Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 45: Pañcacatvāriṃśo'dhyāyaḥ (Mūrtiprakaraṇam) Fünfundvierzigstes Kapitel (Die Abhandlung von den Gestalten)

Śrī teilt sich in vier Gestalten – Lakṣmī, Kīrti, Jayā, Māyā – mit je eigener Ikonographie, Mantra-Konstruktion und Gefolgschaft (sakhīs und anucaras); Kapitel endet mit zwei Geheim-Mudrās, darunter die ethisch bemerkenswerte „Mahāyoni“-Geste.

ahaṃ nārāyaṇī devī pūrveṣām api pūrvajā │ sākṣād bhagavato viṣṇoḥ śrīḥ śrīr anapāyinī ‖1‖ vibhajāmi svayā śaktyā caturdhātmānam ātmanā │ lakṣmīḥ kīrtir jayā māyā catasro mūrtayaś ca tāḥ ‖2‖ yā sā śaktiḥ parā lakṣmīr ahaṃ sāhaṃ[?] vibhor hareḥ │ vibhajantī svam ātmānaṃ caturdhā jagato hite ‖3‖ aham eva parā hṛtā[?] bhavāmi prathamā tanuḥ │ lakṣmīr nāma sahasrāṃśā[?] sarvaiśvaryaphalapradā[?] ‖4‖ kīrtir nāma dvitīyā me tanuḥ sakīrtidāyinī │ jayā nāma tṛtīyā me tanur vijayadāyinī ‖5‖ māyā nāma caturthī me sarvāścaryakarī tanuḥ │ lakṣmīḥ kīrtir jayā māyety evaṃ nārāyaṇāśrayāḥ ‖6‖ tāsām evāśritā[?] me mūrtayaḥ paramoccasāḥ[?] │ svaśaktinicayopetā nirākārās tu niṣkalāḥ ‖7‖ sūryasya raśmayo yadvad ūrmayaś cāmbudher iva │ sarvaśaktiprabhāve tu lakṣmīr lokeśvarasya sā[?] ‖8‖ nānāvidhair lakṣmībhiḥ koṭisaṃkhyābhir anvitaḥ[?] │ kīrtis tathāvidhā nānā vibhinnā vigrahe vibhoḥ ‖9‖ tattvāsti yan na hi tayā vyāptaṃ sāmānyadehayā │ yasya yatra ca yā kīrtiḥ svasāmarthyāt sañjāyate ‖10‖ sā sā tatpadam ārūḍhāsyāḥ[?] sāmānyāsana utthitā[?] │ jayā jayeśvarasyaivaṃ vyāptibhāvena saṃsthitā ‖11‖ yā kācid vidyate māyā jagaty asmin surādiṣu │ bhagavanmāyayodbhūtāṃ tāṃ māṃ viddhi sureśvara ‖12‖ tadīyaṃ niṣkalaṃ rūpaṃ madīyaṃ ca vihāya vai │ ko'sti tattvodadhau cānyaś caturdhā surasattama ‖13‖ bhagavacchaktibhiḥ samyag yogavibhāvitāḥ[?] │ svālokajñānasāmarthyāt sākāratvam upāgatāḥ ‖14‖ dhyātavyāḥ sādhakaśreṣṭhair bhogyāś ca siddhaye │ tāsāṃ mamādibhūtāyā lakṣmyā mūrtiṃ nirāmaya[?] ‖15‖

