Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 41: Ekacatvāriṃśo 'dhyāyaḥ (Dīkṣābhiṣekaprakāraḥ) Einundvierzigstes Kapitel (Die Art der Initiations-Konsekration)

Zentrales Kapitel über die Initiation (dīkṣā, 66 Verse): die berühmte Volksetymologie des Wortes aus √kṣi und √dā; vier Arten von Initianden (samayin, putraka, kautrīya, sādhaka, ācārya) und drei Vollzugsweisen (Maṇḍala-Opfer, Feueropfer, bloßes Wort); ausdrückliche Zulassung von Frauen und Jungfrauen zur Initiation; die „Mantra-Initiation“ mit dem 27-Knoten-Prinzipienfaden und Nyāsa der Erkenntnisvermögen; die höhere „Prinzipien-Initiation“ mit der Reinigungsfolge Prakṛti→Puruṣa→Īśvara; und der theologische Höhepunkt, an dem Lehrer, Schüler und Göttin Lakṣmī „wie Milch in Milch“ geeint werden, eingebettet in die esoterische Sprachstufen-Lehre (paśyantī). Schließt mit Konsekration (abhiṣeka) und Lehrer-Verehrung (guruyāga).

[Indra:] namo nityānavadyāyai jananyai sarvadehinām │ ādhāreṣāsmarūpāyai[?] buddhyā cākhilādhvanām[?] ‖ 1 ‖ bāhyāntaravibhāgena śruto yāgaḥ savistaraḥ │ saṃprati śrotum icchāmi tvatto dīkṣāvinirṇayam ‖ 2 ‖ [Śrī:] eko nārāyaṇaḥ śrīmān ṣāḍguṇyamahimācalaḥ │ tasya ṣāḍguṇyarūpāhaṃ śaktir ekā sanātanī ‖ 3 ‖ ātmānaṃ vibhajāmy ekā pañcadhā devasaṃvidā │ śabdarūpārtharūpābhyāṃ vṛttirūpeṇa vāsava ‖ 4 ‖ tathaivācāryarūpeṇa dīkṣākhyenāparena tu │ yad yati kleśakarmādīn ikṣyam akhilaṃ padam ‖ 5 ‖ kṣapayitvā ca sarvaṃ dadāti ca paraṃ padam │ kṣeḥ[?] yateḥ dīkṣeti tena tattvajñair vyajyate vedapāragaiḥ ‖ 6 ‖ dīkṣā sā trividhā tāvat sthūlasūkṣmaparātmanā │ punar dīkṣyavibhedena dvividhā sā caturvidhā ‖ 7 ‖ samayī putrakaś caiva kautrīyaḥ[?] sādhakas tathā │ ācāryaś ceti dīkṣyās te teṣām anyatra vistaraḥ ‖ 8 ‖ mahāmaṇḍalayāgena havanād vātha kevalāt │ vācā kevalayā cāpi dīkṣaiṣā trividhā punaḥ ‖ 9 ‖

[Indra:] Verehrung der ewigen, makellosen Mutter aller verkörperten Wesen, deren Wesen der Grund [von allem] ist, die durch [ihre] Einsicht alle [sechs] Pfade [kennt]! Ich habe den in äußeren und inneren [Vollzug] geteilten Opferdienst ausführlich vernommen; nun möchte ich von dir die endgültige Lehre über die Initiation (dīkṣā) hören. [Śrī:] Es gibt den einen glorreichen Nārāyaṇa, von unerschütterlicher, sechsfacher Herrlichkeit; ich bin seine ewige, alleinige Macht, selbst die Gestalt jener Sechsfachheit. Obwohl eine, teile ich mich durch göttliche Einsicht fünffach: als Laut-Gestalt und Bedeutungs-Gestalt [Mantra und sein Referent], in der Weise der Tätigkeit (vṛtti), o Vāsava [Indra]; ebenso in Gestalt des Lehrers (ācārya), und in einer weiteren, „Initiation“ (dīkṣā) genannten [Weise] – jener, die Leid, Karma und den ganzen sichtbaren Daseinsbereich zerschneidet (√kṣi) und, nachdem sie alles vernichtet hat, den höchsten Zustand verleiht (√dā, „geben“): aus [„zerschneiden“] und [„geben“] wird so das Wort „dīkṣā“ von den wahrheitskundigen, vedakundigen [Gelehrten] erklärt. Jene Initiation ist zunächst dreifach, nach grober, feiner und höchster Wesensart; und wiederum, nach der Unterscheidung der zu Initiierenden, [ist sie insgesamt] vierfach: der Novize (samayin), der Sohn-Schüler (putraka), der [Kautrīya] und der Praktizierende (sādhaka), sowie der Lehrer (ācārya) – dies sind die zu Initiierenden; ihre ausführliche [Unterscheidung wird] anderswo [gegeben]. Wiederum ist diese Initiation dreifach: durch das große Maṇḍala-Opfer, durch das Feueropfer allein, oder durch das Wort [die bloße Unterweisung] allein.

[Anm.: Berühmte volksetymologische Deutung des Wortes „dīkṣā“ aus den Wurzeln √kṣi („zerschneiden, vernichten“) und √dā („geben“) – eine in der gesamten tantrischen Literatur verbreitete Etymologie. Beginn des zentralen Kapitels über die Initiations-Konsekration (dīkṣābhiṣeka).]

[V. 10–34, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgt die praktische Durchführung der großen Initiation: der Lehrer (ācārya) bringt einen lange geprüften, vom Weltenkreislauf ausgebrannten, niedergeworfenen Schüler herbei, errichtet ein neunblättriges Lotos-Diagramm und einen Weihe-Topf. Ausdrücklich werden dabei nicht nur gebadete, gereinigte männliche Gottesverehrer, sondern auch tugendhafte Jungfrauen und Frauen als zulässige Initiandinnen genannt [ein bemerkenswerter Beleg für die im tantrischen Pāñcarātra bezeugte Zulassung von Frauen zur Initiation]. Ein dreifach gedrehter Faden wird vom Fuß bis zum Scheitel gespannt und mit 27 Knoten entsprechend der Anzahl der Daseinsprinzipien (tattva) versehen, die die Abfolge der Prinzipien von der Erde bis zu Māyā/Avidyā/Kriyā abbilden; der aus groben und feinen Elementen bestehende Körper wird so als Träger guter und schlechter Frucht gedeutet. Anschließend wird der Faden Stück für Stück im Feuer geopfert als Ursache der Verstrickung in den Genuss, während der Lehrer den allgegenwärtigen, bewusstseinsförmigen Herrn im Herzen erschaut; es folgt eine detaillierte Nyāsa-Meditation der Erkenntnisvermögen entlang des Körpers – die Erkenntniskraft (buddhi) im Scheitel, das Ich-Prinzip (ahaṃkāra) am Gaumen, der Geist (manas) zwischen den Augenbrauen, die fünf Sinnesvermögen zwischen den Ohren, die fünf Handlungsvermögen zwischen Herz und Nabel, die subtilen Elemente unterhalb des Nabels und die groben Elemente an den Beinen, jeweils sternförmig mit ihrem Keimlaut versehen –, gefolgt von einer abschließenden Brandopfer-Reihe, an deren Ende der Lehrer selbst „von Lakṣmī erfüllt“ wird. Diese erste Stufe wird als „Mantra-Initiation“ (māntrī dīkṣā) bezeichnet, die zur Mantra-Rezitation, zum Schriftstudium und zur Verehrung befähigt und auch denjenigen Schülern gewährt werden kann, die vorrangig weltlichen Genuss erstreben.]

[V. 35–50, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgt die höhere „Prinzipien-Initiation“ (tattvadīkṣā): durch eine weitere Reihe von Feueropfern werden die Daseinsprinzipien von der Erde bis zu Īśvara gestuft gereinigt, wobei der Lehrer den Schüler mit „den Augen der Lakṣmī“ betrachtet und mit „der Hand der Lakṣmī“ berührt – der Lehrer wird also im Vollzug der Initiation selbst mit der Göttin identifiziert. Lehrreich ist die eingefügte kosmologische Erklärung: Prakṛti wird [im Ritus] in Puruṣa übergeführt, Puruṣa in Īśvara; über Īśvara hinaus gibt es kein höheres Prinzip mehr – die grobe, feine und höchste Erscheinungsform der Macht (śakti) ist mit Īśvara selbst wesenseins. Puruṣa ist derjenige, der, von diesem Prinzip Īśvara herabgefallen, unrein geworden ist; erreicht er jenes höchste Prinzip wieder, wird er selbst rein und unvergänglich, all-beseelt (viśvātmā) und all-sehend (viśvataścakṣus) – erst dann ist er wahrhaft „initiiert“. Zwei abschließende „volle Opfergaben“ (pūrṇāhuti) werden zur Erlangung von weltlichem Genuss und Erlösung dargebracht.]

sakalaṃ niṣkalaṃ śiṣyaṃ dhyātvā śuci dhṛtaṃ tathā │ idam etad ekīkurvan vai parātītaḥ sthito guruḥ ‖ 51 ‖ dhyāyan vijñānaśabdātmā paśyantīrūpam uttamam │ tārikāyāḥ paraṃ bhāvam atucchāyam anāhatam ‖ 52 ‖ tena śiṣyaṃ samīkurvaṃs tārayā vauṣaḍantayā │ pūrṇāhutyātha śiṣyasya sthitaye dehapātanāt ‖ 53–54 ‖ namo'ntayā dhruvam evaṃ tārayā juhuyād guruḥ │ tatra pūrṇāhutiṃ dattvā mahāpūrṇam atha kṣipan ‖ 54–55 ‖ śiṣyaṃ guruḥ svam ātmānaṃ māṃ ca lakṣmīṃ sanātanīm │ kṣīre kṣīram iva dhyāyet sa mayi samīkṛtam ‖ 56 ‖ evaṃ lakṣmīmayīkṛtya śiṣyaṃ vijñānavāyunā │ ākṛṣya kramato mantram imaṃ saṃśrāvayet punaḥ ‖ 57 ‖ hṛdaye sthāpayitvā māṃ tārām upadiśet tataḥ │ aṅgopāṅgādikaṃ sarvaṃ śāstrīyaṃ kramam eva ca ‖ 58 ‖ [...] abhiṣiñced guruḥ śiṣyaṃ prasannenāntarātmanā │ vajrarūpas tataḥ śiṣyaḥ saṃsārāmbudhipāragaḥ ‖ 61 ‖ mahatā vibhavenātha guruyāgaṃ samācaret │ [...] ajñānagahanālokasūryasomāgnimūrtaye │ duḥkhatrayāgnisaṃtāpaśāntaye gurave namaḥ ‖ 64 ‖ [...] iti dīkṣābhiṣekau te varṇitau jaḍasūdana[?] │ samyaksamādhisaṃpādyaṃ kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ‖ 66 ‖

Nachdem der Lehrer den Schüler als [zugleich] Ganzheitliches (sakala) und Teilloses (niṣkala), als rein und gefestigt betrachtet und dieses Zweifache geeint hat, verweilt er selbst jenseits [aller Gegensätze], meditierend mit einer aus Erkenntnis (vijñāna) und Laut bestehenden Wesensart, in der höchsten Gestalt der „Paśyantī“ [der zweiten, „schauenden“ Sprachstufe] – die höchste, ungeminderte, ungeschlagene (anāhata) Wesensart der Tārikā [betrachtend]. Damit macht er den Schüler mit dem auf „vauṣaṭ“ endenden Tāra-Mantra sich gleich. Dann soll der Lehrer, damit der Schüler bis zum Fallen des Leibes [lebenslang] gefestigt bleibe, die volle Opfergabe mit dem auf „namaḥ“ endenden Tāra-Mantra darbringen. Nachdem er dort die volle Opfergabe dargebracht und sodann die „große volle Opfergabe“ vollzogen hat, betrachte der Lehrer den Schüler, sich selbst und mich, die ewige Lakṣmī, als ineinander verschmolzen wie Milch in Milch – jener [Schüler] so mir gleichgemacht. Nachdem er den Schüler so durch den Wind der Erkenntnis (vijñānavāyu) Lakṣmī-wesentlich gemacht und stufenweise herangezogen hat, lasse er ihn diesen Mantra abermals hören; nachdem er mich, die Tārā, im Herzen [des Schülers] verankert hat, unterweise er ihn sodann in der gesamten schriftgemäßen Ordnung der Glieder und Nebenglieder [...] Der Lehrer besprengt (abhiṣeka) den Schüler mit freudig-innerer Seele; der Schüler wird darauf, diamantgleich (vajrarūpa), zum Überwinder des Ozeans des Weltenkreislaufs. Mit großem Prunk vollziehe man sodann die Lehrer-Verehrung (guruyāga) [...] „Verehrung dem Lehrer, der als Sonne, Mond und Feuer das Dickicht der Unwissenheit erhellt und das Brennen der dreifachen Leiden stillt!“ [...] „So wurden dir, o [Bezwinger Vṛtras/Jaḍas?], Initiation und Konsekration beschrieben, [beide] durch rechte Sammlung (samādhi) zu vollenden. Was möchtest du weiter hören?“

[Anm.: Höhepunkt der Initiationslehre: die theologisch bedeutsame Identifikation von Lehrer, Schüler und Göttin „wie Milch in Milch“ sowie die Einbindung der esoterischen Sprachstufen-Lehre (śabda-tattva: parā–paśyantī–madhyamā–vaikharī) in den Initiationsvollzug.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre dīkṣābhiṣekaprakāro nāma ekacatvāriṃśo 'dhyāyaḥ

So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das einundvierzigste Kapitel, betitelt „Die Art der Initiations-Konsekration“.

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