Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Āśramavāsikaparva

Kapitel 6: yudhiṣṭhiravilāpaḥ Yudhiṣṭhiras Klage, Dhṛtarāṣṭras Ohnmacht

yudhiṣṭhira uvāca na māṃ prīṇayate rājyaṃ tvayy evaṃ duḥkhite nṛpa dhiṅ mām astu sudurbuddhiṃ rājyasaktaṃ pramādinam

„Yudhiṣṭhira sprach: Nicht erfreut mich die Herrschaft, solange du, o König, derart leidest; Schande über mich, den überaus Übelgesinnten, am Königreich Haftenden, Nachlässigen!

Wort für Wort
na māṃ prīṇayate rājyam
die Herrschaft erfreut mich nicht (Präs.)
rājyasaktaṃ pramādinam
am Königreich haftend, nachlässig (Akk., auf sich selbst bezogen)

yo 'haṃ bhavantaṃ duḥkhārtam upavāsakṛśaṃ nṛpa yatāhāraṃ kṣitiśayaṃ nāvindaṃ bhrātṛbhiḥ saha

Ich, der ich dich, o König, von Leid geplagt, vom Fasten abgemagert, mit gezügelter Nahrung, auf dem Boden liegend, nicht bemerkt habe, samt meinen Brüdern –

Wort für Wort
upavāsakṛśam
vom Fasten abgemagert (Adj.)
kṣitiśayam
auf dem Boden liegend (Adj.)

aho 'smi vañcito mūḍho bhavatā gūḍhabuddhinā viśvāsayitvā pūrvaṃ māṃ yad idaṃ duḥkham aśnuthāḥ

Ach, ich Tor bin von dir, dessen Sinn verborgen war, betrogen worden – indem du mich zuvor in Sicherheit wiegtest, während du dieses Leid erduldetest!

Wort für Wort
gūḍhabuddhinā
dessen Sinn verborgen war (Instr.)
viśvāsayitvā
indem er in Sicherheit wiegte (Absol.)

kiṃ me rājyena bhogair vā kiṃ yajñaiḥ kiṃ sukhena vā yasya me tvaṃ mahīpāla duḥkhāny etāny avāptavān

Was nützt mir das Königreich, oder die Genüsse? Was die Opfer, was das Glück, wenn du, o Herrscher der Erde, um meinetwillen diese Leiden erlitten hast?

Wort für Wort
kiṃ me rājyena
was nützt mir das Königreich (Instr. bei kim)
duḥkhāny avāptavān
er hat Leiden erlitten (Akk. + Perf. Ptz.)

pīḍitaṃ cāpi jānāmi rājyam ātmānam eva ca anena vacasā tubhyaṃ duḥkhitasya janeśvara

Und ich erkenne: Auch das Königreich und ich selbst sind bedrückt durch dieses dein Wort, o Herrscher der Menschen, da du leidest.

Wort für Wort
pīḍitaṃ ... rājyam ātmānam
bedrückt sind Königreich und ich selbst (Akk.)
duḥkhitasya
des Leidenden (Gen., Dhṛtarāṣṭra)

bhavān pitā bhavān mātā bhavān naḥ paramo guruḥ bhavatā viprahīṇā hi kva nu tiṣṭhāmahe vayam

Du bist Vater, du bist Mutter, du bist unser höchster Lehrer; von dir getrennt, wo sollten wir denn bleiben?

Wort für Wort
paramo guruḥ
der höchste Lehrer (Nom.)
viprahīṇāḥ
getrennt/beraubt (Adj. Pl.)

auraso bhavataḥ putro yuyutsur nṛpasattama astu rājā mahārāja yaṃ cānyaṃ manyate bhavān

Dein leiblicher Sohn Yuyutsu, o Bester der Könige, soll König werden, Großkönig, oder wen sonst du für geeignet hältst.

