Paṭala 24: Caturviṃśo 'dhyāyaḥ (Tāraprakāśaḥ)
Vierundzwanzigstes Kapitel (Darlegung des Tāra/Oṃ)
Eines der doktrinell zentralsten Kapitel des bisher übersetzten Textes: die klassische Gleichsetzung der vier Bestandteile der heiligen Silbe Oṃ (a, u, m, bindu) mit den vier Vyūha-Gestalten (Aniruddha, Pradyumna, Saṅkarṣaṇa, Vāsudeva; V. 8) sowie die Lehre von einer die vierfache Gliederung noch übersteigenden, höchsten Śakti als „Raum jenseits des Klangs“ (V. 9–12) — dieselbe Lehre, die u.a. auch die Ahirbudhnya-Saṃhitā bezeugt. Der anschließende, sehr lange technische Teil (V. 13–73: grammatische Sandhi-Erklärung, Mātrā-Triaden-Korrelationen, das Prāsāda-Mantra, Regeln zur Silbenkorrektur von Mantras) ist im verfügbaren OCR-Scan durchgehend stark beschädigt und wurde, dem in den vorangehenden Kapiteln etablierten Vorgehen folgend, als dokumentierte Sammel-Einheit referiert. Die traditionelle Sanskrit-Kommentierung (u.a. ein Pāṇini-Sandhiregel-Verweis) diente ausschließlich der faktischen Orientierung, nie als Übersetzungshilfe.
Das höchste Brahman, der höchste Ort, das unvergleichliche höchste Licht: das Lakṣmī-Nārāyaṇa-Brahman, frei von jeder Art von Makel, unbefleckt. Der Eine, der all dies durchdrungen hat, besteht als sein eigenes großes Licht; [die höchste Rede/Kraft (?) dieses Brahman trägt/wirkt — der zweite Halbvers ist im Scan zu unsicher für eine verlässliche Übertragung].
[Anm.: Eröffnung des Kapitels über den Praṇava (Oṃ) mit einer Anrufung des transzendenten Lakṣmī-Nārāyaṇa-Brahman.]
Zum Wohl aller Lebewesen durch ihre eigene Māyā hervortretend, zum Śabdabrahman geworden, [nimmt sie] die Gestalt von Mātṛkā und Mantra an. Ich bin alles in Mantra-Form, dem jeweils zu Bezeichnenden entsprechend; zuerst in der Gestalt des Tāra [der Silbe Oṃ, wird sie dargestellt].
[Anm.: Übergang zur eigentlichen Praṇava-Lehre; die zweite Vershälfte von V.4 ist im Scan zu beschädigt für eine sichere Übertragung.]
[Anm.: Dieser kurze, im Scan unsichere Abschnitt beschreibt das technische Verfahren, wie die Silbe Oṃ aus ihren Bestandteilen „herausgezogen“ (samuddharet) wird — offenbar unter Bezug auf Artikulationsorte oder Bestandlaute (a, u, m) —, gefolgt von deren Verbindung zu einer Einheit und deren weiterer Schmückung durch Bindu (Nasalierungspunkt) und Nāda (Resonanzton). Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der Textbeschädigung verzichtet.]
aniruddhas tv akāro 'tra pradyumnaḥ pañcamaḥ svaraḥ │ saṅkarṣaṇo makāras tu vāsudevas tu bindukaḥ ‖ 8 ‖
Hier ist Aniruddha der Laut A; Pradyumna ist der fünfte Vokal [U]; Saṅkarṣaṇa aber ist der Laut M; Vāsudeva aber ist der Bindu [der Nasalierungspunkt].
[Anm.: Die klassische, in mehreren Pāñcarātra-Saṃhitās (u.a. der Ahirbudhnya-Saṃhitā) bezeugte Gleichsetzung der vier Bestandteile der Silbe Oṃ (a, u, m, bindu) mit den vier Vyūha-Gestalten — einer der zentralsten und am klarsten lesbaren Verse dieses Kapitels.]
Doch die Einteilung in diese Vier reicht nach [der Erkenntnis] der Weisen nicht weiter [als bis hierher]; das, was der höchste Gipfel/die letzte Grenze des Nāda (Resonanztons) ist, gilt als die höchste Herrin selbst. Jene Śakti ist die höchste, feinste, genannt „der Raum jenseits des Nāda“; fein, aus Śabdabrahman bestehend, alldurchdringend. Wenn der Nāda zur Ruhe kommt, wird die Manifestation von selbst offenbar/deutlich — jenes Licht ist das höchste Brahman, genannt Lakṣmī-Nārāyaṇa. Dies ist dir der vaiṣṇavische, höchste personale Ort dargelegt worden; friedvoll ist eben diese seine Gestalt, sein Wesen frei von jeder Trübung.
[Anm.: Kulmination der Praṇava-Lehre: jenseits der vierfachen Vyūha-Gliederung (a/u/m/bindu) steht die höchste, undifferenzierte Śakti selbst als „Raum jenseits des Klangs“ — mit dem transzendenten Lakṣmī-Nārāyaṇa-Brahman gleichgesetzt.]
[Anm.: Der sehr lange restliche Teil des Kapitels (60 weitere Verse) ist im verfügbaren Scan durchgehend stark beschädigt und behandelt hochtechnische Themen der Mantra-Phonetik: eine grammatische Erklärung der Entstehung von Oṃ aus Visarga/a+u über die Sandhi-Regel (guṇa/pūrvarūpa, vgl. Pāṇini 6.1.113 „ato ror…“, hier faktisch als Fußnote der Quelledition referenziert, nicht als Übersetzungshilfe verwendet); eine Zuordnung der drei mātrās (Vokal-Zeiteinheiten) von Oṃ zu zahlreichen Dreiheiten (drei Veden, drei Guṇas, drei Welten, drei Götter, drei Vyūhas, drei Vokal-Laute) sowie einer vierten, makellosen „halben Mātrā“ (ardhamātrā); die Konstruktion eines weiteren zentralen Pāñcarātra-Mantra, des sogenannten „Prāsāda“-Mantra, aus der Verbindung der Laute ha und o (V. 51–52, als Zuflucht für Unwissende wie Wissende, als Boot für die zum jenseitigen Ufer Strebenden, als „Klumpen/Inbegriff aller Tattvas“ beschrieben); und abschließend technische Regeln zur Korrektur von Mantras mit zu wenigen (nyūnākṣara) oder zu vielen (sphītavarṇya) Silben. Aufgrund der durchgehend starken Textbeschädigung wird auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion verzichtet und stattdessen der erkennbare Lehrgehalt zusammenfassend referiert.]