Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 14: Caturdaśo 'dhyāyaḥ (Lakṣmīsvarūpaprakāśaḥ) Vierzehntes Kapitel (Erleuchtung des wahren Wesens der Lakṣmī)

Eines der philosophisch dichtesten Kapitel des bisher übersetzten Textes: Śrī legt in einer Serie eindrücklicher Gleichnisse (Feuer und Brennholz, Kristall und Blütenfarbe, Gold und Färbung, die Kontinuität der Sprachlaute und der Farbwahrnehmung) dar, dass die scheinbare Zweiheit von Erkennendem und Erkanntem (vedya-vedakatā) letztlich nur eine durch Avidyā gestiftete Selbstunterscheidung des einen, reinen Bewusstseins ist, das sie selbst ist. Das Argument aus der Kontinuität von Wahrnehmung und Sprache (Vv.26-27) erinnert bemerkenswert an spätere Kashmir-śaivistische Pratyabhijñā-Philosophie. Das Kapitel schließt mit einer Aufzählung aller Seinsbereiche (Götter, Dämonen, Menschen, Tiere, Welten, Sāṅkhya-Kategorien, Lebensziele), die alle im Bewusstsein aufgelöst sind, und mit der erneuten Feststellung, dass die durch die 'Verhüllung' gebundene Bewusstseinskraft erst durch einen Tropfen von Śrīs Gnade zur Sehnsucht nach Erlösung erwacht. Trotz erheblicher OCR-Korruption in Einzelversen (v.a. in der ersten Vershälfte) konnte dieses Kapitel dank der klaren inneren philosophischen Kohärenz mit vergleichsweise hoher Zuversicht rekonstruiert werden; verbleibende Unsicherheiten sind mit [?] markiert. Ein dichter Sanskrit-Kommentarapparat (Fußnoten der Quelledition) begleitet dieses Kapitel im Original; er wurde – wie durchgehend in diesem Projekt – nicht als Übersetzungshilfe herangezogen, sondern allenfalls zur Bestätigung einzelner Wortlesarten.

[?] śrīḥ-- jñānaiśvaryamayo bhagavānakhiladehakālādvayabheditaḥ | vāsudevaḥ paraṃ brahma guṇāḍhyaṃ nirañjanam ||

[?] Śrī: „Bhagavān, von der Natur des Wissens und der Herrschermacht, jenseits der Zweiheit alles Körperlichen und Zeitlichen unterschieden – Vāsudeva ist das höchste Brahman, reich an Eigenschaften, makellos.

[?] Die genaue Wortfolge des ersten Halbverses bleibt im Original unsicher.

[?] svasminnekarūpe tu ṣāḍguṇyaṃ na jahāti saḥ | tasyāhaṃ paramā śaktirahaṃtā śāśvatī śubhā ||

[?] In seiner eigenen, einheitlichen Gestalt gibt er die Sechsheit der Qualitäten niemals auf; von ihm bin ich die höchste Kraft, die ewige, heilvolle 'Ichheit' (ahaṃtā).

[?] vyāpāraśaktireṣā me trividhā lakṣaṇā smṛtā | ayutāyutakāryaughakoṭikoṭisahasraśaḥ ||

[?] Diese meine Wirkkraft (vyāpāraśakti) gilt als dreifach gekennzeichnet, wirksam in unzähligen, zehntausendfachen, hundertmillionenfachen Scharen von Werken.

sāhaṃ sṛjāmi svācchandyād dvidhā bhedamupeyuṣī | cetyacetanabhāvena cicchaktiścetano'nyayoḥ ||

So schaffe ich, aus freiem Willen, indem ich eine zweifache Unterscheidung annehme: durch die Zustände des Wahrnehmbaren (caitya) und des Bewussten (cetana) – die Bewusstseinskraft einerseits, das Bewusste andererseits, zwischen diesen beiden.

cetyacetanatāṃ prāptā saṃvideva madātmikā | saṃvideva hi madrūpaṃ svacchasvacchandanirbharā ||

Das reine Bewusstsein selbst, das meine eigentliche Wesensart ist, gelangt zum Zustand des Wahrnehmbaren und des Bewussten; eben das reine, klare, aus freiem Willen strömende Bewusstsein ist meine wahre Gestalt.

sā tviśvarūpatāṃ prāpya styānatāṃ pratipadyate | ato nirūpyamāṇaṃ taccaityaṃ cintyamupaiṣyati ||

