Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 50: Pañcāśo'dhyāyaḥ (Śrīsūktaprabhāvaprakāśaḥ) Fünfzigstes Kapitel (Die Offenlegung der Macht des Śrī-Sūkta)

Das längste Kapitel des Werks (ca. 225 Verse): ein Ursprungsmythos des vedischen Puruṣa-Sūkta/Śrī-Sūkta als gemeinsam von Nārāyaṇa und Śrī hervorgebrachtes „Zwillingshymnenpaar“, gefolgt von einer sehr ausführlichen, phrasenweisen mystischen Selbstauslegung des Śrī-Sūkta durch Śrī selbst.

[Śakraḥ:] viśvāsane[?] namas tubhyaṃ namo vividhavibhūtaye │ sarvāsām api siddhīnāṃ namas te mūlahetave ‖1‖ ādidevātmabhūtāyai nārāyaṇakuṭumbini[?] │ samastajagadārādhye namas te padmayoniṣu[?] ‖2‖ tvatprasādāc chrutā mantrās tvadīyāḥ siddhayo mayā │ ārādhanaṃ ca sarveṣāṃ yathāvad avadhāritam ‖3‖ idānīṃ śrotum icchāmi tvadvaktrāmbujaniḥsṛtam │ tvatsūktasya vidhiṃ kṛtsnam upasanno'smi adhīhi bho ‖4‖ [Śrīḥ:] devo nārāyaṇo nāma jagataḥ sthāvarasya patiḥ[?] │ ātmā ca sarvalokānāṃ ṣāḍguṇyānandavigrahaḥ ‖5‖ sarvaprakṛtir īśānaḥ sarvajñaḥ sarvakāryakṛt │ anirdiṣṭo'nadhyakṣaś ca sarvakalyāṇasaṃśrayaḥ ‖6‖ tamasāṃ tejasāṃ caiva bhāsakaḥ svaprakāśataḥ │ antaryāmī niyantā ca bhāvābhāvavibhāvitaḥ ‖7‖ śaktimān sakalādhāraḥ sarvaśaktir maheśvaraḥ │ tasyāhaṃ paramā śaktir ekā śrīr nāma śāśvatī ‖8‖ nirastanikhilāvadyā sarvakāmadughā vibhoḥ │ ātmavṛttisamunmīlacchraddhābhyudayavarginī[?] ‖9‖ ayutaratā[?] hṛṣīkeśaṃ sarvataḥ samatāṃ gatā │ tāv āvāṃ parame vyomni pitarau jagataḥ parau ‖10‖ anugrahāya lokānāṃ sthitau svaḥ parayā priyā │ kadācit kṛpayāviṣṭau jīvānāṃ hitakāmyayā ‖11‖ sukhinaḥ syur ime jīvāḥ prāpnuyur na kathaṃ vipattim[?] │ upāyānveṣaṇāyattau parameṇa samādhinā ‖12‖ abdhīva sātigambhīraṃ śabdabrahma mahodadhim │ mathyamānāt tatas tasmāt sāmayajuṣasaṃsphuṭāt[?] ‖13‖ tat sūktamithunaṃ divyaṃ dadhno ghṛtam ivotthitam │ anāhatam asaṃdigdham anaṣṭam anapakṣayam[?] anaśvaram ‖14‖ sarveṣṭaguṇopetam anākulam apākṣaram[?] │ ādyos tathāntayoḥ ślāghyam anyonyākṣaramiśritam ‖15‖ śaktiśaktimadāviddhaṃ tattadakṣaramiśritam │ tatra puṃlakṣaṇaṃ sūktaṃ sadbrahmaguṇabhūṣitam ‖16‖ svīcakāra aravindākṣaḥ svamahimni pratiṣṭhitam │ tatra strīlakṣaṇaṃ sūktaṃ sadbrahmaguṇabhūṣitam ‖17‖ svīcakārāham avyagrā svasmin pratiṣṭhitam │ te ete parame sūkte maharṣigaṇasevite ‖18‖ adhīte ca vimṛṣṭe ca nayetāṃ paramāṃ gatim │ vihitāni vidhānāni kalpakadbhiḥ purātanaiḥ ‖19‖ aghorāṇy amarārcyāni tāni tāni sahasraśaḥ │ tatra samprati matsūktavidhānaṃ vihitaṃ śṛṇu ‖20‖ mām evāsya muniṃ vidyāc chandaḥ śrīr nāma kathyate │ devatā sakalādhārā viṣṇupatny aham īśvarī ‖21‖ viniyogo'sya sūktasya lakṣmīnārāyaṇārcane │ aṅkasthaṃ bhāvaye viṣṇum aho[?] parameśvarīm[?] ‖22‖ vāmenāṅkitāṃ śaśvad bāhunā parameśvarī │ [?] tadaṃ savyabāhuṃ ca divyapaṅkajadhāriṇīm ‖23‖ atha mām arcayed vahnau prayataḥ parameśvarīm │ vāmotsaṅganiṣaṇṇāṃ māṃ devadevasya sārathim[?] ‖24‖

[Śakra:] Verehrung dir, dem Ruhesitz alles Vertrauens[?], Verehrung dir von mannigfacher Herrlichkeit! Verehrung dir, der Wurzelursache aller Vollendungen (siddhi)! Der Urgottheit selbst[?], der Gattin Nārāyaṇas, von der gesamten Welt Verehrten, Lotusgeborenen[?] — Verehrung dir! Durch deine Gnade habe ich deine Mantras vernommen, und die zu ihnen gehörigen Vollendungen, sowie die rechte Verehrung aller [Gestalten], wie es sich gehört, erfahren. Jetzt möchte ich das hören, was aus deinem Lotos-Mund hervorgeht: die vollständige Vorschrift deines [eigenen] Sūkta [des Śrī-Sūkta]; ich bin bereit [dazu hinzutreten] — lehre mich, o Herrin! [Śrī:] Der Gott namens Nārāyaṇa ist der Herr der beweglichen und unbeweglichen Welt[?], und das Selbst aller Welten, die Verkörperung der Wonne der sechs [göttlichen] Eigenschaften. Er ist die Urnatur (prakṛti) von allem, der Gebieter, der Allwissende, der Vollbringer aller Werke; unbestimmbar und ohne [ihn] überwachenden [Höheren], die Zuflucht allen Heils. Der Erheller von Finsternis wie von Glanz, durch eigenes Licht selbstleuchtend; der innere Lenker (antaryāmin) und Regierende, bestimmt durch [die Kategorien von] Sein und Nichtsein. Kraftvoll, aller Träger, alle Macht [in sich vereinend], der große Herr — von ihm bin ich die höchste, einzige, ewige Kraft, genannt Śrī: alle Makel von mir abgeworfen, dem Alldurchdringenden alle Wünsche darreichend, die aus der eigenen Wesensbewegung aufblühende Fülle des Vertrauens[?] entfaltend. Untrennbar mit Hṛṣīkeśa [Viṣṇu] verbunden, zu völliger Gleichheit mit ihm gelangt — wir beide sind im höchsten Himmel die zwei Eltern der Welt jenseits [aller Dinge]. Zur Gnade für die Welten weilen wir dort, [ich] die höchst geliebte, zuweilen von Mitleid ergriffen, aus dem Wunsch nach dem Wohl der Lebewesen. „Mögen diese Lebewesen glücklich werden, mögen sie kein Unheil erleiden[?]“ — [so] sind wir beide, in höchster Versenkung, auf die Suche nach einem Mittel [dazu] gerichtet. Wie man einen tiefen Ozean quirlt, [quirlten wir] das große Meer des Laut-Brahman; und aus diesem, während es gequirlt wurde, [entstand] daraufhin, aus dem Sāma- und Yajus-[Veda] hervorbrechend[?], jenes göttliche Hymnenpaar (sūktamithuna) — wie Ghee, das aus Dickmilch aufsteigt: ungeschlagen (anāhata), zweifelsfrei, unzerstörbar, unvergänglich, unveränderlich, mit allen gewünschten Eigenschaften versehen, makellos[?], an Anfang wie Ende preisenswert, mit wechselseitig ineinander verwobenen Silben, durchwirkt von Kraft und Kraftträger, mit den jeweiligen Silben durchmischt. Von diesen ist das eine, männlich geprägte Sūkta [der Puruṣa-Sūkta] mit den Eigenschaften des wahren Brahman geschmückt; der Lotusäugige [Viṣṇu] nahm es als sein Eigenes an, in seiner eigenen Herrlichkeit gegründet. Das andere, weiblich geprägte Sūkta [der Śrī-Sūkta], ebenso mit den Eigenschaften des wahren Brahman geschmückt, nahm ich, ungeteilten Sinnes, als mein Eigenes an, in mir selbst gegründet. Diese beiden sind die höchsten, von Scharen großer Weiser verehrten Hymnen; studiert und erwogen, führen sie zum höchsten Ziel. Die alten Ritual-Verfasser (kalpakāra) haben für sie viele tausend segensreiche, der Verehrung der Unsterblichen würdige Vorschriften aufgestellt; höre nun von mir die gegenwärtig geltende Vorschrift für mein Sūkta. Als dessen Seher (ṛṣi) erkenne einzig mich; sein Versmaß (chandas) heißt „Śrī“; seine Gottheit ist die alltragende, Viṣṇus Gattin, ich, die Herrin. Seine Anwendung (viniyoga) liegt in der Verehrung von Lakṣmī-Nārāyaṇa: man stelle sich Viṣṇu vor, auf [ihrem] Schoße weilend, die höchste Herrin[?], von ihrem linken Arm für immer umschlungen, während sie mit dem rechten Arm eine göttliche Lotosblüte hält. Dann verehre man mich, die höchste Herrin, im Feuer, geläutert, mich, sitzend auf dem linken Schoß des Gefährten[?] des Gottes der Götter.

[Anm.: Der bedeutendste Abschnitt dieses Kapitels: ein Ursprungsmythos, der den vedischen Puruṣa-Sūkta und den Śrī-Sūkta als „Zwillingshymnen“ (sūktamithuna) erklärt, die Nārāyaṇa und Śrī gemeinsam, aus Mitgefühl für die Lebewesen, durch Quirlen des „Laut-Brahman“-Ozeans hervorbrachten — Viṣṇu nahm den männlichen Puruṣa-Sūkta, Śrī den weiblichen Śrī-Sūkta als je eigenes Selbstzeugnis an. Es folgt die klassische ṛṣi-chandas-devatā-viniyoga-Zuordnung, wie sie im vedischen Ritual jedem Sūkta vorangestellt wird, hier auf den Śrī-Sūkta selbst angewandt: Śrī ist zugleich der Seher, der Gegenstand und (über ihre Gleichsetzung mit dem Metrum „Śrī“) auch gleichsam die Form des eigenen Lobgesangs. Ab hier folgt im Quelltext eine sehr umfangreiche, phrasenweise Auslegung des historischen Śrī-Sūkta (s. nächste Einheit).]

[V. 25–224, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; mit Abstand längster Abschnitt des gesamten Werks, Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Das mit Abstand umfangreichste Kapitel des Lakṣmī-Tantra (ca. 225 Verse). Nach der einleitenden Ritual-Zuordnung (vorige Einheit) entfaltet Śrī, an Śakra gerichtet, eine durchgehende mystische Selbstauslegung des historischen vedischen Śrī-Sūkta: Phrase für Phrase, Name für Name (u. a. Padmākārā, „Lotosgestaltige“; Padmavarṇā, „Lotosfarbene“; die Mond-, Sonnen- und Kuh-Bildworte des Sūkta; die Verse zu Speise/Getreide, „annavatī“ u. a.) identifiziert sie sich mit der jeweils genannten Formel, erläutert deren esoterischen Sinn (Autor-Fußnoten der Ausgabe lösen dabei einzelne Sūkta-Wörter grammatisch/etymologisch auf, werden hier nicht als Übersetzungshilfe verwendet) und verheißt jeweils die spezifische Frucht, die dem zuteilwird, der sie unter diesem Namen anruft (u. a. Überwindung der Zeit, höchste Souveränität, Reichtum, Wissen). Zwischendurch (um V. 86 f.) wird ein „vierfaches Juwel“ (ratnacatuṣṭaya) erwähnt, das nur mit äußerster Mühe zu hüten sei und dessen Kraft sich gerade aus dem Wechselspiel von (scheinbaren) Fehlern und Vorzügen ergebe. Der Abschnitt kulminiert in einer Hymne auf die schiere Größe der so entfalteten Namensreihe (nāmāvalī) selbst — verglichen mit Sternen am Himmel, Juwelen im Ozean, Genüssen auf der Erde, Wünschen am Wunschbaum, Glanz in Kühen — und endet mit einem kurzen Dialog-Austausch, in dem Śrī Śakra fragt, ob er, nun zufriedengestellt, noch mehr zu hören wünsche.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre śrīsūktaprabhāvaprakāśo nāma pañcāśo'dhyāyaḥ

So endet im Kern des heiligen Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das fünfzigste Kapitel, betitelt „Die Offenlegung der Macht des Śrī-Sūkta“.

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