śrīḥ-- anugrahākhyikā śakra śaktiḥ pañcamī smṛtā | tāmimāṃ tattvato vatsa vadāmi tava sāmpratam ||
Śrī: „Die 'Gnade' (anugraha) genannte Kraft ist als die fünfte bekannt, o Śakra. Diese will ich dir nun wahrheitsgemäß erklären, mein Kind.
Lakṣmī-Tantra
Fortsetzung von Kap.12: Śrī erläutert ihre fünfte Kraft, die 'Gnade' (anugraha bzw. śaktipāta, die 'Herabkunft der Kraft'), als bedingungslosen, allein aus ihrem freien Willen entspringenden Gnadenblick, der die Lebewesen aus dem Leidenskreislauf löst (Vv.1-16). Es folgt Indras Lobpreis und eine erneute, tiefere Darlegung von Śrīs Wesen als reinem Bewusstsein (cit-śakti), aus dem heraus sie die Welt wie ein Spiegelbild in sich selbst erscheinen lässt (Vv.17-26). Den Kern des Kapitels bildet die Lehre, dass auch der jīva im Kleinen dieselben fünf kosmischen Wirkweisen (Schöpfung/Erhaltung/Auflösung/Verhüllung/Gnade) auf der Ebene seiner eigenen geistigen Aktivitäten (vṛtti) vollzieht, sowie die Lehre von der 'Kontraktion' (saṃkoca) des jīva und den vier Bewusstseinszuständen (Wachen/Traum/Tiefschlaf/Turīya), bevor das Kapitel mit der Feststellung schließt, dass Śrī, obgleich selbst von den Vedānta-Texten nicht (ganz) erfassbar, allen verkörperten Wesen unmittelbar gegenwärtig ist (Vv.27-42). Wie Kap.12 ist auch dieses Kapitel an mehreren Stellen (insbesondere den knappen Definitionen der jīva-eigenen fünf Wirkweisen sowie der Turīya-Passage gegen Kapitelende) nur mit erheblicher Unsicherheit aus dem stark OCR-korrumpierten Quelltext zu rekonstruieren und entsprechend mit [?] gekennzeichnet. Die Verszählung folgt einer editorisch-fortlaufenden Zählung.
śrīḥ-- anugrahākhyikā śakra śaktiḥ pañcamī smṛtā | tāmimāṃ tattvato vatsa vadāmi tava sāmpratam ||
Śrī: „Die 'Gnade' (anugraha) genannte Kraft ist als die fünfte bekannt, o Śakra. Diese will ich dir nun wahrheitsgemäß erklären, mein Kind.
avidyayā samāviddhā asmitādivaśīkṛtāḥ | macchaktyaiva tirobhūtāstirodhānābhidhānayā ||
Von Avidyā durchdrungen, von Asmitā usw. unterworfen, wurden die Lebewesen eben durch meine 'Verhüllung' genannte Kraft verhüllt.
[?] uccāvace patantaste nīcoccatayāṭavaḥ | nibaddhāstrividhairbandhaiḥ sthānatrayavivartinaḥ ||
[?] Sie fallen bald hoch, bald niedrig, in stetem Auf und Ab, gebunden durch die drei Arten von Fesseln, sich in den drei Zuständen wandelnd.
saṃsārasāgaramadhyasthāḥ pacyamānāḥ svakarmaṇā | sukhābhimānino duḥkhaṃ nityamajñānadharṣitāḥ ||
Inmitten des Ozeans des Weltenkreislaufs stehend, durch ihr eigenes Karma 'gekocht', sich fälschlich des Glücks rühmend, in Wahrheit aber beständig vom Leid und von der Unwissenheit bedrängt.
[?, stark verstümmelt] tā yonīranudhāvantaścaranto bhedinīḥ | pūrvapūrvabhavābhidhaiścitrābhiḥ svahetubhiḥ ||
[?] Sie laufen, umherwandernd, den [verschiedenen, sich immer wieder] unterscheidenden Mutterschößen nach – durch ihre eigenen, mannigfaltigen, aus den jeweils früheren Existenzen stammenden Ursachen,
[?] Dieser Vers ist im Quelltext besonders stark verstümmelt; die Übersetzung ist eine Annäherung.
dehendriyamanobuddhivedanābhiraharniśam | jananāni prabadhnanto maraṇāni tathā tathā ||
durch Körper, Sinnesorgane, Geist, Verstand und Empfindungen Tag und Nacht gebunden, immer wieder neue Geburten herbeiführend und ebenso auch Tode.
