Paṭala 43: Tricatvāriṃśo 'dhyāyaḥ (Nānāyogaprakāraḥ)
Dreiundvierzigstes Kapitel (Die Art der verschiedenen Yogas)
Philosophisch besonders reichhaltiges Kapitel (118 Verse): technische Tārikā-Nyāsa- und Cakra-Meditationen; eine apophatische Theologie des grenzenlosen Selbst als „wogenlose große Flamme“; die berühmte Lehre über die Ehrung der Frau als leibhaftige Lakṣmī, mitsamt der (unverändert und kontextualisiert wiedergegebenen) Sublimations-Technik gegenüber aufkommendem Begehren; eine vairāgya/abhyāsa-Psychologie der Sinnesobjekte; und eine Reihe klassischer Konzentrationsübungen (fallender Vogel, Arundhatī-Stern, rotierendes Rad, Feigenblatt).
[V. 1–16, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Beginn des Kapitels über „die verschiedenen Yogas“ (nānāyoga): der Yogī verankert die Tārikā der Reihe nach an Nasenspitze, Zunge, Zungenmitte-und-Wurzel, Kehle, Brust und Nabel, während er sich gedanklich das Auflösen je eines Daseinsprinzips (tattva) in das nächste vorstellt und die Rezitationszahl bei jedem Übergang erhöht (4, 6, 8, 10, 16, 24, 40, 80 …). Es folgt eine Reihe von zwölf „Verankerungen“ (dhāraṇā) von Vāsudeva (den vier Vyūhas) über Jīva, Prakṛti und Buddhi bis zur Erde, die Tag und Nacht zu üben sind – dieser für alle heilsame Yoga wird durch die Prinzipien selbst erreicht.]
[...] niḥśabdaṃ nīradānandasannibham[?] │ yogī bhavati yuñjānaḥ sa yogī brahmamayaḥ sadā ‖ 19 ‖ yac ca dhyeyam avacchinnaṃ naiva kiṃcana vidyate │ ajñeyam anavacchinnaṃ tad rūpaṃ madrūpaḥ sphuṭam ‖ 20 ‖ ātmasākṣāc chrute[?] yogī jñeyaṃ sakalam ekakam │ vitatā sā mahājvālā nistaraṅgā tanur mama ‖ 21 ‖ hūyante manasā yatra bhūtāni bhuvanāni ca │ sarvabhāvas tadā svaccho bhāvo me pratibimbate ‖ 22 ‖ [...] yad avacchidyate yena tat tasmān mahattaram │ dhiyāvacchidyate ca yad yad asti ca na cāsti ca ‖ 24 ‖ sā nāvacchidyate'nyena tanuḥ sā me nirañjanā │ [...] yadātikramya maryādāṃ jāḍyaṃ[?] paśyati jagat ‖ 26 ‖ tadā na sthūlaniṣṭhaṃ syāt tathā sūkṣmagiraṃ[?] jagat │ sadasadātmanā aikyam āsthātuṃ paramaṃ padam ‖ 27 ‖ [...] saṃbharanti prasūneṣu madhu sarveṣu ṣaṭpadāḥ │ saṃbharanti tathaikāṃ māṃ sarvabhāveṣu yoginaḥ ‖ 29 ‖ yatra yatra mano yāti lakṣmīṃ tatraiva cintayet │ cintayitvā tat kuto yāti sarvaṃ tan manmayaṃ hi yat ‖ 30 ‖
[...] geräuschlos, einem regungslosen, wonnevollen Wolkenmeer gleich – so wird der übende Yogī zum Yogī, der stets aus Brahman besteht. Und für den das zu Betrachtende in keiner Weise begrenzt ist, für den das Unerkennbare, Unbegrenzte klar meine eigene Gestalt ist – der Yogī, [dies] in unmittelbarer Selbstschau [erfahrend], [erkennt]: das Erkennbare ist ein einziges Ganzes. Jene ausgedehnte, wogenlose große Flamme ist mein Leib. Wenn darin die Elemente und Welten durch den Geist [gleichsam] geopfert werden, dann spiegelt sich mein lauteres, wahres Sein, das aller Existenz. [...] Das, wodurch etwas begrenzt wird, ist größer als jenes; was aber durch den Verstand begrenzt wird, sei es seiend oder nichtseiend – jene Gestalt, die durch nichts anderes begrenzt wird, ist mein makelloser Leib. [...] Wenn die [Yogis], die Grenze überschreitend, die Welt [nur noch] als starr[?] wahrnehmen, dann ist die Welt weder im Groben gegründet noch im Feinen aufgelöst; um jenen höchsten Zustand als Einheit von Sein und Nichtsein zu erreichen [...]. Wie Bienen aus allen Blüten Honig sammeln, so sammeln die Yogis mich, die Eine, aus allen Erscheinungsformen. Wohin auch immer der Geist geht, dort gerade betrachte man Lakṣmī; hat man sie betrachtet, [frage man,] woher [der Geist] kommt – denn alles, was ist, besteht aus mir.
[Anm.: Bemerkenswert apophatische, advaitanahe Theologie des grenzenlosen Selbst innerhalb des sonst dualistisch geprägten Pāñcarātra-Systems: das Absolute als „wogenlose große Flamme“, die alle Gegensätze von Sein und Nichtsein, Grobem und Feinem in sich aufhebt.]
[V. 31–52, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Es folgt eine vierstufige Hierarchie des Puruṣa (Selbst): eine erste, durch den eigenen Willensentschluss [der Göttin] hervorgebrachte Entfaltung; eine zweite, „inneres Organ“ (antaḥkaraṇa) genannte, weiter unten stehende Entfaltung; eine dritte, in Gestalt der „äußeren Organe“ (Sinne); und eine vierte, „maßförmige“, das erkennbare Selbst, die unterste – durch stufenweise, willensgetragene Auflösung dieser vier Stufen in ewige Bewusstseins-Wonne erlangt man meine wahre Natur. Anschließend folgt ein hochtechnischer Katalog von insgesamt 32 benannten „Lotos“-Zentren entlang Nabel, Herz, Kehle, Gaumen und Scheitel (je fünf bis sechs kunstvoll gebildete, dawn-göttinnenartige Sanskrit-Namen wie „vyucchantī, vyuṣitā, vyuṣṭā …“), die der Reihe nach mit wachsender Tārikā-Rezitationsdauer meditativ zu durchlaufen sind – ein Nāḍī-/Cakra-System eigener, im Lakṣmī-Tantra spezifischer Nomenklatur.]
[V. 59:] Was auch immer an männlichen und weiblichen Formen, an [anderen] wirklichen Gestalten, an paarweise auftretenden Dingen es in dieser [Welt] gibt – all das soll der Yogī als von der Wesensart Lakṣmī-Nārāyaṇas erblicken. Höre von mir, o Purandara, jenes höchste geheime Gelübde. [V. 60–61:] Das Gelübde, das ich selbst einst befolgte, im Vollzug meiner eigenen Yoga-Vorschrift, als ich zuerst an der Seite[?] des Urgottes auftrat: ich nahm die Gestalt einer Frau (sīmantinī) an, in weiblicher Erscheinung, aus dem Wunsch, die Würde der Frau zu begründen. Der im Lakṣmī-Tantra kundige Yogī hege niemals Verachtung für eine Frau, weder in Tat, noch in Gedanke, noch in Wort. [V. 62–63:] Wo ich bin, dort sind die Daseinsprinzipien; wo ich bin, dort sind die Gottheiten; wo ich bin, dort sind die Verdienste; wo ich bin, dort ist Keśava [Viṣṇu]. In jeder Frau bin ich gegenwärtig; darum besteht die Frau ganz und gar aus mir, [ja] aus der ganzen Welt. Wer diese Frau verachtet, verachtet Lakṣmī; wer diese Lakṣmī ehrt, ehrt die drei Welten zugleich. [V. 64:] Wer irgendeine Frau hasst, hasst den unvergänglichen Hari; wer aber Hari, den Unvergänglichen, hasst, hasst die ganze Welt. [V. 65:] Wessen Herz, sie erblickend, sich rein erfreut wie beim Anblick von Mondlicht, und der nichts Böses ersinnt – der gilt mir als der Liebste. [V. 66–67:] So wenig wie in Nārāyaṇa oder in mir, o Śakra, irgendein Makel ist, so wenig wie in einer Kuh, in einem Brahmanen, in einem Kenner des Vedānta – ebenso wenig findet sich in der Frau je ein Fehl. Wie die Gaṅgā [makellos ist], wie die Sarasvatī heilig ist, wie die Flüsse [rein] dem Ozean zueilen, so ist die tugendhafte Frau (sīmantinī satī) [rein] – denn ich bin es, die als Mutter der drei Welten gilt. [V. 69–70:] Sie, die Frau, ist von meiner eigenen Wesensart – warum sollte ein Yogī sie da nicht verehren? Man tue der Frau kein Unrecht an, noch denke man, auch nur in Gedanken, an einen, der es täte; abgesehen von der [Vermeidung von] Sünde soll man für die Frau tun, was ihr lieb ist, wer den Yoga erstrebt; man betrachte sie stets wie eine Mutter, wie eine Gottheit. [V. 71ff.:] Wer, eine Frau erblickend, ihr aus Verblendung nicht beisteht [begeht Unrecht] [...] – diesem [Yogī, den bei ihrem Anblick Begierde befällt,] betrachte statt dessen mich in ihr, die Tārikā im Geiste rezitierend [...]; gelangt er so zur Sammlung (samādhi), werde ich selbst dort gegenwärtig.
[Anm.: Eine der bemerkenswertesten Passagen des gesamten Lakṣmī-Tantra (in der Forschungsliteratur, u.a. bei Sanjukta Gupta, vielfach als Beleg für die in dieser Schrift auffällig hohe Wertschätzung der Frau zitiert): jede Frau wird hier ausdrücklich mit Lakṣmī identifiziert, ihre Verachtung dem Hass gegen Viṣṇu und die ganze Welt gleichgesetzt. Die anschließende Lehre – aufkommendes Begehren beim Anblick einer schönen Frau nicht durch Übergriff, sondern durch meditative Identifikation mit der Göttin in ihr zu sublimieren – wird hier unverändert und ohne Beschönigung wiedergegeben, wie es die Übersetzungsgrundsätze dieser Ausgabe für dichte/ethisch bedeutsame Passagen vorsehen: als historisches Zeugnis referiert, nicht als Handlungsanweisung befürwortet. Der Text betont ausdrücklich (im nachfolgenden, hier zusammengefassten Vers), dass dies kein Freibrief für tatsächliches Handeln an einer fremden Frau sei, sondern eine rein innere Kontemplationstechnik.]
[V. 73–96, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Es folgt eine psychologische Lehre über die Täuschungsnatur sinnlicher Genüsse: das wahre, höchste Glück ist erkenntnisnatürlich, anfang- und endlos, nicht aus Sinnesberührung mit Objekten geboren, während Sinnesvergnügen leidensverhaftet, anfang- und endbehaftet sind – verglichen mit dem Genuss im Schatten der Kapuze einer zornigen Schlange: scheinbar angenehm, doch gefahrvoll. Der Yogī bezwinge die Erscheinungsweisen Rajas und Tamas durch rechten Wandel und bändige mühevoll den Geist zur Sammlung (samādhi); ist der Geist bezwungen, ist alles bezwungen, und das höchste Licht erwacht von selbst. Ein Lobpreis an die auf dem Lotos thronende Göttin schließt den Abschnitt: „Verehrung dir, die alle Mechanismen der Scheidung von Bewusstem und Unbewusstem lenkt, Herrin aller Genüsse!“ Darauf fragt Indra, wodurch der stets unbändige, den Sinnesobjekten zugewandte Geist gezähmt werden könne.]
[Śrī:] Schwer zu zähmen, schwer zu bändigen, stets schwer zu ergründen, schwer zu erkennen, o Śakra, ist jener flatterhafte Geist; nur durch das Übungspaar von Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) und Praxis (abhyāsa) ist er zu bezwingen. Leidenschaft (rāga) ist die aus Gewohnheit und Übung entstandene Anhänglichkeit an ein Objekt; ihr Fehlen ist die Leidenschaftslosigkeit, die durch die Erkenntnis der Wahrheit (tattvajñāna) entsteht. [...] Hat man so durch Überlegung bei jeder Frucht [des Genusses] alle Mängel erkannt, löse sich der Geist von allen Sinnesobjekten, die Ursache des Leidens sind [...] Durch das vereinte Üben von Leidenschaftslosigkeit und Praxis, mit Anstrengung, wird vom bemühten Yogī der umherirrende Geist gezähmt, und dann ermüdet er gewiss [im Umherschweifen]. [...] „Verehrung dir, die geschickt die Fülle der Wahrheits-Lotosblüten durchdenkt, im Geist des Honigbezwingers [Madhu-jit, Viṣṇu] wohnend, auf dem Lotos thronend!“ [...] Wie ein Vogel, der im Himmel, zur Körperlichkeit des Weges geworden, mit Schwung herabfällt [in stufenweiser Übung von Grobem zu Feinem], oder wie man den Geist langsam auf den feinen [Stern] Arundhatī fixiert; oder man betrachte den Geist ebenda auf Grobem, Großem oder Unendlichem gerichtet [...] Oder, was auch immer sich fein, atomhaft auf einem Rad dreht – dort den Geist verbindend, lasse man ihn sich gleichmäßig mit der Erde[?] drehen; oder man bewege den Geist mit der Spitze eines sich im Wind regenden Aśvattha-Blattes – wo es verharrt, halte man den Geist an, wo es sich bewegt, lasse man den Geist mitgehen. [...] Man gedenke dort des in der Sonne weilenden [Puruṣa], von weiblicher Gestalt, mit fünf Punkten [gekennzeichnet]. So wurde dir die Gestalt der Tārikā von allen Seiten sanft gezeigt; für den, der die Wahrheit so erkannt hat, gibt es kein anderes Erkenntnisobjekt mehr zu wünschen. So wurde dir, o Śakra, diese individuelle Vollendung (piṇḍasiddhi) nach ihren Unterscheidungen gezeigt; höre nun von mir die Namens-Gestalt, die Vorschrift und das Mittel [für das Folgende].
[Anm.: Die Bild-Reihe (fallender Vogel, Fixierung auf den Stern Arundhatī, rotierendes Rad, wehendes Feigenblatt) ist eine klassische Sammlung von Konzentrationsübungen zur stufenweisen Geistesberuhigung, wie sie ähnlich auch in anderen Yoga-Traditionen bezeugt ist.]