Paṭala 10: Daśamo 'dhyāyaḥ (Paravyūhaprakāśaḥ)
Zehnter Adhyāya – Erhellung von Para und Vyūha (Paravyūhaprakāśa) (vollständig, Vv. 1–45 + Kolophon; Vers 34 in der Quelle fehlend)
Quelle: archive.org/DLI in.ernet.dli.2015.326285 (Krishnamacharya-Ausgabe 1959). Systematische Einführung der klassischen fünffachen Pāñcarātra-Manifestationslehre (Para/Vyūha/Vibhava/[Antaryāmin/Arcā]). Erster Teil (Vv. 1-17): die höchste, transzendente Para-Gestalt Viṣṇu-Nārāyaṇas, zweiarmig, jenseits aller Vergleichbarkeit. Zweiter Teil (Vv. 18-44): die Vyūha-Lehre, wonach die vier Vyūhas (Vāsudeva/Saṅkarṣaṇa/Pradyumna/Aniruddha) in den drei Bewusstseinszuständen (Tiefschlaf/Traum/Wachen) je eine eigene vierfache Gestalt annehmen; für den Wach-Zustand wird eine detaillierte ikonographische Beschreibung jeder der vier Gestalten gegeben (Farbe, Gewand, Bannerzeichen, Attribute in den vier Händen: Vāsudeva mit Muschel/Diskus/Keule, Saṅkarṣaṇa mit Pflug/Keule, Pradyumna mit Bogen/Pfeilen, Aniruddha mit Schwert/Schild). Schließt mit der Ankündigung der dritten Manifestationsform, Vibhava, die in Kapitel 11 entfaltet wird.
‚Die dem Werden nachgeordneten Weisen [der Inkarnation] wurden am Ende [des vorigen Kapitels] aus deinem beschützenden Lotus[-Mund] vernommen; nun wünsche ich, die dem Werden nachgeordneten Weisen [erneut] zu hören.‘
vaiṣṇavā avatārās te kiṃrūpāḥ kati vāmbuje | etayā mayā brūhi namas te paṅkajāsane ||
‚Von welcher Gestalt sind jene vaiṣṇavischen Inkarnationen, wie viele sind es, o Lotusgeborene? Sage es mir, der ich [dich] frage; Verehrung dir, die du auf dem Lotus thronst.‘
[śrīḥ—] hanta te śakra vakṣyāmi prakārān bhavaduttarān | vaiṣṇavā avatārās te yāvanto yaṣṭidhāś ca te ||
[Śrī sprach:] ‚Wohlan, Śakra, ich werde dir die dem Werden nachgeordneten Weisen darlegen; die vaiṣṇavischen Inkarnationen, so viele es ihrer gibt, und in welch sechsfacher Art sie sind.‘
‚Das mit den sechs Eigenschaften begabte, makellose Brahman, fehlerlos, alterslos, beständig, selbstleuchtend, unangefochten, dessen Wesen ohne [äußeren] Halt ist –‘
tad unmiṣantaṃ vai pūrvaṃ śaktimac chaktibhāvataḥ | nārāyaṇaḥ paro devaḥ saṃsthitaḥ śaktimattayā ||
‚– dieses, zuerst hervortretend, im Zustand des Kraft-Besitzens zusammen mit der Kraft [selbst]: der höchste Gott Nārāyaṇa steht [so] in der Beschaffenheit des Kraft-Besitzens.‘
‚Ich bin seine beständige Kraft, die alleinige Bewirkerin all seiner Werke, des Alldurchdringenden; wir beide erfahren, um der Welt willen, mannigfache Verwandlung.‘
‚erhebt sich der Herr der Welt, zum Wohl der Welt, in seiner eigenen Gestalt (svarūpa), und weiterhin in [seiner] höchsten Gestalt (para) und auch in der Vyūha-Gestalt,‘
‚und ebenso in der Vibhava-Gestalt, mannigfache Zustände annehmend – der alldurchdringende Gott Bhagavān, aus dem Wunsch, seinen Verehrern Gnade zu erweisen.‘
[Anm.: Hier wird die klassische fünffache Pāñcarātra-Manifestationslehre eingeführt (Para/höchste Gestalt, Vyūha, Vibhava, [später Antaryāmin und Arcā]); Kapitel 10 behandelt Para und Vyūha, Kapitel 11 leitet zu Vibhava über.
