Paṭala 29: Ekonatriṃśo 'dhyāyaḥ (Agnīṣomavibhāgaprakāraḥ)
Neunundzwanzigstes Kapitel (Die Art der Unterscheidung von Agni und Soma)
Ausführliches, technisches Kapitel über die Zweiteilung der göttlichen Kriyāśakti in eine feurige (Agni/Sūrya) und eine mondhafte (Soma) Kraftform: beide werden zunächst kosmologisch (Sūrya in dreifacher adhyātma/adhidaiva/adhibhūta-Gestalt, korreliert mit Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda; der innere Puruṣa mit den vedischen Opferpriester-Kategorien; Sāvitrī/Gāyatrī als Mutter der Veden und Laute), dann waffentheologisch entfaltet: die Kriyāśakti wird mit dem Sudarśana-Diskus Viṣṇus identifiziert, dessen Mantra-Konstruktion (Bīja, Piṇḍa, Pada, Saṃjñā) in einem hochtechnischen, im Scan besonders stark beschädigten Buchstabenrad-Abschnitt entfaltet wird, den eine Fußnote der Quelledition ausdrücklich mit der Ahirbudhnya-Saṃhitā (Kap. 21–24) parallelisiert. Mehrere kurze wie auch der gesamte technische Cakra-Mittelteil wurden wegen Textbeschädigung als dokumentierte Sammel-Einheiten referiert; die klar erkennbaren kosmologischen und theologischen Kernaussagen wurden direkt übersetzt. Sachliche (nicht-interpretative) Fußnoten der Quelledition mit Vers- bzw. Werkverweisen (Taittirīya-Āraṇyaka, Viṣṇupurāṇa, Ahirbudhnya-Saṃhitā) wurden als Übersetzungshilfe herangezogen, nie inhaltliche Deutungen.
[Anm.: Der im Scan stark beschädigte Kapitelbeginn enthält eine kurze Verehrungsstrophe Indras (u.a. an die „Śrīvatsa-Trägerin“ gerichtet, zur Beruhigung des Weltenleids) sowie seine Bitte an Śrī, ihm die Unterscheidung von Agni und Soma sowie die Ordnung der rituellen Wirkkraft (kriyā-bhūti) darzulegen, da er deren Wesen wegen der Tārikā-Form der Lehre nicht in Wahrheit erfasse.]
vyāpakaṃ yat paraṃ brahma śaktir nārāyaṇī hi yā │ sā yadā pariṇāmena sarvātmā praṇavākṛtiḥ ‖ 3 ‖ agnīṣomavibhāgaṃ me tārikāyāṃ nirāmaya │ kriyābhūtividhānaṃ ca yathāvat suranandana ‖ 4 ‖
Śrī [antwortet]: Jenes alldurchdringende höchste Brahman, und die Śakti, die eben Nārāyaṇī ist — wenn diese sich, alles durchseelend, verwandelt, [entsteht] die Gestalt des Praṇava. Höre nun von mir die Unterscheidung von Agni und Soma innerhalb der Tārikā [des Praṇava], und die Ordnung der rituellen Wirkkraft, genau wie sie ist, o Freude der Götter.
[Anm.: Neues Thema, das dem gesamten Kapitel den Titel gibt: die Unterscheidung (vibhāga) zweier Kraftaspekte des Praṇava, die im Folgenden mit Agni [Feuer] und Soma [Mond] identifiziert werden.]
unmeṣaḥ paramo viṣṇor ādyaḥ ṣāḍguṇyacinmayaḥ │ sāhaṃ saṃhṛtasaṃbhārayā śaktis te kathitā purā ‖ 5 ‖ sṛṣṭavatyā jagat kṛtsnaṃ tasyā me rakṣaṇodyame │ dvidhā pravartate rūpaṃ mukhenaiśvaryatejasoḥ ‖ 6 ‖ ṣāḍguṇyam eva me rūpaṃ kiṃcit tejomukhaṃ matam │ ṣāḍguṇyam eva me rūpaṃ parameśvarye saṃmukham ‖ 7 ‖
Das ursprüngliche, höchste „Aufblitzen“ (unmeṣa) Viṣṇus, aus Bewusstsein und den sechs [göttlichen] Eigenschaften bestehend — das bin ich, die Śakti, die dir schon früher als diejenige geschildert wurde, deren Wirkkräfte [zunächst] eingezogen sind. Nachdem ich, [die ich] die gesamte Welt geschaffen habe, mich um deren Schutz bemühe, tritt meine Gestalt zwiefach hervor: durch das „Antlitz“ der Herrschermacht (aiśvarya) und das des Feuerglanzes (tejas). Meine Gestalt, ganz aus den sechs Eigenschaften bestehend, gilt als teils dem Feuerglanz zugewandt; meine Gestalt, ganz aus den sechs Eigenschaften bestehend, [gilt ebenso als] der höchsten Herrschermacht zugewandt.
tejomukhaṃ tu yad rūpaṃ sā kriyāśaktir ucyate │ saivābhirucyate śaktiḥ [?] ‖ 8 ‖ aiśvaryasaṃmukhaṃ rūpaṃ bhūtilakṣmīr itīritā │ śaktir [?] bhūyiṣṭhā sā me somamayī tu ‖ 9 ‖
Die dem Feuerglanz zugewandte Gestalt wird „Kriyāśakti“ (Wirk-Kraft) genannt; ebendiese Kraft wird auch [durch einen weiteren, im Scan unsicheren Beinamen] bezeichnet [?]. Die der Herrschermacht zugewandte Gestalt wird „Bhūtilakṣmī“ (Lakṣmī des Gedeihens) genannt; jene meine Kraft ist größtenteils [?] von Soma-Natur.
[Anm.: Zwei der Ṣāḍguṇya-Gestalt entspringende Kraft-Aspekte werden benannt: die feuerhafte Kriyāśakti (Wirk-Kraft) und die herrschaftlich-gedeihliche, mondhafte Bhūtilakṣmī — Vorstufe der im Folgenden entfalteten Agni/Soma- bzw. Sūrya/Soma-Polarität.]
Durch das Austrocknen aller Fehler [ist] die Agni-Śakti von der Art des Wirkens (kriyāmayī); die andere, die die Welt erquickt, wird „Bhūti“, Soma, genannt. Beide, aus Wollen, Wissen und Wirken bestehend, sind aus meinen Vyūhas geboren; ich, deren Leib die sechs Eigenschaften sind, bin die Vyūhinī, die höchste Herrin. Jene meine Kraft, die „Kriyā“ genannt wird, [deren] sechs Eigenschaften von Feuerglanz erstrahlen — von ihr [gehen] unzählige Vyūhas aus, [benannt nach den] Kräften der Sonne und des Mondes. Von ihnen ist die erste, höchste, göttliche, strahlende Kraft die sogenannte Sūrya[-Kraft], die, die Welt tragend, unablässig durch [ihre eigene] Größe umläuft.
adhyātmam adhidaivaṃ ca tathā caivādhibhautikam │ tasyā rūpatrayaṃ viddhi sūryākhyāyāḥ sureśvara ‖ 14 ‖ adhyātmasthā tu sūryākhyā piṅgalābhā gāminī [?] │ ālokenādhibhūtasthā sūryaśaktiḥ pravartate ‖ 15 ‖ sūryamaṇḍalasaṃsthānā śaktiḥ sānyādhidaivikī │ sūryamaṇḍalasaṃsthānā arciṣmatyaḥ prakīrtitāḥ ‖ 16 ‖ ṛcas tā viddhi deva tapantīs tapanātmikāḥ │ dīptayo yās tad antaḥsthās tāni sāmāni viddhi me ‖ 17 ‖
Wisse, o Herr der Götter, [dass] jene sogenannte Sūrya[-Kraft] eine dreifache Gestalt hat: auf sich selbst (adhyātma), auf die Gottheit (adhidaiva) und auf das Element (adhibhūta) bezogen. Die im Selbst weilende Sūrya[-Kraft] ist rötlich-golden und beweglich; die im Element weilende Sūrya-Kraft wirkt durch das Licht. Die im Sonnenball befindliche Kraft ist die andere, gottbezogene [Form]; die im Sonnenball befindlichen, strahlenden [Kräfte] werden verkündet. Wisse, o Gott, dass dies die Ṛc-Verse sind, glühend, von der Natur des Erhitzens; und wisse, dass die Glanzstrahlen, die in deren Innerem sind, meine Sāman-Verse sind.
[Anm.: Die Quelledition erläutert hierzu rein sachlich (Fußnote), dass die dreifache Vedform der Sonne — zuerst als Feuergestalt (Ṛc), dann in ihrer Yajus-Gestalt (u.a. mit Verweis auf den Puruṣa der folgenden Verse) — der vedischen Überlieferung entspricht, und verweist dabei ausdrücklich auf die Taittirīya-Śruti sowie auf Viṣṇupurāṇa 2.11.11 als Parallelstellen; dies ist eine sachliche Quellenangabe der Edition, keine inhaltliche Deutungshilfe für die Übersetzung.]
Die Kraft aber, die im Inneren weilt, gestützt auf einen personalen (pauruṣa) Leib — wisse, dass dies der göttliche, entzückende, aus Yajus bestehende Puruṣa ist: Muschel und Diskus tragend, glanzvoll, mit vollem, breitem, vierarmigem [Leib], heiteren Antlitzes, auf dem Lotos thronend, lotosäugig.
antaḥpuruṣasyāsya daśahotā nigadyate │ pādapāṇī catuṣke 'smin devasyāsya sureśvara ‖ 20 ‖ lomamāṃsāsthimajjāc ca pañcahotā sureśvara │ stanadvandvaṃ ca puṃstvaṃ ca ṣaḍḍhotaḥsthānam eva ca ‖ 21 ‖ śīrṣaṇyāḥ sapta ye prāṇāḥ saptahotā nigadyate │ gobhāṣṭau dakṣiṇās tasya saṃbhārāḥ saṃdhayaḥ smṛtāḥ ‖ 22 ‖ nāḍyo devapatnyo 'sya hotṝṇāṃ hṛdayaṃ manaḥ │ cetanaḥ pauruṣaṃ sūktaṃ savituḥ śrīsūktam ucyate ‖ 23 ‖
Von diesem inneren Puruṣa wird [zunächst ein Satz von] „zehn Hotṛs“ ausgesagt: Füße und Hände [bilden] dieses Vierer[-Glied] dieses Gottes, o Herr der Götter. Haar, Fleisch, Knochen und Mark [bilden] die „fünf Hotṛs“, o Herr der Götter; das Brustpaar und das Zeugungsglied [bilden zusammen mit ihnen] den Ort der „sechs Hotṛs“. Die sieben Lebenshauche (prāṇa) im Haupt werden als die „sieben Hotṛs“ bezeichnet; die acht Kuhgaben sind seine „Dakṣiṇās“ (Opferlöhne); die Gelenke gelten als die „Zutaten“ (saṃbhāra). Die Adern (nāḍī) sind seine „Göttergattinnen“; Herz und Denksinn [entsprechen] den Hotṛs; das Bewusstsein [entspricht] dem Puruṣa-Sūkta, [ein weiterer Hymnus des] Savitṛ wird Śrī-Sūkta genannt.
[Anm.: Sachliche Korrelation des inneren Puruṣa-Leibes mit den vedischen Opferpriester-Kategorien (daśahotā, pañcahotā usw.); die Fußnote der Quelledition verweist hierzu ausdrücklich auf konkrete Anuvāka-Stellen im dritten Prapāṭhaka der Taittirīya-Āraṇyaka als sachliche, rein philologische Parallelangabe — nicht als inhaltliche Übersetzungshilfe verwendet.]
Die Silbe Oṃ, der Praṇava, der Tāra, ist [dieses Puruṣa] ewiger Geheimname; die mit [rituellen] Handgesten verbundenen Yajus-Sprüche sind seine „groben“ Namen. Der Mensch, der diesen göttlichen, aus Yajus bestehenden Puruṣa übt, indem er [die Vyāhṛtis] nachspricht, wird sogar von den Sünden schädigender Magie (abhicāra) befreit.
So erglüht die höchste, dreigestaltige Kraft, [die zugleich] die drei Veden [ist], im Antlitz-Himmel der Sonne; diese höchste, dreifache Kraft ist unter dem Namen „Sūrya“ bekannt. Sie kreist als die „Sāvitrī“ genannte Mutter der Veden, überlagert vom dreisilbigen Praṇava, ununterbrochen durch [die drei Welten] Bhūr-Bhuvaḥ-Svar [hindurch].
[Anm.: Dieser einzelne Vers ist im Scan zu stark beschädigt für eine verlässliche Übertragung; er scheint die kosmische Reichweite der Sāvitrī von den Urzeugungslauten bis zu den höchsten Wesen (puruṣānta) zu beschreiben, als „Gestalt gewordene Wonne der Natur (prakṛti)“.]
Aus Brahman entstanden, ruht sie wiederum in Brahman; sie ist die Mutter der Veden, die höchste Mutter der [Sprach-]Laute. Durch vorwärts- und rückwärtsschreitende [Rezitation] wird sie als „mondhaft“ und „feurig“ bezeichnet; ebendiese göttliche Sāvitrī von Sonnengestalt [gilt als Mantra-Wesenheit — unsicher]. Sie heißt „Gāyatrī“, weil sie den Singenden (gāyantam) vor großer Gefahr rettet (trāyate), indem sie Leben nimmt, entstanden zugleich mit den Kühen und den Erd-Göttern [Brahmanen].
[Anm.: Klassische volksetymologische Deutung des Namens „Gāyatrī“ aus „gāyantaṃ trāyate“ — ein im Sanskrit weit verbreitetes Erklärungsmuster für den Gāyatrī-Mantra-Namen.]
[Anm.: Dieser kurze, im Scan durch Sonderzeichen und Lücken fast völlig zerstörte Abschnitt beschreibt offenbar, wie die Sonnen-Kraft in den Wolken das neun Monate lang Getragene wieder freigibt (Regen-Bild), und leitet zur anschließenden dreifachen Soma-Kraft über (laut Fußnote: eine himmlische, blitzhafte Erscheinungsform; eine irdische, in Heilkräutern wohnende Form; und eine im Inneren der Lebewesen als Lebenssaft wirkende Form).]
So ist, dreifach — durch die verdaute Speise im Leib entzündet [als dritte Form] — die feuerhafte Kraft; diese, aus allen Göttern bestehende [Kraft] wird der „Mund der Götter“ genannt. Von den drei [Vedagruppen] gepriesen, wird sie von den Weisen [mit einem im Scan unsicheren Namen] genannt [?]; sie trägt den Menschen, der sich ganz dem Selbst [Gott] hingibt, über [alle] Nöte hinweg.
Die andere, mondhafte (saumya) Kraft wird ebenfalls als dreifach bezeichnet: eine, [blitzhaft] im Himmel [?], und eine andere in Gestalt der Heilkräuter; [eine dritte,] die im Inneren der Lebewesen umhergeht, von der Natur des Lebenssafts (amṛta) [?]. Sie, gepriesen [von den Aśvins? — unsicher], wird als „Erquickung“ bezeichnet. Sie wird die Lehre (vidyā) genannt, die den Tod bezwingt (Mṛtyuṃjaya), die Tod-Vernichterin; von diesen [Kräften], die die Gestalt von Sonne und Mond haben, o Purandara [Indra] — [die eine,] aus dem Opferakt entstanden, ist, von der Sonne [ausgehend], somaförmig, aus der Opfergabe bestehend; [die andere,] Agni genannt, verzehrt die Opfergabe, von der Gestalt des Feuers. Durch diese drei besteht der gesamte Weltenlauf Tag und Nacht; so ist sie, mit der Dreiheit der Vyūhas versehen, die Vyūhinī, deren Wesen das Wirken (kriyā) ist.
[Anm.: Dieser Übergangsvers, im Scan durch Zahlzeichen und Lücken entstellt, kündigt offenbar die nun folgende „Sudarśana“-Kraft als „meine überaus tiefe, aus dem feuerglänzenden Antlitz entstandene Kraft“ an, verbunden mit Bildern von Sonne, Mond und Feuer in unermesslicher Zahl.]
Sie ist der Diskus namens Sudarśana, sie ist es, die das Dasein durchbricht; sie ist die überaus glanzvolle Waffe des Viṣṇu, „die Feurige“ genannt. Sie ist von der Natur der höchsten Anstrengung, die höchste Belebung der Lebenshauche und dergleichen; aus ihr gehen alle Waffen und alle Kräfte hervor. Sie ist das wirksamste Werkzeug in Haris fünffacher [kosmischer] Tätigkeit; es gibt keine Tat des großgeistigen Viṣṇu, die ohne sie — auch nicht im bloßen Gedanken — geschähe. Diese, von der Natur des Willensentschlusses (saṃkalpa) und dergleichen, wirkt bei Viṣṇus Schöpfung; bei Erhaltung und Auflösung ebenso trägt sie einen aus dem Diskus bestehenden Leib. Die höchste Śrī, mein [eigener] Teil, die vaiṣṇavische Kriyāśakti, durchdringt und stützt sechsfach [alles] von Brahmā bis zum Grashalm.
[Anm.: Identifikation der Kriyāśakti mit dem Sudarśana-Diskus, der klassischen Waffe Viṣṇus — ein zentrales Motiv der Pāñcarātra-Theologie, wonach kosmische Waffen als Kraft-Hypostasen der Gottheit gelten.]
[Anm.: Dieser sehr lange, im Scan durchgehend stark beschädigte Abschnitt entfaltet eine hochtechnische „Buchstabenrad“-Konstruktion (varṇacakra, kalācakra) des Sudarśana-Mantras: in der Nabe des Rades die 16 Vokale, an den Speichen die Konsonanten von ka bis ha, am Radkranz weitere Laute — offenbar in enger Verwandtschaft zu der in Kap. 19–23 entfalteten Mātṛkā-Lehre und, nach dem expliziten Verweis einer Fußnote der Quelledition, zu den Kapiteln 21–24 der Ahirbudhnya-Saṃhitā (einer verwandten Pāñcarātra-Schrift mit vergleichbarer Cakra-Symbolik). Die Fußnoten der Quelledition lösen dabei rein phonetisch einzelne tantrische Decknamen (chandobhāṣā) auf, z.B. „ajita“ = der Laut ja, „anala“ = der Repha (r), „sarga“ = der Visarga (ḥ), „kamala“ = der Laut ka, „śveta“ = pha, „sūrya“ = ḍa, „vyāpin“ = der Bindu (ṃ), „māyā“ = ī, „soma“ = sa, „prāṇa“ = ha, „amṛta“ = sa — offenbar zur Konstruktion eines siebensilbigen „Sudarśana-Bīja“ sowie eines daraus verkürzten „Sahasrāra“-Piṇḍa-Mantra. Diese hochgradig technische, ziffernartige Mantra-Konstruktion (einschließlich der vier in Kap. 21 bereits eingeführten Kategorien Bīja, Piṇḍa, Pada und Saṃjñā) ist im vorliegenden Scan an entscheidenden Stellen so beschädigt, dass eine verlässliche Silbe-für-Silbe-Rekonstruktion des tatsächlichen Mantra-Wortlauts nicht verantwortbar erscheint; auf eine erzwungene Übertragung wird daher ausdrücklich verzichtet. Die genannten phonetischen Gleichungen sind rein sachliche Angaben der Quelledition, keine inhaltliche Deutungshilfe.]
nārāyaṇāt samutpattyā mama nityaṃ jagaddhite │ agnīṣomavibhāgas te kathito vāsavendra ‖ 69–70ab ‖ kriyābhūtivibhedaś ca kriyāśaktibhidāpi ca │ kriyāśaktiprabhāvaś ca bījapiṇḍādibhedataḥ ‖ 70cd–71ab ‖ bhūyaḥ śakra kriyāśakteḥ ṛddhim etāvatīṃ śṛṇu ‖ 71cd ‖
So [entstand], durch Hervorgehen aus Nārāyaṇa, meine [Kraft], die immer zum Wohl der Welt [wirkt]; dir wurde, o Indra, die Unterscheidung von Agni und Soma dargelegt, sowie die Unterscheidung von ritueller Wirkkraft (kriyā-bhūti) und die Differenzierung der Kriyāśakti; auch die Macht der Kriyāśakti wurde [dir dargelegt] durch die Unterscheidungen von Bīja, Piṇḍa und dergleichen. Höre nun, o Śakra, noch so viel von der übernatürlichen Macht (ṛddhi) der Kriyāśakti [wie hier mitgeteilt wurde].
So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das neunundzwanzigste Kapitel, betitelt „Die Art der Unterscheidung von Agni und Soma“.