Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 40: Catvāriṃśo 'dhyāyaḥ (Niyamavidhiprakāśaḥ) Vierzigstes Kapitel (Erhellung der Regel der Observanz)

Sehr langes Kapitel (119 Verse): lehrt zunächst die Weihe und Meditation der Gebetskette (akṣamālā) als Sitz der Göttin in Tārikā-Gestalt, die fünf Bewusstseinszustände in der Japa-Praxis und die Glocken-Verehrung (Ghaṇṭā = Vāgīśī/Sarasvatī); es folgt ein ausführlicher Feueropfer-Abschnitt (Kuṇḍabau, Araṇi-Feuerentfachung, Viṣvaksena-, Lokapāla- und Ahnenverehrung); den Abschluss bildet eine bemerkenswert freizügige Lehre über die Anpassbarkeit des Ritus an Zeit, Ort und Mittel (bis hin zur bloßen gedanklichen Verehrung) sowie eine ökumenische Yoga-Lehre, die den vollendeten Yogi zugleich als Sāṃkhya-Anhänger, Yogī, Sāttvata und Pāśupata kennzeichnet.

[Indra:] namas te vārisaṃbhūte namas te padmasaṃbhave │ prakāraṃ akṣamālāyāḥ pratiṣṭhāyā vada[?] ‖ 1 ‖ [Śrī:] sādhitām akṣamālāṃ tu sthāpayed bhājane śubhe │ pūjayitvārghyapuṣpādyais tasyāḥ śuddhiṃ samācaret ‖ 2 ‖ [...] caturbhujām anaupamyāṃ manmayīṃ nānyacāparām[?] │ varadābhayahastāṃ ca baddhāñjalikaradvayām[?] ‖ 4 ‖ brahmadvārāmbujajanmasthāṃ devīṃ dhyāyec chikhopamām │ tāṃ parāṃ vaiṣṇavīṃ śaktiṃ sanmayīṃ madabhedinīm ‖ 5 ‖ dvādaśānte vicintyātha kramād dhyāyed dhṛdambuje │ hṛtpadmād utthitāṃ bhūyo brahmarandhrān nirgatām ‖ 6 ‖ śanaiḥ śanair alasantīṃ mālāsthāṃ tāṃ vicintayet │ aṅgopāṅgakramopetāṃ sthūlasūkṣmaparātmikām ‖ 7 ‖ māṃ dhyāyet tārikākārāṃ tatra śaktau sureśvara │ maṇīn sūtraṃ tathā mālāṃ mālāsthāṃ vaiṣṇavīm api ‖ 8 ‖ ekārṇavīkṛtaṃ sarvaṃ māyāṃ dhyāyet sureśvara │ mayā dattāṃ vibhāvyainām[?] saṃskṛtām akṣamālikām ‖ 9 ‖

[Indra:] Verehrung dir, du Wassergeborene, Verehrung dir, du Lotosgeborene! Sage mir die Art der Weihe der Gebetskette (akṣamālā). [Śrī:] Die fertiggestellte Gebetskette lege man in ein reines Gefäß; nachdem man sie mit Opferwasser, Blumen usw. verehrt hat, vollziehe man ihre Reinigung. [...] Vierarmig, unvergleichlich, ganz aus mir selbst bestehend, keine andere; mit den Händen die Gabenspende- und Furchtlosigkeits-Geste zeigend, die beiden anderen zum Gruß gefaltet; man betrachte die Göttin, im am Brahma-Tor [dem Scheitelkanal] entsprungenen Lotos weilend, flammengleich – jene höchste vaiṣṇavische Macht, vom wahren Sein erfüllt, von mir ungetrennt. Nachdem man sie zunächst am Dvādaśānta [zwölf Fingerbreiten über dem Scheitel] erschaut hat, meditiere man der Reihe nach über den Herzlotos, [sie sehend], wie sie aus dem Herzlotos aufsteigt und wiederum durch das Scheitelloch (brahmarandhra) hervortritt; sanft, sanft schwingend, in der Gebetskette weilend – so betrachte man sie, mit der Ordnung von Glied und Nebenglied versehen, von grober, feiner und höchster Wesensart zugleich. Man betrachte mich, o Herr der Götter, in Gestalt der Tārikā dort in jener Macht [der Kette]; ebenso die Perlen, die Schnur und die Kette selbst als die in ihr weilende vaiṣṇavische Macht. Man betrachte, o Herr der Götter, alles durch Māyā zu einem einzigen Ozean gemacht; sich diese von mir gegebene, geweihte Gebetskette vorstellend.

[Anm.: Beginn des 40. Kapitels, das an die Gebetsketten-Materialkunde aus Kap. 39 anschließt und deren rituelle Weihe sowie die zugehörige Meditation lehrt: die Gebetskette wird als Sitz der Göttin selbst in ihrer Tārikā-Gestalt (der Silbe Oṃ) erschaut.]

[V. 10–29, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgt eine technische Anweisung zur eigentlichen Mantra-Wiederholung (japa) mit der geweihten Kette: die fünf Bewusstseinszustände (Tiefschlaf, Traum, Wachen, der „vierte“ Zustand turīya und der „den vierten übersteigende“ turyātīta) werden den Teilen von Kette, Mantra-Silben und Vollzugsweise zugeordnet; die Göttin wird als aus dem Herzlotos durch den Mund hervorgehende, tonhafte Macht erschaut, aus der die Mantras gleichsam wie Kälber zur Mutterkuh eilen. Anschließend folgt eine Lehre über die rituelle Glocke (ghaṇṭā): sie wird mit der Sprachgöttin Vāgīśī-Sarasvatī gleichgesetzt, achtarmig, mit Rosenkranz, Buch, Furchtlosigkeits- und Gabengeste in den Händen, lotosthronend, gelb-weiß gekleidet; da in ihr, der „Mantra-Mutter“, alle Mantras wohnen wie das Sagbare in der Sprache, gilt die Regel: „Man verehre nicht ohne die Glocke, und man verehre auch nicht die Glocke allein“ – ihr Klang begleitet Einladung, Opferwasser, Speiseopfer, Honigtrank und Gnadenerweis.]

[V. 30–99, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]

[Anm.: Es folgt ein sehr ausführlicher Feueropfer-Abschnitt (homa): Bau der Feuergrube (kuṇḍa) in einer der Opferzahl entsprechenden Größe (von zwölf Fingerbreiten bei hundert Opferungen bis zu acht Ellen bei einer Million), viereckig, lotosförmig oder dreieckig mit drei Umrandungen; Entfachung des Feuers mittels der beiden Reibhölzer (araṇi), die als die Macht (unteres Holz) und als Hari, „von allem Glanz erfüllt“ (oberes Holz), gedeutet werden – das neu entfachte Feuer wird sodann, einem neugeborenen Kind gleich, rituell „benannt“ und mit lebenszyklischen Riten (Scheitellocken-Schnitt, Nahrungs-Erstgabe, „Vermählung“ der Göttinnen Svāhā und Svadhā mit dem Feuergott) behandelt; es folgen genaue Opferzahlen (108, deren Hälfte, Viertel usw.), die Anordnung von Grenzstreifen, Aschehaufen im Norden, Sprenggefäß, Löffeln, Ghee-Topf, Reinigungshandlungen mit Kuśagras und wiederholte Anrufungs- und Opferformeln mit der Tārikā. Nach dem Feueropfer folgt die Verehrung des Heerführers Viṣvaksena (vierarmig, gelbgewandet, Keule und Schwert tragend) mit Speiseopfer, sodann die acht Weltenhüter (lokapāla) und schließlich ein Ahnenopfer (pitṛyajña) mit drei Reisball-Gaben (piṇḍa) für die Vorfahren.]

svādhyāyam abhyasyed dinaśeṣaṃ vicakṣaṇaḥ │ caturvidhāni śāstrāṇi tadutthaṃ tārikādikam ‖ 100 ‖ [...] sandhyām upāsya vidhivad abhigamya[?] ca māṃ dhiyā │ yogaṃ yuñjīta vidhivac chāstraśuddhena cetasā ‖ 102 ‖ [...] vidhānasya tu saṃkṣepaṃ punar asya nibodha me │ saṃkṣepavistare kuryād deśakālānurūpataḥ ‖ 104 ‖ naiva kuryād apacchedaṃ yajed añjalinā api mām │ yajetobhau saheivāvāṃ sūktena puruṣeṇa tu ‖ 105 ‖ tathā madīyasūktena tābhyāṃ vā nau yajet pṛthak │ sthāne vā sarvamantrāṇāṃ tārikām eva yojayet ‖ 106 ‖ [...] na tv eva lopayed yāgam api dvyañjalim[?] ‖ 108 ‖ tārikāṃ vāpy adhīyīta dravyābhāve vicakṣaṇaḥ │ manasā bhāvayed rūpaṃ yat tasyā yādṛśaṃ ca yat ‖ 109 ‖

„Der Kluge übe während des restlichen Tages das Studium der heiligen Schriften (svādhyāya): die vier Arten der Lehrschriften und was daraus, angefangen bei der Tārikā, hervorgeht. [...] Nachdem er die Dämmerungs-Andacht (sandhyā) vorschriftsmäßig verrichtet und mich in Gedanken aufgesucht hat, übe er vorschriftsmäßig Yoga, mit durch die Lehrschrift gereinigtem Geist. [...] Nun höre von mir wiederum die verkürzte Fassung dieser Vorschrift: man vollziehe [den Ritus] in verkürzter oder ausführlicher Form, wie es Ort und Zeit erfordern. Man unterlasse die Verehrung niemals gänzlich – man verehre mich auch nur mit gefalteten Händen; man verehre uns beide zusammen mit dem Puruṣasūkta, oder ebenso mit meinem eigenen Sūkta [dem Śrīsūkta], oder verehre uns damit getrennt; oder man setze an die Stelle aller Mantras einfach die Tārikā allein. [...] Man unterlasse den Opferdienst niemals gänzlich – und sei es auch nur mit einer doppelten Handvoll [Blumen]. Bei Mangel an Opfersubstanzen mag der Kluge auch nur die Tārikā rezitieren und sich im Geiste ihre Gestalt vorstellen, wie auch immer diese beschaffen sei.

[Anm.: Bemerkenswert freizügige, dem berühmten Bhagavadgītā-Vers (9.26, „ein Blatt, eine Blüte, eine Frucht, Wasser …“) verwandte Lehre: die aufwendige Ritual-Vorschrift wird ausdrücklich als an Ort, Zeit und Mittel anpassbar erklärt; im äußersten Fall genügt die bloße gedankliche Anrufung.]

[...] abhrīṣomayoḥ[?] hitvā panthānau sārvalaukikau │ tayor antaram āviśya mārgam ūrdhvaṃ samācaret ‖ 112 ‖ kleśadagdhadrumaughaḥ[?] śīto bhūto nirāmayaḥ │ sthūlasūkṣmaparātītapadāc chāntividhāyakaḥ ‖ 113 ‖ paśyañ śṛṇvan spṛśañ jighran gacchan spandan[?] │ prajalpan visṛjan gṛhṇann unmiṣan nimiṣann api ‖ 114 ‖ acalann eva tat sarvaṃ madbhūto hy anidaṃmayaḥ │ avasthādeśakālādyais tattvasmṛtyā akhilaiḥ ‖ 115 ‖ [...] antar vartamāno hi sūryācandramasor dvayoḥ ‖ 116 ‖ avyaktasaṃjñe vai tasmin dhruvasthāne niveśayan │ manaḥ samyagbhāvasaṃsthaḥ svasaṃmitam[?] ‖ 117 ‖ evaṃ yo vartate yogī tārikām ananyodyataḥ[?] │ sa karmaṭhaḥ sa vai sāṃkhyaḥ sa yogī sa ca sāttvataḥ │ sa ca pāśupato jñeyaḥ sarvasiddhāntagaś ca saḥ ‖ 118 ‖ ity evaṃ te mayodiṣṭo madbhāvaḥ pāramārthikaḥ │ śṛṇu doṣam adoṣaṃ me yat te kiṃcid vivakṣitam ‖ 119 ‖

[...] Nachdem man die beiden allen Menschen gemeinsamen Pfade von Sonne und Mond [die Atemkanäle Prāṇa und Apāna] verlassen und den Zwischenraum zwischen ihnen betreten hat, wandle man den Pfad nach oben [durch die Suṣumnā]. Nachdem man die Ansammlung der Leiden wie [dürre] Bäume verbrannt hat, wird man kühl, krankheitsfrei, gelangt zu der Stätte jenseits von Grobem, Feinem und Höchstem, die Frieden schenkt. Ob sehend, hörend, berührend, riechend, gehend, sich regend, sprechend, loslassend, ergreifend, die Augen öffnend oder schließend – ohne sich im Innersten je zu bewegen, ist man in all dem ganz von mir erfüllt, nicht mehr mit „diesem“ [der Welt] identifiziert, durch die stete Erinnerung an die Wahrheit in jedem Zustand, Ort und jeder Zeit; man weilt inmitten von Sonne und Mond [in vollkommenem Gleichgewicht von Ein- und Ausatem]. Indem man den Geist recht in jener als „unentfaltet“ bezeichneten, unwandelbaren Stätte verankert, in vollkommener Gleichmut verweilend. Der Yogī, der so lebt, einzig der Tārikā hingegeben, ist zugleich ein rechter Ritualist, ein Sāṃkhya-Anhänger, ein Yogī und ein Sāttvata [Pāñcarātrin]; er ist auch als Pāśupata zu erkennen – er gehört jeder [philosophischen] Lehrrichtung an. So habe ich dir mein wahres, letztgültiges Wesen verkündet. Höre nun von mir, was für dich an Fehlerhaftem und Fehlerlosem noch zu sagen ist.“

[Anm.: Bemerkenswert ökumenischer Kapitelabschluss: der vollendete Yogī, der einzig der Tārikā (Oṃ) hingegeben ist, wird ausdrücklich zugleich als Sāṃkhya-Anhänger, Yogī, Sāttvata (Pāñcarātrin) UND Pāśupata (Śaiva-Asket) bezeichnet – eine explizite Anerkennung, dass die höchste Erfahrung alle philosophischen Schulrichtungen der Zeit übersteigt bzw. vereint.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre niyamavidhiprakāśo nāma catvāriṃśo 'dhyāyaḥ

So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das vierzigste Kapitel, betitelt „Erhellung der Regel der Observanz“.

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