Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 17: Saptadaśo 'dhyāyaḥ (Rahasyopāyaprakāśaḥ) Siebzehntes Kapitel (Erleuchtung des geheimen Mittels)

Nach Indras Hymnus an die lotusthronende Śrī legt diese zunächst die Wesenseinheit von Vāsudeva-Nārāyaṇa und ihr selbst dar (cāturātmya-Lehre) und beschreibt ausführlich den höchsten Äther/Vaikuṇṭha (Paramavyoma) mit seinen ewig vollendeten Bewohnern (nityasūri) und die dortige Thronszene Nārāyaṇas mit Śrī an seiner Seite. Es folgt die zentrale Erzählung, wie aus Śrīs spontanem Mitleid (kṛpā) für die im Daseinskreislauf leidenden Wesen zunächst die drei Mittel Karma, Sāṅkhya und Yoga durch Viṣṇu eingerichtet wurden, wie Śrī deren Schwierigkeit einwendet, und wie daraufhin das vierte, „geheime“ Mittel offenbart wird: die Zuflucht (śaraṇāgati) allein bei Śrī, mit ihren sechs Gliedern (ṣaḍaṅga) — Entschluss zur Zugewandtheit, Vermeidung der Abgewandtheit, Vertrauen auf Schutz, Wahl Gottes zum Beschützer, Selbsthingabe und Hilflosigkeitsbewusstsein. Eine sehr lange, im Quelltext stark mit traditionellem Sanskrit-Kommentar durchsetzte und daher nur zusammenfassend wiedergegebene Passage erörtert anschließend das Verhältnis dieser Zuflucht zum fortgesetzten vedischen Ritualhandeln, bevor das Kapitel mit dem Vorrang der Zuflucht vor den drei älteren Mitteln schließt.

namaste kamalāvāse jananyai sarvadehinām | gṛhiṇyai padmanābhasya namaste sarasīruhe || 1||

[Indra:] „Verehrung dir, o Bewohnerin des Lotus, der Mutter aller verkörperten Wesen! Der Gemahlin Padmanābhas [Viṣṇus, des ‚Lotus-Genabelten‘], Verehrung dir, o Seerosengeborene!

upāyāste trayaḥ pūrvaṃ kathitā avadhāritāḥ | vyācakṣvāmba caturthaṃ tamupāyaṃ paramāmbuja || 2||

Die drei Mittel wurden mir zuvor von dir dargelegt und sind [von mir] erfasst. Erkläre, o Mutter, jenes vierte Mittel, o höchste Lotusgeborene!“

[Anm.: Ende von Indras Frage; im Folgenden antwortet Śrī.]

eko nārāyaṇo devo vāsudevaḥ sanātanaḥ | cāturātmyaṃ paraṃ brahma saccidānandamavraṇam || 3||

[Śrī:] „Der eine Gott Nārāyaṇa, der ewige Vāsudeva – das höchste Brahman von vierfacher Wesensart, Sein-Bewusstsein-Wonne, makellos [avraṇa].

ekāhaṃ paramā śaktistasya devī sanātanī | karomi sakalaṃ kṛtyaṃ sarvabhāvānugāminī || 4||

Ich bin seine eine, höchste Kraft, die ewige Göttin; ich vollbringe jegliches Werk, allen Daseinszuständen folgend [d.h. sie alle durchdringend].

śāntānantavidānandaṃ yadbrahma paramaṃ dhruvam | mahāvibhūtisaṃsthānaṃ sarvataḥ samatāṃ gatam || 5||

Jenes höchste, feststehende Brahman, das friedvoll, unendlich, von der Natur der Bewusstseins-Wonne ist, in der großen Herrlichkeit [mahāvibhūti] gegründet, hat von allen Seiten her Gleichheit [samatā] erlangt.

tasya śaktirahaṃ brāhmī anantānandavidātmikā [?] | mahāvibhūtiranyā svataḥ samatāṃ gatā || 6||

Ich bin seine Kraft, die Brahma-Kraft, bestehend aus endloser Bewusstseins-Wonne – eine weitere [Gestalt der] großen Herrlichkeit, die von Natur aus zur Gleichheit gelangt ist.

[?: Diese Verszeile ist in der OCR-Vorlage beschädigt und in Analogie zu Vers 5 rekonstruiert.]

āśvāsanāya jīvānāṃ yattanmūrtīkṛtaṃ mahaḥ | nārāyaṇaḥ paraṃ brahma divyaṃ nayananandanam || 7||

Zur Tröstung/Beruhigung der Lebewesen [wurde] jener [ansonsten ungeformte] Glanz [mahas] Gestalt gebend gemacht: Nārāyaṇa, das höchste Brahman, göttlich, die Augen erfreuend.

tadā mūrtimatī sāhaṃ śaktirnārāyaṇī parā | samā samavibhaktāṅgā sarvāvayavasundarī || 8||

Dann [nahm] auch ich Gestalt an, die höchste Kraft, Nārāyaṇī genannt – ihm gleich, mit ebenmäßig verteilten Gliedern, in jedem Teil schön.

tayoḥ paramaṃ vyoma nirduḥkhaṃ padamuttamam [?] | ṣāḍguṇyaprasaro divyaḥ svācchandyādeśatāṃ gataḥ ||

Ihrer beider höchster Äther [vyoman] ist der leidfreie, höchste Aufenthaltsort – die göttliche Ausbreitung der sechs Eigenschaften [ṣāḍguṇya], zu einem Zustand völliger Selbstbestimmtheit [svācchandya] gelangt.

[?: Das erste Wort dieser Zeile ist in der OCR-Vorlage unklar; sinngemäß als ‚ihrer beider [gemeinsamer]‘ rekonstruiert.]

svakarmanirataiḥ siddhairvedavedāntapāragaiḥ | anekajanmasaṃtānaniḥśeṣitakaṣāyakaiḥ ||

[Diesen Ort erreichen] die im eigenen [rituellen] Handeln verharrenden Vollendeten, die den Veda und das Vedānta durchdrungen haben, die durch die Kontinuität vieler Geburten [ihre] Trübungen [kaṣāya] gänzlich aufgezehrt haben,

chedena sadbhiḥ siddhairantarāyātigaiḥ kaiścit | saṃkhyāvidhividhānajñaiḥ sāṃkhyaiḥ saṃkhyānapāragaiḥ ||

durch [des Bandes] Zerschneidung [erlöste] wahrhaftige Vollendete, die die Hindernisse überwunden haben, sowie manche Sāṅkhyins, die die Regeln der rechten Erkenntnisweise kennen und im Erkennen bis ans Ziel gelangt sind,

pratyāhṛtendriyagrāmairdhāraṇādhyānaśālibhiḥ | yogaiḥ samāhitaiḥ śaśvacchairona [?] yadāpyate ||

und durch die im Yoga Gesammelten, die die Schar ihrer Sinnesorgane zurückgezogen haben, in Konzentration [dhāraṇā] und Meditation [dhyāna] geübt sind — durch diese wird [jener Ort] auf Dauer erreicht.

[?: Ein Wort in dieser Zeile ist unklar überliefert.]

asacchidrāḥ pañcakālajñāḥ pañcayajñavicakṣaṇāḥ | puṇyairvardhante dhīrāḥ prāpnuvanti yadañjasā ||

Die Makellosen [asacchidra], die die fünf [Ritual-]Zeiten kennen, die in den fünf [täglichen] Opfern erfahren sind, die Standhaften, durch Verdienste wachsend, erlangen [jenen Ort] mühelos.

yattatpurāṇamākāśaṃ sarvasmāttatparaṃ svayam [?] | yatpadaṃ prāpya tattvajñāḥ mucyante sarvabandhanaiḥ ||

Jener uralte Äther, der von sich aus über allem steht — nachdem sie diesen Ort erlangt haben, werden die Wahrheitskenner von allen Fesseln befreit.

sūryakoṭipratīkāśāḥ pūrṇendudyutisaṃnibhāḥ | yasminpade viśanti sma muktāḥ saṃsārabandhanaiḥ ||

Von der Ausstrahlung zehnmillionenfacher Sonnen, dem Glanz des Vollmonds gleich — in diesen Ort treten die von den Fesseln des Daseinskreislaufs Befreiten ein.

indriyacchidravidyudyotamānāśca sarvataḥ | aniḥṣyandā anāhārā ṣāḍguṇyatanavo'malāḥ ||

Durch die Öffnungen der Sinne von allen Seiten wie Blitze erstrahlend, ohne [stofflichen] Ausfluss, ohne Nahrung, deren Körper aus den sechs Eigenschaften [ṣāḍguṇya] bestehen, makellos —

[Anm.: Beschreibung der befreiten, ‚ewig vollendeten‘ Wesen (nityasūri) im höchsten Äther/Vaikuṇṭha mit ihrem aus reiner Wesenssubstanz (śuddhasattva) bestehenden Leib.]

