Paṭala 7: Saptamo 'dhyāyaḥ (Pramātṛkaraṇaprakāśaḥ)
Siebter Adhyāya – Erhellung des Erkennenden und der Instrumente (Pramātṛkaraṇaprakāśa) (vollständig, Vv. 1–ca.50 + Kolophon; einzelne Verse stark rekonstruiert)
Quelle: archive.org/DLI in.ernet.dli.2015.326285 (Krishnamacharya-Ausgabe 1959), unmittelbare Fortsetzung von Kapitel 6 (beantwortet Indras dort gestellte Frage nach Anzahl und Art der Tattvas). Thematik: kosmologische Einordnung von Bhagavān/Nārāyaṇa als jenseits aller Begrenzung, die sechs Eigenschaften als Vāsudeva-Vyūha, die drei Guṇas (sattva/rajas/tamas) und ihre Zuordnung zu Mahālakṣmī/Mahāvidyā/Kālī, sodann eine ausführliche vierfache Erkenntnistheorie des Jīva als ‚Kontraktion‘ (saṃkoca) der Göttin: (1) der Erkennende (pramātṛ) in den vier Bewusstseinszuständen Wachen/Traum/Tiefschlaf (mit Fußnoten-Bestätigung der Vier-Zustände-Lehre aus Kap.6), (2) das innere Instrument (antaḥkaraṇa: Buddhi/Ahaṅkāra/Manas mit adhidaiva/adhibhūta/adhyātma-Zuordnungen), (3) das äußere Instrument (bahiṣkaraṇa: Erkenntnis- und Handlungsorgane), (4) das Erkennbare (meya, zweifach als äußerlich/innerlich). Eine bemerkenswerte Fußnote der Quelle (zu 7.23) stellt klar, dass die Beschreibung des Jīva als ‚atomhaft‘ (aṇu) sich auf das Fehlen von Allmacht/Allwissenheit bezieht, nicht auf tatsächliche räumliche Atomhaftigkeit. WICHTIG: Der Text dieses Kapitels ist an mehreren Stellen (v.a. ab ca. Vers 20) durch OCR-Fehler und vermutlich auch echte Drucksatzbesonderheiten der Quelle stark korrumpiert; entsprechend viele [?]-Markierungen. Die Verszählung der Quelle selbst ist streckenweise nicht mehr sicher nachvollziehbar (Sprünge/Wiederholungen von Ziffern); die hier verwendete Einheiten-Nummerierung (7.1–7.32) folgt daher der inhaltlichen Reihenfolge, nicht notwendig der ursprünglichen Verszahl.
Ich werde dir nun, o Śakra [Indra], der Reihe nach die Ordnung der Prinzipien (tattvapaddhati) erklären; [...] wird dies die Prinzipien-Ordnung genannt.
[Anm.: Beginn von Kapitel 7, unmittelbare Antwort auf die am Ende von Kapitel 6 gestellte Frage Indras nach den Tattvas. Zweite Vershälfte im Digitalisat stark korrumpiert, nicht sicher rekonstruierbar.
[Der Höchste] gleicht einem Anschein ohne den Prunk eines [gewölbten] Himmelsraumes [?], einem regungslosen Ozean vergleichbar; ein großer Ozean von klarem, aus eigenem Willen freiem Bewusstsein und immerwährender Wonne.
Seine höchste Ich-Heit, ebenso die ewige Beschaffenheit des Bhagavān-Seins – das ist die höchste, feine Nārāyaṇī, frei von jeder Alternative, makellos.
Der große Ozean von Wissen, Kraft, Macht, Herrschaft, Heldenkraft und Glanz [den sechs Eigenschaften] – jene erste gleichzeitige Entfaltung der sechs Eigenschaften wird, gemäß dem Wesen von ‚Sein‘ (bhū) und ‚Werden‘ (bhava), zweifach bezeichnet: Vāsudeva sei hier [das Sein], die Vāsudeva-heit [sei] in diesem das Werden.
[?] Zuordnung von bhū/bhava im zweiten Halbvers unsicher.
Mit Namen Śānti bin ich, die ewige Göttin, benannt; die Vyūhas, angefangen mit Saṅkarṣaṇa, werden, [je] mit ihrer eigenen Ich-Heit, als auf das Höchste ausgerichtet beschrieben.
Und die drei, und jenes Vierfache – diese vier, o Herr der Götter; so viel ist als ‚Bhagavān‘ zu bezeichnen: das Tattva des Seins (bhū), das höchste Tattva.
