namaste padmasaṃbhūte namaḥ kamalamālini | namaḥ kamalavāsinyai govindagṛhamedhini || 1||
Verehrung dir, o Lotus-Entsprungene, Verehrung der Lotusbekränzten! Verehrung der Lotus-Bewohnerin, der Herrin von Govindas Haus [gṛhamedhinī]!
Lakṣmī-Tantra
Indra fragt Śrī, wodurch ihre Gunst zu erlangen sei; sie legt die cāturātmya-Lehre und ihre Beziehung zu Vāsudeva dar (bhinnābhinna, wie Mondlicht und Mond) und lehrt die vier Mittel (upāya) zu ihrer Liebe: das rituelle Handeln (karma) gemäß eigener Kaste und Lebensstufe mit dreifacher Entsagung (Urheberschaft, Frucht, Handlung selbst), die Sāṅkhya-Erkenntnis (die drei Arten des Erkennens; die acht Urstoffe/prakṛtis; die dreifache Prakṛti als Māyā/Prasūti/Pradhāna) und schließlich (in stark beschädigter Passage) die Lehre von den drei Guṇas. Die Quelle führt zu diesem Kapitel einen dichten Apparat traditioneller Sanskrit-Kommentarglossen (vyākhyā); dieser interpretierende Kommentar wurde, dem Projektgrundsatz entsprechend, nicht als Übersetzungshilfe verwendet — nur rein sprachlich-grammatische Analyse floss ein.
namaste padmasaṃbhūte namaḥ kamalamālini | namaḥ kamalavāsinyai govindagṛhamedhini || 1||
Verehrung dir, o Lotus-Entsprungene, Verehrung der Lotusbekränzten! Verehrung der Lotus-Bewohnerin, der Herrin von Govindas Haus [gṛhamedhinī]!
namaste kañjakiñjalkavartitasphuritālakavibhrame [?] | srajye [?] sarvabhūtānāmantaḥsthe sarvasākṣiṇi || 2||
Verehrung dir, deren Lockenspiel gleich den wirbelnden Lotusfäden erglänzt [?], der Bekränzten [?], die im Innersten aller Wesen weilt, der Zeugin von allem!
[Anm.: Das Wort für „der Bekränzten“ (Skt. wohl urspr. sragviṇi o.ä.) ist in der OCR-Vorlage („srajye“) unklar überliefert; Bedeutung durch Kontext erschlossen.]
tvadīyaṃ kamalodbhūtaṃ sarvaṃ tadavadhāritam | tattvaṃ sarvaṃ tayā jñātaṃ tvayyeva pralayaṃ gamiṣyati || 3||
Alles, was aus deinem Lotus entsprungen ist, ist dadurch [in seinem Bestand] festgestellt; jenes gesamte Wesen [tattva], durch dich erkannt, wird einzig in dich zur Auflösung eingehen.
mātā mānaṃ mitistathā tridhā etāstvadātmikāḥ | tvāmevāśritya jīvāste taranti bhavasāgaram || 4||
Der Erkennende, das Erkenntnismittel und das Erkannte [pramātṛ, pramāṇa, prameya] – diese drei bestehen wesenhaft aus dir; einzig dich zur Zuflucht nehmend, durchqueren die Lebewesen den Ozean des Daseins.
evamādi mayā devi tattvatastvadavadhāritam | kautūhalamidaṃ me'dya vartate padmasaṃbhave || 5||
Solcherart wurde, o Göttin, dein Wesen von mir der Wahrheit gemäß erfasst; doch diese Neugier bleibt mir heute noch, o Lotus-Entsprungene.
toṣaṇīyāsi kena tvamupāyenāmbujāsane | paramaḥ puruṣārtho yastvatprītistasya sādhanam || 6||
Wodurch bist du zu erfreuen, o auf dem Lotus Thronende? Das höchste Ziel des Menschen [parama-puruṣārtha] – deine Gunst ist dessen Mittel [zur Erlangung].
tvatprītau ka upāyaḥ syātkīdṛśaḥ kiṃvidhaḥ smṛtaḥ | etanme sakalaṃ brūhi namaste padmasaṃbhave || 7||
Welches Mittel gibt es, um deine Gunst zu erlangen – von welcher Art, wie beschaffen gilt es? Sage mir dies alles vollständig. Verehrung dir, o Lotus-Entsprungene!
[Anm.: Ende von Indras Lobpreis und erster Frage (V.1-7); es antwortet Śrī.]
cāturātmyaṃ paraṃ brahma saccidānandalakṣaṇam | sarvaṃ sarvottaraṃ sarvabhūtāntaḥsthamanāmayam || 8||
Das höchste Brahman ist von vierfacher Wesensart [cāturātmya], gekennzeichnet durch Sein, Bewusstsein und Wonne [sac-cid-ānanda]; es ist das All, das Höchste über allem, im Innersten aller Wesen weilend, makellos.
[Anm.: „Vierfache Wesensart“ (cāturātmya) verweist wohl auf die bereits in Kap.10 dargelegte Vyūha-Lehre (Vāsudeva/Saṅkarṣaṇa/Pradyumna/Aniruddha), hier auf das Brahman selbst angewandt.]
vāsudevaḥ paraṃ brahma nārāyaṇamayaṃ mahat | tasyāhaṃ paramā śaktirahaṃtānandacinmayī || 9||
Vāsudeva ist das höchste Brahman, der Große, aus dem Wesen Nārāyaṇas bestehend. Ich bin seine höchste Kraft [parā śakti], bestehend aus der Wonne-Bewusstheit der Ichheit [ahaṃtā].
bhinnābhinnā ca varte'haṃ jyotsneva himadīdhiteḥ | tāvadāvāṃ tattvamekaṃ tu dvidhā bhūtvā vyavasthitau ||
Und ich bestehe zugleich als verschieden und nicht-verschieden [von ihm], wie das Mondlicht vom kühlstrahlenden [Mond]. So stehen wir beide, obgleich ein einziges Wesen, zweifach geworden, [gemeinsam] da.
[Anm.: Dasselbe bhinnābhinna-Gleichnis (Mond/Mondlicht) für die Beziehung zwischen Viṣṇu und Śrī, das schon in früheren Kapiteln (u.a. Kap.13) verwendet wurde.]
brahma nārāyaṇaṃ māṃ prāpya jñānenaivāgryayā yatiḥ | panthā nānyo'sti vijñānādayanāya vipaścitām ||
Wer Brahman-Nārāyaṇa und mich allein durch die höchste [agrā] Erkenntnis erlangt, wird zum Beherrschten [yati]; es gibt für die Weisen keinen anderen Weg zur Erlösung [ayana] als durch diese besondere Erkenntnis [vijñāna].
jñānaṃ tacca vivekotthaṃ sarvataḥ śuddhamamalinam | vāsudevaikaviṣayamapunarbhavakāraṇam || 12||
Und jene Erkenntnis, aus der Unterscheidung [viveka] entsprungen, ist in jeder Hinsicht rein und makellos; sie hat einzig Vāsudeva zum Gegenstand und ist die Ursache der Nicht-Wiederkehr [in die Wiedergeburt].
jñāne tasminsamutpanne viśate māmanantaram | taistairupāyaiḥ prītā jīvānāmamṛtātmanām || 13||
Sobald jene Erkenntnis entstanden ist, geht [der Wissende] unmittelbar in mich ein. Erfreut durch diese verschiedenen Mittel [wirke ich] für die Lebewesen, deren wahres Wesen unsterblich ist.
uddhāvayāmi tajjñānamātmajyotiḥpradarśakam | upāyāste ca catvāro mama prītivivardhanāḥ ||
Ich erwecke jene Erkenntnis, die das Licht des Selbst offenbart. Und jene Mittel sind vier an der Zahl, die meine Zuneigung mehren.
[Anm.: Der Quelle liegt an dieser Stelle ein dichter Apparat traditioneller Sanskrit-Kommentarglossen (vyākhyā) bei, etwa zur Gleichsetzung von parama-puruṣārtha mit mokṣa; dieser interpretierende Kommentarapparat wurde, dem Projektgrundsatz entsprechend, nicht als Übersetzungshilfe herangezogen, sondern nur das rein sprachliche Verständnis aus eigener Analyse gewonnen.]
bhagavatyaravindasthe paṅkajekṣaṇakāmini | ke te upāyāḥ ke ca catvārastānme darśaya paṅkaje || [?]
[Indra:] „O Erhabene, die auf dem Lotus thront, Lotusäugige, Geliebte! Was sind diese Mittel, und welche sind die vier? Zeige sie mir, o Lotusgeborene!“
[Anm.: Zweite, konkretisierende Frage Indras, nachdem Śrī die Vierzahl der Mittel bereits angekündigt hat. Der Wortlaut der Frage ist in der OCR-Vorlage unklar überliefert und sinngemäß rekonstruiert.]
upāyāṃścaturaḥ śakra śṛṇu me prītivardhanān | yairahaṃ paramāṃ prītiṃ yāsyāsyanapagāminīm || 16||
[Śrī:] „Höre, o Śakra, die vier Mittel, die meine Zuneigung mehren, durch die du meine höchste, unvergängliche [anapagāminī] Liebe erlangen wirst.
svajātividitaṃ karma sāṅkhyaṃ yogastathaiva ca | sarvatyāgaśca vidvadbhirupāyāḥ kathitā ime || 17||
Das der eigenen Art [svajāti, d.h. Kaste und Lebensstand] gemäße [rituelle] Handeln, die Sāṅkhya-Erkenntnis, ebenso der Yoga, und die vollständige Entsagung [sarvatyāga] – diese werden von den Gelehrten als die Mittel bezeichnet.