ekāntino mahābhāgā yatra paśyanti nau sadā | kṣapayitvādhikārānsvānśaśvatkālena bhūyasā ||

— die ausschließlich Ergebenen [ekāntin], die höchst Beglückten, die uns beide dort allezeit erblicken, nachdem sie ihre eigenen [karmischen] Aufgabenbereiche [adhikāra] durch sehr lange, beständige Zeit erschöpft haben.

vedhaso yatra modante śakraḥ saṃpuraṃdaraḥ [?] | sūrayo nityasaṃsiddhāḥ sarvadā sarvadāḥ ||

Dort freuen sich die Ordner [vedhas, wohl Brahmā], Śakra [Indra] mit Puraṃdara, die ewig vollendeten Sūris [nityasūri], allzeit Geber von allem.

vaiṣṇavaṃ paramaṃ rūpaṃ sākṣātkurvanti yatra te | aṣṭākṣaraikasaktānāṃ dvipadākāraṇātmanām [?] ||

Dort schauen sie unmittelbar die höchste vaiṣṇavische Gestalt: [jene,] die einzig dem Achtsilben-[Mantra] ergeben sind, deren Wesen in der zweisilbigen Ursache gegründet ist,

[?: Die zweite Zeile ist unsicher; „aṣṭākṣara“ bezieht sich vermutlich auf das Nārāyaṇa-Aṣṭākṣara-Mantra (oṃ namo nārāyaṇāya).]

ṣaḍakṣaraprasaktānāṃ praṇavāsaktacetasām | jitantāsaktacintānāṃ tārakaniratātmānām ||

[wie auch jene,] die dem Sechssilben-[Mantra] ergeben sind, deren Sinn am Praṇava [Oṃ] haftet, deren Denken an das ‚Jitante‘-[Lobmantra] gebunden ist, deren Selbst dem rettenden [tāraka] Mantra hingegeben ist,

amṛtārāprasaktānāṃ yatpadaṃ vimalātmanām | anantavihagendrādyā viṣvaksenādayo'malāḥ ||

und [jener,] die dem Amṛtāra-[Mantra] ergeben sind, von reiner Seele — dies ist ihr [gemeinsamer] Aufenthaltsort. [Dort weilen auch] Ananta, der Herr der Vögel [Garuḍa] und andere, Viṣvaksena und die übrigen Makellosen.

madājñākāriṇo yatra modante sakalendrāḥ [?] | tatra divyavapuḥ śrīmāndevadevo janārdanaḥ ||

Dort, wo die Vollstrecker meines Befehls samt allen ihren Herrschern sich freuen, dort [thront], von göttlicher Gestalt, der glorreiche Gott der Götter, Janārdana.

anantabhogaparyaṅke niṣaṇṇaḥ puruṣarṣabhaḥ [?] | aiśvaryavīryaśaktitejobalaguṇairyutaḥ [?] ||

Auf dem Lager der Windungen Anantas ruhend, der Erste unter den Wesen, ausgestattet mit den Eigenschaften der Herrschermacht, Kraft, Stärke, Glanz und Macht.

[?: Diese beiden Verszeilen sind in der OCR-Vorlage stark beschädigt; sinngemäß zu einer geschlossenen Aussage zusammengefasst.]

āyudhairbhūṣaṇairdivyairadbhutaiḥ samalaṃkṛtaḥ | pakṣātmanā suparṇena pakṣirājena sevitaḥ ||

Geschmückt mit göttlichen, wunderbaren Waffen und Kleinodien; bedient von Suparṇa [Garuḍa], dem König der Vögel, der ihm gleichsam als [seine] Flügel dient.

sārūpyameyuṣāḥ sākṣācchrīvatsakṛtalakṣaṇāḥ | senānyā sevitaḥ samyagviṣvaksenena dīpyatā ||

[Umgeben von jenen, die] die Gleichgestaltigkeit [sārūpya, eine Form der Erlösung] mit ihm erlangt haben, unmittelbar durch das Śrīvatsa-Zeichen gekennzeichnet; wohl bedient vom Heerführer, dem strahlenden Viṣvaksena.

kṣemāya sarvalokānāmārādhyāya manīṣiṇām | muktaye'khilabandhānāṃ rūpadānāya yoginām ||

[Er thront dort] zum Heil aller Welten, als der von den Weisen zu Verehrende, zur Befreiung von allen Banden, zur Gewährung der [göttlichen] Gestalt-Schau für die Yogins.