[?] Stark unsicher rekonstruiert; Beziehung zwischen ‚den dreien‘ und ‚dem Vierfachen‘ unklar.
nabhas tu paramaṃ vyoma paramākāśaśabditam | yatra pade mayā sārdhaṃ vibhāvyātmānam āsanaḥ | tato ramayā viṣṇuḥ paramātmā sanātanaḥ | ṣāḍguṇyasya samunmeṣaḥ sa devaḥ paramāmbaram ||
Der höchste Raum (nabhas) aber, der ‚höchster Äther‘ genannt wird, ist der Zustand, in dem, zusammen mit mir, [Viṣṇu,] sich selbst betrachtend, thront. Von dort [tritt], zusammen mit Ramā [Lakṣmī], Viṣṇu, der ewige höchste Selbst – die Entfaltung der sechs Eigenschaften – [hervor]; jener Gott ist der höchste Äther.
Im Puruṣa, an der Spitze der Genießenden stehend, allwissend, nach allen Seiten gewandt, ungehindert – von diesem gehen die ihm eigenen, ewigen Einzelwesen (jīva) aus.
[Anm.: Fußnote 11 der Quelle erläutert: „bhoktṛkūṭastha [ist] Hiraṇyagarbha, der die Gesamtheit der Jīvas des Puruṣa in Gestalt bildet.“ [?] Vers insgesamt unsicher rekonstruiert.
śraye tv apiyanty enaṃ kramād ete naraṃ param | iyaṃ mātṛdaśā sā me pūrvaṃ tvayā (?) mayoditā ||
In Zuflucht [genommen] aber gehen diese [Einzelwesen] der Reihe nach in diesen höchsten Mann (Puruṣa) ein; dies ist mein Mutter-Zustand (mātṛdaśā), der dir zuvor von mir mitgeteilt wurde.
[?] Stark unsicher rekonstruiert (OCR-Stelle sehr korrupt).
Mahālakṣmī wird von den Weisen als das Prinzip der Röte (rakti, d.h. des Rajas) bezeichnet; Niyati [die Notwendigkeit] aber [ist] Mahāvidyā; die Zeit (kāla) wird als Kālī verkündet.
Rajas ist als von der Natur des Leidens, rötlich, [zur Tätigkeit] antreibend zu erkennen; Tamas ist als [dunkel] von Gestalt, schwer, schwarz, dunkelfarben zu erkennen.
[?] Erste Worte der zweiten Zeile im OCR-Text unlesbar.
māyā caiva prasūtiś ca prakṛtiś ceti vāsava | purā vyākṛtaṃ tubhyaṃ tad etat prakṛtitrikam ||
Māyā, sowie Prasūti und Prakṛti, o Vāsava [Indra] – diese Dreiheit der Prakṛti-[Hüllen] wurde dir bereits zuvor erklärt.
[Anm.: Verweis auf die bereits in Kapitel 6 erläuterte Māyā/Prasūti/Prakṛti-Lehre; Anrede „Vāsava“ (Indra) bestätigt, dass Indra durchgehend der Gesprächspartner ist.
Die Elemente sind zweifach gezählt [grob und fein], ebenso die Öffnungen/Instrumente dreizehnfach; auch diese Dreiundzwanzig wurden zusammen mit den Sechs [Guṇa-Formen] zuvor gebildet.
[?] Stark unsicher rekonstruiert; vermutlich Rückverweis auf die 23 Sāṅkhya-Prinzipien aus Kapitel 5.
tad asya mama saṃkocaḥ pramātā śuddhacinmayaḥ | svāntaḥsphuritatattvaughaḥ sthito darpaṇavat sadā | cāturūpyaṃ tu yat tasya tad ihaikamanāḥ śṛṇu ||
Jene Kontraktion von mir also ist der Erkennende (pramātṛ), aus reinem Bewusstsein bestehend, immer wie [ein Abbild] in einem Spiegel verweilend, mit einer in seinem Inneren aufscheinenden Flut von Prinzipien. Was aber seine Vierfachheit betrifft – höre dies nun mit gesammeltem Sinn.
ādyo jāgradmayo mātā mūrchādau [na] parikīrtitaḥ | tataḥ prāṇamayo mātā suṣuptau parikīrtitaḥ | prāṇā eva pratāyante suṣuptau puruṣasya tu ||
Der erste Erkennende, aus dem Wachzustand (jāgrat) bestehend, wird [bei] Ohnmacht und dergleichen [als nicht wirksam] bezeichnet; sodann wird der Erkennende, aus dem Lebensatem (prāṇa) bestehend, im Tiefschlaf (suṣupti) genannt; denn im Tiefschlaf breiten sich beim Menschen nur die Lebensatems (prāṇa) aus.