Wort für Wort
auraso putraḥ
der leibliche Sohn (Nom.)
astu rājā
er soll König sein (Imp.)

ahaṃ vanaṃ gamiṣyāmi bhavān rājyaṃ praśāstv idam na mām ayaśasā dagdhaṃ bhūyas tvaṃ dagdhum arhasi

Ich werde in den Wald gehen, du sollst dieses Königreich beherrschen; nicht sollst du mich, der ich schon von Schande verbrannt bin, noch weiter verbrennen.

Wort für Wort
rājyaṃ praśāstu
er soll das Königreich beherrschen (Imp.)
ayaśasā dagdham
von Schande verbrannt (Instr. + Ptz.)

nāhaṃ rājā bhavān rājā bhavatā paravān aham kathaṃ guruṃ tvāṃ dharmajñam anujñātum ihotsahe

Nicht ich bin der König, du bist der König; von dir bin ich abhängig. Wie könnte ich es wagen, dir, meinem dharmakundigen Lehrer, hier die Erlaubnis zu erteilen?

Wort für Wort
bhavatā paravān
von dir abhängig (Instr. + Adj.)
anujñātum utsahe
ich wage zu erlauben (Inf. + Präs.)

na manyur hṛdi naḥ kaś cid duryodhanakṛte 'nagha bhavitavyaṃ tathā tad dhi vayaṃ te caiva mohitāḥ

Kein Zorn ist in unserem Herzen wegen Duryodhanas Taten, o Sündloser; so musste es geschehen, denn wir wie auch du waren gleichermaßen verblendet.

Wort für Wort
duryodhanakṛte
wegen Duryodhanas Taten (Lok./Abl.-artig)
mohitāḥ
verblendet (Adj. Pl.)

vayaṃ hi putrā bhavato yathā duryodhanādayaḥ gāndhārī caiva kuntī ca nirviśeṣe mate mama

Denn wir sind deine Söhne, ebenso wie Duryodhana und die anderen; Gāndhārī und Kuntī sind in meiner Ansicht ohne Unterschied.

Wort für Wort
putrā bhavataḥ
deine Söhne (Nom. Pl.)
nirviśeṣe mate mama
ohne Unterschied in meiner Ansicht (Lok.)

sa māṃ tvaṃ yadi rājendra parityajya gamiṣyasi pṛṣṭhatas tvānuyāsyāmi satyenātmānam ālabhe

Wenn du, o Fürst der Könige, mich verlässt und fortgehst, werde ich dir folgen – bei der Wahrheit schwöre ich es.

Wort für Wort
parityajya gamiṣyasi
du wirst verlassen und fortgehen (Absol. + Fut.)
satyenātmānam ālabhe
bei der Wahrheit berühre ich mich selbst, ich schwöre (Instr. + Präs.)

iyaṃ hi vasusaṃpūrṇā mahī sāgaramekhalā bhavatā viprahīṇasya na me prītikarī bhavet

Denn diese Erde, voll von Reichtum, vom Ozean umgürtet, würde mir, von dir getrennt, keine Freude bereiten.

Wort für Wort
sāgaramekhalā
vom Ozean umgürtet (Adj., Erde)
prītikarī
Freude bereitend (Adj.)

bhavadīyam idaṃ sarvaṃ śirasā tvāṃ prasādaye tvadadhīnāḥ sma rājendra vyetu te mānaso jvaraḥ

All dies ist dein; mit gesenktem Haupt bitte ich dich um Gnade; wir sind von dir abhängig, o Fürst der Könige – möge dein Geistesfieber von dir weichen.

Wort für Wort
śirasā prasādaye
mit gesenktem Haupt bitte ich um Gnade (Instr. + Präs.)
mānaso jvaraḥ
das Geistesfieber, der seelische Schmerz (Nom.)

Geistesfieber (mānasa jvara): Bildwort für seelischen Schmerz/Gram.

bhavitavyam anuprāptaṃ manye tvāṃ taj janādhipa diṣṭyā śuśrūṣamāṇas tvāṃ mokṣyāmi manaso jvaram

Ich denke, dass dich das Unabwendbare erreicht hat, o Herrscher der Menschen; durch glückliches Geschick werde ich, dir dienend, dein Geistesfieber lösen.“

Wort für Wort
bhavitavyam anuprāptam
das Unabwendbare erreicht (Akk. + Ptz.)
śuśrūṣamāṇaḥ
dienend (Ptz.)

dhṛtarāṣṭra uvāca tāpasye me manas tāta vartate kurunandana ucitaṃ hi kule 'smākam araṇyagamanaṃ prabho

„Dhṛtarāṣṭra sprach: Auf Askese ist mein Sinn gerichtet, mein Sohn, o Freude der Kurus; denn es ist Brauch in unserem Geschlecht, in den Wald zu gehen, o Herr.

Wort für Wort
tāpasye manaḥ vartate
der Sinn ist auf Askese gerichtet (Lok. + Präs.)
araṇyagamanam
das In-den-Wald-Gehen (Nom.)

ciram asmy uṣitaḥ putra ciraṃ śuśrūṣitas tvayā vṛddhaṃ mām abhyanujñātuṃ tvam arhasi janādhipa

Lange schon habe ich gelebt, mein Sohn, lange wurde mir von dir gedient; mich Alten sollst du nun deine Erlaubnis geben, o Herrscher der Menschen.“

Wort für Wort
ciram uṣitaḥ
lange gelebt (Adv. + Ptz.)
abhyanujñātum arhasi
du sollst die Erlaubnis geben (periphr.)

vaiśaṃpāyana uvāca ity uktvā dharmarājānaṃ vepamānaḥ kṛtāñjalim uvāca vacanaṃ rājā dhṛtarāṣṭro 'mbikāsutaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: So zum Dharma-König gesprochen habend, zitternd, mit gefalteten Händen, sprach der König Dhṛtarāṣṭra, der Sohn der Ambikā, noch dieses Wort:

Wort für Wort
vepamānaḥ kṛtāñjaliḥ
zitternd, mit gefalteten Händen (Ptz.)
vacanam uvāca
er sprach das Wort (Akk. + Perf.)

Kurze Erzähler-Brücke innerhalb von Dhṛtarāṣṭras fortlaufender Rede, bevor er in V019-020 einen weiteren kurzen Gedanken äußert.

saṃjayaṃ ca mahāmātraṃ kṛpaṃ cāpi mahāratham anunetum ihecchāmi bhavadbhiḥ pṛthivīpatim

„Saṃjaya, den großen Minister, und auch Kṛpa, den großen Wagenkämpfer, möchte ich hier von euch gewonnen sehen, für den Herrscher der Erde.

Wort für Wort
mahāmātram
den großen Minister (Akk., Saṃjaya)
anunetum icchāmi
ich möchte gewinnen/besänftigen (Inf. + Präs.)

[?] Der genaue Bezug von "pṛthivīpatim" ("für/an den Herrscher der Erde") in diesem Vers ist syntaktisch nicht restlos eindeutig - vermutlich ist gemeint, dass Yudhiṣṭhira (oder der designierte Nachfolger Yuyutsu) Saṃjaya und Kṛpa dafür gewinnen möge, im Reich zu bleiben und weiterhin zu dienen.

glāyate me mano hīdaṃ mukhaṃ ca pariśuṣyati vayasā ca prakṛṣṭena vāgvyāyāmena caiva hi

Denn mein Sinn ermattet, und mein Mund trocknet aus, durch mein fortgeschrittenes Alter und auch durch die Anstrengung des Sprechens.“

Wort für Wort
glāyate manaḥ
der Sinn ermattet (Präs.)
vāgvyāyāmena
durch die Anstrengung des Sprechens (Instr.)

ity uktvā sa tu dharmātmā vṛddho rājā kurūdvahaḥ gāndhārīṃ śiśriye dhīmān sahasaiva gatāsuvat

So gesprochen habend, sank jener dharmagesinnte, alte, weise König, der Erste der Kurus, plötzlich, wie leblos, an Gāndhārī gelehnt.

