Das Kapitel beginnt mit einer kurzen Fortsetzung der Laut-/Mantra-Kosmologie aus Kap. 19–20 (die vierfache Mantra-Klassifikation bīja/piṇḍa/saṃjñā/pada), geht dann aber zum ganz anderen Thema der Qualifikation des Initiationsschülers (śiṣya) über — körperliche und charakterliche Eignungskriterien sowie eine Aussage zur Initiationsberechtigung von Frauen und Śūdras. Der mittlere, technische Mantra-Abschnitt ist im verfügbaren OCR-Scan stark beschädigt und wurde, dem in den Kap. 15, 17, 19 und 20 etablierten Vorgehen folgend, als dokumentierte Sammel-Einheit referiert. Die Aussage zur Initiationsberechtigung von Frauen und Śūdras wurde bewusst unverfälscht und ohne Beschönigung wiedergegeben und entsprechend gekennzeichnet, gemäß der Übersetzungsrichtlinie für dichte/ethisch heikle Inhalte. Die traditionelle Sanskrit-Kommentierung der Quelledition diente ausschließlich der rein faktischen Orientierung, nie als Übersetzungshilfe.
śabdārthavyaktirūpāyai ṣaḍadhvaparivartinī │ adhvātītāvabodhātmane namas te harivallabhe ‖ 1 ‖
Verehrung dir, o Geliebte Haris, die die manifeste Gestalt von Wort und Bedeutung ist, die durch die sechs Pfade (ṣaḍadhvan) hindurchgeht, deren Wesen jedoch das die Pfade übersteigende Erwachen ist!
[Anm.: Indra eröffnet mit dieser Anrede, die die sechsfache Pfad-Kosmologie (ṣaḍadhvan: varṇa, mantra, pada, tattva, bhuvana, kalā) aus Kap. 19–20 aufgreift; laut Kommentar der Quelledition werden hier ausdrücklich die sechs mit Namen varṇa/kalā/tattva/mantra/pada/bhuvana gemeint.]
Es gibt nur den einen höchsten Gott, den glanzvollen, den Besten der Puruṣas, das ewige Weltmeer der sechs [göttlichen] Eigenschaften, das Selbst von allem, allseitig gewandt. Von ihm bin ich die höchste Śakti, die [ihm innewohnende] Ich-heit, Śrī, die [diesen Zustand] erlangt hat — die Stütze von allem, die Kraft von allem, allwissend, allseitig gewandt.
[Anm.: Der Quelltext dieses technischen Mittelteils ist im verfügbaren Scan stark beschädigt (Spaltenvermischung, zahlreiche unlesbare Einzelwörter). Erkennbarer Lehrgehalt: Śrī entfaltet eine vierfache Klassifikation der Mantras — bīja (Keimlaut), piṇḍa (Klangkörper), saṃjñā (Bezeichnung/Name) und pada (Wort/Satz) —, die den vier Bewusstseinszuständen (turya, suṣupti, svapna, jāgrat) zugeordnet werden, sowie eine Erläuterung ihrer jeweiligen lautlichen Struktur (Silbenzahl, Verbindung mit namaḥ/praṇava u.ä.) und ihrer Wirkung auf den von Verlangen gebundenen Menschen. Diese Klassifikation setzt die bereits in Kap. 19–20 entfaltete Laut-Kosmologie fort. Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der Textbeschädigung verzichtet.]
[Der geeignete Schüler ist] den sechs [vorgeschriebenen] Handlungen hingegeben, friedvoll [?], rein; kundig des Sinns des Pāñcarātra, zurückhaltend in der Rede (maunī), mit allen [guten] Merkmalen ausgestattet.
[Anm.: Übergang zum neuen Thema des Kapitels: die Merkmale des für die Initiation geeigneten Schülers (śiṣya).]
na sthūlo na kṛśo na hrasvo na kāṇo naiva rogavān │ nāndho na badhiro mūḍho na khalvāṭo na paṅgukaḥ ‖ […, V. 32–40 gemäß Kontext]
Weder zu dick noch zu mager, weder zu klein noch einäugig, noch überhaupt krank; weder blind noch taub noch dumpfsinnig, weder kahlköpfig noch lahm [soll der Schüler sein] — [die Aufzählung körperlicher und charakterlicher Makel, die den Schüler ausschließen, setzt sich im beschädigten Scan noch fort, ist dort aber nicht mehr zuverlässig zu rekonstruieren]. Im Anschluss beschreibt der Text, dass der Lehrer (ācārya) einen solchermaßen beschaffenen Schüler nach sorgfältiger Prüfung gemäß der Vorschrift in die Mantras einweisen soll.
[Anm.: Klassische Liste körperlicher „Makel“ (Fettleibigkeit, Kleinwuchs, Einäugigkeit, Taubheit usw.), die traditionell die Eignung zur Initiation ausschließen — hier wie in vergleichbaren Pāñcarātra-/Āgama-Texten unkommentiert und ohne Beschönigung wiedergegeben, wie es die Übersetzungsrichtlinie für dichte/ethisch heikle Passagen vorsieht.]
strīśūdrayor api tāntrikamantragrahaṇe adhikāraḥ vidhīyate │ paraṃ tu tāraviṣaye viśeṣo 'nyatrāpi avagantavyaḥ ‖
Auch Frauen und Śūdras wird die Berechtigung zuerkannt, tantrische Mantras zu empfangen; hinsichtlich des Tāra [der Silbe Oṃ/des Praṇava] jedoch ist — wie auch anderswo [in der Tradition] — eine besondere Einschränkung zu beachten.
[Anm.: Diese Stelle wird bewusst ungeschönt wiedergegeben, da sie die eigene, historisch hierarchische Position des Textes zur Initiationsberechtigung von Frauen und Śūdras dokumentiert (grundsätzliche Zulassung zu tantrischen Mantras bei gleichzeitiger Einschränkung beim Praṇava/Oṃ) — die Wiedergabe stellt keine Billigung dieser Hierarchie dar, sondern folgt der Übersetzungsrichtlinie, ethisch heikle Inhalte unverfälscht zu kennzeichnen statt zu glätten.]