[?] Erste Zeile stark unsicher rekonstruiert (OCR-Stelle sehr korrupt); Grundschema der vier Bewusstseinszustände (jāgrat/svapna/suṣupti/turīya, hier auf den ‚Erkennenden‘ bezogen) durch Fußnote 18 der Quelle bestätigt: „im sechsten Kapitel wurden, nachdem in den Versen 2, 42 und 44 fünfunddreißig Prinzipien dargelegt wurden, ebendort im 35. Vers auch die vier Zustände des Selbst dargelegt.“
Bei Ohnmacht, Bewusstlosigkeit, Zusammenbruch und dergleichen zieht sich sogar der Lebensatem zurück; dann würde [das Wesen] allein durch das Sein seines eigenen Selbst bestehen, im höchsten [Zustand].
Der dritte Erkennende wird, im Traumzustand (svapna), als nur aus der ‚Achterstadt‘ (aṣṭapurī) bestehend verkündet: die Lebensatems, die Elemente, die Taten (karma), die Instrumente (karaṇa) [und] die drei Guṇas. Frühere Eindrücke (vāsanā), Nichtwissen (avidyā) und der feinstoffliche Leib (liṅga) [zusammen mit den übrigen] werden als die ‚achtfache Stadt‘ (puryaṣṭaka) bezeichnet; im Traum wandert [die Seele] allein durch das innere Instrument (antaḥkaraṇa) frei umher.
[Anm.: Fußnote 22 der Quelle: „das Wort ‚mātra‘ hat die Bedeutung von Beschränkung oder ‚bloß‘, im Sinne von: ohne äußere Betätigung; die ‚acht Städte‘ werden im unmittelbar folgenden Vers genannt.“ Fußnote 23: „liṅga [ist] der feinstoffliche Leib.“
ceṣṭamānaḥ svadehena dehī jāgradbhāvaṃ gataḥ | cāturūpyam idaṃ puṃsaḥ svarūpyam api me śṛṇu ||
Sich durch seinen eigenen [groben] Leib betätigend, gelangt der Verkörperte in den Wachzustand; höre nun auch von mir diese Vierfachheit des Menschen, [seine] Eigen-Gestaltigkeit.
Jene dreifache Kontraktion der Wesenheiten von Wissen und Handeln aber – das eben ist ihre Dreiförmigkeit; höre nun diese Erklärung davon: durch Māyā, durch die Kontraktion des Wissens, durch den Mangel an Herrschaftsmacht, durch die Verminderung der Kraft – die Unfähigkeit wird, [je] in [dieser] Gestalt, auf dreifache Weise bezeichnet.
[?] Zweite Vershälfte sehr unsicher rekonstruiert (OCR-Stelle stark korrumpiert).
aṇuḥ kiñcijjña eva ca kiñcitkartā ca yugapat | dvirūpyam akalpyaṃ ca param evaṃ nirūpitam ||
Der atomhafte [Einzelseele-Zustand] ist zugleich ein nur ein wenig Wissender und nur ein wenig Handelnder; diese unvorstellbare Zweiförmigkeit wird so als [seine] höchste [Beschaffenheit] beschrieben.
[Anm.: Eine ausführliche Fußnote der Quelle stellt hierzu klar: durch den Ausdruck „durch Kontraktion des eigenen Wesens atomhaft [geworden]“ solle nicht angenommen werden, dass Allgegenwart (vibhutva) die eigentliche Natur des Jīva sei – dessen Atomhaftigkeit sei durch viele Beweisgründe gesichert; die Beschreibung als „atomhaft“ betreffe hier vielmehr [das Fehlen] von Allmacht und Allwissenheit u.ä. [im Unterschied zu Brahman].
Die Buddhi, im Spiegel-Zustand befindlich, [hat] das Bewusste als ihre über-göttliche Entsprechung (adhidaiva); der Ahaṅkāra ebenso als ihr Inneres (adhyātma), die Selbst-Zueignung (abhimāna) als ihre Gegenstands-Entsprechung (adhibhūta). Für das Denkorgan (manas) aber wird Rudra als über-göttliche Entsprechung verkündet, [während] es selbst als sein Inneres [gilt]; die Unterscheidung (vikalpa) [ist] seine Gegenstands-Entsprechung, der Mond seine über-göttliche Entsprechung.
[?] Stark unsicher rekonstruiert; die Zuordnungen der ersten Zeile (Buddhi) sind besonders unklar.
Lebensatem (prāṇa), Erregung (saṃrambha) [und] Willensentschluss (saṃkalpa) sind die Eigenschaften dieser [Organe] in ihrer Wirkweise. Prāṇa wird als Bemühen (prayatna) bezeichnet; Saṃrambha wird als Stolz (garva) bezeichnet – nämlich als das deutliche Hervortreten der eigenen Herrschaftsnatur wird Saṃrambha [als] Garva bezeichnet. Als Abweichen von der Gleichgültigkeit wird von den Weisen der geistige Willensentschluss (saṃkalpa) erklärt.
vyākhyāteyaṃ dvitīyā me hy antaḥkaraṇikī daśā | pracyavantī tato rūpād antaḥkaraṇikād aham | sthānatāṃ kramalābhāṃ prāptā bahiṣkaraṇasaṃjñitā ||
Damit ist von mir dieser zweite Zustand, der innerorganische (antaḥkaraṇikī daśā), erklärt. Sodann, von jener inneren-Instrument-Gestalt abweichend, habe ich, durch stufenweisen Erwerb, den Zustand erlangt, der als ‚äußeres Instrument‘ (bahiṣkaraṇa) bezeichnet wird.
karaṇāni tu bāhyāni vyākhyātāni mayā purā | jñānendriyapravṛttau tu mana ādi pravartate | cakṣur ālokanārthaṃ vidhatte tan manaḥ | ālocanavikalpe 'tra ahaṃkāro 'bhimanyate | adhyavasya tato buddhiḥ kṣetrajñāya prayacchati ||
Die äußeren Instrumente aber wurden von mir bereits zuvor erklärt. Bei der Tätigkeit der Erkenntnisorgane wirkt zunächst das Denkorgan (manas); das Auge richtet sich zum Zweck des Sehens, [und] jenes Denkorgan [erfasst es]; bei dieser Wahrnehmungs-Unterscheidung eignet sich der Ahaṅkāra [das Wahrgenommene] als das Seine zu; danach, [nachdem sie] geurteilt hat, überreicht die Buddhi [das Erkannte] dem Feld-Kenner (kṣetrajña, der Seele).
Bei der Tätigkeit der Handlungsorgane aber wird die Reihenfolge durch die [jeweiligen] Gegenstände bestimmt, wie überliefert; denn Sprechen und andere Handlungen folgen zeitlich auf den Willensentschluss (saṃkalpa) und dergleichen. Die gesamte Besonderheit von Adhyātma usw. wurde hierzu bereits zuvor dargelegt; dies ist die dritte Weise [der Vierfachheit], die im äußeren Instrument (bahiṣkaraṇa) waltende, die [hiermit] erklärt ist.
caturthīm imāṃ me kośe meyasyāṃ tu me śṛṇu | meyaṃ tu dvividhaṃ tāvad bahirantarvyavasthayā | bāhyaṃ tu nīlapītādi sukhaduḥkhādyathāntaram ||
Diese vierte [Weise] von mir aber, in Bezug auf das Erkennbare (meya), höre nun von mir: Das Erkennbare ist zunächst zweifach, nach der Anordnung von außen und innen; das Äußere ist [von der Art von] Blau, Gelb usw., das Innere entsprechend von der Art von Freude, Leid usw.
[Anm.: Fußnote der Quelle zu diesem Abschnitt: „Eben dies wurde vorher als ‚bhāvabhūmikā‘ [Erfahrungsebene, vgl. 6.35] bezeichnet.“
Durch diese fünf Weisen bin ich zur [jeweiligen] Zuständlichkeit gelangt; als der aus dem eigenen Denken entstandene Unterscheidungs-Gegenstand bin ich, selbst in der unmittelbaren Wahrnehmung, [meinem wahren Wesen nach] vergessen; durch die Unterweisung eines rechten Lehrers [aber] werde ich als das wahre Wirken erkannt.
Wenn [ich] im feineren Erkennbaren untersucht werde, [erscheine] ich dann deutlich; nachdem [ich] alles Gewordene, diese bewegliche Erscheinungsform, aufgelöst habe, erstrahle ich dann selbst, aus eigenem Willen frei, von voller Bewusstseinsnatur.
Klar durch [meine] Klarheit, werde ich sodann als ‚Instrument‘ (karaṇa) bezeichnet; darauf erscheine ich, im Erkennenden, überaus klar, aus klarem Bewusstsein bestehend. Und indem er das zu Genießende und das genossene Objekt betrachtet, [erkennt er] uns beide [Gott und Göttin]; wechselseitig verbunden, mit seinem Lebensatem in mir ruhend, gelangt er zu meinem [wahren] Sein.
[?] Stark unsicher rekonstruiert; dies ist der letzte Vers vor dem Kolophon.
So endet, in der Essenz des Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das Kapitel mit dem Namen „Erhellung des Erkennenden und der Instrumente“ (Pramātṛkaraṇaprakāśa), das siebte Adhyāya.