Ich bin die Göttin Nārāyaṇī, erstgeboren noch vor den Erstgeborenen; unmittelbar bin ich die Śrī des Erhabenen Viṣṇu, die nie von ihm getrennte Śrī. Durch meine eigene Kraft (śakti) teile ich mich, durch mich selbst, vierfach: Lakṣmī, Kīrti, Jayā und Māyā — das sind die vier Gestalten. Jene höchste Kraft, die Lakṣmī ist, bin ich selbst[?], [die Kraft] des alldurchdringenden Hari, die sich zum Heil der Welt vierfach in sich selbst teilt. Ich selbst, als die Höchste [angerufen][?], werde die erste Gestalt, genannt Lakṣmī, [die] alle Herrschaft als Frucht verleiht[?]. Genannt Kīrti [Ruhm] ist meine zweite Gestalt, Ruhm verleihend; genannt Jayā [Sieg] meine dritte Gestalt, Sieg verleihend. Genannt Māyā [schöpferische Macht] ist meine vierte Gestalt, jedes Wunder wirkend. So sind Lakṣmī, Kīrti, Jayā und Māyā, allesamt in Nārāyaṇa ruhend. Diese meine Gestalten, die eben auf ihm beruhen[?], sind von höchster Erhabenheit; ausgestattet mit der Fülle meiner eigenen Kräfte, sind sie doch gestaltlos und ohne Teile. So wie dem Sonnenball die Strahlen, oder dem Ozean die Wellen [zu eigen sind], so ist im Erscheinen aller Macht Lakṣmī dem Herrn der Welten [zu eigen][?]. Begleitet von mannigfaltigen Lakṣmīs, an Zahl Millionen, [ist Hari]; ebenso Kīrti in vielfältig unterschiedenen Gestalten im Leib des Alldurchdringenden. Es gibt nichts, das nicht von ihr [Kīrti] in ihrer allgemeinen Erscheinungsform durchdrungen wäre; wo und wem immer welcher Ruhm zuteilwird, er entsteht aus [ihrer] eigenen Macht. Eben diese [Kīrti], zu jenem Rang erhoben[?], entsteht aus ihrem allgemeinen Sitz; ebenso ruht Jayā im Herrn des Sieges [Viṣṇu] in der Weise der Durchdringung. Welche Māyā auch immer in dieser Welt bei den Göttern und anderen existiert — erkenne, o Herr der Götter, dass diese, aus der Māyā des Erhabenen selbst entsprungen, Ich bin. Abgesehen von seiner [Viṣṇus] formlosen (niṣkala) Natur und der meinen — wer sonst, o Bester der Götter, ist im Ozean der Wirklichkeitsprinzipien vierfach [vorhanden]? Durch die Kräfte des Erhabenen recht in [kontemplativer] Vereinigung verwirklicht[?], haben [diese vier Gestalten] durch die Kraft ihrer eigenen selbstleuchtenden Erkenntnis Gestalthaftigkeit erlangt. Sie sind von den besten der Übenden zu meditieren und zum Zwecke der Vollendung zu genießen [zu erfahren]. Von ihnen [höre] von mir, o Makelloser[?], die Gestalt der Lakṣmī, die die erste unter ihnen ist.

[Anm.: Kapitel 45 trägt den Kolophon-Titel „Mūrtiprakaraṇa“ (Die Abhandlung von den Gestalten) und entfaltet über 123 Verse die vierfache Selbstteilung der Göttin Śrī/Nārāyaṇī in Lakṣmī, Kīrti, Jayā und Māyā — eine der zentralen theologischen Systematisierungen des Lakṣmī-Tantra. Der OCR-Text ist streckenweise stark verderbt; unsichere Lesarten sind mit [?] gekennzeichnet.]

saumyavaktrā saumyanetrā dvibhujā cārukuṇḍalā │ padmagarbhopamā kāntyā mekhalādāmamaṇḍitā ‖16‖ śvetamālyāmbaradharā hārakeyūramaṇḍitā │ sarvalakṣaṇasampannā pīnatuṅgaghanastanī ‖17‖ prabuddhotpalavistīrṇalocanā susmitānanā │ śaradvirephapaṭaladyutitulyālakais tathā ‖18‖ mukhe tilakaṃ ciraṃ vahantī ca manoharam │ āraktādhararatnā ca vaṃśamuktāphaladvijā ‖19‖ ardhacandralalāṭā ca nīlakuñcitamūrdhajā │ pārijātakarā[?] devī dharmakāmārthamokṣadā ‖20‖ baddhapadmāsanā caiva mukuṭottamaśobhitā │ evaṃ dhyeyāham īśānā lakṣmīvyūhasthitā satī ‖21‖ mantram asyāḥ pravakṣyāmi taṃ me nigadataḥ śṛṇu │ tārikā nāma yad bījaṃ hṛdayaṃ tan mama smṛtam[?] ‖22‖ pūrvaṃ praṇavam ādāya tadante tāṃ niyojayet │ hṛdakṣaraṃ tu tato lakṣmyai namaś cānte niyojayet ‖23‖ tataḥ paramaśabdaṃ tu tadante puruṣeśvaram │ ānandaṃ ca garuḍaṃ ca varuṇaṃ ca samuddharet ‖24‖ sthityai padam asyānte bhūyo maddhṛdayaṃ paṭhet │ anubījaṃ tadante ca madbījaṃ punar uttamam ‖25‖ vahnijāyāṃ tadante ca mūrtimantro mameśvaraḥ[?] │ viṃśatyakṣaraiḥ smṛtaḥ so'yaṃ sākṣāl lakṣmīsamākhyaḥ[?] ‖26‖

Sanft von Antlitz, sanft von Auge, zweiarmig, mit schönen Ohrringen geschmückt; dem Innern einer Lotosblüte an Lieblichkeit vergleichbar, mit einer Gürtelkette geschmückt. Weiße Girlanden und Gewänder tragend, mit Halskette und Armreifen geschmückt; mit allen [günstigen] Merkmalen versehen, mit vollen, hohen, festen Brüsten. Mit weiten Augen wie voll erblühte Lotosblüten, sanft lächelndem Antlitz, ihre Locken gleich dem Glanz herbstlicher Bienenschwärme. Ein liebliches Tilaka-Zeichen dauerhaft auf der Stirn tragend, mit rötlichen, juwelengleichen Lippen und Zähnen wie Perlen aus dem Bambus. Mit einer Stirn wie der Halbmond und dunklem, gelocktem Haar; [eine Pārijāta-Blüte in der Hand haltend][?], die Göttin, die Dharma, Kāma, Artha und Mokṣa [die vier Lebensziele] verleiht. In gebundener Lotoshaltung (baddhapadmāsana) sitzend, mit einem prächtigen Diadem geschmückt — so bin ich, die Gebieterin (Īśānā), zu meditieren, wahrhaft in der Lakṣmī-Emanation (vyūha) verweilend. Ich werde nun ihren Mantra verkünden; höre ihn, wie ich ihn ausspreche. Jene Silbe, die „Tārikā“ genannt wird, gilt mir als das Herz[-Mantra][?]. Zuerst nehme man den Praṇava (Oṃ), danach füge man jene [Tārikā-Silbe] hinzu; dann das Herz-Silbenzeichen, danach füge man „lakṣmyai namaḥ“ hinzu. Dann das Wort „parama“, danach [das Wort] „puruṣeśvara“; man ziehe daraufhin [die Silben] „ānanda“, „garuḍa“ und „varuṇa“ heran. An dessen Ende [das Wort] „sthityai“; danach rezitiere man erneut mein Herz[-Mantra], danach das Neben-Samenwort, und danach nochmals mein Samenwort, das vortrefflichste. Danach, im Feuergeborenen [d. h. der Silbe „svāhā“], [ist] der Gestalt-Mantra vollendet — er ist mein Gebieter[?]. Aus zwanzig Silben bestehend, wird er unmittelbar als „Lakṣmī“ benannt überliefert[?].

[Anm.: Die Mantra-Konstruktion folgt dem im Pāñcarātra üblichen Verfahren, ein Mantra durch schrittweises Verketten benannter Silben (Praṇava, Same, Anrufungsformel usw.) aufzubauen. Die genaue Lautgestalt der einzelnen codierten Glieder („ānanda“, „garuḍa“, „varuṇa“ u. a. als Decknamen für bestimmte Phoneme) ist ohne eine separate esoterische Silben-Schlüsseltabelle nicht zuverlässig zu rekonstruieren; sie wurde hier bewusst als Deckname belassen und nicht aus dem Kommentar der Ausgabe aufgelöst.]

[V. 27–39, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Zunächst werden Lakṣmīs sechs Glied-Mantras (aṅga-mantra: Herz, Haupt, Schopf, Panzer, Waffe, Auge) durch dasselbe Silben-Verkettungsverfahren wie beim Gestalt-Mantra konstruiert. Anschließend folgen ihre vier Gefährtinnen (sakhī) — Ṛddhi (Gedeihen), Vṛddhi (Wachstum), Samṛddhi (Fülle) und Vibhūti (Herrlichkeit) —, jede mit eigenem Samen-Mantra: sanftarmig, mild anzusehen, eine Lotosknospe in Händen haltend, mit dem Śrīvṛkṣa-Baumzeichen und einem Wedel gekennzeichnet, im Lotossitz thronend und ins Antlitz der Göttin blickend. Diesen wiederum sind vier Diener (anucara) zugeordnet — Lāvaṇya (Anmut), Subhaga (Liebreiz), Saubhāgya (Glück) und Somanasya (Herzensfreude) —, vierarmig, sanft von Antlitz, in dunkelblaue Seide gekleidet, Lotos und Lotos-Banner tragend, ebenfalls mit eigenen Silben-Mantras.]

