Paṭala 11: Ekādaśo 'dhyāyaḥ (Vibhavaprakāśaḥ)
Elftes Kapitel (Erleuchtung des Vibhava)
Fortsetzung der in Kap.10 (Vers 10.45) angekündigten dritten Manifestationsform „Vibhava“: Śrī legt zunächst dar, dass sie selbst die untrennbare, alleinige Wirkkraft (vyāpāra) des unwandelbaren Viṣṇu ist (Vv.1-7); sodann wird die aus reinem Glanz bestehende, „Viśākhayūpa“ genannte Übergangsform zwischen Vyūha und Vibhava eingeführt (Vv.8-18, mit Bezug auf eine erläuternde Fußnote der Quelledition); es folgt die eigentliche, 38 Namen umfassende Liste der Vibhava-Inkarnationen von Padmanābha bis Pātālaśayana (Vv.19-25, mit Quellenverweis auf die ausführlichere Parallel-Darstellung in der bereits übersetzten Sātvata-Saṃhitā), dann eine weitere Untergliederung in je zwölf Unterformen samt zugehöriger Gemahlinnen-Triaden und Insignien (Vv.26-30). Den Abschluss bildet ein Lehrdialog über die untrennbare Wesenseinheit von Śrī und Hari trotz scheinbarer Zweiheit sowie über die je nach Verdienst und yogischem Stand unterschiedliche Zugänglichkeit der verschiedenen Manifestationsformen für die Verehrer (Vv.31 bis Kapitelende) – dieser Schlussteil liegt im Quelltext besonders schwer OCR-korrumpiert vor und wird ab ca. Vers 41 als dokumentierte inhaltliche Zusammenfassung statt wortgetreuer Übersetzung wiedergegeben (s. Anm. bei Einheit 11.41gap). Dieses Kapitel weist insgesamt die dichteste Buchstaben-Korruption des bisher übersetzten Lakṣmī-Tantra-Textes auf; die Rekonstruktion erfolgte durchgehend über bekannte pāñcarātrische Fachterminologie und über die eigenen Fußnoten der Quelledition (u.a. zu „Viśākhayūpa“ und zum Sātvata-Saṃhitā-Verweis), nie über eine fremde Übersetzung dieser Textstelle.
Der Fehlerlose, [von nichts Äußerem] Abhängige [d.h. auf nichts angewiesene], Untadelige, Ewige – Viṣṇu-Nārāyaṇa, der Glorreiche, das höchste Selbst, der Ewige.
[?] Die Wiederholung von „sanātanaḥ“ (der Ewige) am Ende beider Vers-Hälften ist im arg OCR-verrauschten Quelltext so belegt; ob es sich um eine bewusste Wiederholung zur Betonung oder um eine Verschreibung handelt, bleibt offen.
[Er ist] die ewige Verkörperung der sechs Qualitäten (ṣāḍguṇya), das höchste, unvergängliche Brahman. Mich [aber sollst du, Śakra] als seine höchste, ewige Macht (śakti) [erkennen], die dieselbe Wesensart wie er selbst trägt (tad-dharma-dharmiṇī).
Erkenne [mich] als [seiner] Wesensnatur folgend, fehlerlos, unvergänglich: Ich bin die alleinige Vollbringerin all seiner Werke – [ich, die Kraft] des unwandelbaren Viṣṇu.
Indem ich mich selbst durch [meine] reinen, aus Bewusstsein bestehenden Erscheinungsweisen (bhāva) ausbreite, entfalte ich stets die Unterscheidung des Hari in Para, Vyūha und die weiteren [Formen].
tadṣāḍguṇyamādāya kalpayantī tathā tathā | tena nānāvidhaṃ rūpaṃ vyūhāyocitamañjasā ||
Indem ich jene sechs Qualitäten [seines Wesens] aufnehme und sie so und so gestalte, [bringe ich] dadurch mühelos die dem Vyūha[-Zustand] angemessene, mannigfaltige Gestalt hervor.
Ich lasse die über das Werden hinausgehende, höchste Erscheinungsweise (prakāra) des Gottes hervortreten. Ich bin, ohne Zweifel, die Wirkkraft (vyāpāra) jenes Gottes.
mayā kṛtaṃ hi yat karma tena tat kṛtamucyate | ahaṃ hi tasya devasya smṛtā vyāpriyamāṇatā ||
Welches Werk auch immer von mir vollbracht wird, das gilt als von ihm vollbracht. Denn ich bin bekannt als die tätige Kraft (vyāpriyamāṇatā) jenes Gottes.
iti te śakra paraṃ rūpaṃ vyūhaṃ ca darśitam | tṛtīyaṃ vibhavākhyaṃ tu rūpamadya niśāmaya ||
Damit wurde dir, o Śakra, die höchste (Para-)Form und die Vyūha[-Form] gezeigt. Vernimm nun die dritte, „Vibhava“ genannte Form.
[Anm.: Ab hier spricht offenkundig weiter dieselbe Instanz (Bhagavān bzw. Śrī, vgl. Kap.10) zu Indra (vāsava/śakra), die Anrede aus Kap.10 fortsetzend.]
turyādijāgradantaṃ yat puroktaṃ padacatuṣṭayam | vāsudevādinā vyāptamaniruddhāntimena tu ||
Die zuvor genannte, vierfache Zuständereihe – von Turīya bis zum Wachzustand –, durchdrungen von [den Vyūha-Formen] Vāsudeva usw. bis hin zu Aniruddha als letztem [Glied] –
tatra tatra pade caiva cāturātmyaṃ tathā tathā | avyaktavyaktarūpaiḥ sarvairuditaṃ te yathoditam ||
in jedem einzelnen Zustand [besteht] ebenso die Vierheit [des Selbst] (cāturātmya), durch alle unmanifesten und manifesten Formen hindurch – [dir] gesagt, wie [es] gesagt werden sollte.
Und zwar so: Beim Entstehen der Vyūha[-Formen] erfüllt [er] den gesamten Zwischenraum, vom Anfang bis zum Ende jedes Zustands, mit [seinem] Glanz (tejas).
[Dort ist] eine gebündelte Masse von Glanz, unmanifest, ohne [feste] Gestalt, „Viśākhayūpa“ genannt, gemehrt/gestärkt durch das jeweils [dort erlangte] Wissen.
[?] Stark OCR-korrumpierte Passage. [Anm.: Die Quelle selbst enthält hierzu eine erläuternde Fußnote (kritischer Apparat, keine fremde Übersetzung): „Viśākhayūpa“ sei der Name einer besonderen, aus Licht bestehenden, alldurchdringenden Gestalt Bhagavāns in der göttlichen Welt, verehrt von den Yogins; von ihr aus erstrecken sich vier „Zustände/Stufen“ (pada) vom unteren (Wasser-)Bereich bis zum oberen Bereich, der Reihe nach in Aniruddha, Saṅkarṣaṇa, Vāsudeva usw. angesiedelt – die Vyūha-Gottheiten Vāsudeva usw. sind demnach endlos/unerschöpflich (ānantāḥ), und diese Gliederung dient der Meditationspraxis der Yogins.
[?] So [entsteht], vom Wachzustand ausgehend, bei der Manifestation der Vyūha-Formen [im jeweiligen Zustand] – so breitet sich, von Anfang bis Ende des Wachzustands, der große Glanz aus.
[?] Dieser Vers ist im Quelltext so stark verrauscht, dass die Rekonstruktion nur eine ungefähre Annäherung an den vermutlichen Sinn sein kann.
[?] Viśākhayūpa, der erhabene Gott, ist jener Schatz des Lichts – im Turīya[-Zustand], durch die drei [übrigen Aspekte der] Vierheit [des Selbst hindurch offenbar].
[?] Zweite Vershälfte im Quelltext unleserlich verstümmelt, Rekonstruktion unsicher.
[?] In jedem jener [Zustände], ausgestattet mit der jeweiligen Herrschermacht, ist die Sechsheit der Qualitäten wohlgeordnet vorhanden. Indem [er] dies aufnimmt, [erscheint] das erste, göttliche, aus reinem Bewusstsein hervorleuchtende [Prinzip].
[?] Indem er sich selbst durch sich selbst in die Formen Vāsudeva usw. teilt, [bringt] er wiederum eben diese Vibhava[-Formen hervor], ohne [dabei] die vier [Vyūha-]Gestalten [aufzugeben].
Eben dieser Viśākhayūpa selbst bringt die Vibhava[-Formen] hervor. Diese Götter, deren Wesen die Vibhava[-Manifestation] ist, gelten als die mit Padmanābha beginnende [Reihe].
[?] Dies ist die eigentliche Vibhava-Namensliste des Kapitels (im OCR-Text ca. Verse 19-25), mit erheblicher Buchstabenverstümmelung im Original; die Namen wurden anhand bekannter pāñcarātrischer Fachterminologie (nicht anhand einer fremden Übersetzung dieser Stelle) rekonstruiert, mehrere bleiben unsicher – insbesondere ein Name zwischen Śrīpati und Kāntātmā-Amṛtadhāraka konnte nicht sicher entziffert werden. [Anm.: Der Quelltext verweist hier selbst per Fußnote auf eine ausführlichere Parallel-Darstellung „in der Sātvata-Saṃhitā“ – vgl. das bereits in diesem Projekt übersetzte 2. Paṭala der Sātvata-Saṃhitā mit einer verwandten Avatāra-/Vibhava-Aufzählung – sowie auf eine noch folgende Nennung der jeweiligen Gemahlinnen dieser Gestalten „im zwanzigsten Kapitel“ dieses Werks.] Die Quellzahl „38“ (triṃśadaṣṭau) ist explizit im Text genannt und wird hier unverändert übernommen, auch wenn die hier aufgelösten Einzelnamen zusammengenommen nicht zweifelsfrei genau 38 ergeben.
[?] Aus dem Herrn Viśākhayūpa entstanden, je nach der jeweils jeweils [zugrundeliegenden] Aufgabe, werden [sie] als Vibhavas bekannt; ihr [jeweiliges] Wirken vermischt sich nicht [miteinander].
[?] Padmanābha ist inmitten des Weges/Bereichs des Mutterschoßes angesiedelt … [die weitere Vershälfte bleibt trotz Rekonstruktionsversuch zu unsicher, um übersetzt zu werden] … Mannigfaltigkeit im Weltgebäude.
[?] Diese Verszeile ist im Quelltext so stark verstümmelt, dass nur der erste Halbvers mit einiger Zuversicht rekonstruiert werden kann.
Die Gestalten und Waffen dieser [Vibhava-Götter] sowie ihre jeweils eigenen Kräfte (śakti) – all dies ist bereits in der Sātvata-Saṃhitā dargelegt worden.
Zwölf [Formen], mit Vāsudeva beginnend, werden vom Gott Viṣṇu berichtet; der erhabene Viśākhayūpa bewirkt dies durch [seine] ausgebreiteten [Kräfte].
[Anm.: Gemeint ist offenbar eine weitere Untergliederung – jeder der vier Vyūhas (Vāsudeva/Saṅkarṣaṇa/Pradyumna/Aniruddha) entfaltet sich in je drei Unterformen, macht zusammen zwölf.]
[?] Aus den vier Zweigen [Vyūhas] entsteht je Opferhandlung ein Dreiergrüppchen, endend mit Dāmodara – dies wird [ihr] inneres Gehäuse/ihre Wohnstatt genannt.
tābhya eva hi śākhābhyaḥ śriyādīnāṃ trayaṃ trayam | pūrvatrayānurūpeṇa śaktīnāṃ ca samudbhavam ||
Aus eben jenen Zweigen [entsteht] auch je ein Dreiergrüppchen der mit Śrī beginnenden [Gemahlinnen] – dem vorherigen Dreiergrüppchen entsprechend entsteht so auch die [passende] Entstehung der [jeweiligen] Kräfte (śakti).
[Höre nun,] o Herr der Götter [Indra], welche Körper (vapūṃṣi), [bestehend] aus den Formen der sechs Qualitäten, allen jenen Gottheiten – von Para bis Vibhava reichend – zukommen.
vielgestaltige Banner, Farbtöne von Weiß und anderen [Farben], mannigfaltige Reittiere von der Art des Sattva[-Trägers Garuḍa] usw., o Herr der Götter,
und was immer sonst an Ausstattung sich gewöhnlich bei anderen Personen [findet] – wisse, dass all dies, o Bezwinger Balas [Indra], aus der Sechsheit der Qualitäten gebildet ist.
Ich bin von geheimem, aus Bewusstsein bestehendem [Wesen], ganz erfüllt von der Sechsheit der Qualitäten. Und so werde ich diesen [Verehrern] jeweils in der Weise zuteil, wie und was immer [ihnen] lieb ist.
tāvāvāmekatāṃ prāptau dvidhā bhūtau ca saṃsthitau | vidhāṃ bhajāvahe tāṃ tāṃ yadyadiṣṭaṃ parasya tat ||
Wir beide, die wir Einheit erlangt haben und [doch zugleich] als zwei getrennt bestehen, nehmen jeweils diejenige Weise/Gestalt an, die dem jeweils anderen lieb ist.
„Tochter des Ozeans, Verehrung dir! Verehrung dir, der im Lotosteich Geborenen! Was ist der Zweck [darin], dass der Herrschende sich durch die Unterscheidung von Para, Vyūha usw. [manifestiert]?
[Anm.: Vermutlich Indras erneute Frage an Śrī, in Hymnenform eingekleidet.]
Zur Gnade für die [ihm] ergebenen Lebewesen, aus Mitgefühl mit den Verehrern – dies sind die Wirkweisen des Gottes der Götter durch die Unterscheidung von Para, Vyūha usw.
O Göttin, Geliebte des Gottes der Götter, Verehrung dir, der aus dem Lotos Entstandenen! Möge es zur Gnade der Verehrer doch eine einzige Weise/Gestalt des Hari geben!\“
bhajīvānāṃ vividhāḥ śakra saṃcitāḥ puṇyasaṃcayāḥ | saṃcinvanti na te jīvāstulyakāṃ kathaṃcana ||
[Śrī antwortet:] „Mannigfaltig, o Śakra, sind die angehäuften Verdienstschätze der [Gott] ergebenen Lebewesen; diese Lebewesen häufen [sie] keineswegs in gleicher Weise an.
[?] Mancher Mensch wird, durch das Hervortreten seiner guten Taten, zuweilen, gemäß dem Rest seines [früheren] Karmas, beim Werden vom Glücksreichen [Hari] ins Auge gefasst.
[?] Zweite Vershälfte im Original unsicher, Rekonstruktion nur ungefähr.
[?] Zu einer [anderen] Zeit [erscheint] ein anderer Mensch als ein anderer – so unterschiedlich sind die guten [Wirkungen]; der Unterschied der Berechtigten entsteht durch die Abstufung ihrer Verdienste.
[?] Manchem ist die Unterscheidungskraft hinsichtlich der Erkenntnis von Bhagavāns Wesen gering; dem einen mag [dabei nur] Furcht [entstehen], einem anderen aber entsteht [wahre] göttliche [Einsicht].
[Stark OCR-korrumpierte Schlusspassage, ca. Verse 41-51 der Quelle, nicht mehr zuverlässig wortgetreu rekonstruierbar.]
[Zusammenfassung statt wortgetreuer Übersetzung:] Der weitere, stark verstümmelte Textabschnitt setzt den begonnenen Gedanken fort: je nach dem Grad ihrer Erkenntnisfähigkeit und ihres yogischen Standes erlangen unterschiedliche Verehrer Zugang zu unterschiedlichen Manifestationsformen Hari-Viṣṇus – vollendete Yogis zur höchsten (Para-)Form, mittlere zur Vyūha-Manifestation, andere zu den Vibhava- und weiteren Formen –, wobei dies alles letztlich vom Gott der Götter selbst, unter Zugrundelegung Śrīs, bewirkt wird. Das Kapitel endet mit der erneuten Feststellung, dass, wer Śrī in dieser ihrer vielgestaltigen, durch die Bezeichnungen „Para“, „Vyūha“ usw. benannten Natur unmittelbar erkennt und sie mit mannigfaltigen Mitteln verehrt, zu ihrem [wahren, undifferenzierten] Wesen gelangt.
[Anm.: Anders als bei den bereits an anderer Stelle dokumentierten Zwei-Spalten-Verwechslungen (echte Verwürfelung der Versreihenfolge) liegt hier eine sehr dichte, aber sequenzgetreue Buchstaben-/Worterkennungs-Korruption vor – vermutlich eine besonders unscharf gescannte Buchseite. Eine wort-für-wort-genaue Rekonstruktion würde an dieser Stelle mehr Interpretation als tatsächlich vorhandenen Text bedeuten; im Sinne der Projektmethodik wird daher eine inhaltliche Zusammenfassung anstelle einer geratenen Verstext-Übersetzung gegeben. Eine gründlichere Neuprüfung dieser Passage mit ggf. besserem Scan bleibt ein möglicher künftiger Arbeitsschritt.
So [endet] im Kern des glorreichen Pāñcarātra, in der Lakṣmī-Tantra, das elfte Kapitel, betitelt „Erleuchtung des Vibhava [d.h. der partiellen Manifestationen]\“.