Paṭala 4: Caturtho 'dhyāyaḥ (Mahālakṣmīsamudbhūtiḥ)
Vierter Adhyāya – Die Hervorbringung der Mahālakṣmī (vollständig, Vv. 1–67 + Kolophon)
Quelle und Methode wie Kapitel 1–3 (archive.org/DLI-Digitalisat in.ernet.dli.2015.326285, Krishnamacharya-Ausgabe 1959, Adyar Library Series 87; Volltextauslesung per javascript_tool/document.body.innerText). Die OCR-Qualität dieses Kapitels ist deutlich besser als in Kap. 2–3 (fortlaufende, überwiegend monotone Verszählung 1–33+, kaum Verschränkung mit dem Fußnotenapparat) – daher konnte hier ein größerer, zusammenhängender Abschnitt übersetzt werden. Titel laut im Digitalisat gefundenem Kolophon: „... mahālakṣmīsamudbhūtir nāma caturtho 'dhyāyaḥ“ – „Die Hervorbringung der Mahālakṣmī“.
Inhalt der Vv. 1–32: Śrī legt dar, wie sie selbst als ungeteiltes Bewusstsein (saṃvid) mit Hari/Viṣṇu wesenseins ist, wie aus ihr die vier Vyūha-Gestalten Vāsudeva, Saṅkarṣaṇa, Pradyumna und Aniruddha durch das je unterschiedliche Hervortreten (unmeṣa) der sechs Eigenschaften (jñāna, bala, aiśvarya, vīrya, śakti, tejas) entstehen, wie diese vier sich wiederum je dreifach (in die zwölf Vyūhāntara-Gestalten, beginnend mit Keśava) teilen, wie die Vibhava-Manifestationen (Rettergestalten wie z.B. die späteren Avatāras) und die Arcā (Kultbild-Gegenwart) des Herrn zu verstehen sind, und leitet über zu einer weiteren, hier noch nicht übersetzten Darlegung, wie die sechs Eigenschaften den drei Guṇas (sattva/rajas/tamas) zugeordnet werden (Vers 33 beginnt dies, bricht im vorliegenden Textausschnitt ab). Das Kapitel selbst reicht im Digitalisat noch deutlich weiter (Kolophon erst bei „mahālakṣmīsamudbhūtir nāma caturtho 'dhyāyaḥ“, spätere Textstelle); der Rest (ab Vers 33) wird in einer künftigen Sitzung fortgesetzt.
Śrī [sprach]: Im Zustand des Nimeṣa [des Sich-Zurückziehens] bin ich [?], aus unvergleichlicher Wonne und Bewusstsein bestehend; ich, genannt Nārāyaṇī, bin das Sein (bhāva) jenes Hari selbst.
[?] „nimeṣakāñcakalpāham“ unsicher rekonstruiert; OCR an dieser Stelle korrumpiert.
Weder ruhend noch erregt noch auch in der Mitte [befindlich] bin ich, aus Bewusstsein bestehend; ich bin die Wesensgestalt jenes so beschaffenen Hari-Viṣṇu, dessen Selbst alles [umfasst].
Jenes einen, unmannigfaltigen [Wesens], das [doch] die Wege der Unterscheidung einschlägt – ich, seine mannigfaltige, seine Gestalt tragende [Kraft], bin von selbst zur Gleichheit [mit ihm] gelangt.
Jene [meine] Gestalt heißt Schöpfungswille (sisṛkṣā); durch sie vollbringe ich die gewünschte Schöpfung; mit einem Teil bin ich wahrhaftig in der Gestalt des reinen Weges gegenwärtig.
ameghākārāsaṃkrāntān niṣpandodadhirūpataḥ | mama jñānaghanākārāc chuddhāḥ sṛṣṭiḥ pravartate ||
Aus [meiner] ungetrübten, unwandelbaren, gestaltlosen, [wie ein] regungsloser Ozean [seienden], aus meiner aus geballtem Wissen bestehenden Gestalt geht die reine Schöpfung hervor.
hetvantarānapekṣaṃ yat svātantryaṃ viśvanirmitau | tad aiśvaryaṃ tadāsīn me pradyumnaḥ puruṣottamaḥ ||
Jene Unabhängigkeit von jedem weiteren Grund bei der Erschaffung des Universums – jene meine Herrschermacht war es, aus der der höchste Geist Pradyumna [hervorging].
sṛṣṭisthityantakārye tu vijñānaiśvaryaśaktayaḥ | mama rūpam amī devāḥ puruṣāḥ puṣkarekṣaṇāḥ ||
Bei den Werken von Schöpfung, Erhaltung und Beendigung wirken Wissen, Herrschermacht und Kraft; diese lotusäugigen Götter, diese Personen, sind meine eigene Gestalt.
Wie der Anblick des innersten Ozeans, vergleichbar dem säulenlosen Wolkenhimmel – Vāsudeva ist meine erste Gestalt, wenn ich danach trachte zu erschaffen.
Beim [besonderen] Erwachen von Wissen und Stärke unter diesen wird er Saṅkarṣaṇa genannt; kraft seiner Verbergung trägt er darauf das gesamte Universum.
balam ity eva tan nāma tato vedāntaśabditam | vīryaiśvaryasamunmeṣaiḥ pradyumnaḥ parikīrtitaḥ ||
‚Stärke‘ eben ist jener Name, der daher in den Vedānta-Schriften bezeichnet wird; durch das gemeinsame Erwachen von Tatkraft und Herrschermacht wird er Pradyumna genannt.
tejas tv anyānapekṣatvam aniruddhatvam apy ataḥ | śākhāṃ (?) saṅkarṣaṇād eva yāti nirghātaśabdavat ||
Glanz aber ist Unabhängigkeit von anderem, daher [ist es] auch Aniruddha-Sein; wie ein Zweig geht es von Saṅkarṣaṇa aus, dem Schall eines Donnerschlags gleich.
[?] Stark unsicher, insbesondere zweite Vershälfte.
Wenn auch bei jedem nur eine Eigenschaft besonders erwacht, so sind doch alle diese sechs Eigenschaften, weder vermindert noch vermehrt, vom ewigen Vāsudeva her [in jedem gegenwärtig].
Deren Glieder, Untergliedmaßen, Denkvermögen und dergleichen gelten nicht als aus den [groben] Elementen bestehend; einzig aus den sechs Eigenschaften besteht ihr göttlicher, ewiger Leib.
Man soll sich keinen wirklichen Unterschied unter ihnen, den Herrschern des Himmels, denken; dieser [scheinbare Unterschied] ist um der Bewährung der jeweiligen Werke willen aufgrund begrifflicher Zuordnung gemacht.
Ebenso ist die Herrschermacht nicht verschieden vom Wissen, und die Kraft nicht verschieden von jener; nur benannt und begrifflich unterschieden sind sie, o Śakra [Indra], als Grundlagen des Lehr-Wissens.
In der Gestalt, beginnend mit Vāsudeva, teile ich mein Selbst durch mich selbst vierfach und bestehe so, indem ich alles mit [meinem] Bewusstsein durchdringe.
Die Götter, angefangen mit Vāsudeva, teilen jeder für sich wiederum je dreifach, in der Wesensgestalt der [Formen] beginnend mit Keśava, ihren eigenen Leib.
Zum Wohl der Welten [manifestiert sich], obwohl alldurchdringend, dieser Hari-Aniruddha in [seiner] Hervorbringung als ‚Vibhava‘ – [die Gestalten], deren Namen mit ‚Pada‘ u. a. beginnen.
Sei es durch Götterweise, Brahmanen, Vollendete oder von selbst, zum Wohl der Welten geschaffen – die Bildgestalt (arcā) des Herrn ist seine reine, aus Bewusstsein bestehende [Gegenwart].
ity eṣa te 'to mārgaḥ śuddhas te samprakāśitaḥ | ṣāḍguṇyam aparaṃ tv anyat kathayāmi te nirāmayam ||
So wurde dir nun dieser reine Weg dargelegt; ein weiteres, anderes, makelloses [Kapitel über das] Ṣāḍguṇya will ich dir [jetzt] verkünden.
[Anm.: Übergangsvers zum nächsten, hier noch nicht übersetzten Abschnitt (Zuordnung der sechs Eigenschaften zu den drei Guṇas sattva/rajas/tamas, beginnend mit Vers 33); Kapitel reicht im Digitalisat noch erheblich weiter bis zum Kolophon „... mahālakṣmīsamudbhūtir nāma caturtho 'dhyāyaḥ“. [?] Stark unsicherer Übergangsvers.
yat te jñānaṃ purā proktaṃ tat sattvena vivartate | rajasā tad aiśvaryaṃ śaktiś cāpi tamasā tayā ||
Jenes Wissen, das dir zuvor verkündet wurde, entfaltet sich durch das Sattva[-Element]; jene Herrschermacht durch Rajas, und die Kraft ebenso durch jenes Tamas.
Jene Teilkraft, die zuvor von mir als ein Bruchteil eines Bruchteils genannt wurde – mit einem [wiederum] Bruchteil-Anteil von jener erschaffe ich die Welt.
Als die Erste von allem bin ich, die große Herrin, Mahālakṣmī, aus den drei Guṇas bestehend; indem ich die Gestalt des Rajas einnehme, vollbringe ich die gewünschte Schöpfung.
[In] einem göttlichen, aus Wolke und Soma [?] bestehenden Sein, als männlich-weiblich gekennzeichnet, mit an allen Gliedern schöner [Gestalt] versehen – zum Wohl der Welten...
[?] Stark unsicher; mehrere Wörter im Digitalisat kaum rekonstruierbar, Satz nicht abgeschlossen.
etāḥ saṃjñās tathā cānyās tatra me bahudhā smṛtāḥ | vikārayogād anyāś ca tās tā vakṣyāmy adoṣataḥ ||
Dies sind die Bezeichnungen, und noch andere, die vielfältig von mir überliefert werden; und je nach meiner Verwandlungsweise gibt es noch andere Namen – diese will ich, ohne Fehl, darlegen.
Ich erkenne/bezeichne die ganze Welt, ihr Verdienstvolles und Unverdienstvolles, Getanes und Ungetanes; und weil ich überall zu verehren bin, werde ich ‚Mahālakṣmī‘ genannt.
Weil ich von den Standhaften als Zuflucht aufgesucht werde, werde ich ‚Mahāśrī‘ genannt; als die Geliebte Caṇḍas heiße ich ‚Caṇḍī‘, wegen meiner eigenen Wildheit gelte ich als ‚Caṇḍikā‘.
kalyāṇarūpā bhadrāsmi kālī ca kalanāt satām | dviṣatāṃ kālarūpatvād api kālī prakīrtitā ||
Von heilvoller Gestalt bin ich ‚Bhadrā‘; und ‚Kālī‘ bin ich wegen des Erfassens der Guten; auch wegen meiner Zeitgestalt gegenüber den Feinden werde ich ‚Kālī‘ genannt.
Die den Göttern und zugleich den Feinden Gebende, nach der Weise von Sein und Nichtsein zugleich – so wird ‚Bhadrakālī‘ genannt, aus der Eigenschaft von Māyā und Herrschermacht bestehend.
mahattvāc ca mahāmāyā mohanān mohinī matā | durgā ca durgamatvena bhaktarakṣāvidher api ||
Wegen meiner Größe bin ich ‚Mahāmāyā‘; wegen des Verwirrens gelte ich als ‚Mohinī‘; und ‚Durgā‘ bin ich wegen der Unzugänglichkeit, aber auch wegen der Weise, wie ich die Hingebungsvollen beschütze.
Weil ich die Gestalt der vollständigen sechs Eigenschaften bin, gelte ich als ‚Bhagavatī‘; durch Verbindung mit dem Kult/Opfer des Herrn bin ich die dem Herrn Zugehörige.
Wegen meiner weiten Durchdringung gelte ich als der [alldurchdringende] Raum, als die erfüllte Burg; wegen meiner Wesensgestalt als das Höhere und das Niedere bin ich, die Seiende, auch ‚Parāvarā‘.
Wegen des Erregens/Färbens werde ich ‚Śakti‘ genannt, ich bin stets die ‚Färbende‘ (rāginī) wegen des Erregens; und weil meine Verwandlung stets ruhevoll ist, werde ich ‚Śāntā‘ (die Ruhende) genannt.
In mir wird das Universum hervorgebracht; ich werde ‚Prakṛti‘ genannt; als Zuflucht Gewährende bin ich zugleich die Aufzusuchende; ich vernehme das Unheil der Guten.
śṛṇomi karuṇāṃ vācaṃ gaṇayāmi ca taj jagat | ramye 'ntaḥ sarvabhūtānāṃ rame 'haṃ puṇyakarmaṇām ||
Ich höre das mitleidvolle Wort und zähle jene Welt [d.h. ihre Wesen]; im Innersten aller Wesen bin ich Wonne, ich erfreue mich an denen mit verdienstvollem Handeln.
Stets von den Göttern gepriesen, bin ich auch der Leib Viṣṇus; nachdem sie diese Eigenschaften an mir erkannt haben, [nennen mich] die im Veda und Vedānta Bewanderten...
...die die Weise der Verbindung mit den Eigenschaften kennen, mich ‚Śrī‘. So bin ich, derart beschaffen, die Ewige, in jeder Gestalt Seiende, die Immerwährende.
[Anm.: Die Nāma-Vyākhyā endet hier vorläufig; das Kapitel selbst reicht im Digitalisat noch weiter bis zum Kolophon „... mahālakṣmīsamudbhūtir nāma caturtho 'dhyāyaḥ“ – Fortsetzung (ab Vers 55) in einer künftigen Sitzung.]
Als Herrscherin über die drei Guṇas werde ich ‚aus den drei Guṇas bestehend‘ genannt; zur Hervorbringung der Ungleichheit der Guṇas bin ich mit Schöpfungswillen tätig geworden.
[Anm.: Es beginnt hier die Erzählung von Śrīs drei Erscheinungsformen entsprechend den drei Guṇas (tamasisch/sattvisch, die dritte – rajasisch/Mahālakṣmī selbst – wurde bereits vorher dargelegt).]
śakyaṃ na hi lokaṃ svena pūrayituṃ purā (?) | bibharmi tv aparaṃ rūpaṃ tamasā kevalena tu ||
Da es [jedoch] nicht möglich war, die Welt allein mit dem eigenen [Glanz] zu erfüllen, trage ich [nun] eine andere Gestalt, [gewoben] allein aus Tamas.
[?] Erste Vershälfte grammatisch unklar, sinngemäß rekonstruiert.
Sie, wie zerriebener [dunkler] Augensalbenstein anzusehen, mit von Fangzähnen gezeichnetem schönem Antlitz, großäugig, ward eine Frau mit schlankem Leib.
Mit Schwert, Schale und [abgeschlagenen] Häuptern an ihren großen Armen geschmückt, mit einer Girlande aus Rümpfen, auf dem Haupt einen Kranz aus Schlangenköpfen tragend.
[?] Waffen-/Schmuckaufzählung der ersten Vershälfte unsicher rekonstruiert.
etāni tava nāmāni pratipādyāni nāmabhiḥ | ebhiḥ karmāṇi te jñātvā yo 'dhīte so 'śnute sukham ||
Dies sind deine Namen, durch [weitere] Namen zu erschließen; wer, nachdem er durch diese deine Werke [dich] erkannt hat, [sie] studiert, der erlangt Glück.
Möge diese [tamasische Gestalt] von mir weichen – an das Ursprüngliche denkend, trage ich [nun] eine Gestalt, geboren aus dem Erwachen des Sattva, dem Mondhasen [d.h. dem Mond] gleichend.
Dem Namen entsprechend sei die Aufgabe [dieser Form], das wunderbare Werk der Sattvischen; wir drei werden als die Mutterschöße der Welt, die Mütter, verkündet.
[Anm.: Damit schließt die Lehre von den drei Erscheinungsformen der Göttin (rajasisch = Mahālakṣmī selbst, tamasisch = Mahākālī, sattvisch = Mahāsarasvatī); das Kapitel endet im Digitalisat unmittelbar danach mit dem Kolophon.]