Dieses Bewusstsein aber gerät, nachdem es die Gestalt des Universums (viśvarūpa) angenommen hat, in einen Zustand der Verdichtung; von da an gelangt dieses so bestimmte Bewusstsein zum Status des als Wahrnehmbares zu Denkenden.

yathā hi vahninā saṃspṛṣṭaṃ sendhanaṃ tanmayaṃ bhavet | evaṃ bhavati sā dagdhā caityaṃ cinmayatāṃ vrajet ||

So wie das vom Feuer berührte Brennmaterial dessen Natur annimmt, so ergeht es auch dem Wahrnehmbaren: gleichsam vom Bewusstsein 'verbrannt', gelangt es zur Natur des Bewusstseins.

[?] nīlādi ca sukhaṃ duḥkhaṃ citramajñānakhaṇḍitam | viśṛṅkhalaṃ vikalpastattritrayopādhisaṃpadā ||

[?] Blau usw., Freude, Leid – mannigfaltig, durch Nichtwissen zerstückelt, ungebunden erscheint der begriffliche Gedanke (vikalpa), gebildet durch den Reichtum der drei Bedingungsfaktoren (upādhi).

vikalpo'pi hi madrūpaṃ svācchandyādeva nirmitam | caityaṃ vikalpyate yena bahirantarvyavasthayā ||

Auch der begriffliche Gedanke ist eben meine Gestalt, allein aus freiem Willen gebildet; durch ihn wird das Wahrnehmbare, gemäß der Anordnung von außen und innen, begrifflich gefasst.

na bahirna cāntastaccidrūpaṃ mama tatparam | vedyavedakarūpeṇa bhidyate me svayaṃtayā ||

Weder außen noch innen ist jene meine höchste, aus Bewusstsein bestehende Wesenheit; durch die Form von Erkennbarem (vedya) und Erkennendem (vedaka) wird sie von mir selbst scheinbar gespalten.

yadavikalpairanākrāntaṃ yacchabdairakadarthitam | yadupādhibhiramlānaṃ rūpaṃ tajjñeyatāṃ gatam ||

Jene Gestalt, die von begrifflichen Gedanken nicht überwältigt, von Worten nicht bedrängt, von Bedingungsfaktoren nicht getrübt ist – eben diese gelangt dennoch scheinbar zum Status des Erkennbaren (jñeyatā).

[?, stark verstümmelt] dṛśyaṃ tāvadvikalpena cetasā yatra gamyate | madhyamāṃ vṛttimāsthāya caityaṃ saṃcittayā tadā ||

[?] Das Sichtbare, insofern es durch begriffliches Denken mit dem Geist erfasst wird – dann, nachdem eine mittlere geistige Aktivität eingenommen wurde, [erscheint] das Wahrnehmbare durch das Bewusstsein selbst.

yathā dūrasthitaṃ rūpaṃ bāhye svaṃ rūpamīkṣyate | tathā jñānasthitaṃ rūpaṃ jñeye svaṃ rūpamīkṣyate ||

So wie eine ferne Gestalt ihre eigene Gestalt im Äußeren erblicken lässt, so wird die im Wissen befindliche Gestalt als ihre eigene Gestalt im Erkennbaren erblickt.

yathā vahnisamāviṣṭaṃ kāṣṭhaṃ tadrūpamīkṣyate | tathā saṃvitsamāviṣṭaṃ caityaṃ saṃvittayekṣyate ||

So wie ein vom Feuer durchdrungenes Holzstück dessen Gestalt zeigt, so wird das vom Bewusstsein durchdrungene Wahrnehmbare durch das Bewusstsein selbst als Bewusstsein erblickt.

[?] vedyaṃ vedanatāṃ nītvā svayaṃ velā nirūpyate | tadā vṛttimayī sāhaṃ pratyakṣā sphuradabhāsinī ||

[?] Nachdem das Erkennbare zum Status des Erkanntwerdens geführt wurde, wird von ihm selbst der rechte Zeitpunkt bestimmt; dann bin ich, aus geistiger Aktivität (vṛtti) bestehend, unmittelbar gegenwärtig, hervorleuchtend erscheinend.

[?] ahameva hi cittattvaṃ vedyaṃ dadhiśiraḥ khalu | sā cāhameva tenāhaṃ sarvataḥ śuddhacinmayī ||

[?] Ich selbst bin ja das Bewusstseins-Prinzip; auch das Erkennbare [ist letztlich nichts anderes] – und eben dieses bin ich auch; darum bin ich allseits aus reinem Bewusstsein bestehend.

[?] saṃvṛtaikapadadvīpe prājñaikadhye cidambudhau | majjatāṃ caiva caityānāmasmi hastāvalambanam ||

[?] Auf der einzigen, verborgenen Insel des Wissens, in der Einheit der Weisen, im Ozean des Bewusstseins bin ich die stützende Hand für die im Meer der Objekte versinkenden Wahrnehmbaren.

[?] maddhyānāntarniṣyandaśrāntaviṣavāsanāḥ | māmevātmani paśyanti caityaughatrasanīṃ citam ||

[?] Diejenigen, deren Giftneigungen durch das beständige innere Fließen der Meditation auf mich erschöpft sind, sehen eben mich selbst in ihrem Selbst als jenes Bewusstsein, das die Flut des Wahrnehmbaren zum Schwinden bringt.

mama bhavittaikarūpāyāṃ vedyavedakatāṃ janāḥ | avidyayaiva manyante matsaṃkalpitayā purā ||

In mir, die ich von einziger Bewusstseinsnatur bin, nehmen die Menschen die scheinbare Zweiheit von Erkennbarem und Erkennendem allein aufgrund der von mir selbst einst gestifteten Avidyā an.

na sāntā noditā nāpi madhyamā svarūpataḥ | madvivekavaśādevaṃ prakāro jāgarādiṣu ||

Jene Zweiheit hat, ihrer wahren Natur nach, weder ein Ende noch einen Anfang noch eine Mitte; allein durch das Fehlen der Unterscheidung von mir entsteht diese Erscheinungsweise in Wachen und den übrigen Zuständen.

[?] parityaktavibhāgena nistaraṅgeṇa cetasā | jāḍye vikalpyamānā tu pratyakṣāpyasmi cidghanā ||

[?] Für den, der jede Unterscheidung aufgegeben hat, mit wellenlosem Geist – obgleich scheinbar in Trägheit begrifflich gefasst, bin ich ihm doch unmittelbar gegenwärtig, ein dichtes Bewusstsein.

puraḥ sthito yathā bhāvaścetaso'nyābhilāṣiṇaḥ | na bhāsate tathaivāhaṃ na bhāse vāsanājuṣām ||

So wie ein unmittelbar gegenwärtiges Objekt demjenigen nicht erscheint, dessen Geist nach anderem verlangt, ebenso erscheine auch ich nicht denen, die noch von alten Neigungen (vāsanā) erfüllt sind.

bubhutsānyāṃ yathā vṛttiṃ nirudhyānyatra cetasā | pratyakṣamīkṣate vastu tathā māṃ śuddhasaṃvidam ||

So wie man, indem man die geistige Aktivität von einem anderen Erkenntnisverlangen zurückhält und den Geist darauf richtet, den betreffenden Gegenstand unmittelbar erblickt, ebenso erblickt man mich, das reine Bewusstsein.

[?] sadaivāpratibaddhāyā mānyā eva bhavurmama | tyaktacaityasaṃcārakāle'pi vimalātmanām ||

[?] Für die Reinen bin ich, die stets Ungebundene, allein die Verehrungswürdige, selbst noch wenn sie das Umherschweifen im Wahrnehmbaren aufgegeben haben.

yathā jātyā sitaṃ vastraṃ raktaṃ rāgeṇa kenacit | punaḥ svavarṇamāpnoti naiva rāgāntaraṃ śrayet ||

So wie ein von Natur aus weißes Tuch, durch irgendeinen Farbstoff rot gefärbt, danach wieder seine eigene Farbe erlangt und keine andere Färbung annimmt,

nīlaṃ vā'pi ca pītaṃ vā madhye śuddhacidātmani | mayi cennaiva viśrāntaṃ pītaṃ vidyātkathaṃ nvayam ||

ebenso gilt: ob blau oder gelb – inmitten allen Erkennens, im reinen Bewusstseinsselbst, wenn diese Wahrnehmung nicht in mir zur Ruhe gekommen ist, wie könnte man dann das Gelbe überhaupt als Gelbes erkennen?

tathaivoccārayan vākyaṃ kṣaṇādvarṇaṃ kathaṃ vrajet | yadi madhye na viśrānto mayi śuddhacidātmani ||

Ebenso: Wie könnte einer, der einen Satz ausspricht, von einem Augenblick zum nächsten Laut übergehen, wenn er nicht inmitten dessen in mir, dem reinen Bewusstseinsselbst, zur Ruhe gekommen wäre?

[Anm.: Ein bemerkenswertes, an die spätere Pratyabhijñā-Philosophie erinnerndes Argument: Kontinuität der Wahrnehmung (verschiedener Farben, aufeinanderfolgender Laute) setzt ein zugrundeliegendes, konstantes Bewusstsein voraus.

evaṃ śuddhā svatantrāpi yadākāroparāgiṇī | tattyāgāparasaṃcārā madhye śuddhaiva bhāmyaham ||

So bin ich, obgleich rein und unabhängig, scheinbar von der jeweiligen Form gefärbt; indem ich diese Färbung wieder aufgebe und zu einem anderen Objekt weiterziehe, erscheine ich dennoch inmitten all dessen als die rein Bleibende.

[?] dakṣiṇetarasaṃcāranirodhānmadhyamāśritaḥ | śvāsordhvagamano bhāvaḥ prakāśayati me padam ||

[?] Durch das Anhalten der Bewegung nach rechts und links [d.h. der beiden Nasenatemströme] und das Verweilen in der Mitte macht der nach oben strömende Atemzustand meinen wahren Rang offenbar.

dhiyā dhyeyamanāḍhambya viṣayaṃ cāparān bahiḥ | yadantarā vedyate tanme rūpamanākulam ||

Ohne sich mit dem Verstand auf das zu Meditierende noch auf andere äußere Objekte zu stützen – was in der Zwischenzeit, im Innersten, erkannt wird, das ist meine ungetrübte Gestalt.

anuvṛttistu yā samyak tejasyapi tamasyapi | bhāti bhāve'pyabhāve'pi sā me tanuraharniśam ||

Jene Bewusstheit, die vollständig fortbesteht, sei es im Licht oder in der Dunkelheit, die im Sein wie im Nichtsein erscheint – das ist Tag und Nacht mein eigentlicher Leib.

nivṛttaviṣayecchasya madbhaktyutsukitātmanaḥ | āntaraṃ yadahīnārthamahattvaṃ tadrūpaṃ mama ||

Für den, dessen Verlangen nach äußeren Objekten erloschen ist, dessen Selbst von Sehnsucht nach Hingabe an mich erregt ist – jene innere, von keinem äußeren Ziel abhängige Größe (mahattva), das ist meine wahre Gestalt.

tadevābhyasyamānānāṃ dehaprāṇādyagocaram | vivekināmahaṃrūpaṃ madbhāvenāvatiṣṭhate ||

Eben dies besteht, für die es einüben, jenseits der Reichweite von Körper, Lebensatem usw.: für die Unterscheidungsfähigen besteht die Ich-Gestalt fort, ganz durchdrungen von meinem göttlichen Sein.

tatastejo yathaivāgnervyajyate na tu janyate | bhaveccidrūpamapyevaṃ vyaktaṃ naiva ca janyate ||

Wie dann der Glanz des Feuers nur sichtbar gemacht, nicht neu hervorgebracht wird, so wird auch diese Bewusstseinsgestalt nur offenbar, nicht neu geschaffen.

[?] bhānorvinā yathā bhāsvān samudeti nabhaḥsthale | vedairvinaiva me rūpamevaṃ pradyotate svayam ||

[?] So wie [gewisse] leuchtende Erscheinungen auch ohne die Sonne am Himmelsgewölbe aufgehen können, so leuchtet auch meine Gestalt, sogar ohne die Veden, aus sich selbst hervor.

atyantasvacchasvabhāvatvāt sphaṭikādiryathā maṇiḥ | uparakto japādestu svena rūpeṇa nekṣyate ||

Wie ein Kristall oder ähnlicher Edelstein aufgrund seiner völlig klaren Natur, durch die Nähe einer Hibiskusblüte o.ä. gefärbt erscheint, aber nicht in seiner eigenen wahren Gestalt erblickt wird,

matsaṃkalpasamudbhūtairdharmaiḥ svacchāhamapyatha | pṛthagjanairna lakṣyāpmi naivāhaṃ nāsmi tāvatā ||

ebenso werde ich, obgleich klar, durch die aus meinem eigenen Willensakt entstandenen Eigenschaften von den gewöhnlichen Menschen nicht in meiner wahren Gestalt erfasst; doch deswegen bin ich nicht etwa nicht vorhanden.

kuṇḍalāderyathā bhinnā na raktayā kanakasthitiḥ | na ca śakyā vinirdeṣṭuṃ tathāpyasatyaiva sā dhruvam ||

So wie das Gold-Sein eines Ohrrings usw. nicht wirklich verschieden ist von seiner [durch eine Beimischung bedingten] Färbung, aber auch nicht einfach so aufzuzeigen ist – dennoch ist es gewiss nicht unwirklich,

evaṃ nityā viśuddhā ca sukhaduḥkhādabheditā | svasaṃvedanasaṃvedyā mama saṃvinmayī sthitiḥ ||

ebenso ist mein aus Bewusstsein bestehender Zustand ewig, rein, unberührt von Glück, Leid und dergleichen – nur durch Selbsterfahrung (svasaṃvedana) erfahrbar.

[?] vijñātari tathā jñāne jñeye jāyate nānvayaḥ | yo'yaṃ madanvayaḥ so'yaṃ pratyayārthāviśeṣitaḥ ||

[?] So entsteht im Erkennenden, im Wissen und im Erkennbaren für sich keine wirkliche Kontinuität; jene Kontinuität, die es dennoch gibt, ist eben die meine, nicht unterschieden vom Gegenstand der jeweiligen Erkenntnis.

deśakālakriyākārāḥ prasiddhā bhedahetavaḥ | tān bhedyati yathā saṃvittasyā bhedaḥ kuto bhavet ||

Ort, Zeit, Handlung und Gestalt sind die bekannten Ursachen der Unterscheidung; diese unterscheidet erst das Bewusstsein – wie könnte da für dieses selbst eine Unterscheidung bestehen?

cetyabhedo hi yaḥ kālo bhūtāditritayātmakaḥ | saṃvinmahodadhau so'pi vilīnastanmayo bhavet ||

Denn jene Zeit, die aus der Dreiheit von Vergangenem usw. besteht und die Unterscheidung des Wahrnehmbaren bewirkt, geht auch sie, aufgelöst im großen Ozean des Bewusstseins, in dessen Natur ein.

[?] yadā hi vartamānāyāṃ mayi bhūtabhaviṣyatī | pratikṣipte tadā caiva naiva syātāṃ nimānatā ||

[?] Denn wenn in mir, der ewig Gegenwärtigen, Vergangenheit und Zukunft zurückgewiesen sind, dann gäbe es für sie überhaupt keine eigene Messbarkeit mehr.

ādhāro'hamadoṣāṇāṃ naivādheyāsmi kenacit | deśo'pyādhārataḥ prāptastato me saiva vidyate ||

Ich bin die Grundlage der scheinbaren Fehler, selbst aber von nichts abhängig als Grundlage; auch der Raum wird erst durch meine grundlegende Funktion erlangt – daher besteht er eben durch mich.

kāpyavasthā na me nāsti yasyāṃ saṃvinna vartate | tena māṃ viddhi nāmaikāṃ sarvākārāmupāsate ||

Es gibt keinerlei Zustand, in dem nicht mein Bewusstsein gegenwärtig wäre; darum erkenne mich als die eine Wirklichkeit, die – unter allen möglichen Namen und Gestalten – verehrt wird.

ākāro jñeyastathākāraḥ kriyā kartā ca karma ca | karaṇaṃ saṃpradānaṃ ca bhavedyatra tataḥ phalam ||

Die Gestalt des Erkennbaren, ebenso die ihr entsprechende Handlung, der Handelnde und das Objekt der Handlung, das Mittel und der Empfänger der Handlung – woraus dies alles besteht, daraus entsteht auch die Frucht.

bhojyaṃ bhoktā ca tatsarvaṃ vilīnaṃ saṃvidātmani | devā daityāstathā nāgā gandharvā rakṣasāṃ gaṇāḥ ||

