Paṭala 8: Aṣṭamo 'dhyāyaḥ (Lakṣmyavatāraprakāśaḥ) [?]
Achter Adhyāya – Erhellung der Inkarnationen der Lakṣmī (vollständig, Vv. 1–ca.50 + Kolophon; Armzahl-Aufzählung Vv. 19–24 stark rekonstruiert)
Quelle: archive.org/DLI in.ernet.dli.2015.326285 (Krishnamacharya-Ausgabe 1959). Antwort auf Indras Frage nach den Inkarnationen (avatāra) der Göttin in den fünf Hüllen. Zweiteilig: (1) ein kurzer philosophischer Abschnitt über Nārāyaṇa/Brahman und die Śakti-Lehre (Vv. 1–15, teils Wiederholung/Vertiefung aus Kap. 7-8-Übergang), (2) eine ausführliche Lehre von Śrīs mehrarmigen kosmischen Erscheinungsformen (2- bis 16-/18-armig, mit Einzelnamen für Arme/Aspekte, Vv. 19–24, OCR-Zifferverwirrung, daher unsicher) und eine systematische Liste, in der jeder Inkarnation Viṣṇus (Anantaśayana, Pārijātaharaṇa, Matsya, Trivikrama, Varāha, Dharma, Dattātreya, Vāmana, Paraśurāma/Bhārgava, Rāma, Kṛṣṇa[vierfach], Buddha, Dhruva u.a.) eine eigene Erscheinungsform/Name der Göttin zugeordnet wird (Vv. 25–39) - eine der frühesten systematischen Listen der Pāñcarātra-Tradition zur Ko-Inkarnation von Śrī mit jedem Viṣṇu-Avatāra. Schließt mit Ankündigung von Śrīs ‚alleiniger Geburt‘, die in Kapitel 9 (mit Bezügen zum Devī-māhātmya des Mārkaṇḍeya-Purāṇa, laut Quellfußnoten) fortgeführt wird.
[śakraḥ—] namas te kṣīrasaṃbhūte namas te padmasaṃbhave | namaḥ saroruhāvāse nārāyaṇakuṭumbini ||
[Śakra (Indra) sprach:] ‚Verehrung dir, die du dem Milchozean entstammst! Verehrung dir, die du dem Lotus entstammst! Verehrung dir, die du im Lotusteich wohnst, Gattin Nārāyaṇas!'
[Anm.: Beginn von Kapitel 8. Indra wendet sich mit einer neuen Anrufung an Śrī und fragt nach ihren Inkarnationen (avatāra).
avatārās tu ye proktās tvadīyāḥ kośapañcake | tān me vistarataḥ padmāt pracchate vaktum arhasi ||
‚Die Inkarnationen aber, die von dir in den fünf Hüllen genannt wurden – diese magst du mir, der ich [dich] frage, o Lotusgeborene, ausführlich zu erklären geruhen.‘
kim arthāḥ kimprakārāś ca kiyantaḥ kiṃsvarūpakāḥ | tattvaṃ kathaya me devi sarvajñā hy api śāśvatī ||
‚Wozu dienen sie, von welcher Art sind sie, wie viele sind es, von welcher Gestalt? Sage mir die Wahrheit, o Göttin, die du ja allwissend und ewig bist.‘
‚durch die drei Erkenntnismittel erfassbar, mit dem Merkmal von Sein und Nichtsein, beweglich und unbeweglich, ja grob, die Welt aus Beseeltem und Unbeseeltem –‘
‚all dies ist Brahman, ist der unübertreffliche Nārāyaṇa – frei vom Nichtwissen, wonnevoll, aus eigenem Willen frei, von dichtem Bewusstsein, der Höchste.‘
‚[Er ist,] aus Sein und Werden bestehend, ewig, der wahrhaft höchste, oberste Gegenstand; als Träger der Śakti und zugleich als Śakti selbst steht er zweifach da.‘
‚Was Śakti ist, das ist das höchste Brahman, überliefert als Nārāyaṇa; die Śakti [aber ist] Nārāyaṇī – ich bin sie, die Ich-Heit, deren Wesen das Werden ist.‘
‚Werde einfach, und ebenso zweifach, durch die Prinzipien, [du] der zum jenseitigen Ufer der Bedeutung der Prinzipien Gelangte; wir beide, durch sichtbare [Zeichen] bezeichnet, sind die Ursache von allem.‘
bhāvonmanā kvacit sṛṣṭiś cit-sā bhavad-uttarā | bhavad-bhāvottarā kāpi vidvāṃs tatra na muhyati ||
‚[Diese] Schöpfung, mancherorts aus dem Sinnen des Werdens [entstehend], ist Bewusstsein, dem Werden nachgeordnet; eine gewisse [Schöpfung] ist dem Sein und Werden nachgeordnet – der Wissende verfällt darin nicht der Verwirrung.‘
[?] Stark unsicher rekonstruiert; dies schließt den einleitenden philosophischen Teil ab, bevor die eigentliche Avatāra-Lehre (ab 8.13) beginnt.
‚Und wenn ich allein herabsteige, aus dem Wunsch nach dem Wohl der Götter, dann ist jener Gott, [selbst] ohne einen ihm vorausgehenden Gott, in mir, in [meiner] Ich-Heit, offenbar.‘
‚Wenn [er] für dich herabgestiegen ist, aus dem Wunsch, ein Werk der Götter zu vollbringen, dann stehen wir beide, aus Sein und Werden bestehend, wechselseitig ineinander.‘
[Anm.: Eine Fußnote der Quelle verweist hier ausdrücklich zurück auf den in Kapitel 6, Vers 17, gelehrten Zusammenhang.
mahāvidyāsamudbhūtas tad ahaṃ api vāsava | matta eva mahālakṣmyā abhūvaṃ kamalāsyayā ||
‚– aus Mahāvidyā hervorgegangen; ich aber, o Vāsava [Indra], entstand da eben aus mir selbst, aus Mahālakṣmī, der Lotusgesichtigen.‘
[Anm.: Fußnote der Quelle verweist auf Kapitel 6, Vers 18 zurück (Aniruddha/Rati als Māyā-Hülle) und erläutert, dass hier die Inkarnation der Māyā-Hülle beschrieben wird.
‚Diese beiden, das göttliche Gattenpaar, gelten als die Eltern der Welten; in der Inkarnation des Lotusnabeligen [Brahmā] aber sind eben diese beiden von zweifachem Ursprung.‘
nārāyaṇāvatāro yaḥ [...] nāma nāmataḥ | prakārā bahavas tasya sarvabāhyam anuvratāḥ | ekadhā dvividhā caturdhā ca ṣoḍhā caiva tathāṣṭadhā | dvādaśadhā ca tatra nāmāni me śṛṇu ||
‚Diejenige Inkarnation Nārāyaṇas, die mit einem [bestimmten] Namen [benannt ist] – von ihr gibt es viele, ganz äußerliche Erscheinungsweisen; einfach, zweifach, vierfach, sechsfach, ebenso achtfach und zwölffach – höre nun meine Namen dabei.‘
[Anm.: Es folgt eine Aufzählung von Śrīs mehrarmigen kosmischen Gestalten (2-, 4-, 6-, 8-, 12-, 16-, 18-armig usw.), jeweils mit Einzelnamen für die Arme/Aspekte. Diese Passage ist im Digitalisat durch Zahlenverwirrung (Ziffern für Armzahlen vs. Verszahlen) besonders schwer zu entwirren; im Folgenden wird der erkennbare Namensbestand wiedergegeben, ohne die exakte Arm-Zahl-Zuordnung in jedem Fall als gesichert zu behaupten.
dvibhujasyāhaṃ aṅkasthā varavarṇinī | tasyaiva ubhayato rūpe śrīś ca puṣṭiś ca vāsava || caturdiśaṃ tu tasyaiva śrīḥ kīrtiś ca jayā tathā | māyeti kṛtvā rūpāṇi bhujye 'haṃ tena viṣṇunā ||
‚Bei der zweiarmigen [Gestalt] bin ich, die Schönfarbige, an [seiner] Seite/im Schoß; von eben dieser [Gestalt] gibt es auf beiden Seiten die Formen Śrī und Puṣṭi, o Vāsava. In seinen vier Richtungen aber [bin ich] Śrī, Kīrti und ebenso Jayā; und, nachdem ich [meine] Gestalten als Māyā angenommen habe, werde ich von jenem Viṣṇu genossen.‘
tasyaiva koṇaṣaṭkasthā ṣoḍhā śṛṇu nāma ca | mūrtir nirañjanā niyatir jñānaśaktiś ca vāsava | tathāparājitā caiva ṣaṣṭhī tu prakṛtiḥ parā ||
‚Von eben dieser [Gestalt], an den sechs Ecken befindlich, höre die sechsfachen Namen: Mūrti, Nirañjanā, Niyati, und Jñānaśakti, o Vāsava, ebenso Aparājitā, und als sechste die höchste Prakṛti.‘
tasyaiva cāṣṭadhā dikṣu sāhaṃ rūpair vyavasthitā | lakṣmīḥ sarasvatī sarvakāmadā prītivardhinī | yaśaskarī śāntidā ca tuṣṭidā puṣṭir eva ca ||
‚Von eben dieser [Gestalt], in den acht Richtungen, stehe ich mit [meinen] Formen da: Lakṣmī, Sarasvatī, die Alle-Wünsche-Erfüllende, die Liebe-Mehrende, die Ruhm-Bringende, die Frieden-Gebende, die Zufriedenheit-Gebende, und die Gedeihen-[Gebende].‘
‚An den zwölf Ecken von eben dieser [Gestalt] stehe ich, meines Wesens nach zwölffach: Śrī, Kāmeśvarī, Kānti, Kriyāśakti, Vibhūti, Lakṣmī, Prīti, Rati, Māyā, Dhī und Mahimā. Ebenso stehe ich bei der vierarmigen [Gestalt] sechsfach in mir selbst.‘
[?] Namensliste teilweise unsicher rekonstruiert; Gesamtzahl der genannten Namen (elf) stimmt nicht genau mit ‚zwölffach‘ überein - vermutlich fehlt ein Name durch OCR-Korruption.
tasyaiva ṣaḍbhujasyāham aṣṭadhā ca vāsava | dvipadbāhos tathā cāhaṃ dviṣaṭkabhujasya ca | tathā ṣoḍaśahastasya muṣṭinavakasya ca | vibhajya bahudhātmānam ittham eva vyavasthitā ||
‚Bei eben dieser sechsarmigen [Gestalt] bin ich achtfach, o Vāsava; ebenso bei der zweifüßig-armigen [Gestalt], und bei der zwölfarmigen; ebenso bei der sechzehnhändigen und bei der neunfäustigen [Gestalt] – indem ich mein Selbst vielfach aufteile, stehe ich solchermaßen da.‘
‚Diejenige Inkarnation Viṣṇus, die als der ‚im Ozean Ruhende‘ (Sindhuśāyin, Anantaśāyana) überliefert ist – um ihn herum stehe ich, vierfach Gestalt angenommen habend: Lakṣmī, Nidrā [Schlaf], ebenso Prīti und Vidyā, so bin ich mannigfach erscheinend.‘
avatāro hi yo viṣṇor nāmnā mīnadharaḥ śubhaḥ | tadvaṃśasthakarā tasya vāmotsaṅgasthitā sthitā | anusmarāmi taṃ tatra sāhaṃ naurūpadhāriṇī ||
‚Diejenige Inkarnation Viṣṇus, die mit Namen der glückverheißende ‚Fisch-Träger‘ (Matsya) [ist] – dort, an seiner Seite auf dem linken Schoß befindlich, gedenke ich seiner, indem ich die Gestalt eines Schiffes annehme.‘
[?] Stark unsicher rekonstruiert; Bezug auf den Matsya-Mythos (Manu und die Sintflut, das Schiff).
anantaśayano nāma yo 'vatāraḥ hareḥ smṛtaḥ | avatāro hi yo nāma varāho veda viśvataḥ | tadāham api bhūr nāma pṛthagbhūtā bhajāmy aham ||
‚[Nach dieser Aufzählung, hier nochmals zusammenfassend erwähnt:] die als ‚der auf Ananta Ruhende‘ überlieferte Inkarnation Haris [s. 8.25]. – Diejenige Inkarnation, die als Varāha den Veda überallher [rettet] – dann bin auch ich, mit Namen Bhū [Erde], eigenständig geworden, [ihm] zugetan.‘
[Anm.: Die Nennung von Anantaśayana hier scheint eine zusammenfassende Wiederaufnahme aus 8.25 zu sein, bevor die Liste der Avatāra-Paare mit Varāha fortgesetzt wird - möglicherweise Spur einer weiteren OCR-Verschiebung.
avatāre hi yo nāma vāmano vaiṣṇavaḥ śubhaḥ | padmād ahaṃ samutpannā tadā padmeti viśrutā ||
‚Diejenige Inkarnation, die den Namen Vāmana trägt, der glückverheißende Vaiṣṇava – dann, aus einem Lotus entstanden, wurde ich damals als Padmā bekannt.‘
‚Als Viṣṇus Inkarnation mit dem Namen Bhārgava [Paraśurāma] bezeichnet wurde – da [war ich] mit Namen Dharaṇī [Erde], eine Kraft ohnegleichen von Ursprung.‘
avatāre hi yo nāma rāmo dāśarathiḥ śubhaḥ | jātā janakayajñe 'haṃ kṣetrād rekhāmukhotthitāt | nāmnā sīteti vikhyātā daśānanavināśinī ||
‚Diejenige Inkarnation, die den Namen Rāma Dāśarathi trägt, der Glückverheißende – ich wurde in Janakas Opfer geboren, aus dem von der Pflugfurche gezeichneten Feld hervorgegangen, unter dem Namen Sītā bekannt, die Vernichterin des Zehnköpfigen [Rāvaṇa].‘
avatāro hi yo viṣṇoś caturdhā saṃbhaviṣyati | mathurāyām ahaṃ vyaktiś caturdhaiva bhaviṣyāmi tathā | revatī rukmiṇī caiva rati-nāmnā tathoṣā ||
‚Diejenige Inkarnation Viṣṇus, die vierfach entstehen wird [Balarāma/Kṛṣṇa/Pradyumna/Aniruddha] – in Mathurā werde auch ich, ebenso vierfach manifest werdend, sein: Revatī, und Rukmiṇī, und die mit Namen Rati, ebenso Uṣā.‘
[Anm.: Die vier Namen entsprechen den Gemahlinnen der vier Vyūhas: Revatī (Balarāma/Saṅkarṣaṇa), Rukmiṇī (Kṛṣṇa/Vāsudeva), Rati (Pradyumna), Uṣā (Aniruddha) - passend zur Vyūha-Lehre der Kapitel 4 und 6.
‚Dhruva und die anderen Inkarnationen, die als rein vaiṣṇavisch (ohne eigene weibliche Entsprechung) überliefert sind – bei diesen bin ich, ihrem jeweiligen Leib innewohnend, als ihre Genossin gegenwärtig.‘
[Anm.: Fußnote der Quelle: „Er beschreibt die manifeste (vyakta) Inkarnation, beginnend mit ‚Dhruva usw.‘“
yat tu me mohane rūpaṃ śrūyate 'mṛtadhārakam | bhavadbhāvau tadā tatra rūpe tulyopalakṣitau | devaiḥ puruṣarūpeṇa strīrūpeṇa tathetaraiḥ ||
‚Jene meine Gestalt aber in der ‚Verzauberung‘ (Mohana/Mohinī), von der man hört, dass sie den Nektar trägt – dort werden dann [unsere] beiden Wesen von Sein und Werden in gleicher Weise wahrgenommen: von den einen Göttern in männlicher Gestalt, von den anderen in weiblicher Gestalt.‘
[Anm.: Bezug auf den Mohinī-Mythos beim Quirlen des Milchozeans; die Aussage scheint zu besagen, dass Viṣṇu-als-Mohinī und Śrī in dieser Episode als ein- und dieselbe, geschlechtlich changierende Gestalt wahrgenommen wurden. [?] Unsicher rekonstruiert.
saha siddhaṃ śruti-visiddham ity etaj janma me 'dbhutam | kīrtitaṃ tatra deveṣu kevalaṃ janma me śṛṇu ||
‚Diese meine wundersame Geburt, zusammen [mit ihm] vollzogen, [doch] von der Śruti nicht [ausdrücklich] bezeugt, wurde dort unter den Göttern verkündet; höre nun auch von meiner alleinigen Geburt.‘
[?] Stark unsicher rekonstruiert. [Anm.: Dies ist der letzte Vers vor dem Kolophon; die angekündigte Erzählung von Śrīs ‚alleiniger Geburt‘ wird nicht mehr in diesem Kapitel, sondern erst in Kapitel 9 (Beginn der Devī-māhātmya-parallelen Erzählung von Mahālakṣmī/Mahākālī/Mahāsarasvatī) fortgeführt.
So endet, in der Essenz des Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das Kapitel mit dem Namen „Erhellung der Inkarnationen der Lakṣmī“ (Lakṣmyavatāraprakāśa), das achte Adhyāya.
[?] Titel im Digitalisat schwer lesbar, sinngemäß als „Lakṣmyavatāraprakāśa“ rekonstruiert (Inhalt des Kapitels stützt diese Lesung eindeutig).