āste nārāyaṇaḥ śrīmānvāsudevaḥ sanātanaḥ | sukumāro yuvā devaḥ śrīvatsakṛtalakṣaṇaḥ ||

Dort weilt Nārāyaṇa, der Glorreiche, der ewige Vāsudeva, der zartgliedrige, jugendliche Gott, gekennzeichnet durch das Śrīvatsa-Zeichen,

caturbhujastryakṣaḥ kirīṭī kaustubhaṃ vahan | hāranūpurakeyūrakāñcīpītāmbarojjvalaḥ [?] ||

vierarmig, dreiäugig, gekrönt, den Kaustubha-Juwel tragend; strahlend durch Halskette, Fußspangen, Armreifen, Gürtel und gelbes Gewand,

vanamālāṃ dadhaddivyāṃ pañcaśaktimayīṃ parām | sarvāvayavasaṃpannaḥ sarvāvayavasundaraḥ ||

die göttliche, höchste, aus fünf Kräften bestehende Waldblumengirlande [vanamālā] tragend; an jedem Glied vollkommen, an jedem Glied schön.

svatantro'khilasyāsya viśvasya parameśvaraḥ [?] | kāntasya tasya devasya viṣṇoḥ sadguṇaśālinaḥ ||

[Er ist] der von sich selbst abhängige, der höchste Herr dieses ganzen Universums, jener liebliche Gott Viṣṇu, reich an guten Eigenschaften —

[?: Erste Wortfolge unsicher, sinngemäß als ‚autonomer Herr‘ (svatantra) wiedergegeben.]

dayitā sadā devī jñānānandamayī parā | anavadyānavadyāṅgī nityaṃ saddharmadharmiṇī ||

— dessen stete Geliebte die Göttin ist, von höchster Erkenntnis-Wonne-Natur, untadelig, von untadeligen Gliedern, ewig dem wahren Dharma zugetan.

dvātriṃśatā sahasreṇa ṣaṭtriṃśacchaktibhirāvṛtā | vṛtā taddviguṇābhiśca divyābhiḥ sthitiśaktibhiḥ ||

[Sie ist] umgeben von zweiunddreißigtausend [Kräften] und sechsunddreißig [weiteren] Kräften, umgeben zudem von deren doppelter Zahl an göttlichen, [ihren] Bestand erhaltenden Kräften,

tataśca dviguṇābhiśca pūrṇā saṃvṛtiśaktibhiḥ | nāyikā sarvadevīnāṃ sarvalokamaheśvarī ||

und weiterhin von deren doppelter Zahl umhüllender Kräfte erfüllt — die Führerin aller Göttinnen, die große Gebieterin aller Welten,

mahiṣī devadevasya sarvakāmadughā vibhoḥ | tulyā guṇavayorūpairmanaḥpramathinī hareḥ ||

die Gemahlin des Gottes der Götter, die alle Wünsche gewährt, dem Allmächtigen an Eigenschaften, Alter und Gestalt gleich, die Bezwingerin von Haris Sinn.

taistairanuguṇairbhāvairahaṃ devasya śārṅgiṇaḥ | karomi sakalaṃ kṛtyaṃ nityaṃ taddharmadharmiṇī ||

Durch jene ihm jeweils entsprechenden Weisen [des Wirkens] vollbringe ich für den bogentragenden [śārṅgin] Gott jegliches Werk, stets seinem Dharma zugetan.

sāhamaṅke sthitā viṣṇordevadevasya śārṅgiṇaḥ | ślāghitā tena cāpyantaṃ sāmarasyamupeyuṣī ||

So stehe ich an der Seite Viṣṇus, des bogentragenden Gottes der Götter, von ihm gepriesen und bis zum Äußersten mit ihm zu völliger Einswerdung [sāmarasya] gelangt.

kadācitsarvadehinyāḥ kṛpā me svayamudbhūtā | chidyataḥ prāṇino dṛṣṭvā saṃsārajvalanodare ||

Einst erhob sich mein Mitleid mit allen verkörperten Wesen von selbst, als ich sah, wie die Lebewesen im Bauch des Feuers des Daseinskreislaufs [saṃsāra] zerschnitten wurden.

[Anm.: Hier beginnt die zentrale Erzählung von Śrīs Mitleid (kṛpā), die zur Offenbarung der vier upāyas führt.]

kathaṃ nu ime bhaviṣyanti duḥkhottīrṇāḥ sukhottarāḥ | saṃsārapāramimāṃ māṃ kathaṃ nu prāpnuyuriti ||

‚Wie nur werden diese [Wesen] das Leid überwinden und zur Freude gelangen? Wie nur werden sie das jenseitige Ufer des Daseinskreislaufs – mich – erreichen?‘ – [so dachte ich].

sāhamantaḥ kṛpāviṣṭā devadevamathābruvam | bhagavandevadeveśa lokanātha mama priya ||

Ich, innerlich von Mitleid erfüllt, sprach da zum Gott der Götter: ‚O Herr, Gebieter der Götter der Götter, Beschützer der Welt, mein Geliebter —

sarvāde sarvamadhyānta sarva sarvavṛddhe [?] acyuta | govinda puṇḍarīkākṣa purāṇa puruṣottama ||

— o Anfang, Mitte und Ende von allem, o Alles, o Mehrung von allem, Acyuta, Govinda, Lotusäugiger, uralter Puruṣottama —

dustarāpārasaṃsārasāgarottārakāraṇa | vyaktāvyaktajñakālākhyaklptaprabhāvacatuṣṭaya ||

— o Ursache der Überquerung des unüberwindlichen, uferlosen Ozeans des Daseinskreislaufs, dessen vierfache Macht als das Offenbare, Unoffenbare, [reine] Wissen und die Zeit gestaltet ist —

vāsudeva jagannātha saṃkarṣaṇa jagatprabho | pradyumna subhaga śrīmannaniruddhāparājita ||

— Vāsudeva, Herr der Welt, Saṅkarṣaṇa, Gebieter der Welt, glückverheißender Pradyumna, glorreicher, unbesiegter Aniruddha —

nānāvibhavasaṃsthāna nānāvibhavabhājana | divyajñānoditānandaṣāḍguṇyodayanigraha ||

— o Wohnstatt mannigfacher Herrlichkeiten, Gefäß mannigfacher Herrlichkeiten, dessen Hervortreten und Zurückhalten der sechs Eigenschaften [ṣāḍguṇya] von der aus göttlichem Wissen entstandenen Wonne begleitet ist —

surukkirīṭakeyūrahāranūpurakaustubha | pītāmbara mahodāra puṇḍarīkanibhekṣaṇa ||

— o Träger der prächtigen Krone, der Armreifen, der Halskette, der Fußspangen und des Kaustubha-Juwels, im gelben Gewand, überaus Großmütiger, dessen Augen Lotusblüten gleichen —

caturbhuja caturvyūha śaradindīvaradyute | abhirāmaśarīreśa nārāyaṇa jaganmaya ||

— Vierarmiger, in vier Vyūhas [Erscheinender], strahlend wie eine herbstliche blaue Lotosblüte, Herr des lieblichen Leibes, Nārāyaṇa, dessen Wesen das ganze Universum ist —

amī hi prāṇinaḥ sarve nimagnāḥ kleśasāgare | uttāraṃ prāṇināmasmātkathaṃ na cintayasi prabho ||

— all diese Lebewesen sind ja im Ozean des Leidens [kleśa] versunken; warum, o Herr, bedenkst du nicht [ein Mittel für] die Errettung der Lebewesen aus diesem [Ozean]?‘

ityukto devadevena smayamāno'bravīdidam | aravindāsane devi padmagarbhe surārcite [?] ||

So angesprochen, sagte der Gott der Götter lächelnd dieses: ‚O Göttin auf dem Lotusthron, o Lotus-Entsprungene, von den Göttern Verehrte —

uttārahetavo'mīṣāmahaṃ māyāvihitā mayā | karma sāṃkhyaṃ tathā yoga iti śāstrānyapāśrayāḥ ||

— die Ursachen für die Errettung dieser [Wesen] sind von mir durch [meine] Māyā eingerichtet worden: Handeln [karma], Sāṅkhya und Yoga – diese haben ihre Grundlage in [verschiedenen] Lehrschriften.‘

pratyavocamahaṃ devamidamavyaktapuruṣottamam | devadeva na te śakyāḥ kartuṃ kṛcchreṇa gacchatā ||

Ich erwiderte dem Gott, dem unoffenbaren Puruṣottama, dieses: ‚O Gott der Götter, diese [Mittel] können von einem, der [nur] mit Mühsal vorankommt, nicht vollzogen werden.‘

kālo hi kalayanneva svatantro yadṛcchātmakaḥ [?] | jñānaṃ sattvaṃ balaṃ caiṣāmāyuśca vinicintayati [?] ||

‚Denn die Zeit, unablässig [alles] bemessend, unabhängig, nach eigenem Belieben wirkend, bestimmt fortwährend ihr [der Geschöpfe] Wissen, ihre innere Kraft, Stärke und Lebensdauer.

