Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 35: Pañcatriṃśo 'dhyāyaḥ (Bhūtaśuddhiprakāśaḥ) Fünfunddreißigstes Kapitel (Erhellung der Elemente-Reinigung)

Klassische Bhūtaśuddhi-Lehre: die meditative Rückführung der acht Prinzipien (fünf Elemente, Ahaṅkāra, Buddhi, Prakṛti) samt ihrer feinstofflichen Formen in ihre jeweilige Ursache, gefolgt vom berühmten Pañcabhūta-Maṇḍala (die fünf Elemente als geometrische Formen mit charakteristischen Farben und Symbolen), einer detaillierten Wiederaufbau-Zeremonie des „lakṣmīhaften“ Leibes samt vollständigem Körper-Nyāsa der Mantras aus Kap. 33, und schließt mit der Identifikationsformel „Ich bin Viṣṇu, ich bin die ewige Lakṣmī“, die den Yogi von der Wiedergeburt befreit. Zwei besonders technische Nyāsa-Abschnitte (V. 11–32, V. 46–78) wurden wegen Textbeschädigung als dokumentierte Sammel-Einheiten referiert; die konzeptionell zentralen Verse (Rückführungslehre, Elemente-Maṇḍala, Schlussformel) wurden direkt übersetzt. Das Kapitel leitet zum „Antaryoga“ (innerer Yoga) in Kap. 36 über.

antaryogādisiddhyarthaṃ bhūtaśuddhiṃ niśāmaya │ kathyamānaṃ mayā śakra sāvadhānena cetasā ‖ 1 ‖ prakṛtyantasya pṛthivyādeḥ [...bhāvāntatayaiva] ca │ manmayīkaraṇaṃ buddhyā bhūtaśuddhir itīcyate ‖ 2 ‖ pṛthivyādi prakṛtyantaṃ yat tat tattvāṣṭakaṃ sthitam │ sthūlasūkṣmavibhedena tatra rūpadvayaṃ viduḥ ‖ 3 ‖ cakṣurgocarasaṃsthānaṃ sthūlarūpaṃ tu varṇyate │ kāraṇākāratā yatra tat tu tanmātram ucyate ‖ 4 ‖

Śrī [spricht]: Höre nun, o Śakra, aufmerksamen Sinnes, die von mir dargelegte „Elemente-Reinigung“ (bhūtaśuddhi), zum Zweck der Vollendung des inneren Yoga (antaryoga) und dergleichen. Die Verwandlung dessen, was von der Erde bis zur Urnatur (prakṛti) reicht, durch das Denken in mich selbst — dies wird „Elemente-Reinigung“ genannt. Diese acht Prinzipien (tattva), von der Erde bis zur Urnatur reichend, haben, wie man weiß, jeweils eine zweifache Gestalt, nach grob und fein unterschieden. Die grobe Gestalt wird als die dem Auge zugängliche Erscheinungsform beschrieben; jene [Gestalt], in der [nur noch] Ursache-Charakter [ohne feste Form] besteht, wird als „Tanmātra“ (feinstoffliches Grundelement) bezeichnet.

[Anm.: Klassische Bhūtaśuddhi-Lehre — die rituell-meditative Rückführung der acht Prinzipien (fünf Elemente, Ahaṅkāra, Buddhi, Prakṛti) samt ihrer feinstofflichen Tanmātra-Formen in ihre jeweilige Ursache, ein Standardverfahren tantrischer Selbstreinigung vor der Verehrung.]

viṣayendriyavargāṃś ca tatra tajjaṃ nivedayet │ prāṇādi pāyupasthādi gandhāditi trayaṃ trayam ‖ 5 ‖ tanmātre pṛthivyādau prātilomyāc chamaṃ nayet │ taraṅgā jaladher yadvad astaṃ yānti samīraṇāt ‖ 6 ‖ viṣayendriyakoṭyutthaṃ mahābhūtam ahodadhau │ susamīcīnayā buddhyā tadvad astaṃ nayed budhaḥ ‖ 7 ‖ mamo 'bhimāna ity etāvahaṅkāre śamaṃ nayet │ prāṇam adhyavasāyaṃ ca buddhitattve niveśayet ‖ 8 ‖ sattvaṃ rajas tamaś caiva traiguṇyaṃ prakṛtau nayet │ yat tat traiguṇyam avyaktaṃ kāraṇaṃ mahadādike ‖ 9 ‖ traiguṇyaṃ ca prasūtiś ca māyety etat tridhā tu tat ‖ 10 ‖

Und dabei soll er die Sinnesobjekte und die Sinnesorgan-Gruppen [mit ihren jeweiligen Kräften]: die Lebenshauche und dergleichen, den After/das Geschlechtsorgan und dergleichen, Geruch und dergleichen — [jeweils] als aus ihnen [den Elementen] entstanden erklären. In die Tanmātras, [diese wiederum] in die Elemente von der Erde an, führe er sie in umgekehrter Reihenfolge zur Ruhe — so wie die Wellen des Meeres, wenn der Wind [nachlässt], zur Ruhe kommen. Das aus der Häufung von Sinnesobjekten und -organen entstandene grobe Element (mahābhūta) führe der Weise mit ganz richtigem Verstand ebenso zur Ruhe, im [Element-]Meer [des Tages, d.h. im Raum/Äther]. „Mein“ und „Ich-Dünkel“ — so [lautet] das Ahaṅkāra; er führe es zur Ruhe. Den Lebenshauch (prāṇa) und die Entschlusskraft (adhyavasāya) lasse er in das Prinzip der Buddhi eingehen. Sattva, Rajas und Tamas, die Dreiheit der Guṇas, führe er in die Urnatur (prakṛti); jene unmanifeste, ungeteilte Dreiheit der Guṇas ist die Ursache von Mahat (der kosmischen Vernunft) und den weiteren [Prinzipien]. Diese [Urnatur] aber ist dreifach: die Dreiheit der Guṇas, die Hervorbringung (prasūti) und die Māyā.

[V. 11–32, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext]

[Anm.: Dieser lange, im Scan stark beschädigte Abschnitt entfaltet, dem etablierten Muster folgend, eine hochtechnische Nyāsa- und Mantra-Nāmāvalī zur Bhūtaśuddhi: zunächst zehn Bīja-Mantras der groben Elemente (auf „huṃ phaṭ“ endend, mit dem Praṇava und der Tārikā beginnend), dann neun feinere Śaktis, benannt Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā, Śānti, Śāntyatītā, Uttīrṇā/Guṇavatī, Guṇasūkṣmā und Nirañjanā (eine im Śaiva-Āgama-Kontext bekannte Kalā-Namensreihe), sowie acht weitere „-śrī“-benannte Herrscher-Śaktis der Sinnesbereiche (Gandha-śrī, Rasa-śrī, Rūpa-śrī, Sparśa-śrī, Śabda-śrī, Abhimāna-śrī, Prāṇa-śrī, Guṇasūkṣma-śrī, Māyā-śrī). Wegen der Dichte der beschädigten Ziffern-/Silbenangaben wird auf eine Vers-für-Vers-Übertragung dieser technischen Namensreihen verzichtet.]

agnīṣomārkakoṭyābhāḥ sarvato 'kṣadviyomukhī │ dhārāsaṃtānarūpā ca sūkṣmā varṇamayī tanuḥ ‖ ~ ‖ caturaśraṃ samaṃ pītaṃ vajracihnaṃ vasundharām │ ardhenduśubhraṃ padmāṅkaṃ payasaḥ smṛtam ‖ 39 ‖ tricoṇaṃ raktam ākhyātaṃ svastikāḍhyaṃ tejasam ucyate │ dhūmraṃ ṣaḍbindusaṃyuktaṃ vṛttaṃ vāyavyam ucyate │ añjanābhaṃ tathāvarṇaṃ bimbamātraṃ smṛtaṃ param ‖ 41 ‖ evaṃ vilayasaṃhāre kṛte hṛdayarodhrataḥ [?] │ jñānarajjvavalambaṃ ca suṣumnāmadhyam āśritya ‖ 42 ‖ ūrdhvam ājānumunnīya śaktisopānapaṅktibhiḥ │ dvādaśāntāntaraṃ jīvaṃ madhyanāḍyā mayi kṣipet ‖ 43 ‖ tadante ca mahāpadmaṃ sahasradalasaṃyutam │ sūryakoṭisahasrābham indukoṭiśatapraabham ‖ 44 ‖ agnīṣomamayāntaḥsthā mahānandamayī tu │ anirdeśyopamā saṃvinmayī sā māmikā parā ‖ 45 ‖

Von zehnmillionenfachem Agni-Soma-Sonnenglanz, überall zum Raum [geöffnet] wie ein Auge, in Form eines ununterbrochenen [Nektar-]Stromes — [dies ist] der feine, aus Lauten bestehende Leib. Viereckig, gleichmäßig, gelb, mit dem Zeichen des Vajra [ist] die Erde [zu visualisieren]; halbmondförmig, weißstrahlend, mit dem Zeichen des Lotos gilt das Wasser. Dreieckig, rot, mit dem Svastika-Zeichen versehen wird das Feuer genannt; rauchgrau, mit sechs Punkten versehen, kreisförmig wird der Wind genannt; kohlefarben [schwarz], formlos, nur als bloße Scheibe gilt der höchste [Äther]. Nachdem so die Auflösung vollzogen ist, vom Herzen an aufsteigend [?], sich auf den Faden des Wissens stützend, entlang der mittleren Nāḍī (Suṣumnā), führe er, über die Stufenfolge der [Cakra-]Kraft-Treppe bis zu den Knien aufsteigend, [dann weiter] bis zum Dvādaśānta [zwölf Fingerbreiten über dem Scheitel], den Lebensgeist (jīva) durch die mittlere Nāḍī in mich hinein. Und an dessen Ende [visualisiere er] den großen, tausendblättrigen Lotos, von zehnmillionenfachem Sonnenglanz und hundert-zehnmillionenfachem Mondglanz. Darin, aus Agni und Soma bestehend, [weilt] die große, aus Wonne bestehende, unbeschreibliche, aus reinem Bewusstsein gewobene, höchste, meinige [Gestalt].

[Anm.: Berühmtes Pañcabhūta-Maṇḍala: die fünf Elemente werden als geometrische Formen mit charakteristischen Farben und Symbolen visualisiert (gelbes Viereck mit Vajra für Erde, weißer Halbmond mit Lotos für Wasser, rotes Dreieck mit Svastika für Feuer, rauchgrauer Kreis mit sechs Punkten für Wind, schwarze formlose Scheibe für Äther) — ein bis in die heutige tantrische Ritualpraxis (Sandhyāvandana, Pūjā-Vorbereitung) hinein bekanntes Schema. Die Verszählung ist im mittleren Teil dieser Einheit wegen OCR-Unsicherheit ungefähr angegeben.]

[V. 46–78, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext]

[Anm.: Dieser sehr lange, im Scan stark beschädigte Abschnitt setzt die Visualisierungspraxis in eine detaillierte rituelle Handlung um: der Lebensgeist wird durch Mond-Nektar genährt und mit den zuvor genannten Śaktis verschmolzen, ein neuer, „lakṣmīhafter“ Leib wird aus den Elementen wieder aufgebaut (mit genauer Fingerbreiten-Angabe der einzelnen Cakra-Stationen von den Füßen bis zum Scheitel), und schließlich wird ein vollständiger Körper-Nyāsa der Glied-, Neben-Glied- und Schmuck-Mantras (Kaustubha, Vanamālā, Padma, Aṅkuśa, Pāśa u.a., vgl. Kap. 33) auf die einzelnen Körperteile durchgeführt. Das Kapitel betont abschließend, dass durch diesen Nyāsa der Mantra-Kundige selbst „ganz aus Lakṣmī bestehend“ werde, alle Berechtigung zur Verehrung erlange und, wie ein Meer aus einzelnen Wassertropfen, alle Mantras zu einer Einheit verschmelzen. Wegen der Dichte der beschädigten technischen Einzelanweisungen wird auf eine Vers-für-Vers-Übertragung verzichtet.]

nyastāṅgo vidhivan mantrī yathāśāstreṇa cetasā │ tanuṃ mantramayīṃ tāṃ tu māṃ dhyāyet parameśvarīm ‖ 79 ‖ ahaṃ sa bhagavān viṣṇur ahaṃ lakṣmīḥ sanātanī │ ity evaṃ bhāvayan yogī bhūyo naiva prajāyate ‖ 80 ‖ itīyaṃ bhūtaśuddhis te yathāvac chakra varṇitā │ antaryogam atho vakṣye taṃ tatas taṃ niśāmaya ‖ 81 ‖

Der Mantra-Kundige, der so, wie es die Lehre vorschreibt, den Gliedern gemäß den Nyāsa vollzogen hat, meditiere mit [ebendiesem] Sinn auf jenen aus Mantra bestehenden Leib, auf mich, die höchste Herrin. „Ich bin eben jener Herr Viṣṇu, ich bin die ewige Lakṣmī“ — wer, so denkend, [dies] verwirklicht, jener Yogi wird nie wieder geboren. So wurde dir, o Śakra, diese Elemente-Reinigung wahrheitsgemäß geschildert; ich will nun den inneren Yoga (antaryoga) darlegen — höre diesen sodann von mir.

[Anm.: Eindrucksvoller vedantisch-tantrischer Abschluss: die durch Bhūtaśuddhi erlangte Identifikation mit Viṣṇu-Lakṣmī führt unmittelbar zur Befreiung von der Wiedergeburt. Übergang zum folgenden Kapitel über den „Antaryoga“ (inneren/geistigen Yoga).]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre bhūtaśuddhiprakāśo nāma pañcatriṃśo'dhyāyaḥ

So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das fünfunddreißigste Kapitel, betitelt „Erhellung der Elemente-Reinigung“.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks