Paṭala 42: Dvicatvāriṃśo 'dhyāyaḥ (Tārāmantropāsanakramaḥ)
Zweiundvierzigstes Kapitel (Die Ordnung der Verehrung des Tārā-Mantras)
Kapitel über den Puraścaraṇa-Vollzug (75 Verse): Sühneleistungen, siebennächtiger Tārikā-Vollzug, ein bemerkenswerter Katalog von Traum-Erfolgszeichen, die Verehrung eines jungen Paares als Lakṣmī-Nārāyaṇa, die Haṃsa/Haṃsī-Lehre, konkrete Anwendungen für die vier Lebensziele (dharma/artha/kāma/mokṣa) und die Erscheinung der Göttin Subhagā, die sich als Mutter, Schwester oder Freundin annehmen lässt.
[Indra:] Verehrung, immer wieder Verehrung dir, dem Paar von Lotosfüßen, das ein Schiff zur Überquerung des Ozeans des Weltenkreislaufs ist! Durch deine Gnade, o Göttin, habe ich der Reihe nach die Vorschrift der Initiation vernommen; sage mir nun von der „Puraścaraṇa“-Handlung der Tārikā [dem vorbereitenden Mantra-Kräftigungsritus]. [Śrī:] Ich bin die Macht namens Nārāyaṇī, in Nārāyaṇa wohnend; meine höchste Gestalt ist die Tārikā, die Gebieterin der Welten. Höre von mir den Reichtum der Vollzugsweisen für jene, meine kondensierte [Mantra-]Gestalt.
[Anm.: Die Quelledition erläutert sachlich: „Puraścaraṇa ist das Gelübde, Feueropfer usw., das für einen durch Lehrer-Unterweisung empfangenen Mantra vollzogen wird, um dessen Fähigkeit zu begründen, dem Besitzer die gewünschte Frucht zu verleihen“ – eine sachliche Begriffsdefinition der Edition.]
[V. 5–23, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Zunächst werden Sühneleistungen für schwere und leichtere Verfehlungen vorgeschrieben: Keuschheit, reine Opferspeise, sanfte Rede, Gelübde-Treue, gedankliche Rezitation der Silbe Oṃ eine Million Mal in Viṣṇus Gegenwart, Feueropfer mit den großen Vyāhṛtis zehntausendmal, mit der Sāvitrī (Gāyatrī) dreimal so oft – dadurch werden selbst schwerste Verfehlungen getilgt; alternativ ein dreinächtiges Fasten mit dreimaligem nächtlichen Bad und Rezitation des Wurzelmantras zu jeder Dämmerung, gefolgt von der Schenkung einer milchgebenden Kuh an einen Brahmanen am vierten Tag. Anschließend wird der eigentliche siebennächtige Tārikā-Vollzug (puraścaraṇa) beschrieben: Fasten, Rezitation bei Dämmerung an einem reinen Ort (Viṣṇu-Heiligtum, Berg, Flussufer, Kuhstall, Bilva-Hain), Nahrung nur aus Milch/Milchspeisen/Opferresten oder gänzlicher Verzicht, begleitet von Handvoll-Opfergaben, Wasserlibation und Ghee-Opfern.]
[Als Erfolgszeichen gelten während der siebennächtigen Beobachtung, im Traum oder wachend:] der Erhalt eines Weinkrugs, oder das Trinken von Wein; die liebevolle Krönung/Salbung durch eine Frau, oder das Verbrennen eines Leichnams; die zärtliche Umarmung durch sie, oder das Zusammensein mit ihr; die Ankündigung der Mantra-Vollendung, oder der Erhalt einer [ersehnten] Frucht; der Anblick des Mondes, oder eines schönen, wohlgestalteten Liebespaares; der Anblick eines Königs, oder einer Königin; eine unmittelbare Schau Nārāyaṇas, sei es im Traum oder im Wachen; der Anblick einer tugendhaften Gattin, oder die Begegnung mit Vaiṣṇavas; sowie alles andere, was in den Traumdeutungs-Lehrschriften als günstiges Zeichen gilt. Hat man solche Hoffnung erlangt, erhebe man sich, den Schlaf und die Müdigkeit überwunden [und rein].
[Anm.: Bemerkenswerter Katalog von Erfolgszeichen (siddhi-lakṣaṇa), der unbefangen weltlich-sinnliche neben rein religiösen Vorzeichen aufführt – ein in der tantrischen Praxisliteratur verbreitetes Genre der Traumdeutung als Bestätigung eines gelungenen Mantra-Vollzugs.]
[V. 29–65, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Nach dem Morgenritual folgt eine Verehrung eines jungen, ebenbürtig schönen, dharma-treuen Paares als leibhaftige Verkörperung von Lakṣmī-Nārāyaṇa: gebadet, geschmückt, mit Sandelpaste gesalbt, mit einer Gabe beschenkt, wird um den Erfolg der Tārikā gebetet; danach folgt ein Lobpreis der Göttin als „Fülle der sechs Herrlichkeiten, Geliebte Haris, Herrin von Govindas Haus, aus deren Lotosmund die besondere Vollendung der Tārikā fließt“ – und eine kurze Lehre über die Anwendungsweisen (viniyoga) des Mantras: Nārāyaṇa als der „Haṃsa“ (der Schwan/das höchste Selbst) und Śrī als „Haṃsī“, seine Macht, beide gemeinsam von Tārikā-Wesen. Es folgen konkrete Anwendungsvorschriften für die vier Lebensziele: für Rechtschaffenheit (dharma) meditiert man sich selbst in Antilopenfell gehüllt, mit Rosenkranz und Stab, mondgesichtig, und rezitiert hunderttausendmal die Tārā; für Wohlstand kocht man Reis, Ghee, Honig und Rohrzucker mit Milch in einem Gefäß und opfert es am ersten Tag der hellen Monatshälfte bei Sonnenaufgang in einer großen Feuergrube; für Glanz/Ruhm bringt man von Morgen bis Abend ununterbrochen Ghee-Opfer mit dem Tāra-Mantra dar; und für Reichtum speist man täglich einen Brahmanen mit milchgekochter Nahrung und spendet einem als „Lakṣmī-Nārāyaṇa“ verehrten Paar Wasserlibationen – wer dies so vollzieht, erlangt einen millionenfachen, unvergänglichen Schatz für sein Haus.]
„[...] Mich betrachtend, lotosinnerfarben, ein Lotospaar haltend, zweiarmig, mit dunkel umrandeten Augen, dunklem, gelocktem Haar, lächelndem, vollem Antlitz, lieblich, mit vollen, hochstehenden Brüsten, mit allem Schmuck versehen, im feinsten Seidengewand gekleidet [...] – so rezitiere man.“ Am Ende des Gelübdes erscheint sie selbst, die mantra-natürliche [Göttin] namens Subhagā [„die Holdselige“], und spricht zum Praktizierenden: „Was soll ich [für dich] tun?“ Man möge sie sich als Mutter, Schwester oder Freundin vorstellen: als Mutter angenommen, beschützt sie vor allen Gefahren; als Schwester angenommen, gewährt sie alle Wünsche und gibt, was lieb ist, lebenslang; als Freundin angenommen, führt sie zu ihrem eigenen [göttlichen] Bereich. Wer die Erlösung wünscht, rezitiere beständig die gross-, fein- und höchstwesentliche [Tārikā].
[Anm.: Bemerkenswerte bhakti-relationale Lehre: die durch den Mantra-Vollzug erschienene Göttin lässt sich in unterschiedlicher familiärer Beziehung annehmen – als Mutter, Schwester oder Freundin –, wobei jede Beziehungsform eine eigene Art der Gnade gewährt.]