Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 38: Aṣṭatriṃśo 'dhyāyaḥ (Bahiryāgaprakāśaḥ) Achtunddreißigstes Kapitel (Erhellung des äußeren Opferdienstes)

Fortsetzung des äußeren Opferdienstes (87 Verse): die eigentliche Bildnis-Verehrung nach den in Kap. 37 beschriebenen Vorbereitungen. Beschreibt die Anrufung des göttlichen Paares mittels Atemtechnik und vier Handgesten, die Zuordnung der vier Vyūha-Gestalten (Vāsudeva, Saṅkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha) und der vier Śaktis Śrī, Kīrti, Jayā, Māyā auf ein neunfeldriges Lotos-Maṇḍala, die Einzel-Dhyānas der vier Vyūhas, Personifikationen der göttlichen Insignien (Kaustubha, Śrīvatsa, Sudarśana, Khaḍga u.a.), Garuḍa und das Gefolge, sowie eine abschließende Tārikā-Philosophie und die vollständige Opferreihenfolge für das gesamte Pantheon.

eko nārāyaṇo devaḥ pūrṇaṣāḍguṇyavigrahaḥ │ tasyāhaṃ paramā śaktir ekāhantā[?] sanātanī ‖ 1 ‖ sādhakānugrahārthāya sāhaṃ sākāratāṃ gatā │ aṅkasthā devadevasya yathā pūjyā tathā śṛṇu ‖ 2 ‖

Śrī [spricht]: Es gibt den einen Gott Nārāyaṇa, dessen Gestalt die Fülle der sechs Herrlichkeits-Eigenschaften (ṣāḍguṇya) ist; ich bin seine höchste Macht (śakti), seine ewige, alleinige Ich-heit (ahantā). Aus Gnade gegenüber dem Verehrer habe ich, eben diese [Macht], sichtbare Gestalt angenommen; höre nun, wie ich, auf dem Schoß des Göttergottes weilend, zu verehren bin.

[Anm.: Beginn der eigentlichen Bildnis-Verehrung (mūrti-pūjā) im Rahmen des äußeren Opferdienstes, nach den in Kap. 37 beschriebenen Vorbereitungen (Altarbau, Türschwellen-Verehrung). Der Titel des Kapitels wiederholt in der Quelledition „Kap. der Erhellung des äußeren Opferdienstes“ – vermutlich als unmittelbare Fortsetzung desselben Themenkomplexes.]

[V. 3–28, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgt die eigentliche Anrufung (āvāhana) des göttlichen Paares mittels Atemtechnik (Ausatmung, recaka) aus dem zwölfblättrigen Herzlotos (anāhata-cakra) durch den Nasenkanal, wobei sich der lotosäugige, vierarmige Puruṣa [Nārāyaṇa] wie ein Blitzbündel aus einer Wolke löst und, mit vollem Blumenopfer verehrt, mittels vier Handgesten (mudrā) – Gegenwärtig-Machen (sannidhi), Zurückhalten (sannirodha), Fixieren (saṃstambhana) und Einsetzen (sthāpana) – im Bildnis verankert wird; genau beschrieben werden dabei die einzelnen Finger- und Handstellungen (verbundene Daumen, kleine Finger, Ring- und Mittelfinger, geballte Fäuste). Anschließend wird die im Bildnis gegenwärtige Gottheit mit der vollständigen Reihe der Opfergaben – Fußwasser, Opferwasser, Bad, Kleidung, Schmuck und den jeweiligen Genussgaben – verehrt, wobei der Verehrer sich vorstellt, dass die ursprüngliche Gestalt im Bildnis fortbesteht, während ihr Anteil an den dargebrachten Gaben liebevoll „in mich [den Verehrer selbst] eingeht“; danach wird mit vollem Blumenkranz und gesenktem Haupt verehrt, zunächst mit den beiden Silben „Tāra“ (Oṃ) und „Tārikā“, dann mit Blumen, Räucherwerk und Salben mittels der Wurzel-Mantras; die formlose, alldurchdringende Macht (śakti) selbst wird mit der Tārikā verehrt, danach die einzelnen Gottheiten in ihren jeweiligen Körperteilen sowie die Waffen- und Schmuck-Mächte mit ihren eigenen Mantras – „dies ist der große, alle Ziele verwirklichende Opferdienst“. Sodann wird aus dem machtvollen Gottkörper Viṣṇus die eine, alldurchmächtige, göttliche, höchst strahlende Göttin – die Gestalt der sechs Herrlichkeiten selbst, unvergleichlich schön, stets und überall von Viṣṇu untrennbar, aus Mitleid für die Verehrer in eigener, [scheinbar] gesonderter Gestalt erschienen – gemäß derselben Prozedur angerufen und, auf Viṣṇus linkem Schoß sitzend, als seine Geliebte in der bereits zuvor geschilderten Gestalt vergegenwärtigt; durch dieselbe Prozedur wird sodann alles der Reihe nach „in mir“ [der Göttin] verehrt.]

madhyābjakarṇikāmadhye bhāvāsanagataṃ smaret │ puruṣaṃ puṇḍarīkākṣaṃ tadaṅkasthāṃ ca paṅkajām[?] ‖ 29 ‖ parācyām[?] abjakarṇikāmadhye lakṣmīdehādinirmitām[?] │ dvibhujāṃ bhāvayel lakṣmīṃ dvinetrāṃ cārukuṇḍalām ‖ 30 ‖ śvetām[?] syāmāmbaradharāṃ[?] hārakeyūrabhūṣitām │ sarvalakṣaṇasampannāṃ pīnonnatapayodharām ‖ 31 ‖ [...] caladvirephapaṭalaramaṇīyālakāvalim[?] ‖ 32 ‖ [...] kṛṣṇakuñcitakeśāṃ ca varamuktāphaladvijām[?] │ padmāsanopaviṣṭāṃ ca pārijātaphaladharīm[?] │ padmagarbhopamākārāṃ sammukhīm āvayoḥ smaret ‖ 33–34 ‖ [V. 35–39: Kīrti, Jayā, Māyā ebenso in den übrigen Weltrichtungs-Lotusblättern vergegenwärtigt, mit Herz-, Haupt-, Schopf-, Panzer- und Waffen-Mantra in weiteren Blättern verortet] madhyadakṣiṇadikpatre smaret saṅkarṣaṇaṃ prabhum[?] ‖ 40 ‖

Man gedenke, in der Fruchtknotenmitte des mittleren Lotos auf dem gedanklichen Thron sitzend, des lotosäugigen Puruṣa [Nārāyaṇa] und, ihm zugewandt, [der Göttin auf] ihrem eigenen Lotos. In der Fruchtknotenmitte des östlichen Lotos stelle man sich Lakṣmī vor, aus meinem [Śrīs] eigenen Leib gebildet, zweiarmig, zweiäugig, mit schönen Ohrgehängen, in [hellem] Gewand, mit Halskette und Armspangen geschmückt, von allen Vorzügen erfüllt, mit vollen, hochstehenden Brüsten, weiten strahlenden Augen, lieblich lächelndem Antlitz, mit bienenschwarmgleich lockigen Haarsträhnen, dunklem gelocktem Haar und perlengleichen Zähnen, auf einem Lotossitz thronend, [eine Pārijāta-Blüte(?)] in Händen haltend, lotosinnerfarben an Gestalt, uns beiden [Viṣṇu und mir] zugewandt. [In den übrigen Himmelsrichtungs-Lotosblättern werden auf gleiche Weise Kīrti (Ruhm, Süden), Jayā (Sieg, Westen) und Māyā (schöpferische Macht, Norden) vergegenwärtigt, jede aus meiner Gestalt entsprungen, rötlich leuchtend; in weiteren Blättern werden Herz-, Haupt-, Schopf-, Panzer- und Waffen-Mantra verortet.] Im mittleren südlichen Blatt gedenke man des Herrn Saṅkarṣaṇa.