[?: Diese Verszeile ist in der OCR-Vorlage stark beschädigt; die Übersetzung ist unsicher.]

antaḥkaraṇasaṃsthā hi vāsanā vividhātmikāḥ | tattatkālavaśaṃ prāpya yātayanti rāgiṇaḥ ||

Denn die im inneren Organ [antaḥkaraṇa] angesiedelten, mannigfachen Anhaftungen [vāsanā] quälen, sobald sie in die Gewalt der jeweiligen Zeit geraten, die Leidenschaftlichen.'

udāsīno bhavatyevaṃ prāṇināṃ karma kurvatām | tattatkālānukūlāni tatphalāni prayacchati ||

‚So bleibt [die Zeit] gleichgültig gegenüber den Handelnden, während sie den jeweiligen Zeiten entsprechende Früchte [ihrer Taten] zuteilt.'

yena tvaṃ bata sadrabdhaḥ [?] prāṇinaḥ pāthayiṣyasi [?] | taṃ brūhi tamupāyaṃ me praṇatāyai janārdana ||

‚Durch welches [Mittel] du, o Janārdana, entschlossen die Lebewesen zu führen gedenkst — jenes Mittel nenne mir, die ich mich vor dir verneige.'

ityuktaḥ pratyuvācedaṃ bhagavānusmayanniva | subhru vijānīṣe sarvamevātmano gatam ||

So angesprochen, erwiderte der Erhabene gleichsam lächelnd dieses: ‚O Schönbraue, du kennst ja bereits alles, was dein eigenes Selbst betrifft.'

[Anm.: Übergang zur eigentlichen Lehre des vierten Mittels — der ‚geheimen‘ Zuflucht (śaraṇāgati/prapatti) —, die im Folgenden entfaltet wird.]

māṃ tu jijñāsase devi tathāpi śṛṇu bhāsini | upāyaścāpyapāyāśca ṣāḍguṇyā nirmitā mayā ||

Doch da du mich fragst, o Göttin, so höre gleichwohl, o Strahlende: sowohl das [rechte] Mittel [upāya] als auch die [falschen] Gegenmittel [apāya] wurden von mir mittels der sechs Eigenschaften [ṣāḍguṇya] geschaffen.

vihitā ya upāyāste niḥśreyasakarā matāḥ | adho nayantyapāyāstaṃ ya enānanuvartate ||

Diejenigen Mittel, die [rechtmäßig] eingerichtet sind, gelten als das Heil [niḥśreyasa] bewirkend; die Gegenmittel [apāya] hingegen führen denjenigen, der ihnen folgt, hinab.

ūrdhvaṃ nayantyupāyāstaṃ ya enānanuvartate | upāyāpāyasaṃdhau [?] madhyamāṃ vṛttimāśritaḥ ||

Die [rechten] Mittel führen denjenigen, der ihnen folgt, empor; [wer aber] an der Grenze zwischen Mittel und Gegenmittel steht, hat sich der mittleren Verhaltensweise [madhyamā vṛtti] zugewandt.

devapriye mahādevi namaste paṅkajāsane | ānukūlyāditaḥ bhāvaṃ mama vyācakṣva vistarāt ||

[Indra:] „O dem Gott Liebe, große Göttin, Verehrung dir, die auf dem Lotus Thront! Erkläre mir ausführlich [deinen] Gemütszustand, beginnend mit der ‚Zugewandtheit‘ [ānukūlya].“

ānukūlyamiti proktaṃ sarvabhūtānukūlatā | māmekaṃ śaraṇaṃ prāpya māmevānte samaśnute || ṣaḍaṅgaṃ tasyopāyasya śṛṇu me padmasaṃbhava ||

[Śrī:] „‚Zugewandtheit‘ [ānukūlya] wird genannt: die Zugewandtheit zu allen Wesen [um meinetwillen]. Wer mich allein als Zuflucht erlangt hat, gelangt am Ende zu mir allein. Höre von mir die sechs Glieder [ṣaḍaṅga] dieses Mittels, o Lotusgeborener.

[Anm.: Hier wird ausdrücklich die sechsgliedrige (ṣaḍaṅga) Lehre der ‚Zuflucht‘ (śaraṇāgati) angekündigt — die später in der Śrīvaiṣṇava-Theologie kanonisch gewordene Sechsergruppe der prapatti-Glieder, hier direkt aus dem Wurzeltext eigenständig erschlossen.]

mayīva sarvabhūteṣu dyānukūlyaṃ samācaret | ānukūlyasya saṃkalpaḥ prātikūlyasya varjanam ||

Wie mir gegenüber, so soll man auch gegenüber allen Wesen Zugewandtheit üben. [Das erste Glied ist] der Entschluss zur Zugewandtheit [ānukūlyasaṃkalpa]; [das zweite ist] die Vermeidung der Abgewandtheit [prātikūlyavarjana].

tathaiva prātikūlyaṃ ca bhūteṣu parivarjayet | rakṣiṣyatīti viśvāso goptṛtvavaraṇaṃ tathā ||

Ebenso soll man Abgewandtheit gegenüber [allen] Wesen meiden. [Das dritte Glied ist] die Überzeugung ‚Er wird [mich] beschützen‘ [rakṣiṣyatīti viśvāsa]; ebenso [das vierte,] die Wahl [Gottes] zum Beschützer [goptṛtvavaraṇa].

ātmanikṣepakārpaṇye ṣaḍvidhā śaraṇāgatiḥ | aṅgasāmyasaṃpatteraśakterapi karmaṇām ||

Die Selbsthingabe [ātmanikṣepa] und die Selbst-Erniedrigung/das Hilflosigkeitsbewusstsein [kārpaṇya, das fünfte und sechste Glied] – so ist die Zuflucht [śaraṇāgati] sechsgliedrig, auch angesichts der Unfähigkeit, die Vollständigkeit der [übrigen] Glieder [d.h. der anderen Mittel] zu erreichen.

[Anm.: Die sechs Glieder [ṣaḍaṅga] der śaraṇāgati sind damit vollständig genannt: (1) ānukūlyasaṃkalpa, (2) prātikūlyavarjana, (3) rakṣiṣyatīti viśvāsa, (4) goptṛtvavaraṇa, (5) ātmanikṣepa, (6) kārpaṇya.]

evaṃ māṃ śaraṇaṃ prāpya vītaśokaḥ [?] abhayo bhavet | nirārambho nirāśīśca nirmamo nirahaṃkṛtiḥ ||

Wer solcherart bei mir Zuflucht gefunden hat, wird frei von Kummer und furchtlos – ohne [eigenes] Unternehmen, ohne Erwartung, ohne Ich-Bindung [nirmama], ohne Ichdünkel [nirahaṃkṛti].

māmeva śaraṇaṃ prāpya taretsaṃsārasāgaram | śakteḥ sūpapadatvācca kṛpāyogācca śāśvatāt ||

Indem er mich allein als Zuflucht erlangt, überquert er den Ozean des Daseinskreislaufs – dank der Wirksamkeit [meiner] Kraft und dank [meiner] ewigen Verbindung mit Erbarmen.

satkarmaniratāḥ śuddhāḥ sāṃkhyayogavidastathā | nārhanti śaraṇasthasya kalāṃ koṭitamīmapi ||

Diejenigen, die im rechten [Vedischen] Handeln verharren, [oder] die Reinen, Kenner von Sāṅkhya und Yoga – sie erreichen nicht einmal den zehnmillionsten Teil dessen, der bei mir Zuflucht gefunden hat.

[Anm.: Ausdrücklicher Vorrang der ‚fünften‘/vierten Zuflucht-Lehre gegenüber den drei zuvor gelehrten Mitteln (Karma, Sāṅkhya, Yoga).]

[Stark beschädigte, sehr ausführliche Passage, ca. Verse 66–97 der Quelle: eine kasuistisch-juristische Ausarbeitung der Beziehung zwischen der Zuflucht (śaraṇāgati) und dem vedischen Ritualhandeln.]

[Zusammenfassung anstelle wörtlicher Übersetzung:] Die folgende, sehr lange Passage entfaltet in dichter, kommentarartiger Diktion die Beziehung zwischen der Zuflucht bei Śrī und dem fortgesetzten vedischen Pflichtenkreis: das Vertrauen, ‚er wird [mich] beschützen‘, begründet die Wahl [Gottes] zum alleinigen Beschützer; wer sich, vom Feuer des Daseins gequält, ergibt, gibt zugleich Anspruch auf Herrschaft über sich selbst auf und überlässt sich Gott als seinem Eigentum. Es folgt eine ausführliche Erörterung der ‚mittleren Haltung‘ (madhyamā vṛtti) zwischen bloßem [rituellem] Mittel (upāya) und dessen Unterlassung (apāya): welche Handlungen (ständige/nitya, anlassbezogene/naimittika, begehrende/kāmya) nach der Zuflucht noch auszuführen, welche zu unterlassen sind, welche Sühnehandlung (prāyaścitta) bei Verstößen angebracht ist, und wie vergangenes, gegenwärtiges und künftiges Karma durch die Zuflucht in unterschiedlichem Maße getilgt wird – mit dem wiederkehrenden Grundsatz, dass für den, der sich ergeben hat, ohnehin kein eigennütziges Handeln mehr in Betracht kommt, da Gott selbst, aus Fürsorge, alles weitere übernimmt.

[Anm.: Diese Passage ist die am dichtesten mit traditionellem Sanskrit-Kommentarapparat (vyākhyā-Fußnoten, oft im laufenden OCR-Text mit dem Wurzeltext vermischt) durchsetzte Stelle des bisherigen Werks; eine verlässliche wortgetreue Rekonstruktion der einzelnen Verse ist unter diesen Umständen nicht möglich. Der hier wiedergegebene Lehrgehalt beruht auf eigener Analyse der noch entzifferbaren Wurzeltext-Fragmente, nicht auf dem Kommentar selbst, der programmgemäß nicht als Übersetzungshilfe verwendet wurde.]

evaṃ vijānanmartyo maryādāṃ vedanirmitām | priyo'pi na priyo'sau me madājñāvyativartanāt ||

Ein Sterblicher, der solcherart die vom Veda geschaffene Grenze [maryādā] kennt [und dennoch überschreitet] – ein solcher ist mir, mag er mir auch [sonst] lieb sein, wegen der Übertretung meines Gebotes nicht [wirklich] lieb.

māmekāṃ devadevasya mahiṣīṃ śaraṇaṃ śrayet | upāyādvirataḥ śaśvanmāmeva śaraṇaṃ vrajet ||

Man soll mich allein, die Gemahlin des Gottes der Götter, zur Zuflucht nehmen; für immer von [anderen] Mitteln abgewandt, soll man einzig zu mir als Zuflucht gehen.

athopāyaprasaktaśca bhuktvā bhogānanāmayān | ante viraktimāsādya vindate paramaṃ padam ||

Wer aber [zunächst noch] an [anderen] Mitteln haftet, erlangt, nachdem er unschädliche Genüsse genossen hat, am Ende, zur Entsagung gelangt, den höchsten Ort.

nāyamupāyaḥ sukaraḥ so'yaṃ duṣkaro mato mama | apāyopāyanirmuktāṃ madhyamāṃ sthitimāsthitaḥ ||

Dieses [andere] Mittel ist nicht leicht auszuführen; es gilt mir als schwierig. Wer die von Mittel und Gegenmittel freie, mittlere Haltung [madhyamā sthiti] eingenommen hat —

upāyasvagrahaṃ tatra varjayanmanasā sudhīḥ | caturthamāśrayannevamupāyaṃ śaraṇāśrayam || idaṃ śaraṇamajñānāmidameva vijānatām | idaṃ titīrṣatāṃ pāramidamānandamicchatām ||

— und der Weise, im Geiste die eigenmächtige Anhaftung an [andere] Mittel meidend, sich solcherart einzig dem vierten Mittel, der Zuflucht [zu mir], zuwendet: dies ist die Zuflucht der Unwissenden, ebenso der Wissenden; dies ist das jenseitige Ufer für die, die hinüberzugelangen wünschen, dies [ist der Weg] für die, die Wonne begehren.

[Anm.: Zusammenfassender Abschluss der śaraṇāgati-Lehre: sie steht Unwissenden wie Wissenden gleichermaßen offen. Die Quelle schließt das Kapitel mit einer kurzen, hier wegen ihrer esoterischen, nur andeutungsweise überlieferten Formulierung nicht im Einzelnen wiedergegebenen Erwähnung einer mantragestützten Sühnepraxis (prāyaścitta) für die Ergebenen.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre rahasyopāyaprakāśo nāma saptadaśo'dhyāyaḥ ||

So endet im Kern des glorreichen Pāñcarātra, in der Lakṣmī-Tantra, das siebzehnte Kapitel, betitelt „Erleuchtung des geheimen Mittels“.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks