ca

Ihre Tore sollen ausreichend und groß angelegt sein, überall wohlaufgeteilt und durch Kriegsmaschinen bewacht.

Wort für Wort
dvārāṇi paryāptāni bṛhanti
die Tore, ausreichend und groß (Nom. Pl.)
yantrair ārakṣitāni
durch Kriegsmaschinen bewacht (Instr. + Ptz.)

puruṣair alam arthajñair viditaiḥ kulaśīlataḥ ātmā ca rakṣyaḥ satataṃ bhojanādiṣu bhārata

Durch hinreichend viele, sachkundige, nach Herkunft und Charakter bekannte Männer soll die Stadt bewacht werden; und du selbst sollst stets bewacht werden, bei Mahlzeiten und dergleichen, o Bhārata.

Wort für Wort
viditaiḥ kulaśīlataḥ
nach Herkunft und Charakter bekannt (Adj. Pl.)
ātmā rakṣyaḥ
du selbst sollst bewacht werden (Nom. + Gerundiv)

vihārāhārakāleṣu mālyaśayyāsaneṣu ca striyaś ca te suguptāḥ syur vṛddhair āptair adhiṣṭhitāḥ śīlavadbhiḥ kulīnaiś ca vidvadbhiś ca yudhiṣṭhira

Bei Vergnügungen und Mahlzeiten, zur rechten Zeit, bei Blumengirlanden, Lagerstätten und Sitzen; und deine Frauen sollen wohlbewacht sein, von alten, vertrauten, charakterfesten, wohlgeborenen und gelehrten Aufseherinnen beaufsichtigt, o Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
vihārāhārakāleṣu
bei Vergnügungen und Mahlzeiten, zur rechten Zeit (Lok. Pl.)
vṛddhair āptair adhiṣṭhitāḥ
von alten, vertrauten [Aufseherinnen] beaufsichtigt (Instr. + Ptz.)

mantriṇaś caiva kurvīthā dvijān vidyāviśāradān vinītāṃś ca kulīnāṃś ca dharmārthakuśalān ṛjūn

Und zu Ministern sollst du Zweifachgeborene machen, die in Wissen bewandert, wohlerzogen, wohlgeboren, in Dharma und Nutzen kundig und aufrichtig sind.

Wort für Wort
vidyāviśāradān
in Wissen bewandert (Adj. Pl.)
dharmārthakuśalān ṛjūn
in Dharma und Nutzen kundig, aufrichtig (Adj. Pl.)

taiḥ sārdhaṃ mantrayethās tvaṃ nātyarthaṃ bahubhiḥ saha samastair api ca vyastair vyapadeśena kena cit

Mit ihnen sollst du beraten, doch nicht übermäßig mit vielen zusammen; sei es gemeinsam, sei es einzeln, unter irgendeinem Vorwand.

Wort für Wort
nātyarthaṃ bahubhiḥ saha
nicht übermäßig mit vielen zusammen (Adv. + Instr.)
vyapadeśena kena cit
unter irgendeinem Vorwand (Instr.)

susaṃvṛtaṃ mantragṛhaṃ sthalaṃ cāruhya mantrayeḥ araṇye niḥśalāke vā na ca rātrau kathaṃ cana

In einem gut verschlossenen Beratungshaus, oder auf eine Anhöhe gestiegen, sollst du beraten, oder in einem baumlosen Wald – doch niemals bei Nacht.

Wort für Wort
susaṃvṛtaṃ mantragṛham
das gut verschlossene Beratungshaus (Akk.)
araṇye niḥśalāke
in einem baumlosen Wald (Lok.)

vānarāḥ pakṣiṇaś caiva ye manuṣyānukāriṇaḥ sarve mantragṛhe varjyā ye cāpi jaḍapaṅgukāḥ

Affen und Vögel, die Menschen nachahmen, sollen alle vom Beratungshaus ferngehalten werden, und ebenso die Stummen und Lahmen.

Wort für Wort
manuṣyānukāriṇaḥ
die Menschen nachahmen (Adj. Pl.)
jaḍapaṅgukāḥ
die Stummen und Lahmen (Nom. Pl.)

Die Sorge betrifft Wesen, die unwissentlich Geheimnisse preisgeben oder verraten könnten - sprechende/nachahmende Tiere ebenso wie Menschen mit eingeschränkter Selbstkontrolle.

mantrabhede hi ye doṣā bhavanti pṛthivīkṣitām na te śakyāḥ samādhātuṃ kathaṃ cid iti me matiḥ

Denn die Übel, die bei einer Verratung von Beratungen für Herrscher der Erde entstehen, können auf keine Weise wiedergutgemacht werden – das ist meine Ansicht.

Wort für Wort
mantrabhede doṣāḥ
die Übel bei Verratung der Beratung (Loc. + Nom.)
samādhātuṃ na śakyāḥ
können nicht wiedergutgemacht werden (Inf. + Adj.)

doṣāṃś ca mantrabhedeṣu brūyās tvaṃ mantrimaṇḍale abhede ca guṇān rājan punaḥ punar ariṃdama

Und die Übel bei Verratung von Beratungen sollst du im Ministerrat verkünden, und die Vorzüge der Geheimhaltung, o König, immer wieder, o Feindesbezwinger.

Wort für Wort
mantrimaṇḍale
im Ministerrat (Lok.)
abhede guṇān
die Vorzüge der Geheimhaltung (Lok. + Akk.)

paurajānapadānāṃ ca śaucāśaucaṃ yudhiṣṭhira yathā syād viditaṃ rājaṃs tathā kāryam ariṃdama

Und die Lauterkeit oder Unlauterkeit der Stadt- und Landbewohner – so, dass sie dir bekannt sei, o König, so sollst du handeln, o Feindesbezwinger.

Wort für Wort
paurajānapadānām
der Stadt- und Landbewohner (Gen. Pl.)
śaucāśaucam
Lauterkeit oder Unlauterkeit (Nom.)

Kapitel endet offen: Dhṛtarāṣṭras Rājadharma-Lehre setzt sich in Kap.10 unmittelbar und ohne neuen Sprecherwechsel fort (bestätigt durch die erneute Sprecherformel "dhṛtarāṣṭra uvāca" zu Beginn von Kap.10, die hier - wie bei langen ununterbrochenen Lehrreden üblich - keinen neuen Marker auslöst).

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