[Anm.: Die klassische vierfache Upāya-Lehre: karma, sāṅkhya, yoga, sarvatyāga. In der OCR-Vorlage ist die Verszahl als „15“ statt „17“ wiedergegeben – vermutlich eine OCR-Verwechslung der Ziffern 5/7.]
caturbhirlakṣaṇayuktaṃ trividhaṃ karma vaidikam | svavarṇāśramasaṃbandhi nityanaimittikātmakam || 18||
Das vedische Handeln, mit vier Kennzeichen versehen, ist [in seiner gültigen Ausübung] dreifach: der eigenen Kaste [varṇa] und Lebensstufe [āśrama] zugehörig, von der Art der ständigen [nitya] und der anlassbezogenen [naimittika] Riten.
[Anm.: Die „vier Kennzeichen“ dürften sich auf die im Dharmaśāstra geläufige vierfache Einteilung des Handelns in nitya/naimittika/kāmya/niṣiddha (ständig/anlassbezogen/begehrend/verboten) beziehen, wovon hier nur die ersten drei — abzüglich des verbotenen — als „dreifach“ gültiges Handeln gelten.]
akāmahataṃ siddhaṃ karma tatpūrvasādhanam | caturvidhastu saṃnyāsastatra kāryo vipaścitā || 19||
Jenes vollzogene Handeln, von [eigennützigem] Verlangen befreit [akāmahata], ist das vorbereitende Mittel. Eine vierfache Entsagung [saṃnyāsa] soll dabei vom Weisen geübt werden.
mantroktadevatāyāṃ vā prakṛtāvindriyeṣu vā | parasmindevadeve vā vāsudeve janārdane || 20||
[Diese Entsagung richtet sich] entweder auf die im Mantra genannte Gottheit, oder auf deren natürliche Grundlage [prakṛti], oder auf die Sinnesorgane, oder auf den höchsten Gott der Götter, Vāsudeva Janārdana.
pūrvaṃ kartṛtvasaṃnyāsaḥ phalasaṃnyāsa eva ca | karmaṇāmapi saṃnyāso devadeve janārdane || 21||
Zuerst die Entsagung der Urheberschaft [kartṛtva], sodann ebenso die Entsagung der Handlungsfrucht, und schließlich auch die Entsagung der Handlungen selbst – [alles] hin zum Gott der Götter, Janārdana.
śāstrīyamācarannevaṃ nityanaimittikātmakam | madārādhanakāmaḥ san yaḥ śrīṃ jānāti māṃ naraḥ || iti te kathitaḥ proktaḥ śrutismṛtinidarśitaḥ |
Wer solcherart die schriftgemäßen, ständigen und anlassbezogenen [Riten] vollzieht, und der, mich zu verehren begehrend, mich als Śrī erkennt [– dieser erlangt mich]. So wurde dir [dieses erste Mittel] verkündet, wie es von Śruti und Smṛti aufgezeigt wird.
dvitīyaṃ sāṃkhyavijñānamupāyaṃ śṛṇu sāṃpratam || 22||
Höre nun das zweite Mittel, die Erkenntnis des Sāṅkhya.
saṃkhyāstisro hi mantavyāḥ sāṃkhyaśāstranidarśitāḥ | prathamā laukikī saṃkhyā dvitīyā arthātmikā |
Drei Arten des Erkennens/Zählens [saṃkhyā] sind zu verstehen, wie sie in den Sāṅkhya-Lehrschriften aufgezeigt werden: die erste ist die weltliche Erkenntnisart [laukikī], die zweite die auf dem [eigentlichen] Sinn beruhende [arthātmikā].
samīcīnā tu yā dhīḥ sā tṛtīyā parigīyate | saṃkhyātrayasamūho yaḥ sāṅkhyaṃ tatparigīyate || 25||
Diejenige Einsicht aber, die die richtige [samīcīnā] ist, wird als die dritte besungen. Jene Gesamtheit der drei Erkenntnisarten wird als „Sāṅkhya“ besungen.
pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca | ahaṃkāro mahāṃścaiva prakṛtiḥ paramā tathā || 26||
Erde, Wasser, ebenso Feuer, Luft und Äther; das Ich-Prinzip [ahaṃkāra], das Große [mahat], und ebenso die höchste Urmaterie [prakṛti].
etāḥ prakṛtayastvaṣṭau tāsāṃ vyākhyāmimāṃ śṛṇu | prakṛtistrividhā proktā māyā sūtirguṇātmikā ||
Dies sind die acht Urstoffe [prakṛtayaḥ]; höre diese Erklärung zu ihnen: Die Urmaterie [prakṛti] wird als dreifach bezeichnet – als Māyā, als Sūti [Prasūti, das Hervorbringende], und als die aus den Grundqualitäten [guṇa] bestehende [Pradhāna].
niḥsaṅgāsaṅgamadvaitamataraṅgamanaśvaram | acetanānāṃ paramaṃ saukṣmyaṃ māyeti gīyate || 28||
Ungebunden und [doch] gebunden [?], nicht-dual, wellenlos, unvergänglich – die höchste Feinheit der unbewussten [Prinzipien] wird „Māyā“ genannt.
[?: „niḥsaṅgāsaṅgam“ – ungebunden-gebunden – ist paradox formuliert; Sinn evtl. „weder gebunden noch ungebunden“ oder „an sich ungebunden, [den Seelen] jedoch anhaftend“.]
īṣadunmīlanaṃ tasyāḥ prasūtiriti gīyate | guṇatrayasamunmeṣaḥ sāmyena prakṛtiḥ parā || 29||
Deren leichtes Sich-Öffnen wird „Prasūti“ [das Hervorbringende] genannt. Das im Gleichgewicht [sāmya] befindliche Hervortreten der drei Grundqualitäten [guṇa] ist die „höchste Urmaterie“ [parā prakṛti, d.h. Pradhāna].
avyaktamakṣaraṃ yoniravidyā bhūriguṇā sthitiḥ | māyā svabhāva ityete śabdāḥ paryāyavācakāḥ ||
[Ebenso wird sie genannt:] das Unentfaltete [avyakta], das Unvergängliche [akṣara], der Mutterschoß [yoni], das Nichtwissen [avidyā], der an Grundqualitäten reiche Zustand [bhūriguṇā sthitiḥ]. „Māyā“ und „Svabhāva“ [Eigennatur] — diese Worte sind gleichbedeutend [Synonyme].
[Stark beschädigte Passage, ca. Verse 31–36 der Quelle, betreffend die Lehre von den drei Guṇas.]
[Zusammenfassung anstelle wörtlicher Übersetzung:] Es folgt eine Darlegung der drei Guṇas (Grundqualitäten) im Rahmen der Prakṛti-Lehre: Sattva sei von der Natur der Freude [sukharūpa] und unbewegt [acañcala], mit der Funktion, das Bewusstsein zu tragen bzw. zu offenbaren; Rajas sei von der Natur des Leids [duḥkharūpa] und beweglich [cañcala], mit der Funktion der Tätigkeit; Tamas sei schwer [guru], von der Natur der Verblendung [moharūpa], mit einer Funktion, die als Zurückhaltung bzw. „Schlaflegung“ [niyama, svāpanalakṣaṇam] beschrieben wird. Die Verse schließen mit der Aussage, dass Sattva, Rajas und Tamas, im Denkorgan [citta] und in den Sinnesorganen angesiedelt, zu Körper und Sinnesvermögen werden und die [karmischen] Handlungen hervorbringen; wer hierüber feste Erkenntnis besitzt [?], erlangt die Gleichheit/Loslösung von den Guṇas [?].
[Anm.: Diese Passage ist in der OCR-Vorlage außergewöhnlich schwer beschädigt, und die überlieferten Versziffern (31, 34, 35, 36) erscheinen nicht in fortlaufender, eindeutig rekonstruierbarer Reihenfolge — ein Hinweis auf eine ähnliche Spalten-Verschränkung beim Scannen wie in früheren Kapiteln (vgl. Kap.6, Kap.9, Kap.11). Eine wortgetreue Einzelübersetzung ist daher nicht mit ausreichender Zuversicht möglich; es wird stattdessen der erkennbare Lehrgehalt zusammenfassend wiedergegeben, entsprechend dem methodischen Vorgehen bei früheren stark beschädigten Textstellen dieses Projekts.]
iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre upāyaprakāśo nāma pañcadaśo'dhyāyaḥ ||
So endet im Kern des glorreichen Pāñcarātra, in der Lakṣmī-Tantra, das fünfzehnte Kapitel, betitelt „Erleuchtung der Mittel“.