Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 27: Saptaviṃśo 'dhyāyaḥ (Sadācāraprakāśaḥ) Siebenundzwanzigstes Kapitel (Darlegung des rechten Verhaltens)

Das Kapitel beginnt mit einer Fortsetzung der Tārikā-Metaphysik und -Soteriologie (fünf Frucht-Ebenen: weltlich, vedisch, bis Prakṛti, bis Vyomeśa, bis zur Erlösung) sowie einer knappen Beschreibung des Initiationsrituals, geht dann aber zu einer Aufzählung allgemeiner Tugend- und Verhaltensregeln (sadācāra) über und schließt mit einer bemerkenswert respektvollen Weisung zum Umgang mit Frauen (V. 41–47): männliche und weibliche Erscheinungsform werden als gleichwertige Manifestationen des göttlichen Paares Lakṣmī-Nārāyaṇa erklärt, und es wird ausdrücklich verboten, Frauen — auch solche mit körperlichen Beeinträchtigungen — zu schmähen. Diese Passage wurde bewusst vollständig übersetzt, auch weil sie in bemerkenswertem Kontrast zu anderen, hierarchisierenden Stellen des Textes steht (vgl. Kap. 21, 23). Die stark beschädigten technischen Mittelabschnitte wurden, dem etablierten Vorgehen folgend, als dokumentierte Sammel-Einheiten referiert.

namas tubhyaṃ jagannāthe puṇḍarīkākṣavallabhe │ aśeṣajagadīśāne sarvajñe sarvabhāvini ‖ 1 ‖ śrutam etan mayā samyag vidyānāṃ tattvam uttamam │ bhūyaś ca tārikāyā me vidhiṃ vyākhyātum arhasi ‖ 2 ‖

Verehrung dir, Herrin der Welt, Geliebte des Lotosäugigen, Gebieterin der gesamten Welt, Allwissende, alles Hervorbringende! Ich habe nun wohl das höchste Wesen der Vidyās vernommen; doch mögest du mir noch einmal das rituelle Verfahren der Tārikā erklären.

[V. 3–14, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext]

[Anm.: Dieser Abschnitt wiederholt und vertieft, im Scan stark beschädigt, die bereits aus Kap. 24–26 bekannte Metaphysik der Tārikā (Paravyoma, Lakṣmī-Nārāyaṇa als höchstes Licht, Śrīs Selbstidentifikation als dessen „Aufblitzen“/unmeṣa). Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der Textbeschädigung verzichtet.]

[V. 15–24, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext]

[Anm.: Dieser Abschnitt beschreibt — soweit erkennbar — fünf verschiedene „Formen“ (rūpāṇi) der Tārikā, denen unterschiedliche Frucht-Ebenen entsprechen: eine weltliche Vollkommenheit (laukikī siddhi), eine vedisch-rituelle (vaidikī), eine bis zur Prakṛti reichende, eine bis zum Vyomeśa (dem höchsten Herrn des Paravyoma) reichende, und schließlich — als höchste Frucht — die Erlösungs-Herrlichkeit (mokṣaśrī). Die genaue Wortfolge ist im verfügbaren Scan nicht mehr zuverlässig zu rekonstruieren.]

[V. 25–29, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext]

[Anm.: Beschreibung des Initiationsrituals: der Lehrer (ācārya) vollzieht zunächst eine Hand-/Körper-Auflegung (nyāsa) an sich selbst, installiert das Mantra sodann im Körper des Schülers, unterweist ihn im Mantra, verankert es im Herzen des Schülers mit hingebungsvoller Gesinnung und im eigenen Herzen; all dies wird der Weihe (dīkṣā) und Salbung vorangestellt. Der kundige Schüler soll dem Lehrer, wie es ihn zufriedenstellt, sich selbst, seinen Besitz oder eine angemessene Ehrengabe (dakṣiṇā) darbringen. Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der Textbeschädigung verzichtet.]

vaidike ca samācāre laukike ca vyavasthite │ apramādyan sadācāryaḥ gurūṣu brāhmaṇeṣu ca ‖ 30 ‖ […] nityam ātmaguṇopeto dharmalakṣaṇasevakaḥ ‖ 31 ‖ saṃskāraiḥ saṃskṛtaḥ śubhair devapitṛtithikriyaḥ │ divyaśāstrāṇy adhīyānaḥ nigamāṃś caiva vaidikān ‖ 32 ‖

Unermüdlich sowohl im vedisch vorgeschriebenen als auch im weltlich üblichen rechten Verhalten, stets achtsam gegenüber Lehrern und Brahmanen; stets mit eigenen guten Eigenschaften ausgestattet, ein Diener der Merkmale des Dharma; durch die heilsamen Saṃskāras geweiht, den Göttern, Ahnen und Gästen in seinem Handeln zugewandt, die göttlichen Schriften wie auch die vedischen Überlieferungen studierend —

[Anm.: Beginn des titelgebenden Abschnitts über „rechtes Verhalten“ (sadācāra); V.30 erste Vershälfte im Scan unsicher.]

[V. 33–37, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext]

[Anm.: Fortsetzung der Sadācāra-Aufzählung: unbeirrtes Verfolgen der Siddhānta-Lehre, unverfälschtes Studium der Schriften, ordnungsgemäße Verrichtung der täglichen Riten (āhnika) bei Tag und Nacht, Hingabe an die fünf großen Opfer (pañcayajña), Schmückung durch Selbstbeherrschung und Gewaltlosigkeit (ahiṃsā). Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der Textbeschädigung verzichtet.]

[V. 38–40, Kultivierung der vier „Brahmavihāras“ — Wortlaut im Scan unsicher]

[Er reinigt Geist, Auge und Rede gegenüber allen Wesen], die vier gemütsklärenden [Tugenden] beginnend mit Maitrī (Freundlichkeit) pflegend, nach Frieden strebend, der stillen Rezitation und dem Opfer hingegeben.

[Anm.: Anklang an die aus Yoga- und buddhistischer Literatur bekannten vier Brahmavihāras/Apramāṇas (Maitrī, Karuṇā, Muditā, Upekṣā) als allgemein bekanntes ethisches Schema; der genaue Sanskrit-Wortlaut ist im Scan zu unsicher für eine wörtliche Wiedergabe.]

karmaṇā manasā vācā devadevaṃ janārdanam │ prapannaḥ śaraṇaṃ śaśvan māṃ ca taddharmadharmiṇīm ‖ 41 ‖ uttamaṃ puruṣaṃ strīṃ ca sadṛṣṭvā mām anusmaran │ dampatī pūjayann eva dāsyaṃ cāpy anuvartayan ‖ 42 ‖ śabdasthamarthagaṃ vāpi puṃbhāve vividhātmakam │ strībhāvaṃ viddhi tadrūpaṃ lakṣmīnārāyaṇaṃ smaran ‖ 43 ‖

Mit Tat, Gedanke und Wort auf ewig Zuflucht genommen habend zu Janārdana, dem Gott der Götter, und zu mir, die ich seine [eigene] Wesensart teile; wer den vortrefflichen Mann und die Frau gleichermaßen erblickt und dabei stets an mich denkt, das [göttliche] Paar verehrend und ihm in gebührender Weise dienend — der wisse: jenes vielgestaltige Prinzip, das im Wort wie im Sinngehalt bald in männlicher, bald in weiblicher Erscheinungsweise wohnt, ist ein und dieselbe Gestalt, indem man an Lakṣmī-Nārāyaṇa denkt.

[Anm.: Bemerkenswerte non-duale Geschlechtertheologie: männliche und weibliche Erscheinungsform werden ausdrücklich als gleichwertige Manifestationen desselben göttlichen Paares (Lakṣmī-Nārāyaṇa) erklärt.]

uttamāṃ guṇasampannāṃ rūpayauvanaśālinīm │ askhalitena cittena dṛṣṭvā mām eva cintayan ‖ 44 ‖ sakhīṣu [?] nityam avadann apriyaṃ [na] sadā │ atikramaṃ pariharan saṃjātaṃ cāpy [na] atarkayan ‖ 45 ‖ kṣāntyā [?] strīṇāṃ jāyamānaṃ vyatikramam │ kubjāṃ vā vikalāṃ vāpi sarvavikalāṅgatāṃ gatām ‖ 46 ‖ avinindan strīṇāṃ priyaṃ śāstrānukūlataḥ │ evaṃvṛtto sadācāro naro vigatakalmaṣaḥ ‖ 47 ‖

Auch beim Anblick einer vortrefflichen, mit guten Eigenschaften, Schönheit und Jugend begabten [Frau] soll er mit unbeirrtem Geist einzig an mich denken. Gegenüber [seinen] Vertrauten/Freundinnen niemals Unangenehmes redend, jede Verfehlung vermeidend und über eine geschehene [Verfehlung] nicht nachtragend; mit Geduld den bei Frauen auftretenden Verfehlungen [begegnend] — sei eine Frau bucklig, gebrechlich, oder in allen Gliedern vollständig beeinträchtigt —, Frauen nicht schmähend, sondern ihnen das ihnen gemäß der Lehre Zuträgliche erweisend: ein solcher Mann von solchem Wandel ist frei von Verfehlung.

[Anm.: Eine bemerkenswert respektvolle, gegen Herabsetzung von Frauen — ausdrücklich auch von Frauen mit Behinderungen — gerichtete ethische Weisung; hier bewusst vollständig und unverkürzt wiedergegeben, da sie im Kontrast zu anderen, sozial hierarchisierenden Stellen des Textes (z.B. Kap. 21, 23) steht und dieser Kontrast dokumentiert werden soll. Einzelne Wörter (V.45–46) sind im Scan unsicher und mit [?] markiert.]

madbhakto matpriyakaro madyājī matparāyaṇaḥ │ prāpnoti paramaṃ dhāma tad viṣṇoḥ paramaṃ padam ‖ 48 ‖ iti te kathitā śakra tārikāyāḥ parā sthitiḥ │ vidyānām api cānyāsāṃ kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ‖

Mir hingegeben, mir Liebes erweisend, mir opfernd, mir ganz zugewandt, erlangt [ein solcher Mann] den höchsten Ort, jenen höchsten Schritt Viṣṇus. — So wurde dir, o Śakra, der höchste Zustand der Tārikā mitgeteilt. Möchtest du auch über die anderen Vidyās noch mehr hören?

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre sadācāraprakāśo nāma saptaviṃśo'dhyāyaḥ

So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das siebenundzwanzigste Kapitel, betitelt „Darlegung des rechten Verhaltens“.

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