varadābhayahastaṃ ca dvibhujaṃ padmalocanam | rekhāmayena cakreṇa śaṅkhena ca karadvaye ||
‚[Er ist] mit gabenspendender und furchtnehmender Hand, zweiarmig, lotusäugig, mit dem [durch feine] Linien [gestalteten] Diskus und der Muschel in [seinen] beiden Händen –‘
‚– [damit] gekennzeichnet, auf unwandelbaren Füßen stehend, überaus schön; weder mangelhaft noch überschüssig, mit allen sechs Eigenschaften gekennzeichnet.‘
‚Unerschütterlich durch alle seine gestaltlosen, strahlenartigen, unfallbaren Glieder – diese eine göttliche Gestalt heißt die ‚Höchste‘ (parā), die höchste vaiṣṇavische [Manifestation].‘
‚Die in Yoga Vollendeten verehren diese [Gestalt], im Herzen weilend, im vierten Zustand (turīya) angesiedelt; nun werde ich dir die Vyūha-Wesenheit als die zweite [Gestalt] beschreiben.‘
‚Der Gott [nimmt] seine eigene Vyūha-Wesenheit vierfach [an], gemäß den zuvor genannten Unterscheidungen; durch die Unterscheidung Vāsudeva usw. besteht er in den Zuständen Tiefschlaf usw.‘
‚Die Anordnung wird für die Urgestalt aller [vier Vyūhas] als gleich überliefert; die erste, mit den sechs Eigenschaften begabte Gestalt [entsteht] zusammen mit dem Ursprung der Paare und dergleichen.‘
‚Die übrigen Wesensformen wurden von mir bereits zuvor dargelegt; [dies hier hat] den Glanz vieler tausend Monde, gekennzeichnet durch das Herabströmen der Wonne.‘
bījaṃ sarvakriyāṇāṃ tad vikalpānāṃ tad āspadam | suṣupte cāturātmyaṃ tasya prathamaṃ viddhi vāsava ||
‚Es ist der Same aller Handlungen, die Grundlage aller Unterscheidungen; wisse, o Vāsava, dass dies die erste [Stufe] seiner Vierfach-Selbstheit im Tiefschlaf-Zustand ist.‘
‚Nun teilt sich der Gott ebenso auch im Traum-Zustand durch sich selbst auf, gemäß den zuvor genannten Unterscheidungen, in den Gestalten beginnend mit Vāsudeva,‘
‚[als] Puruṣottama, durch die Unterscheidung von Zusammenziehung und Ausbreitung der Eigenschaften, in den überaus wundersamen [Farben] Weiß, Rot, Gold und Dunkel.‘
‚In Gestalten, der Urgestalt gleich, steht er vierfach da – die Frucht der Kaivalya-Wonne gewährend, die Vernichtung des Samens des [weltlichen] Daseins bewirkend.‘
cāturātmyaṃ dvitīyaṃ tat sudhāsaṃdohasundaram | atha jāgratpade devaḥ sitaraktādibhedataḥ ||
‚Diese zweite Vierfach-Selbstheit ist schön wie eine Ansammlung von Nektar. Nun [erscheint] der Gott im Wach-Zustand, durch die Unterscheidung von Weiß, Rot und den übrigen [Farben],‘
‚vierarmig, von edlen Gliedern, umgeben von Muschel, Diskus und dergleichen, gekennzeichnet durch mannigfache, bunt gezeichnete Banner, benannt Sudarśana und dergleichen.‘
‚Der Alldurchdringende, sich unter alle Vyūhas verteilend, spielt gemäß seinem eigenen [freien] Spiel; davon hat die erste Gestalt Bhagavāns den Glanz von schneeweißem Mondlicht –‘
apareṇa dadhānaṃ ca dakṣiṇena sudarśanam | vāmena ca gadāṃ gurvīṃ niṣaṇṇāṃ vasudhātale ||
‚und mit der anderen rechten [Hand] den Sudarśana-Diskus haltend, und mit der linken die schwere Keule – [so ist er] auf der Erdoberfläche sitzend [zu denken].‘
‚So gestaltet soll man sich Vāsudeva in der östlichen/vorderen Richtung vorstellen. [Die zweite Gestalt hat] die Form eines Zinnobergipfels, ein sanftes Antlitz, vier Arme,‘
atasīpuṣpasaṃkāśavasanaṃ tārakāñcitam | mukhyena pāṇiyugmena tulyam ādyasya vai vibhoḥ ||
‚in ein Gewand von der Farbe der Flachsblüte gekleidet, mit Sternen geschmückt; mit ihrem Haupt-Händepaar der [Gestalt] des ersten Alldurchdringenden gleich,‘
‚[jedoch] mit einem Pflug in jener Diskus-Hand, und mit einer Keule in der Faust – man denke sich die südliche Richtung als den Herrn Saṅkarṣaṇa.‘
[?] Waffendetails der zweiten Vershälfte unsicher rekonstruiert (Pflug als Sonderattribut Saṅkarṣaṇa-Balarāmas ist jedoch ikonographisch plausibel und gut bezeugt).
‚[Die dritte Gestalt hat] den Glanz einer in einer Regenzeit-Nacht aufgestiegenen Ansammlung von Glühwürmchen, ist in rote Seidengewänder gekleidet, mit dem Makara-Banner geschmückt,‘
[Anm.: Vers 34 fehlt im Digitalisat (Seitenumbruch mit Kopfzeile ‚Lakṣmītantram‘ an dieser Stelle; vermutlich beim Scan/OCR verloren).
vāme 'parasmin śārṅgaṃ ca dakṣiṇe bāṇapañcakam | apare cintayed bhāge pradyumnam iti kīrtitam ||
‚in der anderen linken [Hand hält er] den Śārṅga-Bogen, in der rechten ein Bündel von fünf Pfeilen – man denke sich dies in der westlichen Richtung, verkündet als Pradyumna.‘
‚[Die vierte Gestalt hat] den Anschein einer Feuerflamme, ist in schöne gelbe Gewänder gehüllt; man wisse [sie als] vierarmig, mit dem Reh-Zeichen geschmückt –‘
ādivat pāṇiyugmam asya vicintayet | dakṣiṇādikrameṇātha dvābhyāṃ vai khaḍgakheṭakarau ||
‚– man denke sich sein Händepaar wie [bei den] ersten [Gestalten]; sodann, in der Reihenfolge beginnend von rechts/Süden, mit den [übrigen] beiden [Händen hält er] Schwert und Schild,‘
dadhānam aniruddhaṃ tu saumyabhāge vicintayet | vanamālādharaḥ sarve śrīvatsalakṣaṇāḥ ||
‚man denke sich Aniruddha, dies haltend, in der nördlichen/milden Richtung; alle [vier Gestalten] tragen den Waldblumenkranz, sind mit dem Śrīvatsa-Zeichen gekennzeichnet,‘
‚auf der Brust allein mit dem Kaustubha, dem König der Juwelen, geschmückt. Wenn der Gott im Wach-Zustand weilt, [ist dies] die unübertreffliche Vierfach-Selbstheit,‘
‚versehen mit [den Kräften von] Erhaltung, Schöpfung, Anstrengung und allen [übrigen] Hilfsmitteln; wer sich dies von ihm vorstellt, [erkennt, dass] das Universum unter seiner Herrschaft besteht.‘
‚Die dreifache Vierfach-Selbstheit [besteht] in den drei Zuständen, beginnend mit dem Tiefschlaf; im vierten Zustand (turīya) steht, deutlich offenbar, die höchste Sechs-Eigenschaften-Beschaffenheit.‘
‚Durch Wissen, Handeln und dergleichen, dem die Welten erschaffen wollenden Viṣṇu [zueigen] – diese Gestalt, mit Namen ‚Vyūha‘, wurde von mir als die zweite [der fünf Manifestationsformen] dargelegt.‘
So endet, in der Essenz des Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das Kapitel mit dem Namen „Erhellung von Para und Vyūha“ (Paravyūhaprakāśa), das zehnte Adhyāya.