Das Genossene und der Genießende – all dies ist aufgelöst im Wesen des Bewusstseins: die Götter, die Daityas, ebenso die Nāgas, die Gandharvas, die Scharen der Rākṣasas,

vidyādharāḥ piśācāśca bhūtāśceti gaṇā ime | manujā bahudhātmāno varṇakarmādivarjitāḥ ||

die Vidyādharas, Piśācas und Bhūtas – diese Scharen allesamt; die Menschen, vielgestaltig, jenseits von Kaste, Werk usw.,

paśavo'tha mṛgāścaiva pakṣiṇaśca sarīsṛpāḥ | sthāvarāśca tathaivānye kīṭapataṅgādikāḥ ||

das Vieh, ferner die Wildtiere, die Vögel und die Reptilien, die unbeweglichen Pflanzen und ebenso die anderen, wie Insekten und Fluginsekten,

svargasthā narakasthāśca lokāścaiva caturdaśa | sariddvīpasamudrāśca vividhā brahmāṇḍapaddhatiḥ ||

die im Himmel und die in der Hölle Befindlichen, die vierzehn Welten, die Flüsse, Kontinente und Ozeane – die vielfältige Ordnung des Weltenei,

[?] uccāvacāni tattvāni vividhāḥ śabdasaṃkṣayāḥ | bhogyaṃ bhogopakaraṇaṃ bhogasthānaṃ ca yat smṛtam ||

[?] die hohen und niedrigen Prinzipien (tattva), die mannigfaltigen Laut- und Worterscheinungen, das Genussobjekt, das Genussmittel und der Genussort, wie sie überliefert sind,

kośāḥ ṣaṭ kośajā bhāvāścetanācetanātmakāḥ | sṛṣṭyādyāstrayo mārgāḥ puruṣārthaścaturvidhaḥ ||

die sechs Hüllen und die aus den Hüllen entstandenen, sowohl bewussten als auch unbewussten Erscheinungsformen, die drei mit der Schöpfung beginnenden Wege, und die vier Lebensziele (puruṣārtha),

sarvaṃ prakṛtibhinnaṃ ca kālena kalitaṃ tathā | ityetatsakalaṃ vastu bhāvābhāvasvarūpakam ||

alles, was von der Prakṛti unterschieden ist, und ebenso alles, was von der Zeit gestaltet ist – all dieses gesamte Ding, in der Wesensart von Sein und Nichtsein,

[?] amanmayaṃ manmayaṃ ca mayi līnamavasthitam | sarvātmanā sadāhaṃ tu svacchasvacchandacinmayī ||

[?] sei es nicht aus Denken bestehend oder aus Denken bestehend, ruht, in mir aufgelöst; ich bin mit ganzem Wesen stets die klare, aus freiem Willen strömende Bewusstseinsnatur,

[?] kṣamā sukhamayī śāntā bhāve bhāve vipaścitā | evaṃ vyavasthitāyāṃ me tirobhāvābhidhānayā ||

[?] geduldig, von Glückseligkeit erfüllt, friedvoll, in jedem einzelnen Seinszustand die Kundige – so besteht, während ich in dieser Weise fortbestehe, meine 'Verhüllung' genannte Kraft.

baddhā śaktyā tu cicchaktiḥ svato māṃ naiva vindati | yadā nirvidyate saṃsāre'sau madanugrahabindunā ||

Durch diese Kraft gebunden, findet die Bewusstseinskraft mich von sich aus nicht; wenn sie aber durch einen Tropfen meiner Gnade des Weltenkreislaufs überdrüssig wird,

upāste māṃ tadārādhya jīvaścicchaktisaṃjñakaḥ | saṃkṣiṇvan nikhilān kleśān vidhūnvan vāsanārajaḥ ||

dann verehrt der 'jīva' genannte, mit Bewusstseinskraft ausgestattete Geist mich anbetend, indem er alle Leiden aufzehrt und den Staub der Vāsanās abschüttelt,

saṃprāpya jñānasadbhāvaṃ yogakṣapitabandhanaḥ | māmeva paramānandamayīṃ lakṣmīṃ sa vindati ||

und, nachdem er den wahren Bestand des Wissens erlangt und seine Fesseln durch Yoga vernichtet hat, findet er eben mich, Lakṣmī, die von höchster Wonne Erfüllte.

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre lakṣmīsvarūpaprakāśo nāma caturdaśo'dhyāyaḥ ||

So endet im Kern des glorreichen Pāñcarātra, in der Lakṣmī-Tantra, das vierzehnte Kapitel, betitelt „Erleuchtung des wahren Wesens der Lakṣmī“.

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