etat sāṅgaparīvāraṃ lakṣmīrūpaṃ nidarśitam │ kīrtyākhyāyā dvitīyāyā mūrtirūpādikaṃ śṛṇu ‖40‖ rūpeṇa sā tu lakṣyeva[?] varṇataś campakaprabhā[?] │ śeṣe lakṣmīsamā rūpe mūrtimantrān nibodha me ‖41‖

Damit wurde die Gestalt der Lakṣmī, samt ihren Glied-Mantras und ihrem Gefolge, dargelegt; höre nun von Gestalt und Aussehen der zweiten [Manifestation], genannt Kīrti. Sie ist an [ihrer] Erscheinung zu erkennen: von Farbe wie der Glanz der Campaka-Blüte [goldgelb]; im Übrigen ihrer Erscheinung der Lakṣmī gleich. Höre nun von mir ihre Gestalt-Mantras.

[V. 42–56, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Nach demselben Silben-Verkettungsverfahren wird Kīrtis Gestalt-Mantra und ihre sechs Glied-Mantras konstruiert. Ihre vier Gefährtinnen sind Mati (Verstand), Sarasvatī, Medhā (Gedächtnis/Weisheit) und Śruti (die Veda-Offenbarung) — zweiarmig, goldfarben, von Kīrtis eigener Gestalt, lächelnden Antlitzes, ein Buch in der linken, einen Wedel (cāmara) in der rechten Hand haltend. Ihre vier Diener — im Original teils stark verderbte Namen, darunter Jayada (Sieg-Verleihende) und Prasāda (Gnade) — sind safranfarben (kiṃśuka-blütenfarben), anmutig gestaltet, vierarmig, mit allem Schmuck versehen und halten in ihren gepaarten Händen verschiedene Attribute.]

rūpādikaṃ tṛtīyāyā jayāyā me nirāmaya[?] ‖57‖ rūpeṇa sadṛśī lakṣmyā jayā paramaśobhanā │

[Höre] von mir, o Makelloser[?], Gestalt und Aussehen der dritten, [genannt] Jayā. Jayā, an Gestalt der Lakṣmī gleich, ist von höchster Schönheit …

[V. 58 (Rest)–74, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Nach demselben Verfahren wird Jayās Gestalt-Mantra (beginnend mit Praṇava, Tārikā-Silbe und dem Beinamen „janmahantā“, „Beenderin der Wiedergeburt“) und ihre sechs Glied-Mantras konstruiert. Ihre vier Gefährtinnen sind Jayantī, Vijayā, Aparājitā (die Unbesiegte) und Siddhi (Vollendung); ihre vier Diener heißen Pratāpī (die Machtvolle), Jayabhadra, ein dritter, „von großer Kraft“ genannt, und ein vierter aus der „Utsāha“-(Tatkraft-)Gruppe — allesamt rot gekleidet, vierarmig, kraftvoll, Bogen und Pfeil, Keule und Diskus in Händen haltend.]

ayaṃ tṛtīyamūrter me jayāyā vidhir adbhutaḥ ‖74‖ caturthyāḥ saṃvidhānaṃ me māyāmūrter nirāmaya[?] │ sarvaiśvaryakarī devī devadevasya śārṅgiṇaḥ[?] ‖75‖ māyā nāma mahāśaktis turīyā me tanuḥ parā │ rūpeṇa sadṛśī lakṣmyā mūrtimantraṃ niśāmaya ‖76‖

Dies ist die wundersame Vorschrift meiner dritten Gestalt, Jayā. [Höre] nun von mir die Anordnung meiner vierten Gestalt, der Māyā-Gestalt — der Göttin, die alle Herrschaft bewirkt, [zugehörig][?] dem Gott der Götter, dem Śārṅga-Träger [Viṣṇu]. Genannt Māyā, die große Kraft (mahāśakti), ist meine vierte, höchste Gestalt; an Erscheinung der Lakṣmī gleich — vernimm nun [ihren] Gestalt-Mantra.