[Anm.: Es folgt die klassische Pāñcarātra-Zuordnung der vier Vyūha-Gestalten (Vāsudeva, Saṅkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha) und der vier Śaktis Śrī, Kīrti, Jayā und Māyā auf ein neunfeldriges Lotos-Maṇḍala – ein in der Pāñcarātra-Literatur (u.a. Ahirbudhnya-Saṃhitā) breit bezeugtes Schema. Der stark verderbte Sanskrit-Text wird hier stellenweise zusammenfassend statt wortgetreu wiedergegeben.]

[V. 41–52, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Im westlichen Lotosblatt wird Pradyumna, in den nördlichen Eckblättern Aniruddha verortet; sodann verschiedene Schlangengottheiten (Nāgas) in weiteren Feldern, und in allen Blättern von Lakṣmīs Lotos ringsum das Kaustubha-Juwel. In den vier Tür-Lotosblättern wird Garuḍa, der Beste der Vögel, verortet, den eigenen Türen entsprechend auch die Nāgas. An der Osttür die lotoshändige Türgöttin (weiß, lotosblatt-äugig, gnädig, zwergenhaft), an der Südtür die blaue Vanamālikā, an der Westtür die rote Vibhīṣikā („die Furchterregende“) und an der Nordtür eine honigfarben-strahlende Göttin. In den acht Zwischen- und Haupt-Richtungen von Osten bis Īśāna werden die acht Weltenhüter (lokapāla, Indra u.a.) mit ihren Reittieren vergegenwärtigt, darüber die Schar der Frauengottheiten und Brahmā, außerhalb davon ihre Waffen (Vajra u.a.). Inmitten des Soma-Rades weile der Herr Viṣvaksena (Heerführer Viṣṇus), großgliedrig, aus dem Himmel herabkommend.]

anuktānām idānīṃ me dhyānaṃ śṛṇu puraṃdara │ amṛtātmānam[?] aṣṭāṅgaṃ[?] puṇḍarīkāyatekṣaṇam ‖ 53 ‖ śaṅkhacakragadāpadmadharaṃ śrīvatsavakṣasam │ pītāmbaraṃ caturbāhuṃ vāsudevaṃ vicintayet ‖ 54 ‖ tuṣāranicayākāraṃ nīlaṃ[?] caturbhujam │ smaret saṅkarṣaṇaṃ sīraṃ saunandakadharaṃ param ‖ 55 ‖ varadābhayahastaṃ ca [...] sragviṇaṃ[?] saṃsmared raktaṃ raktavāsasam īśam ‖ 56 ‖ śārṅgabāṇāṃś ca vibhrāṇaṃ varadaṃ cābhayapradam │ saṃsmared aniruddhaṃ ca pītaṃ vicitravāsasam ‖ 57 ‖ khaḍgakheṭakahaste ca varam abhayakaraṃ param │ āsīnāḥ sarva eva ete puruṣāḥ puṣkarekṣaṇāḥ ‖ 58 ‖

„Nun höre von mir, o Purandara [Indra], die Meditationsbilder der [Gestalten], die [noch] nicht genannt wurden: Von nektarhafter Wesensart[?], mit vollkommenen Gliedern, weit-lotosäugig, Muschel, Diskus, Keule und Lotos tragend, das Śrīvatsa-Zeichen auf der Brust, in gelbem Gewand, vierarmig – so betrachte man Vāsudeva. Schneeweiß von Farbe[?], vierarmig, gedenke man Saṅkarṣaṇas, des Pflügers, der die erhabene Saunandaka-Keule trägt. Mit Gaben- und Furchtlosigkeits-Geste in den Händen, [Blumenkranz tragend(?)], rot [von Farbe], in rotem Gewand – so gedenke man des Herrn [Pradyumna], Bogen (Śārṅga) und Pfeile tragend, Gaben- und Furchtlosigkeits-Geste zeigend. Man gedenke Aniruddhas, gelb, in buntem Gewand, Schwert und Schild in Händen, stets Gaben gewährend. Alle diese Puruṣas [Gestalten] sitzen so, lotosäugig, [den Richtungen zugewandt].

[Anm.: Klassische Einzel-Dhyānas der vier Vyūha-Gestalten (Vāsudeva, Saṅkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha) mit ihren Standard-Attributen (Muschel/Diskus/Keule/Lotos bzw. Pflug/Keule bzw. Bogen/Pfeile bzw. Schwert/Schild) – eine in der gesamten Pāñcarātra-Tradition feststehende Ikonographie.]

[V. 59–67, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Weitere Begleitgestalten werden vergegenwärtigt: schneeweiße, elefantenähnliche Wesen, die mit Nektarkrügen besprengen; eine weiß-rötliche, vierarmige Gestalt in reinem Gewand, lotosthronend, mit Lotos- und Muschel-Zeichen, stets die Furchtlosigkeits-Geste zeigend, kampferweiß leuchtend, „uns“ [dem göttlichen Paar] zugewandt; eine bandhujīva-blütenrote Gestalt mit Lotos und Keule, regenwolkendunkel, mit der Rechten Gaben gewährend, moschusduftend, „uns“ zugewandt – als „Kavaca“ (der personifizierte Schutz-Panzer) zu erkennen; und eine weitere, feurig-rote, schwertähnliche Gestalt mit goldenem Schmuck, altertümlicher Erscheinung, „uns“ zugewandt – als „Astra“ (die personifizierte Waffe) von großer Erhabenheit zu erkennen.]

[V. 68–87(ca.), gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgen weitere Personifikationen der göttlichen Insignien: das Kaustubha-Juwel, zweiarmig, sonnengleich strahlend, mit eigener Geste am Herzen, fünffarbig geschmückt, weitäugig; das Śrīvatsa-Zeichen in ähnlich glückverheißender Gestalt; ein lotosgesichtiges, mondgleich ruhiges Wesen (der personifizierte Lotos); die Schlange Ananta, dunkelgrün wie frisches Dūrvā-Gras, schlangengesichtig, mit eigener Geste; das Schwert (Khaḍga), furchterregend, mit scharfen Krallen und langer Nase, mit der Rechten dennoch Gaben gewährend – all dies die berühmten „Weltenhüter“ in menschenähnlicher Gestalt mit ihrem jeweiligen Kennzeichen auf dem Haupt. Die Sudarśana-Diskus-Gottheit selbst wird ebenso strahlend wie Viṣvaksena, ja Viṣṇu selbst nahezu gleich, mit Handgesten in den übrigen Armen betrachtet; am Tor schließlich Garuḍa, mit furchterregenden Augen, rotem Schnabel, großer Nase, goldglühendem Glanz, breiten Zähnen, geierartigem Antlitz, von einem Kranz aus Flügeln geziert – „damit ist euch die Verehrung des Gefolges kurz dargelegt“. Oberhalb der groben Gestalten „unser beider“ [Śrī-Viṣṇu] wird sodann eine subtile Tārikā-Form erschaut, von rußfarben-feinem[?], makellosem Glanz; darüber die höchste Tārā, von der vollen Fülle der sechs Herrlichkeiten und reinem Bewusstsein erfüllt, der göttliche höchste Herr „unser beider“ – überall mit Händen, Füßen, Augen, Häuptern und Antlitzen zugegen, Laut und Bedeutung (śabdārtha) mit eigenem Glanz erhellend, stets tätig; in ihr spiegelt sich das gesamte Mantra-Rad in abgestufter Reihenfolge als diese ausgedehnte höchste Tārikā. Nach solch wahrhaftiger Betrachtung soll gemäß der [vorgeschriebenen] Anordnung (nyāsa) verehrt werden: zunächst das sündlose göttliche Paar vollständig mit der ganzen Reihe der Gaben von der Opferwasser-Darbringung bis zur Speiseopferung, danach Garuḍa und die Gefolgsgottheiten bis hin zu Viṣvaksena, zuerst Garuḍa, dann die Tür-Jungfrauen – in der Reihenfolge des Genuss-Opferdienstes. „So wurde dir, o Śakra, die Anordnung (nyāsa) gezeigt; höre nun von mir alle Opferdienste (yāga) und Genussgaben (bhoga), die es gibt.“]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre bahiryāgaprakāśo nāma aṣṭatriṃśo 'dhyāyaḥ

So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das achtunddreißigste Kapitel, betitelt „Erhellung des äußeren Opferdienstes“.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks