Paṭala 22: Dvāviṃśo 'dhyāyaḥ (Ṣaḍadhvamantrasvarūpakathanam)
Zweiundzwanzigstes Kapitel (Darlegung des wahren Wesens des Mantra im Rahmen der sechs Pfade)
Dieses Kapitel bildet den theologischen Höhepunkt des mit Kap. 18 begonnenen Sprach-/Laut-Kosmologie-Blocks: es enthält eine der eindringlichsten apophatischen Beschreibungen des absoluten Brahman im gesamten Text (V. 4–7: reglos, gestaltlos, jenseits von Raum, Zeit und der Subjekt-Objekt-Unterscheidung, mit Śrī als dessen reiner Stillheit identifiziert) sowie eine zentrale soteriologische Aussage zum Mantra-Pfad als Ausdruck von Śrīs Mitgefühl. Die technischen Korrelationsabschnitte (Zuordnung der sechs Pfade, Silben und Vyūha-Gestalten) sind im verfügbaren OCR-Scan stark beschädigt und wurden, dem in den Kap. 15, 17, 19–21 etablierten Vorgehen folgend, als dokumentierte Sammel-Einheiten referiert. Die traditionelle Sanskrit-Kommentierung der Quelledition diente ausschließlich der rein faktischen Orientierung, nie als Übersetzungshilfe. Mit diesem Kapitel schließt der mit Kap. 18 begonnene Sprach-/Mantra-Kosmologie-Block thematisch ab.
Wie [geschieht es], o anfang- und endlose, allwissende Göttin, Geliebte Haris, dass das, was seine [wahre] Form niemals verlässt, sich bisweilen aus eigenem freien Willen [zur Vielfalt] entfaltet — während es doch friedvoll, unvergänglich und ewig gleich bleibt? [?]
[Anm.: Indras einleitende philosophische Frage nach dem Verhältnis von unveränderlichem Absolutem und scheinbarer Entfaltung/Vielfalt; der Sanskrittext ist an dieser Stelle im Scan stark beschädigt, daher mit [?] gekennzeichnet und die Verse 1–3 zusammengefasst.]
Das höchste Brahman, der höchste Ort, sechsfach an [göttlichen] Eigenschaften, den Unsterblichen gleich; unbegrenzt von Raum und Zeit, gestaltlos, unvergleichlich. Dieses Brahman, das sich einzig als „Ich“ selbst erkennt, ist ungeteilt, anfang- und endlos, göttlich, groß [?]. Es ist die göttliche Essenz von Erkenntnis und Wonne, unteilbar, alterslos, unsterblich, ohne jedes Aufkommen von Werden, frei von [der Unterscheidung zwischen] Erfassbarem und Erfassendem. Dieses höchste Brahman ist reglos, still — ich bin eben seine Stille. Bisweilen [erscheint] jenes höchste Brahman, [nur scheinbar,] in der Ordnung des Werdens.
[Anm.: Eine der eindringlichsten apophatischen Passagen des Textes — das absolute Brahman als reglose, undifferenzierte Erkenntnis-Wonne jenseits von Raum, Zeit und der Subjekt-Objekt-Unterscheidung, mit Śrī als dessen reiner „Stillheit“ (stimitatā) identifiziert. Einzelne Wortformen bleiben aufgrund der OCR-Beschädigung unsicher.]
[Anm.: Dieser technische Abschnitt beschreibt — soweit dem stark beschädigten Scan zu entnehmen — das erste „Aufblitzen“ (unmeṣa) des ansonsten unbewegten Brahman als Laut-Pfad (varṇādhva), gefolgt von der Entfaltung des Silben-Pfades (kalādhva) und einer Zuordnung der Silben (kalā: jñāna usw.) und der sechs Pfade zu den Vyūha-Gestalten, in Fortführung der bereits in Kap. 19–21 entfalteten Laut-Kosmologie. Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der starken Textbeschädigung verzichtet.]
pūrvādhvadvayam ādāya tad eva mama cinmayam │ rūpaṃ vartate viśvan mantreṇa paramādhvanā ‖ 17 ‖ uttāraṇāya jīvānāṃ saṃsārāṇāṃ bhavasāgare │ bhogāya bhavasaṃsthānāṃ vairāgyajananāya ca ‖ 18 ‖ sādhanasya siddhyarthaṃ manasa ālambanāya ca │ mantrādhvā paramodāro mama cidrūpalakṣaṇaḥ ‖ 19 ‖
Indem sie die beiden vorangegangenen Pfade [Laut- und Silben-Pfad] in sich aufnimmt, besteht eben jene meine aus Bewusstsein bestehende Gestalt, das All durchdringend, als der höchste Pfad des Mantra: zur Errettung der Lebewesen aus dem Ozean des Daseinskreislaufs, zum Genuss derer, die im Dasein verharren, und zur Erzeugung von Entsagung; zur Vollendung der [spirituellen] Übung und als Stütze für den Geist — der Mantra-Pfad, überaus großzügig, gekennzeichnet als meine aus reinem Bewusstsein bestehende Gestalt.
[Anm.: Zentrale soteriologische Aussage: der Mantra-Pfad als Ausdruck von Śrīs Mitgefühl — zugleich Rettungsmittel aus dem Saṃsāra, Quelle weltlichen Genusses und Anstoß zur Entsagung, je nach Bedürfnis des Praktizierenden.]
[Anm.: Der restliche, ebenfalls stark beschädigte Abschnitt beschreibt die Mantras als reine, aus Bewusstsein bestehende Gestalten (mūrti) der Vyūha-Gottheiten (Vāsudeva usw.), die sowohl zum Genuss (bhoga) als auch zur Erlösung (apavarga) führen, sowie eine Zuordnung des Wort-Pfades (padādhva) zu den vier Bewusstseinszuständen (jāgrat, svapna, suṣupti, turya) und den ihnen entsprechenden Sinnesorganen. Der Abschnitt schließt mit einer kurzen Erwähnung der Pāñcarātra-Anhänger als derjenigen, die — anders als die ausschließlich vedisch-trayī-orientierten — einen mittleren, auf ausschließliche Hingabe zu Bhagavān gerichteten Status einnehmen. Auf eine Vers-für-Vers-Rekonstruktion wird wegen der Textbeschädigung verzichtet.]
So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das zweiundzwanzigste Kapitel, betitelt „Darlegung des wahren Wesens des Mantra [im Rahmen] der sechs Pfade“.