[V. 77–93, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Nach demselben Verfahren wird Māyās Gestalt-Mantra und ihre sechs Glied-Mantras konstruiert. Ihre vier Gefährtinnen sind Mohinī (Verwirrende), Bhrāmaṇī (Umherschweifen-Lassende), Durgā und Preraṇī (Antreiberin); ihre vier Diener sind Mahāmoha (große Verblendung), Tāmasa (der Finstere), Krīḍā (Spiel) und ein vierter — großgestaltig, sanft von Antlitz, lächelnd, mit Armreifen geschmückt, gelbe Seide tragend, mit Halsketten und Fußringen versehen, in Reif-Staub-farbenem Weiß, Schwert und Fangschlinge in Händen haltend.]

sarveṣām aṅgamantrāṇāṃ dhyānaṃ sāmānyam īritam │ madbhāvāṅgasametānāṃ devānām api vāsava ‖94‖ yāḥ purastān mayā proktā darśayet tā yathāyatham │ ekākaraḥ[?] samastā vā devīr etā bhajan naraḥ ‖95‖ yathāmati yathotsāhaṃ yujyate parayā śriyā │ etāś catasras tanvyo me bhagavatkiraṇātmikāḥ ‖96‖ yābhiḥ sa bhagavān devaḥ pūrṇarūpo'vatiṣṭhate │ ekaikasyām asaṃkhyātāḥ śaktayas tattadātmikāḥ ‖97‖ anantaparivārās tā iti śaktimayaṃ jagat │ āsāṃ catasṛṇām ekāṃ śrutīnāṃ[?] parameśvarīm ‖98‖ mūlabhūtāṃ parāṃ hṛtāṃ[?] viṣṇos taddharmadharmiṇīm[?] │ sarvaśaktimayīṃ tāṃ māṃ śakticakrasya nāyikām ‖99‖ prakāśānandayor antar anubhūtām anusmaret │ saṃśliṣṭobhayāntaḥsthāṃ sabhyamārgānuvartinīm ‖100‖ [V. 101–102 stark beschädigt]

Für alle Glied-Mantras wurde eine gemeinsame Meditationsweise dargelegt, o Vāsava, [ebenso] für die Gottheiten, die mit meinem Wesen als Gliedern verbunden sind. Diejenigen [Gestalten], die zuvor von mir genannt wurden, soll man der Reihe nach zur Schau bringen; ob einzeln oder alle zusammen — wer diese Göttinnen verehrt, dem wird, je nach Vermögen und Eifer, höchster Glanz zuteil. Diese meine vier zarten Gestalten sind gleichsam Strahlen des Erhabenen, durch die jener erhabene Gott in seiner vollen Gestalt gegenwärtig ist; in jeder Einzelnen [von ihnen] sind unzählige Kräfte von eben jener Wesensart. Ihre Gefolgschaften sind endlos — so besteht die Welt ganz aus [göttlicher] Macht. Von diesen Vieren [meditiere man] auf die eine höchste Gebieterin — die Wurzelgrundlage, die Höchste, die innig mit Viṣṇu verbundene[?], seine Eigenschaft mit ihm teilende[?] —, mich, die aus aller Macht Bestehende, die Herrin des Kreises der Kräfte (śakticakra). Man gedenke ihrer als der zwischen Erleuchtung (prakāśa) und Wonne (ānanda) innerlich Erfahrenen, die, mit beiden engstens verbunden, in ihrem Innern west, dem geziemenden Pfad folgend.

[Anm.: V. 101–102 sind im Original stark beschädigt; sie scheinen eine nach Westen gewandte, auf Sonne und Mond bezogene Meditationshaltung zu betreffen, lassen sich im Einzelnen aber nicht sicher rekonstruieren.]

[V. 103–109, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Śrī kündigt eine den [sechzehn] Göttinnen gemeinsame Geste (mudrā) an und beschreibt in stark technischer, teils beschädigter Sprache deren genaue Fingerhaltung: die Hände einander zugewandt, Ring- und kleiner Finger verschränkt, die vier Finger frei in der Handinnenfläche, die Daumen gerade gestreckt und an den Rändern ausgebreitet, die Zeigefinger ringartig gekrümmt, die Mittelfinger aneinandergelegt und aufgerichtet, bis zum Handgelenk eng zusammengeführt.]

kuryād vikasitaṃ caiva mudre vṛtrasūdana │ mahāyony-abhidhānā ca trilokajananī parā ‖110‖ vīryā sā sarvakāmebhyo yadi yojitā[?] │ atrānuṣṭhānayuktā strī baddhā dūrāt pradarśyeta ‖111‖ munīnāṃ gatasaṅgānāṃ kṣobhaṃ janayate kṣaṇāt │ puruṣo'py abhiyukto vā darśayed yoṣitāsu ca ‖112‖ nivṛttakāmadharmāsu cāpi vā [muniḥ][?] │ kṣubhyanti madanārtās tāḥ sakāmāyās tu kā kathā ‖113‖ eṣā sādhāraṇī mudrā sarvāsām api vāsava │

Man forme diese Geste (mudrā) sich entfaltend, o Vṛtra-Bezwinger [Indra] — sie trägt den Namen „Mahāyoni“ [der große Ursprungsschoß], die höchste Mutter der drei Welten. Wenn sie mit [voller] Kraft auf alle Wünsche hin eingesetzt wird[?] — zeigt man sie, in dieser Übung geübt, einer gebundenen Frau von ferne, so erregt sie augenblicklich auch losgelöste Weise. Auch ein Mann, der [darin] geübt ist, mag sie Frauen zeigen. Selbst bei solchen, deren Verlangen und Leidenschaft [bereits] erloschen sind, oder bei einem[?] Weisen, geraten sie, von Liebesqual ergriffen, in Erregung — wie erst jene, die schon von Verlangen erfüllt sind! Dies ist die allen [sechzehn Göttinnen] gemeinsame Geste, o Vāsava.

[Anm.: Dieser Abschnitt dokumentiert eine im Lakṣmī-Tantra überlieferte Geheim-Mudrā, der eine unmittelbare erotische Wirkkraft zugeschrieben wird – ein Motiv, das an die in Kap. 43 geschilderte Verehrung der Frau als Erscheinungsform der Göttin anknüpft, hier jedoch als magisch-rituelles Machtmittel und nicht als ethische Lehre dargestellt wird. Der Text selbst bewertet die geschilderte Wirkung nicht moralisch; die Übersetzung gibt ihn dokumentarisch und unzensiert wieder, ohne die geschilderte Praxis zu befürworten. Wie in Kap. 43 zeigt sich hier die Ambivalenz tantrischer Geheimtraditionen zwischen der Verehrung des Weiblichen als göttlich und seiner Instrumentalisierung als Objekt ritueller Machtausübung.]

[V. 114–119, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgt die Beschreibung einer zweiten, „alle Wünsche gewährenden“ Geste (mudrā) für die sechzehn Diener (anucara) der Göttinnen — wiederum in technischer Fingerhaltungssprache: beide Hände gelöst, Zeigefinger- und kleine-Finger-Paare abwärts gerichtet, Mittel- und Ringfinger paarweise gehalten, die Nagelspitzen der Mittelfinger einander berührend, die Handflächen nach oben gewandt, mit gleichmäßig gehaltenen Zeigefingern, die Daumen herabhängend und nach unten gerichtet, die beiden Hände voneinander entfernt gehalten – für jede der sechzehn Figuren mit ihrem jeweils eigenen Mantra zu vollziehen.]

itthaṃ saparivārābhis tāṃ māṃ catasṛbhir yutām[?] ‖120‖ etāḥ pradhānabhūtās tāś catasraḥ parikīrtitāḥ │ vibhūtibhir upāsyaivaṃ mamaivānte samaśnute[?] ‖121‖ vibhūtayo hy anantā me [bhavanti vastuvikalpena saṃśrayāt][?] ‖122‖ iti me mūrtimantrāṇām aṅgamantrādibhiḥ saha │ kathitas te samuddeśaḥ sādhanādīni me śṛṇu ‖123‖

So [wurde] ich, [begleitet] von den Gefährtinnen, zusammen mit meinen vier [Gestalten mitgeteilt][?]. Diese vier sind als die hauptsächlichen [Gestalten] gepriesen; durch [ihre] Manifestationen (vibhūti) derart verehrt, gehen sie [alle] letztlich in mich ein[?]. Meine Manifestationen sind endlos, [gemäß] der Vielfalt der Dinge, an die sie sich binden[?]. So wurde dir dieser Abriss meiner Gestalt-Mantras samt ihren Glied-Mantras und dem übrigen mitgeteilt; höre nun von mir die Vollzugsweisen (sādhana) und das Weitere.

[Anm.: Die Verse 120–122 sind im Original stark verderbt, und die Zeilenfolge in der OCR-Vorlage ist möglicherweise durch einen Spaltensprung durcheinandergeraten; die Übersetzung gibt daher nur den ungefähren Sinn wieder. Klar erkennbar ist die abschließende Formel, mit der Śrī den Abriss (samuddeśa) dieses Kapitels beschließt und die im folgenden Kapitel behandelten Vollzugsvorschriften (sādhana) ankündigt.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre mūrtiprakaraṇaṃ nāma pañcacatvāriṃśo'dhyāyaḥ

So endet im Kern des heiligen Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das fünfundvierzigste Kapitel, betitelt „Die Abhandlung von den Gestalten“.

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