Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 18: Aṣṭādaśo 'dhyāyaḥ (Mantrasvarūpakathanam) Achtzehntes Kapitel (Die Darlegung des wahren Wesens des Mantra)

Auf Indras umfangreiche Fragenliste zur Natur des Mantra (Ursprung, Auflösung, Maß, Lehrer, Verehrungsweisen, Initiation usw.) antwortet Śrī mit einer Mantra- und Sprachtheologie: sie identifiziert sich selbst mit dem Śabdabrahman (dem „Wort-Brahman“) und legt die klassische, hier in einem ihrer ältesten belegten Zeugnisse auftretende vierstufige Sprachlehre dar — Śāntā/Parā (die stille Grundstufe), Nāda und Bindu als deren erste Regungen, Paśyantī (die schauende Stufe), Madhyamā (die mittlere, grammatisch strukturierende Stufe) und Vaikharī (die hörbare, artikulierte Stufe) —, die sie mit den vier Vyūhas korreliert. Es folgt eine numerologische Klassifikation ihrer selbst als ein-, zwei-, vier-, acht- und neunsilbige Gestalt nach verschiedenen grammatischen Gliederungsprinzipien, eine Aufzählung aller Kategorien sprachlicher/schriftlicher Einheiten (von Lauten bis zu ganzen vedischen Textkorpora) als Ausdrucksformen ihrer selbst, eine volksetymologische Deutung des Wortes „Mantra“ (das, was den Kenner vor Furcht rettet), und schließlich eine Klassifikation der Mantras nach der inneren Ausrichtung (bhāvanā) des Praktizierenden in weltlich-genussverleihende und erlösungsverleihende.

namaste padmanilaye namaste padmasaṃbhave | tvayi śirasā pādau nato'smi kamalānane || 1||

[Indra:] „Verehrung dir, die im Lotus wohnt, Verehrung, Lotusgeborene! Vor dir verneige ich mit dem Haupt [mich zu] den Füßen, o Lotusgesichtige.

vada mantramayaṃ mārgamidānīṃ kartumarhasi | yaṃ vijñāyārcayeyaṃ te divyāṃ mantramayīṃ tatim || 2||

Sage mir den aus Mantra bestehenden Weg – jetzt geziemt es dir, [ihn] zu offenbaren –, durch dessen Kenntnis ich deine göttliche, aus Mantras bestehende Fülle verehren könnte.

kuto mantrasamutpattiḥ kva ca mantraḥ pralīyate | mantrasya kiṃ phalaṃ pade kena madhye prapūryate || 3||

Woher entsteht das Mantra, und wohin löst sich das Mantra wieder auf? Was ist die Frucht des Mantra? Wodurch wird es in seiner Mitte, an seinem [rechten] Ort, erfüllt?

kiyantaśca katidhā asya parimāṇaṃ kiyatkila | kṣetrakṣetrajñabhāvena kīdṛśaḥ paramo'mbuje || 4||

Wie viele und von welcher Art sind sie, und wie groß ist ihr Maß? Von welcher Beschaffenheit ist, im Verhältnis von Feld [kṣetra] und Feldkenner [kṣetrajña], das höchste [Mantra], o Lotusgeborene?

mantraśca kena saṃsādhya upadeṣṭā ca kīdṛśaḥ | upāsanaprakārāśca kathamasyābjasaṃbhave || 5||

Durch wen wird das Mantra vollendet, und wie beschaffen ist [sein] Lehrer? Und welches sind die Arten seiner Verehrung/Meditation, o Lotusgeborene?

upāsanopayogī ca yā cānartho'mbujāsane | siddhisādhanayogaśca pratyayāśca tathā tathā || 6||

Und was ist der [Verehrung] dienlich, und was ist [ihr] abträglich, o Lotusthronende? Und [erkläre] den Yoga zur Erlangung der Vollkommenheit [siddhi] sowie die mannigfachen Bewährungszeichen [pratyaya].

yogaḥ svādhyāyayogaśca japayogastathaiva ca | prāyaścittavidhiścaiva śrāddhakalpastathaiva ca || 7||

[Erkläre] den Yoga des [persönlichen] Studiums [svādhyāya] und ebenso den Yoga der [stillen] Wiederholung [japa]; die Regel der Sühnehandlung [prāyaścitta] und ebenso die Ordnung der Ahnenopfer [śrāddha].

dīkṣāpratiṣṭhayoḥ kalpo yantrakalpastathaiva ca | etacca nikhilaṃ yatrāpyupayujyate || 8||

[Erkläre] die Ordnung von Initiation [dīkṣā] und [Bild-]Weihe [pratiṣṭhā], und ebenso die Ordnung des [rituellen] Diagramms [yantra]. Und all dies, worauf es sich auch anwenden lässt.“

[Anm.: Ende von Indras achtteiliger Frageliste zur Mantra-Lehre; im Folgenden antwortet Śrī.]

śaraṇaṃ ca prapanno'smi paṅkaje tadadhīhi bhoḥ | viditaṃ veditavyaṃ me vedānteṣvapi durlabham ||

„Ich habe [bei dir] Zuflucht gesucht, o Lotusgeborene; lehre mich dies, o Herrin – [denn] was zu wissen ist, wird mir [dadurch] bekannt, [etwas] das selbst in den Vedānta-[Schriften] schwer zu erlangen ist.“

[Anm.: Übergangsvers, in der OCR-Vorlage mit vorangehenden/folgenden Zeilen leicht vermengt.]

[Śrī:] praśnabhāro'yamatulastvayodiṣṭaḥ puraṃdara | vācyaste prītisaṃyogācchṛṇu vakṣyāmyaśeṣataḥ ||

[Śrī:] „Dies ist eine unvergleichliche Last von Fragen, die du gestellt hast, o Puraṃdara [Indra]. Sie soll dir aus der Verbindung [meiner] Zuneigung heraus gesagt werden; höre, ich werde [sie] vollständig darlegen.

ahamityeva yaḥ sphūrtiḥ puruṣaḥ puṣkarekṣaṇaḥ | svabhāvaḥ sarvabhāvānāmabhāvānāṃ ca vāsava ||

Jenes Aufblitzen, das eben [im Wort] ‚Ich‘ [besteht] — [das ist] der Puruṣa, der Lotusäugige; [er ist] die Eigennatur aller seienden wie auch aller nicht-seienden Dinge, o Vāsava [Indra].

idaṃ tayaiva vilīnaṃ yatsadasannakhilaṃ sthitam [?] | tattallakṣaṇavanto ye tadaṃśe vilīyante ||

Diese gesamte Wirklichkeit, seiend und nicht-seiend, die [vor uns] steht, ist eben in ihm aufgelöst; diejenigen, die jeweils dieses oder jenes Merkmal tragen, lösen sich in einem Anteil davon auf.

[?: Diese Verszeile ist in der OCR-Vorlage stark beschädigt; die Übersetzung ist unsicher.]

vilīnedaṃpadārthaughaḥ prāpyaikatvaṃ cidambudhau | nistaraṅgodayo'nanto vāsudevaḥ prakāśate ||

Nachdem die gesamte Menge der ‚Dies‘-Gegenstände sich aufgelöst und im Ozean des Bewusstseins Einheit erlangt hat, erstrahlt der wellenlose, unendliche Vāsudeva.

pūrṇāhantāsmi tasyaikā śaktirīśvaratāmayī | nityoditā sadānandā sarvataḥ samatāṃ gatā ||

Ich bin seine eine, aus vollkommener Ichheit [pūrṇāhantā] [bestehende] Kraft, von der Natur der Herrschermacht; ewig aufgegangen, stets wonnevoll, von allen Seiten zur Gleichheit gelangt.

sarvabhāvasamudbhūtiḥ sarvaparyāyasaṃmatā | yā hyeṣā pratibhā tattatpadārthakramarūṣitā ||

Der Ursprung alles Seienden, in allen [ihren] Erscheinungsformen anerkannt; jene Erkenntnis-Ausstrahlung [pratibhā], die durch die Abfolge der jeweiligen Wortbedeutungen gestaltet ist —

uddhṛteṣu padārtheṣu sāhamakramaśālinī | avabodhātmikāyā me yā pratyagavamarśitā ||

— sobald die Wortbedeutungen [einzeln] hervorgehoben sind, bin ich [jedoch selbst] ohne [solche] Abfolge; jene innere Selbstwahrnehmung [pratyagavamarśa] meiner Erkenntnisnatur,

sā sphurattā mahānandā śabdabrahmeti gīyate | prakāśānandasārāhaṃ sarvamantraprasūḥ parā ||

jenes hochwonnevolle Erglänzen [sphuratā], wird ‚Śabdabrahman‘ [das Wort-Brahman] genannt. Ich, von der Substanz des Lichts und der Wonne, bin die höchste Quelle aller Mantras,

[Anm.: Hier wird die Śabdabrahman-Lehre (das Sanskrit-Grammatiker-Konzept des ‚Wort-Brahman‘, klassisch mit Bhartṛhari verbunden) mit Śrī selbst identifiziert — einer der ältesten belegten Fälle einer Verschmelzung dieser Lehre mit Pāñcarātra-Theologie.]

śabdānāṃ jananī śaktirudayāstamayojjhitā | vyāpakaṃ yatparaṃ brahma nārāyaṇamanāmayam ||

die Mutterkraft der Worte, frei von Aufgang und Untergang. Jenes durchdringende, höchste Brahman, Nārāyaṇa, frei von Leid —

śāntā nāma yāvasthā sāhaṃ śāntākhilaprasūḥ | tasyā me ya udeti sma sisṛkṣākhyo'lpa udgamaḥ ||

— jener Zustand, der ‚Śāntā‘ [die Ruhevolle/Stille] genannt wird, [das] bin ich, die stille Quelle von allem. Aus jenem [Zustand] von mir erhebt sich ein geringfügiges Hervortreten, genannt der ‚Schöpfungswille‘ [sisṛkṣā],

[Anm.: Hier beginnt die Darlegung der berühmten vierstufigen Sprachlehre (parā/paśyantī/madhyamā/vaikharī) — eines der ältesten Zeugnisse dieser später in Grammatik, Kashmir-Śaivismus und Tantra zentralen Doktrin —, hier unter dem Namen ‚Śāntā‘ für die höchste (parā) Stufe.]

sa śabdārthavibhedena śānta unmeṣa ucyate | śabdodayapuraskāraḥ sarvatrārthodayaḥ smṛtaḥ ||

jenes [Hervortreten], durch die Unterscheidung von Wort und Bedeutung, wird das ‚stille Hervortreten‘ [śānta unmeṣa] genannt. Überall gilt: dem Aufgang der Bedeutung geht der Aufgang des Wortes voraus —

arthaśabdapravṛttyātmā śabdasya sthūlatā hi sā | bodhonmeṣaḥ smṛtaḥ śabdaḥ śabdonmeṣo'rtha ucyate ||

— [dies gilt] für das Wesen der Tätigkeit von Bedeutung-und-Wort [auf grober Ebene]; das ist eben die Grobheit des Wortes. [Auf feiner Ebene hingegen gilt:] das Hervortreten der Erkenntnis wird ‚Wort‘ genannt, das Hervortreten des Wortes wird ‚Bedeutung‘ genannt —

udyacchabdodayaḥ śaktyāḥ prathamaḥ śāntatātmanaḥ | sa nāda iti vikhyāto vācyatāmasṛṇastadā ||

— der erste, sich erhebende Wort-Aufgang [meiner] Kraft, von der Natur der Stille, ist als ‚Nāda‘ [der Urklang] bekannt, noch nicht zur ausgeglätteten [d.h. klar unterscheidbaren] Aussagbarkeit gelangt.

nādena saha śaktiḥ sā sūkṣmeti parigīyate | nādātparo ya unmeṣo dvitīyaḥ śaktisaṃbhavaḥ ||

Jene Kraft wird zusammen mit dem Nāda als ‚Sūkṣmā‘ [die Feine] besungen. Das über Nāda hinausgehende, zweite Hervortreten, aus [meiner] Kraft entstanden —

bindurityucyate so'tra vācyo'pi mṛduḥ sthitaḥ [?] | paśyantī nāma sāvasthā mama divyā mahodayā ||

— wird hier ‚Bindu‘ [der Punkt/Keim] genannt, [zwar] schon aussagbar, aber noch in weicher/unausgeformter Verfassung. Jener Zustand von mir, göttlich und von großem Glanz, wird ‚Paśyantī‘ [die Schauende] genannt —

tataḥ paro ya unmeṣastṛtīyaḥ śaktisaṃbhavaḥ | madhyamā sā tadā tatra saṃskārayati saṃgatim ||

— das darüber hinausgehende, dritte Hervortreten, aus [meiner] Kraft entstanden, ist jene ‚Madhyamā‘ [die Mittlere]; sie bewirkt dort die grammatische Verknüpfung [saṃgati] durch Verfeinerung [saṃskāra].

vācyavācakabhedastu tadā saṃskāratāmayaḥ | caturthastu ya unmeṣaḥ so'yaṃ mādhyamikātparaḥ ||

Die Unterscheidung von Bezeichnetem [vācya] und Bezeichnendem [vācaka] besteht dann eben aus jener Verfeinerung. Das vierte Hervortreten aber, das über die Madhyamā-[Stufe] hinausgeht —

vaikharī nāma sāvasthā varṇavācyasphuṭodayā | ahaṃ śaktiḥ kriyātmā me bodharūpānuyāyinī ||

— dieser Zustand heißt ‚Vaikharī‘ [die Grobe/Hörbare], deren Aufgang als [artikulierte] Laute und [klare] Bezeichnung deutlich hervortritt. Ich bin die Kraft, von der Natur der Tätigkeit, der Form der [reinen] Erkenntnis folgend,

sā prāṇayati nādādi dṛkyunmeṣaparaṃparām | śāntātmā paśyantī madhyamā vaikharī tathā ||

die jene Abfolge des Hervortretens vom Nāda bis zur Schau [dṛś] belebt/beseelt. [So gibt es] die Stille [Śāntā], Paśyantī, Madhyamā und ebenso Vaikharī —

catūrūpā catuḥrūpaṃ vapurvācyaṃ svanirmitam | vāsudevādayaḥ sūkṣmā vācyāḥ śāntādayaḥ kramāt ||

— vierförmig; [dies ist] der vierförmige, aussagbare, selbstgeschaffene Leib [Śrīs]. Vāsudeva und die übrigen [drei Vyūhas] sind der Reihe nach die subtilen, [durch] Śāntā und die übrigen [Sprachstufen] aussagbaren [Entsprechungen],

[Anm.: Bemerkenswerte Korrelation der vier Sprachstufen mit den vier Vyūhas (Vāsudeva/Saṅkarṣaṇa/Pradyumna/Aniruddha, vgl. Kap.10): Śāntā↔Vāsudeva, Paśyantī↔Saṅkarṣaṇa, Madhyamā↔Pradyumna, Vaikharī↔Aniruddha (letztere Zuordnung im Einzelnen aus dem stark beschädigten Folgetext nicht mehr sicher zu belegen).]

ahamekapadī jñeyā prakāśānandarūpiṇī | vācyavācakabhedena punaḥ sā dvipadī smṛtā ||

ich bin als die ‚Einsilbige‘ [ekapadī] zu erkennen, von der Gestalt des Lichts und der Wonne. Durch die Unterscheidung von Bezeichnetem und Bezeichnendem wiederum gilt sie als die ‚Zweisilbige‘ [dvipadī],

uṣmāntaḥsthasvarasparśabhedāccāhaṃ catuṣpadī | aṣṭavargavibhedācca sāhamaṣṭapadī smṛtā ||

durch die Unterscheidung von Zischlauten, Halbvokalen, Vokalen und Verschlusslauten bin ich [zudem] die ‚Viersilbige‘ [catuṣpadī]; durch die Unterscheidung der acht [Laut-]Gruppen [aṣṭavarga] bin ich als die ‚Achtsilbige‘ [aṣṭapadī] bekannt,

[Anm.: Es folgt eine numerologische Klassifikation von Śrī/dem Mantra nach grammatischen Lautgruppen (vargas: Kehl-, Gaumen-, Zerebral-, Zahn-, Lippenlaute, Halbvokale, Zischlaute, Visarga = acht Gruppen); ähnlich für neun-, ein- (in anderer Zählweise) und weitere Gliederungen in den folgenden, teils beschädigten Versen.]

adhyayogarūpeṇānyena yuktā navapadī smṛtā | ahamekapadī divyā śuddhabrahmamayī parā ||

und, verbunden mit einer weiteren, [durch] Zusatz gebildeten Form, gelte ich als die ‚Neunsilbige‘ [navapadī]. [In anderer Zählweise] bin ich die göttliche ‚Einsilbige‘, von reinem Brahman bestehend, die Höchste,

ghoṣavarṇasvarūpeṇa tena dvipadī punaḥ | takṣatī sadā ca dravyajātiguṇakriyāḥ ||

und durch die Form der stimmhaften Laute wiederum die ‚Zweisilbige‘. Stets [die Wirklichkeit] gestaltend [takṣatī] durch Substanz [dravya], Gattung [jāti], Eigenschaft [guṇa] und Handlung [kriyā],

caturdhābhidadhānāhaṃ catuṣpadamudīritā budhaiḥ | nāmabhirbhuvanopetā sāhamaṣṭapadī smṛtā ||

vierfach bezeichnend, werde ich von den Weisen die ‚Viersilbige‘ genannt; durch die Namen samt den Welten [bhuvana] gelte ich als die ‚Achtsilbige‘,

avikalpaikasaṃsthā sāhaṃ navapadī smṛtā | vyomagrahaṇaparame divye anantākṣaraśālinī ||

und, in ungeteilter Einheit gegründet, gelte ich als die ‚Neunsilbige‘. In der obersten, göttlichen Erfassung des Äthers [vyoman], reich an endlosen Silben —

[Anm.: Diese numerologische Passage (V.31-35) ist im Detail schwer eindeutig zu rekonstruieren, da mehrere alternative Zähl-/Gliederungsschemata (nach Lautgruppen, nach Kategorien wie dravya/jāti/guṇa/kriyā, nach Welten usw.) nebeneinander vorgestellt werden und die OCR-Vorlage hier stellenweise beschädigt ist; der Grundgedanke – Śrī/das Mantra lässt sich, je nach gewähltem Gliederungsprinzip, als ein-, zwei-, vier-, acht- oder neunsilbig auffassen – ist jedoch klar erkennbar.]

saṃhatirvistīrṇā pūrṇāhetādimā [?] | mantrāṇāṃ jananī jñeyā muktimuktipradāyinī ||

— [dort ist] eine weit ausgedehnte Verbindung, vollständig, ursprünglich; sie ist als die Mutter der Mantras zu erkennen, die Gewährerin von Genuss und Erlösung [bhukti-mukti].

[?: Erste Zeile unsicher überliefert.]

udyanti mantrakallolā matta eva cidambudheḥ | mayyadhiṣṭhāya vivartante yānti cāstaṃ muhurmayi ||

Die Wellen der Mantras erheben sich einzig aus mir, dem Ozean des Bewusstseins; auf mir gegründet wandeln sie sich [in Erscheinung], und immer wieder gehen sie in mir unter.

saṃvidānandasaṃdohasanandāḥ ṣaḍvidhādikāḥ [?] | sāmarthyapūrṇāḥ phaladā mantrātmāno hi manmayāḥ ||

[Alle Mantras sind,] erfüllt von der Fülle der Bewusstseins-Wonne, freudevoll, sechsfach [oder ähnlich klassifiziert], von Wirkkraft erfüllt, fruchtbringend — die Mantra-Wesenheiten bestehen ja aus mir.

[?: Erste Zeile unsicher überliefert.]

varṇāḥ padāni vākyāni sahaprakaraṇādikaiḥ | adhyāyāśca paricchedāḥ sargā ullāsakāstathā ||

Laute, Wörter, Sätze samt den [größeren Einheiten wie] Sachabschnitten, Kapitel, Unterabschnitte, Geschöpfungsteile [sarga], ebenso Freuden-Abschnitte [ullāsa],

paṭalādyā avacchedāḥ parvāṇi anuvākāḥ [?] | maṇḍalāni ca kāṇḍāni saṃhitā vividhātmikāḥ ||

Paṭalas und andere Untergliederungen, Parvans, Anuvākas; Maṇḍalas und Kāṇḍas, die mannigfach gestalteten Saṃhitās,

ṛco yajūṃṣi sāmāni sūktāni caritāni ca | laukikātmakāḥ śabdā bāhyābāhyāgamāstathā ||

die Ṛcs, Yajus-Sprüche, Sāmans, Hymnen und Erzählungen; die weltlichen Worte, sowie die inneren und äußeren [d.h. orthodoxen und heterodoxen] Offenbarungslehren [āgama],

bhāṣāśca bahuvidhāstāstā vyaktāvyaktabhidaḥ smṛtāḥ | mantravarṇavibhedaṃ taṃ viddhi madrūpavedinām ||

und die vielerlei Sprachen, in ihrer offenbaren wie unoffenbaren Unterscheidung — wisse, all diese Unterscheidungen von Mantra und Laut [bestehen] für die, die meine [wahre] Gestalt kennen.

bhāvanātāratamyena mantramantrivyavasthitiḥ | māṃ trāyate'yamityevaṃ yogena svīkṛto dhvaniḥ ||

Nach der Abstufung der [inneren] Kontemplation [bhāvanā] richtet sich das Verhältnis zwischen Mantra und dem, der das Mantra übt [mantrin]. Jener Klang, der durch die [innere] Verbindung [yoga] in dem Sinn ergriffen wird: ‚Dieser rettet mich‘ —

[Anm.: Anklang an die volksetymologische Deutung von „mantra“ als „das, was rettet, wer es bedenkt/kennt“ (man- ‚denken‘ + trā- ‚retten‘), hier durch die eigene Analyse des Verses erschlossen.]

gṛhyārthyaḥ sadā yaśca mantrajñaṃ trāyate bhayāt | sa mantraḥ saṃsmṛto'rthatvādavikāsaḥ śabdajaiḥ kramaiḥ ||

— [ein solcher Klang,] der stets zu erfassen ist und den Mantra-Kenner aus der Furcht rettet, wird als ‚Mantra‘ in Erinnerung gerufen, unentfaltet seinem [tieferen] Sinn nach, [obgleich] durch die aus dem Wort entstehenden [äußeren] Abfolgen [artikuliert],

pūrṇāhantāsamudbhūteḥ śuddhabodhānvayo yataḥ | sarve mantrā madīyāḥ syuḥ prabhavāpyayavedinām ||

da er aus dem Ursprung der vollkommenen Ichheit [pūrṇāhantā] [entstammt und] mit reiner Erkenntnis verbunden ist. Für die, die [seinen] Ursprung und [sein] Vergehen kennen, sind alle Mantras die meinigen,

svadīyāścānyadīyāśca bhāvanātāratamyataḥ | prakṛtyanvayino mantrā madīyāḥ syuḥ pradhānataḥ ||

sowohl die eigenen als auch die fremden, [unterschieden nur] nach der Abstufung der Kontemplation. Die an die Urmaterie [prakṛti] gebundenen Mantras sind vorrangig die meinigen [im niederen Sinn];

madbhāvātmakameva brahma svārasyena vidanti ye | prakṛtyanvayino mantrāstārakottārakādayaḥ ||

diejenigen [Mantras aber, durch die] die Wissenden aus eigenem Geschmack [svārasya] das Brahman als von meinem Wesen erfüllt erkennen — [im Unterschied zu] den an die Urmaterie gebundenen Mantras — sind der Tāraka [rettende], der Uttāraka [emporrettende] und ähnliche,

mantrāḥ svarasato yānti ye bhāvaṃ bhavaduttaram | te'pavargapradā jñeyāstāraprāsādakādayaḥ ||

— jene Mantras, die von sich aus zu dem Zustand jenseits des [bloßen] Werdens [bhavottara] führen, sind als erlösungsverleihend [apavargaprada] zu erkennen: der Tāra, der Prāsāda und ähnliche.

bhāvottaraṃ samāṃ cāpi ye bhajanti bhavasthitim | bhogāpavargadā mantrā jñeyāste tārikādayaḥ ||

Diejenigen [Mantras] hingegen, die sowohl den Zustand jenseits des Werdens als auch den gleichbleibenden [bloßen] Bestand des Werdens gewähren, sind als Genuss-und-Erlösung-gewährende Mantras zu erkennen: der Tārika und ähnliche.

viśanti bhāvamanyeke yāntyeke bhavameva ca | bhogadā bhuktidā cobhe [?] dvitaye te vyavasthayā ||

Manche [Praktizierende] gehen in den Zustand [jenseits des Werdens] ein, andere hingegen [nur] in das [bloße] Werden; genuss- bzw. erlösungsgewährend sind diese beiden [Mantra-Gruppen] jeweils nach [dieser] Zuordnung.

prakṛtyanvayināmevaṃ svabhāvaḥ parikīrtitaḥ | abhisaṃdhibalātsvaṃ dvitaye te vitanvate ||

So wurde die Eigennatur der an die Urmaterie gebundenen [Mantras] verkündet. Aufgrund der Kraft der [jeweiligen] Absicht [abhisaṃdhi] entfalten diese beiden [Mantra-Arten] ihre [je eigene] Wirkung.

[Anm.: Abschließende Zusammenfassung der Mantra-Klassifikation nach der bhāvanā (inneren Ausrichtung) des Praktizierenden: dasselbe Mantra-Repertoire kann, je nach Absicht, weltlichen Genuss oder Erlösung gewähren.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre mantrasvarūpakathanaṃ nāma aṣṭādaśo'dhyāyaḥ ||

So endet im Kern des glorreichen Pāñcarātra, in der Lakṣmī-Tantra, das achtzehnte Kapitel, betitelt „Die Darlegung des wahren Wesens des Mantra“.

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