Wort für Wort
gāndhārīṃ śiśriye
er lehnte sich an Gāndhārī (Akk. + Perf.)
gatāsuvat
wie leblos, wie entseelt (Adv.)

taṃ tu dṛṣṭvā tathāsīnaṃ niśceṣṭaṃ kurupārthivam ārtiṃ rājā yayau tūrṇaṃ kaunteyaḥ paravīrahā

Als er ihn so dasitzend sah, regungslos, den König der Kurus, geriet der König, der Sohn der Kuntī, der Feindesvernichter, schnell in Bestürzung.

Wort für Wort
niśceṣṭam
regungslos (Adj.)
ārtiṃ yayau
er geriet in Bestürzung (Akk. + Aor.)

yudhiṣṭhira uvāca yasya nāgasahasreṇa daśasaṃkhyena vai balam so 'yaṃ nārīm upāśritya śete rājā gatāsuvat

„Er, dessen Kraft der von zehntausend Elefanten gleichkam, dieser König liegt nun, sich an eine Frau lehnend, wie leblos da!

Wort für Wort
nāgasahasreṇa daśasaṃkhyena
von zehntausend Elefanten (Instr., wörtl. "tausend, zehnfach gezählt")
nārīm upāśritya
sich an eine Frau lehnend (Absol.)

āyasī pratimā yena bhīmasenasya vai purā cūrṇīkṛtā balavatā sa balārthī śritaḥ striyam

Er, von dem einst die eiserne Statue Bhīmasenas zermalmt wurde, er, der Starke, nach Kraft strebend, lehnt sich jetzt an eine Frau!

Wort für Wort
āyasī pratimā
die eiserne Statue (Nom.)
cūrṇīkṛtā
zermalmt (Ptz.)

Anspielung auf eine frühere Episode (Udyogaparva): Dhṛtarāṣṭra zerdrückte im Zorn eine ihm untergeschobene eiserne Bhīma-Statue mit bloßer Körperkraft, im Glauben, es sei Bhīma selbst.

dhig astu mām adharmajñaṃ dhig buddhiṃ dhik ca me śrutam yatkṛte pṛthivīpālaḥ śete 'yam atathocitaḥ

Schande über mich, den Dharma-Unkundigen! Schande über meinen Verstand, und Schande über mein Wissen – durch dessentwillen dieser Herrscher der Erde, dem solches nicht gebührt, so daliegt!

Wort für Wort
dhig astu mām
Schande über mich (Interj. + Akk.)
atathocitaḥ
dem solches nicht gebührt (Adj.)

aham apy upavatsyāmi yathaivāyaṃ gurur mama yadi rājā na bhuṅkte 'yaṃ gāndhārī ca yaśasvinī

Auch ich werde fasten, ebenso wie dieser mein Lehrer, wenn dieser König nicht isst, und auch die ruhmreiche Gāndhārī nicht.“

Wort für Wort
upavatsyāmi
ich werde fasten (Fut.)
na bhuṅkte
er isst nicht (Präs.)

vaiśaṃpāyana uvāca tato 'sya pāṇinā rājā jalaśītena pāṇḍavaḥ uro mukhaṃ ca śanakaiḥ paryamārjata dharmavit

Vaiśaṃpāyana sprach: Da wischte der König, der Sohn Pāṇḍus, der Dharma-Kundige, mit kühlem, wassernassem Handteller sanft dessen Brust und Gesicht ab.

Wort für Wort
jalaśītena pāṇinā
mit kühlem, wassernassem Handteller (Instr.)
paryamārjata
er wischte ab (Impf.)

tena ratnauṣadhimatā puṇyena ca sugandhinā pāṇisparśena rājñas tu rājā saṃjñām avāpa ha

Durch diese mit Juwelen und Heilkräutern versehene, verdienstvolle und wohlriechende Berührung der Hand gelangte der König wieder zu Bewusstsein.

Wort für Wort
ratnauṣadhimatā pāṇisparśena
durch die mit Juwelen und Heilkräutern versehene Berührung der Hand (Instr.)
saṃjñām avāpa
er gelangte zu Bewusstsein (Akk. + Aor.)

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