[?] evaṃ vidyamānā iti saṃhatiryogaviyogajaiḥ | udyatkāruṇyasaṃtānairnirvāpitavyathāḥ sadā ||
[?] So im Kreislauf befindlich – dies ist die durch Verbindung und Trennung entstehende 'Auflösung' –, wird ihr Leid stets durch die aufsteigenden Ströme meines Mitgefühls gelindert.
mayā jīvāḥ samīkṣyante bhiyā duḥkhena vivarjitāḥ | so'nugraha iti proktaḥ śaktipātāparāhvayaḥ ||
Von mir werden die Lebewesen mitfühlend angeblickt und dadurch von Furcht und Leid befreit; dies wird 'Anugraha' [Gnade] genannt, auch 'Śaktipāta' [Herabkunft der Kraft] geheißen.
karmasāmyaṃ bhajantyete vakṣyamāṇā mayā tadā | paścimā tanuḥ sā syājjīvānāṃ prekṣitā mayā ||
Diese Lebewesen erlangen dann die – wie ich gleich darlegen werde – 'Karma-Gleichheit' (karmasāmya) [und erhalten] jenen letzten Körper, in dem sie von mir gnädig angeblickt werden.
ahameva hi jānāmi śaktipātakṣaṇaṃ ca tam | nāsau puruṣakāreṇa na cāpyanyena hetunā ||
Denn ich allein kenne jenen Augenblick der Kraft-Herabkunft (śaktipāta); er entsteht nicht durch menschliches Bemühen, noch durch irgendeine andere Ursache,
kevalaṃ svecchayaivāhaṃ prekṣe kaṃcit kadāpyaham | tataḥ prabhṛti sa svacchasvacchāntaḥkaraṇaḥ pumān ||
sondern einzig aus meinem eigenen freien Willen blicke ich irgendwann auf irgendjemanden. Von da an ist jener Mensch klaren, freien inneren Sinnes.
[Anm.: Eine der theologisch prägnantesten Aussagen des Kapitels zur bedingungslosen, nicht durch eigenes Verdienst erzwingbaren Gnadenwahl (śaktipāta) Śrīs.]
karmasāmyaṃ samāsādya śubhakarmaikapāśrayaḥ | vedāntajñānasaṃpannaḥ sāṅkhyayogaparāyaṇaḥ ||
Nachdem er die Karma-Gleichheit erlangt hat, sich allein auf gute Werke stützend, mit Vedānta-Wissen ausgestattet, dem Sāṅkhya und Yoga hingegeben,
samyaksātvatavijñānādiṣṇau sadbhaktisudṛḍham | kālena mahatā yogī nidhūtakleśasaṃcayaḥ ||
durch das vollständige Sātvata- [d.h. Pāñcarātra-]Wissen fest in wahrer Hingabe an Viṣṇu verankert, wird der Yogi mit der Zeit von seiner angehäuften Leidenslast befreit,
vidhūya vividhaṃ bandhaṃ srotomānastatastataḥ | prāpnoti paramaṃ jyotirlakṣmīnārāyaṇātmakam ||
und nachdem er die mannigfaltigen Bindungen seines dahinströmenden Geistes Schritt für Schritt abgestreift hat, erlangt er das höchste Licht, das die Wesensart von Lakṣmī-Nārāyaṇa hat.
eṣā tu pañcamī śaktirmadīyānugrahātmikā | svācchandyameva me hetustirobhāvādikarmaṇi ||
Dies nun ist meine fünfte, aus Gnade bestehende Kraft. Allein mein freier Wille ist die Ursache bei der Wirkweise der Verhüllung usw.
itthaṃ śakra vijānīhi nānyo'rthyo'taḥ param |
So, o Śakra, erkenne dies – darüber hinaus gibt es nichts weiter zu erfragen.
śakraḥ-- namaḥ saroruhāvāse namo nārāyaṇāśraye | namo nityānavadyāyai kalyāṇaguṇasindhave ||
Śakra [Indra]: „Verehrung dir, die im Lotos Wohnende! Verehrung dir, der Zuflucht bei Nārāyaṇa! Verehrung dir, der Ewigen, Untadeligen, dem Ozean heilvoller Eigenschaften!
[?] tvadvāgamṛtasaṃdohaścālitaṃ me mahattamaḥ | bhūyo'haṃ śrotumicchāmi cicchakte rūpamuttamam ||
[?] Durch die Flut des Nektars deiner Rede wurde mein Innerstes erschüttert/bewegt; wieder aufs Neue möchte ich, o Bewusstseinskraft, von deiner höchsten Gestalt hören.
eko nārāyaṇo devaḥ paramātmā sanātanaḥ | sadā jñānabalaiśvaryavīryaśaktyojasāṃ nidhiḥ ||
Der eine Gott Nārāyaṇa, das höchste, ewige Selbst, ist beständig der Schatz von Wissen, Kraft, Herrschermacht, Tatkraft, Macht und Stärke.
anādiraparicchedyo deśakālasvarūpataḥ ||
anfangslos und unbegrenzbar in Bezug auf Ort, Zeit und Wesen.
tasyāhaṃ paramā devī ṣāḍguṇyamahimojjvalā | sarvakāryakarī śaktirahaṃtā nama śāśvatī ||
Von ihm bin ich die höchste Göttin, erstrahlend in der Größe der sechs Qualitäten, die alle Werke vollbringende Kraft, die ewige 'Ichheit' (ahaṃtā).
saṃvidekā svarūpaṃ me svacchasvacchandanirbharāḥ | siddhayo viśvajīvānāmāyattākhilasya mayi ||
Reines Bewusstsein allein ist mein eigentliches Wesen; die klaren, aus freiem Willen strömenden Vollkommenheiten aller Lebewesen des Universums sind, allesamt, von mir abhängig.
[?] ātmabhittau jagatsarvaṃ svecchayonmīlayāmyaham | mayi lokāḥ sphurantyete jale śaśāṅkanayo yathā ||
Auf der Wand meines eigenen Selbst lasse ich aus freiem Willen die ganze Welt hervortreten; in mir erscheinen diese Welten, so wie [das Bild] des Mondes im Wasser [erscheint].
[?] Das genaue Bild des zweiten Halbverses (,wie X im Wasser') ist im Original unsicher; hier probeweise als Mond-im-Wasser-Gleichnis wiedergegeben, einem in der Sanskrit-Literatur geläufigen Bild.
svācchandyādavarohāmi pañcakṛtyavidhāyinī | sāhaṃ yadavarohāmi sā hi cicchaktirucyate ||
Aus freiem Willen steige ich herab, die fünf kosmischen Wirkweisen vollziehend; und eben dieser mein Herabstieg wird 'Bewusstseinskraft' (cicchakti) genannt.
[?] saṃkoco māmakaḥ so'yaṃ svacchasvacchandacidghanaḥ | asminnapi jagadbhāti darpaṇodaradarpavat ||
[?] Diese meine 'Kontraktion' (saṃkoca), obgleich aus klarem, freiem, dichtem Bewusstsein bestehend – auch in ihr erscheint die Welt wie ein Bild im Innern eines Spiegels.
vajraśleṣavadevaiṣa svacchaḥ sphurati sarvadā | caitanyamasya dharmo yaḥ prabhā bhānorivāmalā ||
Wie durch eine diamantharte Verklammerung erscheint dieser Zustand beständig klar; das Bewusstsein ist seine Wesenseigenschaft, so wie der makellose Glanz die Eigenschaft der Sonne ist.
tayā sphurati jīvo'sau svata evānurūpayā | vidhatte pañca kṛtyāni jīvo'yamapi nityadā ||
Durch jene ihm von Natur aus entsprechende Kraft erscheint dieser jīva selbstleuchtend; auch dieser jīva vollzieht beständig, im Kleinen, die fünf Grund-Wirkweisen.
[?] yā vṛttirnavajīvite(?) ādau sṛṣṭiḥ sā kathitā budhaiḥ | śakteryo viṣaye tatra sā sthitiḥ parikīrtyate ||
[?] Jene geistige Aktivität (vṛtti), die zu Beginn [eines Erkenntnisvorgangs auf ein Objekt gerichtet ist], wird von den Weisen als seine [kleine] 'Schöpfung' bezeichnet; ihr fortgesetztes Verweilen beim Gegenstand wird als seine 'Erhaltung' bezeichnet.
[?] gṛhītadviṣayāttasya virāmo'nyajighṛkṣayā | sā saṃhatiḥ samākhyātā tatsaṃskāraistirohitiḥ ||
[?] Das Aufhören bei dem bereits erfassten Gegenstand, um einen anderen erfassen zu wollen, wird als seine 'Auflösung' bezeichnet; die durch die dabei zurückbleibenden Eindrücke bewirkte [Nachwirkung] ist seine 'Verhüllung'.
[?] tatsaṃskārastirobhāvo'nugrahastadvilāpanam | grāhyagrāhakarūpo'yaṃ vṛttibandharasaḥ sadā ||
[?] Jener zurückbleibende Eindruck ist [seine] 'Verhüllung'; dessen Auflösung ist [seine] 'Gnade'. So besteht beständig, in der Form von Erfassbarem und Erfassendem, dieser aus geistigen Aktivitäten gewobene Bindungs-Zustand.
puṣyatyeṣa sadā jīvo mātrayā me samindhanam | āvidyaṃ matsvarūpaṃ tu vyākhyātaṃ te purā mayā ||
Beständig nährt dieser jīva, mit einem Anteil von mir, dieses [seiner Wesensnatur entsprechende, den fünf Wirkweisen dienende] Feuer. Meine mit Avidyā verbundene Erscheinungsform wurde dir bereits früher von mir erklärt.
[?] śuddhavidyāsamāyogāt saṃkocaṃ tyajatītyasau | tadā pradyotamāno'yaṃ sarvato muktabandhanaḥ ||
[?] Durch die Verbindung mit reinem Wissen (śuddhavidyā) gibt er dann jene Kontraktion auf; hell erstrahlend, ist er dann von allen Fesseln befreit.
jñānakriyāsamāyogāt sarvajñaḥ sarvakṛttadā | anaṇuścāpyasaṃkocānmadbhāvāyopapadyate ||
Durch die Verbindung mit vollem Wissen und voller Wirkkraft wird er dann allwissend und allwirkend; nicht mehr atomhaft-klein und ohne jede Kontraktion, wird er für das Erlangen meines göttlichen Wesenszustandes geeignet.
[?] yāvannirīkṣyate nāyaṃ mayā kāruṇyavattayā | tāvatsaṃkucitajñānaḥ karaṇairbhramatīśvaraḥ ||
[?] Solange dieser jīva noch nicht von mir mit meinem Mitgefühl angeblickt wird, so lange irrt er, obgleich an sich [ein kleiner] Herr [über seine Organe], mit eingeschränktem Wissen mittels seiner Werkzeuge, der Sinnesorgane, umher.
cakṣuṣā tveva vastūni vikalpya manasā tathā | ahaṃkārād buddhyaiva vyavasyati ||
Nur mit den Augen wahrnehmend, die Dinge durch den Geist begrifflich gestaltend, gelangt er, ausgehend vom Ich-Prinzip (ahaṃkāra), eben durch den Verstand (buddhi) zu seinen Entscheidungen.
jāgratyatha svapne karaṇāntare caran | vihāya tat suṣuptau tu svakarmaṇyavatiṣṭhate ||
Sich im Wachzustand und dann, mittels der inneren Werkzeuge, im Traumzustand bewegend, und dies wieder verlassend, verweilt er im Tiefschlaf in seinem eigenen, ungestörten Wirken.
[?] avasthāstā ubhāstisraḥ prāgvṛttyo naiva jīvagāḥ | turyāpi yā daśā jīve samādhisthā prajāyate ||
[?] Diese drei genannten Zustände sind [im eigentlichen Sinne] nicht [nur] die vorangehenden Aktivitäten des jīva selbst; auch der Turīya-Zustand entsteht im jīva, [aber nur] wenn er in Versenkung (samādhi) verweilt.
[?, stark verstümmelt] sāpi me vyāptireva eṣā yadvā tatrānyatarasthitiḥ | anavasthamanāghrātamakhilaṃ prākṛtairguṇaiḥ ||
[?] Auch dieser [Turīya-Zustand] ist eben eine Durchdringung von mir, oder [zumindest] ein anderweitiges Verweilen darin – ohne festen Bestand, unberührt von allen Erscheinungsweisen der Natur (guṇa).
[?] Dieser Vers zählt zu den unsichersten des Kapitels; die Übersetzung bleibt eine grobe Annäherung.
anaupādhikamacchedyaṃ jīvarūpaṃ tu cinmayam | etadrūpamapi chādyate hyanayā vidyayā ||
Die wahre Gestalt des jīva aber – unbedingt, ungeteilt, aus reinem Bewusstsein bestehend – auch diese Form wird eben durch jenes 'Wissen' (Avidyā) verhüllt.
[?, stark verstümmelt] mugdhavyāmohitāṃ māṃ naiva paśyatyasau tataḥ | mugdhaṃ dṛśyāsi kathaṃ devi tvaṃ pramāṇātigā satī ||
[?] So sieht er mich, obwohl [ich] getäuscht und verwirrt [erscheine], überhaupt nicht. [Indra fragt:] Wie könntest du, Getäuschte, überhaupt gesehen werden, o Göttin, da du doch jedes Erkenntnismittel übersteigst?
[?] Diese Passage bleibt in Sprecherzuordnung und Wortlaut unsicher.
vedāntā api naiva tvāṃ vidurityatha padmaje | māṃ tu śakra vijānīhi pratyakṣāṃ sarvadehinām ||
„Nicht einmal die Vedānta-Texte kennen dich wahrhaft, o Lotosgeborene!“ [So Indra.] [Śrī erwidert:] „Mich aber, o Śakra, erkenne als die allen verkörperten Wesen unmittelbar Gegenwärtige.
samāhitamanā bhūtvā śṛṇu vede mataṃ mama ||
Sei gesammelten Geistes und höre nun meine im Veda bezeugte Lehre.
iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre jīvasvarūpaprakāśo nāma trayodaśo'dhyāyaḥ ||
So endet im Kern des glorreichen Pāñcarātra, in der Lakṣmī-Tantra, das dreizehnte Kapitel, betitelt „Erleuchtung des wahren Wesens des Jīva“.