Mit schwachem Atem und langsamem Gang, weise, sich gleichsam mühsam erhebend, zu Fuß, jener Herrscher der Erde, wie ein altersschwacher Elefantenfürst.
Wort für Wort
mandaprāṇagatiḥ
mit schwachem Atem und langsamem Gang (Adj.)
jīrṇo gajapatir yathā
wie ein altersschwacher Elefantenfürst (Vergleich)
sa praviśya gṛhaṃ rājā kṛtapūrvāhṇikakriyaḥ tarpayitvā dvijaśreṣṭhān āhāram akarot tadā
Nachdem er das Haus betreten hatte, der König, die Vormittagsriten vollzogen und die besten der Zweifachgeborenen zufriedengestellt hatte, nahm er da Nahrung zu sich.
kṛtāhāraṃ kṛtāhārāḥ sarve te vidurādayaḥ pāṇḍavāś ca kuruśreṣṭham upātiṣṭhanta taṃ nṛpam
Nachdem sie selbst gespeist hatten, warteten alle jene – Vidura und die anderen, und die Pāṇḍavas – dem König, dem Besten der Kurus, der gespeist hatte, auf.
tato 'bravīn mahārāja kuntīputram upahvare niṣaṇṇaṃ pāṇinā pṛṣṭhe saṃspṛśann ambikāsutaḥ
Da sprach, o Großkönig, der Sohn der Ambikā zum Sohn der Kuntī, der in seiner Nähe saß, indem er ihn mit der Hand am Rücken berührte:
Wort für Wort
upahvare niṣaṇṇam
der in seiner Nähe saß (Lok. + Ptz.)
pṛṣṭhe saṃspṛśan
am Rücken berührend (Lok. + Ptz.)
Beginn von Dhṛtarāṣṭras ausführlicher Rājadharma-Lehre (Königspflichtenlehre) an Yudhiṣṭhira, die sich über mehrere folgende Kapitel als ununterbrochener Monolog fortsetzt (analog zur Bhagavadgītā-Konvention: lange Monologe ohne weitere Marker-Ereignisse).
„Unachtsamkeit sollst du auf jede Weise vermeiden, o Freude der Kurus, o Königstiger, beim achtgliedrigen, dem Dharma vorangestellten Königreich.
Wort für Wort
apramādaḥ kāryaḥ
Unachtsamkeit ist zu vermeiden (Nom. + Gerundiv)
aṣṭāṅge rājye
beim achtgliedrigen Königreich (Lok.)
aṣṭāṅga rājya (‚achtgliedriges Königreich‘): die altindische Staatslehre kennt verschiedene Aufzählungen der Bestandteile/Machtmittel des Königtums (u.a. König, Minister, Land, Festung, Schatz, Heer, Bündnispartner); die genaue Achterliste variiert je nach Lehrtext.
Am Morgen aufstehend, sollst du sie, o König, vorschriftsmäßig ehren, und wenn die Zeit für Aufgaben gekommen ist, sollst du sie nach deinen eigenen Angelegenheiten fragen.
Wort für Wort
pūjayitvā yathāvidhi
vorschriftsmäßig ehrend (Absol.)
kṛtyakāle samutpanne
wenn die Zeit für Aufgaben gekommen ist (Lok. abs.)
Die Minister, die durch Charakterprüfungen bewährten, von Vätern und Großvätern ererbten, reinen, selbstbeherrschten – die vornehmsten sollst du in allen vornehmsten Aufgaben einsetzen.
Wort für Wort
upadhātītān
die durch Charakterprüfungen bewährten (Adj. Pl.)
mukhyān mukhyeṣu yojayeḥ
die Vornehmsten in den vornehmsten [Aufgaben] einsetzen (Akk. + Opt.)
upadhā: die altindische Praxis geheimer Loyalitätsprüfungen von Ministern durch gezielte Versuchungen (Bestechung, Verführung u.ä.), um ihre Charakterfestigkeit zu testen.
cārayethāś ca satataṃ cārair aviditaiḥ parān parīkṣitair bahuvidhaṃ svarāṣṭreṣu pareṣu ca
Und stets sollst du die anderen Reiche durch unbemerkte, mehrfach geprüfte Spione beobachten lassen, sowohl in deinem eigenen Reich als auch in fremden.
puruṣair alam arthajñair viditaiḥ kulaśīlataḥ ātmā ca rakṣyaḥ satataṃ bhojanādiṣu bhārata
Durch hinreichend viele, sachkundige, nach Herkunft und Charakter bekannte Männer soll die Stadt bewacht werden; und du selbst sollst stets bewacht werden, bei Mahlzeiten und dergleichen, o Bhārata.
vihārāhārakāleṣu mālyaśayyāsaneṣu ca striyaś ca te suguptāḥ syur vṛddhair āptair adhiṣṭhitāḥ śīlavadbhiḥ kulīnaiś ca vidvadbhiś ca yudhiṣṭhira
Bei Vergnügungen und Mahlzeiten, zur rechten Zeit, bei Blumengirlanden, Lagerstätten und Sitzen; und deine Frauen sollen wohlbewacht sein, von alten, vertrauten, charakterfesten, wohlgeborenen und gelehrten Aufseherinnen beaufsichtigt, o Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
vihārāhārakāleṣu
bei Vergnügungen und Mahlzeiten, zur rechten Zeit (Lok. Pl.)
vṛddhair āptair adhiṣṭhitāḥ
von alten, vertrauten [Aufseherinnen] beaufsichtigt (Instr. + Ptz.)
mantriṇaś caiva kurvīthā dvijān vidyāviśāradān vinītāṃś ca kulīnāṃś ca dharmārthakuśalān ṛjūn
Und zu Ministern sollst du Zweifachgeborene machen, die in Wissen bewandert, wohlerzogen, wohlgeboren, in Dharma und Nutzen kundig und aufrichtig sind.
Wort für Wort
vidyāviśāradān
in Wissen bewandert (Adj. Pl.)
dharmārthakuśalān ṛjūn
in Dharma und Nutzen kundig, aufrichtig (Adj. Pl.)
vānarāḥ pakṣiṇaś caiva ye manuṣyānukāriṇaḥ sarve mantragṛhe varjyā ye cāpi jaḍapaṅgukāḥ
Affen und Vögel, die Menschen nachahmen, sollen alle vom Beratungshaus ferngehalten werden, und ebenso die Stummen und Lahmen.
Wort für Wort
manuṣyānukāriṇaḥ
die Menschen nachahmen (Adj. Pl.)
jaḍapaṅgukāḥ
die Stummen und Lahmen (Nom. Pl.)
Die Sorge betrifft Wesen, die unwissentlich Geheimnisse preisgeben oder verraten könnten - sprechende/nachahmende Tiere ebenso wie Menschen mit eingeschränkter Selbstkontrolle.
mantrabhede hi ye doṣā bhavanti pṛthivīkṣitām na te śakyāḥ samādhātuṃ kathaṃ cid iti me matiḥ
Denn die Übel, die bei einer Verratung von Beratungen für Herrscher der Erde entstehen, können auf keine Weise wiedergutgemacht werden – das ist meine Ansicht.
Wort für Wort
mantrabhede doṣāḥ
die Übel bei Verratung der Beratung (Loc. + Nom.)
samādhātuṃ na śakyāḥ
können nicht wiedergutgemacht werden (Inf. + Adj.)
doṣāṃś ca mantrabhedeṣu brūyās tvaṃ mantrimaṇḍale abhede ca guṇān rājan punaḥ punar ariṃdama
Und die Übel bei Verratung von Beratungen sollst du im Ministerrat verkünden, und die Vorzüge der Geheimhaltung, o König, immer wieder, o Feindesbezwinger.
Und die Lauterkeit oder Unlauterkeit der Stadt- und Landbewohner – so, dass sie dir bekannt sei, o König, so sollst du handeln, o Feindesbezwinger.
Wort für Wort
paurajānapadānām
der Stadt- und Landbewohner (Gen. Pl.)
śaucāśaucam
Lauterkeit oder Unlauterkeit (Nom.)
Kapitel endet offen: Dhṛtarāṣṭras Rājadharma-Lehre setzt sich in Kap.10 unmittelbar und ohne neuen Sprecherwechsel fort (bestätigt durch die erneute Sprecherformel "dhṛtarāṣṭra uvāca" zu Beginn von Kap.10, die hier - wie bei langen ununterbrochenen Lehrreden üblich - keinen neuen Marker auslöst).